{"id":15302,"date":"2022-12-15T08:59:28","date_gmt":"2022-12-15T07:59:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=15302"},"modified":"2022-12-18T19:56:22","modified_gmt":"2022-12-18T18:56:22","slug":"das-maerchen-vom-laechelnden-weihnachtsmann-jonathan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/das-maerchen-vom-laechelnden-weihnachtsmann-jonathan\/","title":{"rendered":"Weihnachtsm\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"<h3>Das M\u00e4rchen vom l\u00e4chelnden Weihnachtsmann Jonathan&nbsp;|&nbsp;Weihnachten 2022 | Wolfgang V\u00f6gele |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf der Erde und im Himmel herrschte dicke Luft. Es lag daran, da\u00df wegen der globalen Erw\u00e4rmung die Fu\u00dfbodenheizung im Himmel st\u00e4ndig auf h\u00f6chsten Temperaturen lief. Engel und Weihnachtsm\u00e4nner hatten die Str\u00fcmpfe ausgezogen und verbrannten sich trotzdem beim Barfu\u00dflaufen die Zehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott st\u00f6rte sich nicht nur an der Heizung. Er st\u00f6rte sich an den Menschen. Da\u00df sie dauernd Krieg f\u00fchrten, machte ihm schlechte Laune. Und dazu kamen der Hunger, die B\u00fcrokratie, die Pandemie, der CO\u00b2-Aussto\u00df. Auf der Erde schien nichts in Ordnung, und die Menschen gaben sich nach seiner Ansicht keine M\u00fche, die Verh\u00e4ltnisse nur ein wenig zu verbessern. Gott \u00fcberlegte, bei der n\u00e4chsten Sitzung den leitenden englischen Managern vorzuschlagen, in diesem Jahr das Weihnachtsfest abzusagen. Ger\u00fcchte dar\u00fcber waren schon in die gr\u00f6\u00dfte Himmelsabteilung durchgesickert, die Zentralabteilung f\u00fcr Weihnachtsgeschenke. Die Aussicht, in diesem Jahr nicht die Rentiergespanne anschirren zu k\u00f6nnen, schlug allen Weihnachtsm\u00e4nnern aufs Gem\u00fct. Viele von ihnen konnten sich nicht \u00fcberwinden, wie jedes Jahr den Bart zu stutzen oder die roten M\u00e4ntel wieder vom Ru\u00df aus den Kaminen zu befreien.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Erzengel Gabriel leitete die himmlische Abteilung f\u00fcr Weihnachtsgeschenke. Der Erzengel Gabriel bildete sich viel darauf ein, da\u00df er es war, der vor zweitausend Jahren der Jungfrau Maria die bevorstehende Geburt des Jesuskindes hatte verk\u00fcndigen d\u00fcrfen. Und er war stolz, da\u00df er das verschlafene Bethlehem ohne Navi und Heiligen Geist gefunden hatte. Als Verk\u00fcndigungsengel fand er es nur angemessen, da\u00df er nun die gr\u00f6\u00dfte Himmelsabteilung leitete. Und er lie\u00df das gelegentlich seine Abteilungsleiter mit milder Herablassung sp\u00fcren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die himmlische Zentralabteilung f\u00fcr Weihnachtsgeschenke war aufgeteilt in sieben Hauptabteilungen, jede einzelne geleitet von einem erfahrenen Engel mit langer Geschenkverteilungspraxis. Abteilung 1 f\u00fcr Rentierzucht und Schlittenreparatur, Abteilung 2 f\u00fcr Geschenkeauswahl, Abteilung 4 f\u00fcr Geschenkpapier und Schleifen, Abteilung 5 f\u00fcr Weihnachtskarten. Abteilung 6 zur Steigerung der Weihnachtsstimmung. Abteilung 3, fr\u00fcher zust\u00e4ndig f\u00fcr die Produktion und Verteilung von Lametta, war aus umwelttechnischen Gr\u00fcnden aufgel\u00f6st worden. Auch im Himmel waren Bleistreifen giftig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr die Auslieferung der Geschenke waren zumeist erfahrene Weihnachtsm\u00e4nner zust\u00e4ndig. Zwischen ihnen und den Engeln kam es regelm\u00e4\u00dfig zu Konflikten; F\u00fchrungskultur und Arbeitsmoral pa\u00dften nicht zusammen. Weihnachtsmann war ein himmlischer Ausbildungsberuf, der in einem dualen Studium, sechs Semester Fachhochschule, dazu gr\u00fcndliche Berufspraxis, erlernt wurde. Die himmlische Hochschule f\u00fcr Geschenkvertrieb (Doppel-H.F.G) war bekannt daf\u00fcr, da\u00df an ihr die renommiertesten Professoren im Kosmos Vorlesungen \u00fcber Geschenkeauswahl hielten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kurz: Der Himmel bestand aus einem riesigen jauchzenden und jubelnden b\u00fcrokratischen Apparat, der jedes Jahr im Advent in gro\u00dfen Stress geriet und es dennoch jedes Mal schaffte, Tausende von Geschenken an Kinder und Erwachsene aller L\u00e4nder auszuliefern. Aber in diesem Jahr sah es eben sehr schlecht aus. Die tr\u00fcbe Lage auf der Erde verbreitete im Himmel \u00fcberall schlechte Stimmung, Motivations- und Frustrationsprobleme. Der Doktorengel in der psychologischen Praxis g\u00e4hnte, weil sich kein Weihnachtsmann wegen Burnout behandeln lassen mu\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Alle Weihnachtsm\u00e4nner und sehr viele Engel waren melancholisch geworden \u2013 mit einer Ausnahme. Ganz hinten, wo die himmlische Bauherrlichkeit in einen Slum \u00fcberging, lebte ein sehr kleiner, schrumpeliger Weihnachtsmann mit dem Namen Jonathan. Aus alten Weihnachtsb\u00e4umen und Adventskranzschleifen hatte er sich einen Verschlag gezimmert. Sein Rauschebart war noch nicht lang genug: Er durfte noch nicht mitfahren auf den Geschenkekutschen mit den Doppelkufen. Ihm fehlte au\u00dferdem die Bachelorarbeit im Geschenkeverteilen. Sein Vater, ebenfalls Weihnachtsmann, hatte ihn nie gut behandelt, hatte ihn stets seinen Griesgram sp\u00fcren lassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Irgendwann hatte Jonathan beschlossen: Das mache ich anders. Er war deshalb der einzige, der sich von der verbreiteten schlechten Stimmung nicht anstecken lie\u00df. Das brachte ihm Probleme ein. In diesem Jahr eckte er mit seiner fr\u00f6hlichen und freundlichen Art an. Wenn er gr\u00fc\u00dfte, dann schauten die anderen Weihnachtsm\u00e4nner weg. Wenn er jemandem die Hand sch\u00fctteln wollte, wandte dieser sich ab. Die Engel, die ihn kommen sahen, drehten sich um, um sich nicht von seinem Lachen anstecken zu lassen. Er wurde verd\u00e4chtigt, heimlich von den Zimtsternen genascht zu haben. Andere zeigten ihn bei der himmlischen Betriebsleitung an und verlangten, da\u00df er f\u00fcr die Dauer des Advents auf einen einsamen Planeten verbannt werde, nur mit Gl\u00fchwein und Christstollen. An Jonathan prallten all diese Versuche ab, ihm zu schaden. Er lie\u00df sich in seiner Freundlichkeit von niemandem beirren. Er bot sich sogar an, in diesem Jahr die Bescherung bei der deutschen Fu\u00dfballnationalmannschaft und ihrem Trainer zu \u00fcbernehmen. Auch das lehnte der Erzengel Gabriel br\u00fcsk ab. Das w\u00e4re ja noch sch\u00f6ner, wenn ein Weihnachtsmann ohne Examen solch eine schwere Aufgabe \u00fcbernehmen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Adventszeit begann. Der gewaltige himmlische Apparat setzte sich tr\u00e4ge in Bewegung. Um den 9.Dezember herum passierte etwas. Die himmlischen Heerscharen konnten nicht mehr ignorieren, da\u00df ihnen stets ein kleiner, schrumpeliger Weihnachtmann mit einem L\u00e4cheln im Blick und einem Adventslied auf den Lippen entgegenkam. Und es war wie bei dem Schmetterling in Spanien, dessen Fl\u00fcgelschlag ein Gewitter in China verursachte. Diese Regel galt auch im Himmel: Langsam verbreitete sich dieses kleine L\u00e4cheln weiter, und die Stimmung im Himmel ver\u00e4nderte sich, zuerst sehr langsam, dann immer schneller und raumgreifender. Die Spezialistenengel aus der Abteilung 6, Verbesserung der Weihnachtsstimmung, kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der kleine Weihnachtsmann Jonathan schafft es, mit Lachen und Singen und Freundlichsein den ganzen Himmel vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe zu stellen? Die Seraphim und Cherubim, die im g\u00f6ttlichen Thronsaal Dienst taten, verbreiteten Ger\u00fcchte in die unteren Abteilungen, nach denen selbst die schlechte Laune Gottes in Aufl\u00f6sung begriffen war. Irgendein Engel, der im irdischen Leben Bundespr\u00e4sident gewesen war, sprach von einer Ruckrede. Der Engel in der Psychologenpraxis redete von einem Wunder, das psychoanalytisch nicht zu erkl\u00e4ren sei.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Erzengel Gabriel berief eine Sondersitzung der Weihnachtsgeschenke-Abteilung ein. Der schrumpelige Weihnachtsmann Jonathan mu\u00dfte vor den Abteilungsleitern Rede und Antwort stehen. Viel hatte er nicht zu sagen. Er war kein Intellektueller. Wieso soll ich nicht freundlich sein, fragte er. Und er sagte auch: Ich will mich nicht verbiegen lassen. Die Abteilungsleiter runzelten die Stirn: So etwas ist ja noch nie passiert. So haben wir es noch nie gemacht. Der Chef, der sehr ehrw\u00fcrdige Erzengel Gabriel, hatte einen lichten Moment: Damals, als ich die junge Frau Maria suchte, habe ich sie auch mit englischer Freundlichkeit \u00fcberzeugt. Er wandte sich also an seine Kollegen: Wir machen es so, wie der weihnachtliche Kollege es sagt. Wir bleiben freundlich. Wir verteilen Geschenke. Wir reden \u00fcber Barmherzigkeit und Frieden. Wir hoffen, da\u00df die Menschen ein Einsehen haben. Bitte, meine Damen und Herren, Sie wissen, was Sie zu tun haben. Und zum Weihnachtsmann Jonathan sagte er: Du darfst in diesem Jahr auf dem gro\u00dfen Schlitten mitfahren. Du wirst Geschenke in der Ukraine und in Moldavien verteilen und den Kindern dort eine besondere Freude machen. Die Nationalmannschaft \u00fcbernehme ich aber doch lieber selbst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">An diesem Abend ging der Weihnachtsmann Jonathan sogar l\u00e4chelnd schlafen. Zwei Wochen sp\u00e4ter sa\u00df er auf dem Schlitten, zusammen mit einem \u00e4lteren Kollegen, und er durfte sogar die Z\u00fcgel f\u00fcr die Rentiere halten, nur nicht beim Abbremsen vor dem Eintritt in die Erdatmosph\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Menschen erinnerten sich noch Jahre sp\u00e4ter daran, da\u00df sie an diesem Weihnachten von den Geschenken besonders begl\u00fcckt waren und die Weihnachtslieder um so fr\u00f6hlicher mitgesungen hatten. Und sie nahmen sich vor, etwas zu tun, als sie die alten Worte aus der Weihnachtsgeschichte h\u00f6rten: Ehre sei Gott in der H\u00f6he und Friede auf Erden!<\/p>\n<hr>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. Dr. Wolfgang V\u00f6gele<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Karlsruhe<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">wolfgangvoegele1@googlemail.com<\/p>\n<hr>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wolfgang V\u00f6gele, geboren 1962. Apl. Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Ethik an der Universit\u00e4t Heidelberg. Er schreibt \u00fcber Theologie, Gemeinde und Predigt in seinem Blog \u201eGlauben und Verstehen\u201c (<a href=\"http:\/\/www.wolfgangvoegele.wordpress.com\/\">www.wolfgangvoegele.wordpress.com<\/a>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das M\u00e4rchen vom l\u00e4chelnden Weihnachtsmann Jonathan&nbsp;|&nbsp;Weihnachten 2022 | Wolfgang V\u00f6gele | Auf der Erde und im Himmel herrschte dicke Luft. 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