{"id":15345,"date":"2022-12-18T20:42:09","date_gmt":"2022-12-18T19:42:09","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=15345"},"modified":"2022-12-18T20:42:09","modified_gmt":"2022-12-18T19:42:09","slug":"lukas-212","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-212\/","title":{"rendered":"Lukas 2,12"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Staunt und seht! | Christvesper | 24.12.2022 | Lk 2,12 | Martina Jan\u00dfen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><strong>I<\/strong><\/p>\n<p>Weihnachten bin ich Kind. Alle Jahre wieder. Mistelzweig und Tannengr\u00fcn, Zimtsterne und Punsch, Lebkuchen und N\u00fcsseknacken, wenn es geht auch Eis und Schnee. Alles ist Magie. Wie wunderbar, meine Schritte auf frisch gefallenen Schnee zu setzen \u2013 wie ein Tanz auf Zuckerguss einer riesengro\u00dfen wei\u00dfen Torte. Das Morgenlicht flirrt himbeerfarben und schmeckt nach Sehnsucht. Alles knirscht, glitzert und funkelt. Ich sehe mich satt am Wunder und staune. Eine Nuss ist nicht nur eine Schlie\u00dffrucht und Zimt nicht nur ein Gew\u00fcrz, Lebkuchen sind mehr als raffiniert verpackte Kalorien und ein Mistelzweig ist nicht nur ein H\u00e4ufchen gr\u00fcnes Blatt mit wei\u00dfen Kugeln. Alles ist mehr als es auf den ersten Blick zu sein scheint, der Mond, die Mistel, der k\u00fchle Abendwind, alles leuchtet, liebt und singt. Das ganz Allt\u00e4gliche ist \u00fcberzogen von Glanz und Schimmer. So als h\u00e4tte Gott eine Hand voll Zauberstaub auf diese Welt gehaucht und sie verwandelt in ein friedliches und frohlockendes M\u00e4rchenland, in dem hinter jeder Wegbiegung ein Geheimnis wartet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><strong>II<\/strong><\/p>\n<p>Ein rabbinisches Sprichwort lautet: \u201eWehe, die Welt ist voll gewaltiger Lichter und Geheimnisse, und der Mensch verstellt sie sich mit seiner kleinen Hand.\u201c So macht es nicht, sondern: \u00d6ffnet die Augen, spitzt die Ohren, l\u00fcftet das Geheimnis, kommt ganz nah an das Wunder heran. Gott will sich zeigen. Staunt und seht. Da ist noch so viel mehr als Weihnachtsmagie, Kindheitserinnerungen und ein wei\u00dfes M\u00e4rchenwunderland. Gott ist da. <em>Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen<\/em>. Alles an diesem Zeichen ist wichtig, auf jedes Detail kommt es an. Das kleine Kind aus Fleisch und Blut, zusammengepfercht mit Ochs und Esel im Stall, die Windeln, zusammengewebt aus rauem Stoff mit klammer Hand, die Krippe, zusammengezimmert aus Holz, Mangel und Not. Kein Kind auf Wolken gebettet, hoch oben im himmlischen Glanz, umh\u00fcllt vom Engelhaar und Harfenklang. So ist es nicht. Denn dann bliebe Gott ja unter sich und wir allein, dann bliebe ja alles beim Alten, oben im Himmel und unten auf der Erde. So geht die Geschichte nicht. Gott ist in unsere Welt gekommen, in unser Leben geboren, in unser Dunkel gewoben. Gott ist unter uns, in jedem Winkel und sei er noch so versteckt, in jeder Tr\u00e4ne und sei sie noch so bitter, in jeder Nacht und sei sie noch so kalt. Das ver\u00e4ndert alles, jeden Tag, jede Stunde, jedes Herz. Die Erde ist angef\u00fcllt mit Himmel. F\u00fcrchtet euch nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><strong>III<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir brauchen Zeichen, die auf jene Geheimnisse zeigen, die Kopf und Verstand nicht fassen k\u00f6nnen, f\u00fcr all die Lichter, die tief im Inneren des Dunkel schlummern, f\u00fcr all die Wahrheiten, die unsere Worte \u00fcbersteigen. Unser Leben ist voll davon. Denken wir nur die Sprache der Liebe: eine Rose, ein Ring, eine Hand. Das alles ist mehr als es auf den ersten Blick zu sein scheint: Ein Ring ist nicht nur gebogenes Edelmetall, eine Rose ist nicht nur eine dornige Blume, eine Hand ist nicht nur Fleisch und Blut mit f\u00fcnf Fingern dran. Alles ist angef\u00fcllt mit Bedeutung: Unfassbares zum Anfassen, Unbegreifbares zum Greifen nah, das Undenkbare f\u00e4llt in unsere Gedanken, f\u00e4hrt uns durch Mark und Bein, mitten ins Herz hinein: Ich liebe dich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><strong>IV<\/strong><\/p>\n<p>Gott zeigt sich uns. Die Welt ist voll von seinen Zeichen. Weihnachten ist die Zeit, daf\u00fcr die Augen zu \u00f6ffnen, das Dunkle wird hell, das Kleine gro\u00df, das Harte weich. Jede Stunde atmet Tannenduft und Wunderluft, auf dem Allt\u00e4glichen liegt stiller Glanz, unsere Herzen stehen offen f\u00fcr das, was m\u00f6glich w\u00e4re, aber noch nicht ist. In N\u00e4chten und Tagen wie diesen kommen die Geheimnisse leichter ans Licht. Wer staunt, entdeckt sie \u2013 heilige Zeichen, Spuren Gottes. Wie die Hirten auf dem Felde. <em>Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.<\/em> Kommt und seht. Da ist sein Leib. Mitten in unserer Welt. Kommt und seht: Gott \u2013 f\u00fcr euch geboren. Die Hirten verstellen das Licht und Geheimnis nicht mit kleiner Hand. Sie machen sich auf, nehmen die Beine in die Hand. \u201eSteht auf, erhebt eure H\u00e4upter, denn eure Erl\u00f6sung naht\u201c (Lk 21,18b). Staunt, geht und seht. Sie sind da, all die Lichter und Geheimnisse, gerade da, wo man sie nicht erwartet. Seht euren Gott, in der Krippe, in der Nacht, in Fleisch und Blut. \u201eWunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-F\u00fcrst.\u201c (Jes 9,5) Ein offenes Geheimnis f\u00fcr den, der staunt und sieht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><strong>V<\/strong><\/p>\n<p>Als Kind konnte ich staunen, jede Stunde, jede Sekunde: Hinter jeder Ecke wartet ein Geheimnis, unter der Oberfl\u00e4che versteckt sich ein Schimmer, \u00fcber allem schwebt ein Hauch Magie. Kinder, Propheten und Dichter sind Meister im Staunen. Alles ist mehr als es auf den ersten Blick zu sein scheint. Wie sch\u00f6n schreibt es G\u00fcnter Grass: \u201eAlle stehen leergefegt, doch tr\u00e4gt ein Baum ohne Blatt \u00c4pfel in den Dezember hinein. Nur wer nicht staunen kann, sieht einzig kahles Ge\u00e4st.\u201c Nur wer nicht staunen kann, sieht gebogenes Edelmetall, ein H\u00e4ufchen Gr\u00fcn mit wei\u00dfen Kugeln, ein kleines Kind in einer Krippe. Wagt zu staunen, entdeckt das Wunder. Die Welt ist voll gewaltiger Lichter und Geheimnisse. Verstellt sie nicht mit eurer kleinen Hand, \u00f6ffnet die Augen, spitzt die Ohren, kommt ganz nah heran. Neulich habe ich eins entdeckt, ein Licht, ein Geheimnis. Beim Spaziergehen ist er pl\u00f6tzlich da \u2013 ein Stern, hell und bunt, von ferne leuchtet er, zieht mich an, ich folge dem Licht, lasse mich ziehen, fernab der gepflegten Stra\u00dfen, geschm\u00fcckten Pl\u00e4tze und m\u00e4rchenhaften Gassen leuchtet der Stern, da, wo ihn niemand erwartet, zwischen Beton und Stra\u00dfendreck, da wo die wohnen, die abgeh\u00e4ngt sind, da hat ihn einer ins Fenster geh\u00e4ngt, hoch oben im Hochhaus, nun strahlt er, hell und weit, glitzert, blinkt und funkelt, taucht den grauen Beton in warmen Schimmer und l\u00e4sst das achtlos auf die Stra\u00dfe geworfene Taschentuch leuchten wie einen goldenen Schatz, der ein Geheimnis in sich birgt. Nur wer nicht staunen kann, sieht Angst, Abfall und Asphalt. Staunt und seht. Die Erde ist angef\u00fcllt mit Himmel. F\u00fcrchtet euch nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><strong>VI<\/strong><\/p>\n<p>Unsere Welt ist voll mit Zeichen. Was leitet unseren Blick? Welche Geheimnisse versuchen wir zu ergr\u00fcnden? Wovon lassen wir uns finden? Wie oft ist es die Angst, die unsere Blicke lenkt. In wie vielen Schlagzeilen blickt sie uns entgegen: \u201eKlimakrise: Achtung, Untergang\u201c (SZ, 17.11.22), \u201eEndzeitstimmung im Supermarkt\u201c (Luxemburger Wort, 10.12.22). Alles ist mehr als es zu sein scheint, in allem wohnt die Furcht, schlummert die Endzeit, lauert der Tod. Wir sehen das kahle Ge\u00e4st, aus dem das Leben gewichen ist, die Rose, in schon im Bl\u00fchen das Welken in sich tr\u00e4gt, den Traum, der beim Erwachen wie Sand durch die H\u00e4nde rinnt. Weihnachtliches Sehen ist anders. Kein Blick in den Abgrund, sondern in Gottes Angesicht. Es beginnt mit dem Staunen und was bleibt ist Staunen. Gott l\u00e4sst sich finden \u2013 trotz allem. Er ist im kahlen Ge\u00e4st, das doch Frucht tr\u00e4gt, er ist der helle Schimmer auf dem Asphalt, er ist im Funkeln einer frostigen Winternacht. Staunt und steht, l\u00fcftet das Geheimnis, stellt euch ins Licht. Wo man hinblickt, das w\u00e4chst. Lasst Gott gro\u00df werden. F\u00fcrchtet euch nicht. Er ist da. \u201eDie Erde ist randvoll mit Himmel, und in jedem gew\u00f6hnlichen Dornenbusch brennt Gott, aber nur jene, die sehen k\u00f6nnen, ziehen ihre Schuhe aus; die anderen sitzen darum herum und pfl\u00fccken Brombeeren.\u201c (Elizabeth Barrett-Browning).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><strong>VII<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">VII. Weihnachten war f\u00fcr mich als Kind immer zauberhaft, voller magischer Momente. Einen Moment m\u00f6chte ich mit Ihnen teilen. Zieht die Schuhe aus, lasst die H\u00e4nde ruhen, h\u00f6rt, staunt und seht. Ganz fr\u00fch am Morgen des ersten Weihnachtstages gingen meine Eltern und ich in unser liebstes Zimmer. Der Ofen war noch aus, es war immer lausig kalt und fast ganz dunkel; nur ab und an drangen von drau\u00dfen Lichter in unsere bescheidene Stube. Reiche Menschen waren wir nicht. Auf dem Tisch stand nichts au\u00dfer einer wei\u00dfen Kerze, die darauf wartete zu brennen. Auch ich war voller Erwartung und hielt die Hand meines Vaters ganz fest. Meine Mutter entz\u00fcndete ein Streichholz, ein heller Schein blitzte in der Dunkelheit auf und unsere Kerze brannte. Eine kleine Bewegung, ein schlichtes Ritual, aber f\u00fcr mich als Kind war das immer wieder ein magischer Moment: Die kleine Kerzenflamme machte unsere Stube hell, ein ganz mildes Licht lang auf allem, und wenn man nah genug an die Kerze heranging, konnte man eine W\u00e4rme sp\u00fcren, die tief unter die Haut fuhr und das Herz zum Brennen brachte.\u00a0 Nur wer nicht staunen kann, sieht ein St\u00fcck Wachs, ein Streichholz, eine kleine Bewegung. Nur wer nicht staunen kann, sieht kahles Ge\u00e4st, ein H\u00e4ufchen Gr\u00fcn mit wei\u00dfen Kugeln, einen Brombeerstrauch auf einem Feld. Nur wer nicht staunen kann, sieht ein kleines Kind in einer Krippe. Der, der staunt, entdeckt ein offenes Geheimnis. Die Erde ist mit Himmel angef\u00fcllt. F\u00fcrchtet euch nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: left;\">Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: left;\">PD Dr. Martina Jan\u00dfen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Staunt und seht! | Christvesper | 24.12.2022 | Lk 2,12 | Martina Jan\u00dfen | I Weihnachten bin ich Kind. Alle Jahre wieder. Mistelzweig und Tannengr\u00fcn, Zimtsterne und Punsch, Lebkuchen und N\u00fcsseknacken, wenn es geht auch Eis und Schnee. Alles ist Magie. 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