{"id":15422,"date":"2022-12-21T16:29:26","date_gmt":"2022-12-21T15:29:26","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=15422"},"modified":"2022-12-27T00:51:27","modified_gmt":"2022-12-26T23:51:27","slug":"matthaeus-2334-39","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2334-39\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 23,34-39"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Zweiter Weihnachtstag | 26.12.2022 |\u00a0Mt 23,34-39 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Mikkel Wold |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Heute h\u00f6ren wir von der ersten Hinrichtung eines Christen. Stephanus war ein Jude, der Christ wurde und seinen Glauben bekannte, so wie das in der Apostelgeschichte erz\u00e4hlt wird. Seit der alten Kirche hat man den 26. Dezember als Ged\u00e4chtnis an den Tod von Stephanus begangen. In D\u00e4nemark tut man das noch heute.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 Es mag merkw\u00fcrdig erscheinen, einen solchen Gedenktag an Weihnachten zu begehen, eine etwas blutige Art und Weise, dieses Fest zu feiern, k\u00f6nnte man meinen. Aber die Sache ist die, dass das Weihnachtsfest erst viel sp\u00e4ter gefeiert wurde. Erst im vierten Jahrhundert begann man, die Geburt Jesu zu feiern, deren wirkliches Datum wir nicht kennen, das man aber an die Stelle des alten r\u00f6mischen Festes der Sonnenwende setzte, mit dem Kaiser als Sol invictus, der unbesiegten Sonne.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht hat man damals gedacht, dass die beiden Feste dennoch besser zusammenpassen als wir das heute sehen. Damals hatte man die Christenverfolgungen in frischer Erinnerung. Deshalb war es durchaus sinnvoll, weiterhin die Berichte \u00fcber die Hinrichtung des Stephanus und von der Geburt Jesu mit einander zu verbinden. Das macht sehr wohl Sinn, wenn man die Bedingungen sieht, denen die Verk\u00fcndigung und das Bekenntnis ausgesetzt waren. Alles begann ja mit einer Geburt unter den \u00e4rmsten Umst\u00e4nden, die man sich vorstellen kann. Eine Erl\u00f6sergestalt, die in Armut geboren wurde. Widerspr\u00fcchlicher kann das Bild nicht sein. Und so verh\u00e4lt es sich auch mit der Verk\u00fcndigung und dem Bekenntnis. Zu Beginn ist da nicht viel Pracht und Herrlichkeit bei der Verk\u00fcndigung, und Jesus wird dann ja schlie\u00dflich auch zwischen zwei Verbrechern hingerichtet. Was da v\u00f6llig fehlt, das sind somit die Machtmittel und die Herrlichkeit dieser Welt. Nach au\u00dfen hin ist das nichts, was die Verk\u00fcndigung unterstreichen k\u00f6nnte, und das ist \u00fcberhaupt nichts, was sie verst\u00e4rkt oder sie mit Machtmitteln versieht, die die Leute normalerweise anlocken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 Diese Umst\u00e4nde begannen sich jedoch zu Beginn des vierten Jahrhunderts zu \u00e4ndern, denn als das Christentum immer mehr Zustimmung fand und der Kaiser sich schlie\u00dflich dem Christentum anschloss, wurde es auch Teil des Establishments und damit einer der Wege, die man gehen konnte, wenn man Karriere machen wollte, oder wenn man nur dem Strom folgte und alles, auch seine Religion, danach ausrichtete, was nun in Mode war. Daraus wird keine lebendige Kirche, was denn auch damals wie heute einigen Theologen veranlasst hat, von dem \u201ekonstantinischen S\u00fcndenfall\u201c zu reden, das Kaiser Konstantin den Grund daf\u00fcr legte, dass das Christentum schlie\u00dflich Staatsreligion wurde. Damit ging die Kirche eine gef\u00e4hrliche Verbindung mit der Macht ein. Das ist eine Gratwanderung, die oft schief gegangen ist. Entweder dadurch, dass die Kirche die Macht sanktionierte, oder dass man versuchte, die Botschaft der Kirche f\u00fcr eine besondere politische Observanz in Anspruch zu nehmen. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Dinge durcheinandergeraten und man das bekommt, was der Schweizer Theologe Karl Barth \u201eBindestrichs-Theologien\u201c nannte. Das geschieht, wenn man die Theologie \u201everbessern\u201c m\u00f6chte mit Werten oder einigen ideologischen Ideen, die man in das Christentum einverleiben wollte. So sind z.B. die nationalsozialistischen Tendenzen im Laufe der Zeit mit dem Christentum verkn\u00fcpft worden. Der Versuch ist gef\u00e4hrlich, das zeigt die Geschichte, denn das Christentum kann nicht vor irgendeinen ideologischen Wagen gespannt werden, ohne in seinem Wesen verzerrt zu werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eben dieser Umstand hat dann andere dazu veranlasst in das andere Extrem zu verfallen und zu glauben: Wenn man vom Christentum ausgeht und daraus die Konsequenz zieht f\u00fcr das Leben in der Gesellschaft \u2013 z.B. die Behandlung der Schwachen \u2013 dann ist das Ausdruck f\u00fcr den Versuch, das Christentum zu einer Ideologie zu machen. Wenn man so denkt, dann ist man genau so sehr auf dem falschen Weg wie die \u201eBindestrichs-Theologie\u201c. In dieser Version ist dann das Tor offen, sich im Namen Jesu passiv zu verhalten. Dann kommt es zu der sehr wenig tiefsinnigen Interpretation von Luther, wo man glaubt, man m\u00fcsse Christentum und Gesellschaft scharf voneinander trennen. So als ob die N\u00e4chstenliebe und der Inhalt des Christentums um Himmelswillen nicht unser Verhalten bestimmen d\u00fcrfen. Der schon genannte Karl Barth donnerte einmal bei einem Besuch in D\u00e4nemark 1939 gegen diese Zur\u00fcckhaltung im Umgang mit Regimen, die wie die Nazis dem B\u00f6sen den Anschein von \u201eAnstand\u201c und \u201ekonsequentem Aufr\u00e4umen\u201c geben wollten. Sich einem &#8211; was auch immer f\u00fcr einem &#8211; Regime zu ergeben, ist nichts anderes als Ausdruck einer politischen und evangelischen Naivit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus ist ein \u201eZeichen des Widerspruchs\u201c, wie es an einer Stelle im Neuen Testament hei\u00dft. Sein Wort wird oft dem widersprechen, was wir vorhaben. Wir sind aber als seine Zeugen verpflichtet, den Widerspruch nicht zu verw\u00e4ssern. Wir m\u00fcssen so gut wie m\u00f6glich versuchen, den Inhalt der Botschaft zu verk\u00fcndigen, auch im Widerspruch zu der Welt, die uns umgibt. Wenn der Bischof von Seeland, der d\u00e4nische theologische Professor Martensen<a href=\"applewebdata:\/\/93BB2DC2-3A6E-4465-9219-A9BECB4E46EB#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> im Jahre 1878 eine (auch ins deutsche \u00fcbersetzte) Ethik schrieb, wo er die freie Konkurrenz seiner Zeit und die entstehende \u00f6konomische Struktur kritisierte, die er f\u00fcr unmenschlich hielt, so nicht deshalb, weil er\u00a0 von einem heiligen ideologischen Feuer ergriffen war, sondern weil er sich gegen eine in seinen Augen unchristliche Entwicklung wenden wollte, die den \u00c4rmsten unmenschliche bedingen schaffen w\u00fcrde. Politisch war er keineswegs ein Revolution\u00e4r, er war gar Hofprediger des K\u00f6nigshauses. Warum also schrieb er so, wie er schrieb? Die kurze, etwas scharf gefasste Antwort w\u00fcrde lauten: Weil er nicht das Recht hatte, das nicht zu tun. Die Kirche ist dazu verpflichtet, zu reden und sich zu \u00e4u\u00dfern in Bezug auf den Glauben. Man \u00e4u\u00dfert sich immer unter den Bedingungen der Fehlbarkeit. Aber man hat nicht das Recht, sich zu verstecken. Nur wenige \u00e4u\u00dfern sich unter Bedingungen, die denen \u00e4hneln, denen Stephanus ausgesetzt war, auch wenn das auch heute geschieht. Bei uns sind die Folgen daf\u00fcr, sich zu \u00e4u\u00dfern, die mildesten, die man sich vorstellen kann. Dennoch geschieht es so selten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Warum? Ich wei\u00df es nicht. Aber dies ist ein Tag, an dem wir daran erinnert werden, dass man reden muss, und das, was man zu sagen hat, soll gesagt werden ohne andere Mittel als das Wort selbst. Das Evangelium soll zu Wort kommen, und es soll nicht durch weltliche Machtmittel verst\u00e4rkt werden. Es soll in eine Welt verk\u00fcndigt werden, manchmal geschieht es mit Zustimmung in der Umgebung, manchmal wird es zu einem \u00c4rgernis. Davon gibt es viele Zeugen vor uns. Einige von ihnen bezahlten einen hohen Preis, andere konnten friedlich weiterleben. So gut wir k\u00f6nnen, soweit es unsre F\u00e4higkeiten erm\u00f6glichen. Wir haben nicht das Recht, nichts zu tun. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Mikkel Wold<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">1263 K\u00f8benhavn K<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-mail: mwo(at)km.dk<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0 &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/93BB2DC2-3A6E-4465-9219-A9BECB4E46EB#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Hans Lassen Martensen, d\u00e4nischer Theologe, Widersacher S\u00f8ren Kierkegaards, sp\u00e4ter aber einer der ersten lutherischen Sozialethiker. Zur Sozialethik und Kapitalismuskritik Luthers und des Luthertums in D\u00e4nemark siehe die Monographie:\u00a0 J\u00f8rn Henrik Petersen: Der vergessene Luther. Luthers Wirtschafts- und Sozialethik und ihre Bedeutung f\u00fcr den modernen Wohlfahrtsstaat, Hartmut Spenner Verlag, Erkenschwick 2022.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweiter Weihnachtstag | 26.12.2022 |\u00a0Mt 23,34-39 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Mikkel Wold | Heute h\u00f6ren wir von der ersten Hinrichtung eines Christen. Stephanus war ein Jude, der Christ wurde und seinen Glauben bekannte, so wie das in der Apostelgeschichte erz\u00e4hlt wird. Seit der alten Kirche hat man den 26. 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