{"id":15769,"date":"2023-01-04T00:04:28","date_gmt":"2023-01-03T23:04:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=15769"},"modified":"2023-01-01T21:36:04","modified_gmt":"2023-01-01T20:36:04","slug":"johannes-129-34","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-129-34\/","title":{"rendered":"Johannes 1,29-34"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Wegweiser | 1. Sonntag nach Epiphanias | 08.01.2023 | Joh 1,29-34 | Silja Keller |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><u>Der erste Zeuge<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eH\u00f6rt, seht, wir verk\u00fcnden euch grosse Freude\u201c haben die Engel an Weihnachten gerufen. Sie haben bezeugt, dass etwas Ausserordentliches geschah.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bezeugen &#8211; Ohne Zeuginnen und Zeugen, kann niemand verurteilt werden. Ohne Zeuginnen und Zeugen erfahren wir weder von den schlimmsten noch von den grossartigsten Dingen, die auf dieser Welt geschehen. Sie weisen uns auf das hin, was wahr, was wichtig und bemerkenswert ist. Sie stehen f\u00fcr ihre Wahrheit ein und verm\u00f6gen andere zu \u00fcberzeugen. Wart ihr auch schon Zeugen oder Zeuginnen von etwas Besonderem? Welche Ereignisse, Begegnungen oder Gedanken haben euch so sehr bewegt, dass ihr nicht anders konntet, als sie weiterzuerz\u00e4hlen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im heutigen Abschnitt aus dem Johannesevangelium begegnet uns ein Mensch, der wohl einer der wichtigsten Zeugen f\u00fcr uns Christinnen und Christen \u00fcberhaupt war. \u2013 Johannes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich lese aus Johannes 1, die Verse 29-34:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em><sup>29<\/sup><\/em><em>Am n\u00e4chsten Tag sieht Johannes Jesus zu sich kommen. Da sagt er: \u00bbSeht doch! Das ist das Lamm Gottes. Es nimmt die S\u00fcnde dieser Welt weg!<\/em><em><sup>30<\/sup><\/em><em>Diesen habe ich gemeint, als ich sagte: \u203aNach mir kommt ein Mann, der mir immer schon voraus ist. Denn lange vor mir war er schon da.\u2039<\/em><em><sup>31<\/sup><\/em><em>Auch ich wusste nicht, wer er ist. Aber damit er dem Volk Israel bekannt wird, bin ich gekommen und taufe mit Wasser.\u00ab<\/em><em><sup>32<\/sup><\/em><em>Weiter bezeugte Johannes: \u00bbIch sah die Geistkraft Gottes wie eine Taube vom Himmel herabkommen und bei ihm bleiben.<\/em><em><sup>33<\/sup><\/em><em>Auch ich wusste nicht, wer er ist. Aber Gott, der mich beauftragt hat, mit Wasser zu taufen, hat zu mir gesagt: \u203aDer, auf den du die Geistkraft herabkommen und bei ihm bleiben siehst \u2013 der ist es. Er tauft mit der Heiligen Geistkraft.\u2039<\/em><em><sup>34<\/sup><\/em><em>Ich habe es gesehen und kann bezeugen: Er ist der Sohn Gottes.\u00ab<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0<\/em>Johannes bezeugt Jesus. Jesus steht noch ganz am Anfang seines Wirkens, doch der Johannes des Johannesevangeliums weiss schon um sein Ende: \u00abEr ist das Lamm Gottes\u00bb, sagt er und \u00abEr ist Gottes Sohn\u00bb. Damit hat er alles Wichtige, was es \u00fcber Jesus zu sagen gibt gesagt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber was heisst das denn: Lamm Gottes und Sohn Gottes? Welche Bilder kommen in euch hoch, wenn ihr diese Worte h\u00f6rt? Was bedeuten sie euch?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich k\u00f6nnte euch nun einen hochtheologischen Vortrag halten und euch in die Bedeutung und Wirkungsgeschichte dieser beiden Bezeichnungen f\u00fcr Jesus einf\u00fchren. Aber eigentlich interessiert mich viel mehr, wie wir Lamm Gottes und Sohn Gottes ins Heute \u00fcbersetzen k\u00f6nnen. Dazu lade ich euch ein, mit mir auf eine Gedankenreise zu kommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><u>Wegweiser<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei gleissendem Sonnenschein steigen wir im Wassertal aus dem Postauto aus. Ausger\u00fcstet sind wir mit guten, wasserdichten Schuhen. Die einen tragen kratzigen Wollpullover oder Schals, andere haben sich in weiche Daunenjacken und Handschuhe geh\u00fcllt. Die Rucks\u00e4cke sind leicht \u2013 unsere Schneewanderung zur H\u00fctte auf dem L\u00e4mmliberg sollte nicht allzu lange dauern. Gleich bei der Bushaltestelle finden wir den ersten Wegweiser. Orange sticht er gegen das weiss des Winterwaldes hervor. \u2013 L\u00e4mmliberg 3h steht da. Vergn\u00fcgt plaudernd machen wir uns an den Aufstieg. Die klare Bergluft brennt in unseren Lungen und unter uns knirscht der Schnee. Wir kommen gut voran, unsere Gespr\u00e4che sind so spannend, dass wir uns wenig auf das Wetter und den Weg achten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pl\u00f6tzlich platschen schwere Regentropfen auf uns nieder, ein Sturm kommt auf. \u00abWir m\u00fcssen weiter!\u00bb ruft jemand, \u00abDie H\u00fctte ist n\u00e4her als das Tal.\u00bb Der gerade noch glitzernde Schnee verwandelt sich in Schlamm. Der Weg wird glitschig, jemand rutscht aus und st\u00f6sst hart auf dem Boden auf und dann reisst eine starke B\u00f6e die Wanderkarte weg. In diesem Sturm funktionieren auch die GPs unserer Handys nicht mehr. Der Weg ist immer schlechter auszumachen und bald haben wir uns heillos verirrt. Wir frieren, versuchen vergeblich unsere Handys in Betrieb zu nehmen und die H\u00fctte zu finden \u2013 vergeblich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pl\u00f6tzlich taucht vor uns eine Gestalt auf. Sie ist ganz in orange Schutzkleidung geh\u00fcllt und zwischen einem buschigen Bart und einer Wollm\u00fctze blitzen zwei freundliche Augen hervor. \u00abWas macht ihr denn hier, mitten im Sturm?\u00bb fragt er. \u00abKommt, die H\u00fctte ist nicht weit, ich zeige euch den Weg.\u00bb Wir sind unendlich dankbar. Wer weiss, was in diesem Sturm noch h\u00e4tte passieren k\u00f6nnen. John, so heisst unser Retter, bringt uns sicheren Schritts zu einer hell erleuchteten Bergh\u00fctte. \u00abDa sind wir. Willkommen auf dem L\u00e4mmliberg!\u00bb.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><u>\u00a0<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><u>H\u00fcttenzauber<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Fenster der H\u00fctte blinken goldig und aus dem Kamin steigt Rauch. Erleichterung macht sich breit \u2013 wir haben Schutz gefunden, wir gingen nicht verloren. Ich reisse die H\u00fcttent\u00fcr auf \u2013 keinen Moment m\u00f6chte ich mehr in dieser nassen K\u00e4lte ausharren. Da stoppt mich John. Er deutet auf einen Brunnen an der Hauswand. Bevor ihr eintretet, w\u00e4scht euch bitte die schmutzigen Schuhe. Thea, die H\u00fcttenwartin, m\u00f6chte, dass die H\u00fctte weiterhin heimelig und sauber bleibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich schaue an mir herunter. Erst jetzt f\u00e4llt mir auf, wieviel Schlamm und Schmutz sich an meinen Schuhen gesammelt hat. Ich drehe den Hahn auf und bin \u00fcberrascht, dass das Wasser angenehm warm in den Brunnen spritzt. Der harte Strahl w\u00e4scht alles weg. Ganze Schlammbrocken fliessen in und durch den Brunnen ab und bald gl\u00e4nzen meine Schuhe so knallig rot, wie an dem Tag, an dem ich sie gekauft habe. Alles f\u00fchlt sich pl\u00f6tzlich so leicht an. Bald sind alle von Schlamm und Schmutz befreit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In diesem Moment \u00f6ffnet sich die T\u00fcre. Eine mollige, strahlende Frau mit Backsch\u00fcrze empf\u00e4ngt uns mit dem w\u00e4rmsten L\u00e4cheln, das ich je gesehen habe. \u00abWillkommen zu Hause, meine Kinder! Kommt herein! W\u00e4rmt euch auf. Hier seid ihr sicher.\u00bb Sie f\u00fchrt uns vor ein prasselndes Feuer, wo ein reich gedeckter Tisch mit Brot, Wein und vielen anderen Leckereien steht \u2013. \u00abHier das ist f\u00fcr euch. Esst und trinkt und lasst es euch wohlergehen.\u00bb, sagt sie. Als ich in das knusprige Brot beisse und mir der warme Wein die Kehle herunterrinnt, bin ich im Himmel. Thea lacht und niemand von uns m\u00f6chte in diesem Moment an einem anderen Ort sein als hier.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><u>\u00a0<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><u>Kinder Gottes<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">John, ein Mann in oranger Schutzkleidung weist uns den Weg, wo ein Brunnen und Thea auf uns warten. Johannes, der T\u00e4ufer, sagt zu seinen Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rern: <em>\u00bbSeht doch! Das ist das Lamm Gottes. Es nimmt die S\u00fcnde dieser Welt weg!<\/em><em><sup>30<\/sup><\/em><em>Diesen habe ich gemeint, als ich sagte: \u203aNach mir kommt ein Mann, der mir immer schon voraus ist. Denn lange vor mir war er schon da.\u2039<\/em><em><sup>31<\/sup><\/em><em>Auch ich wusste nicht, wer er ist. Aber damit er dem Volk Israel bekannt wird, bin ich gekommen und taufe mit Wasser.\u00ab <\/em>John und Johannes sind die Wegweiser, die uns den Weg zeigen. Sie sind Zeugen von einer anderen Wirklichkeit. John weist zur H\u00fctte, zum Brunnen und Thea. Johannes weisst zu Jesus, dem Lamm Gottes, dem lebendigen Wasser, Gottes Sohn, dem Brot des Lebens.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lamm Gottes, da ist der Ausdruck wieder. In Israel wurden fr\u00fcher L\u00e4mmer am Passafest geschlachtet. Sie erinnerten daran, dass Gott das Volk Israel aus der Gefangenschaft in \u00c4gypten befreit hat. Ihr Blut am T\u00fcrpfosten der Israeliten sch\u00fctzte sie vor dem Todesengel, der durch ihr Lager ging. Einige Jahrhunderte sp\u00e4ter stirbt Jesus zur gleichen Zeit, wie die Passal\u00e4mmer geschlachtet werden. Deshalb wird sein Tod traditionell als Opfer f\u00fcr unsere S\u00fcnden gedeutet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Opfertheologie ist mir eher fremd. Ich will nicht, dass jemand f\u00fcr meine Schuld sterben muss und hoffe auch, dass mein Gott dies von niemandem verlangt. Was mir aber viel mehr einleuchtet, ist die Art und Weise, wie Jesus dem Tod entgegentritt. Er stirbt wie ein Lamm, das zur Schlachtung gef\u00fchrt wird. Er bleibt da, wehrt sich nicht, h\u00e4lt mit uns auch die gr\u00e4sslichsten Leiden aus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sein Da-Sein, trotz allem Schlamm, den wir mitbringen, allem, was wir falsch gemacht haben, und trotz aller widriger, st\u00fcrmischer Umst\u00e4nde, befreit. Es macht uns leichter. Jesus kennt unser Leiden, er, das lebendige Wasser, wird schmutzig, wie wir. Er leidet, wie ein Opferlamm, damit wir in unserem Leiden nicht allein sind, damit der Todesengel nicht das letzte Wort hat. Und so tr\u00e4gt das Lamm unsere Schuld, Angst und Verzweiflung fort, wie das warme Wasser des H\u00fcttenbrunnens.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus ist die Pr\u00e4senz Gottes bei uns Menschen. In ihm wohnt die Geistkraft Gottes \u2013 seine Himmelskraft. Dadurch ist er der Sohn Gottes. Ein Mensch, der ein besonderes Vertrauensverh\u00e4ltnis zu Gott hat. Und diese Kraft schenkt er uns weiter. Er tauft uns mit seinem Geist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und er isst und trinkt mit uns, schenkt sich uns im Brot und Wein und nennt uns Br\u00fcder und Schwestern. Das macht uns selbst zu Gottes Kindern. Zu Kindern Theas oder Theos \u2013 griechisch f\u00fcr \u201eGott\u201c. Und so geh\u00f6ren wir zu Gottes erweiterter Familie, das Volk Israel, zu denen Johannes und Jesus geh\u00f6ren und nun auch wir Christinnen und Christen sind eingeladen an den grossen, weiten Tisch Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><u>Zeug*innen sein<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes wusste nicht, wer der sein wird, den er bezeugen soll. Aber Gott hat ihm in einer Vision gezeigt, dass es Jesus ist:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00bbIch sah den Geist Gottes wie eine Taube vom Himmel herabkommen und bei ihm bleiben.<\/em><em><sup>33<\/sup><\/em><em>Auch ich wusste nicht, wer er ist. Aber Gott, der mich beauftragt hat, mit Wasser zu taufen, hat zu mir gesagt: \u203aDer, auf den du den Geist herabkommen und bei ihm bleiben siehst \u2013 der ist es. Er tauft mit dem Heiligen Geist.\u2039<\/em><em><sup>34<\/sup><\/em><em>Ich habe es gesehen und kann bezeugen: Er ist der Sohn Gottes.\u00ab<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ohne Johannes h\u00e4tten wir Christinnen und Christen den Weg zu Jesus nicht gefunden. Dank Jesus d\u00fcrfen wir Kinder des Gottes Israels sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir mitten im Sturm um den Tisch Gottes sitzen, Brot und Wein teilen, aufatmen; wenn wir durch Jesus, das lebendige Wasser, erfrischt und begeistert werden, dann bezeugen wir ihn. Wir bezeugen, dass Jesus Gottes Sohn ist und wir seine Geschwister. Wir bezeugen, dass der Todesengel nicht das letzte Wort hat und Gott uns und alle, die m\u00f6chten, willkommen heisst. Und so werden auch wir zu Wegbereitern im orangen Schutzanzug, die im Sturm ruhig bleiben und den Weg zur H\u00fctte weisen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Gottesdienst wird mit Abendmahl gefeiert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Silja Keller<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Fehraltorf<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:silja.keller@kirche-fehraltorf.ch\">silja.keller@kirche-fehraltorf.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Silja Keller, geb. 1990. Seit 2021 t\u00e4tig als Pfarrerin der Z\u00fcrcher Kantonalkirche in Fehraltorf mit Schwerpunkt Jugend und Familie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wegweiser | 1. 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