{"id":15771,"date":"2023-01-04T00:03:58","date_gmt":"2023-01-03T23:03:58","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=15771"},"modified":"2023-01-01T21:36:14","modified_gmt":"2023-01-01T20:36:14","slug":"johannes-129-34-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-129-34-2\/","title":{"rendered":"Johannes 1,29-34"},"content":{"rendered":"<h3>Ein Zeugnis | 1. Sonntag nach Epiphanias | 08.01.2023 | Joh 1,29-34 | Nadja Papis |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lamm Gottes, Herr, Menschensohn, Rabbi, Messias, Wanderprediger, Gesalbter, Immanuel, Sohn Gottes. Er rettet, erl\u00f6st, tr\u00e4gt die S\u00fcnd\u2019 der Welt, gibt Frieden, schenkt Leben, richtet, sitzt zur Rechten Gottes. Gesandt, gegeben, geboren, Fleisch geworden, geopfert, gekreuzigt, auferweckt, emporgehoben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bezeichnungen aus einer anderen Zeit, Bezeichnungen aus einer anderen Welt \u2013 \u00fcberliefert bis heute.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unsere Kirchenlieder bezeugen es \u2013 traditionelle wie moderne.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bezeichnungen f\u00fcr einen besonderen Menschen, eine besondere Identit\u00e4t oder zumindest eine besondere Gabe dieses Menschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, wir Christinnen glauben an Jesus, den Christus. Selbstverst\u00e4ndlich! Das macht uns ja zu Christen. Ohne diesen Christusglauben kein Christentum.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr mich war das nie selbstverst\u00e4ndlich. Ich bin zwar als Christin aufgewachsen, also getauft, aber ohne Christus. Jesus kannte ich nur als neugeborenes Baby aus der Weihnachtsgeschichte. Die lag jeweils im Advent bei uns in der Stube. Ich habe mich nie gefragt, warum die Geburt dieses Babys im Stall von Bethlehem \u00fcberall erz\u00e4hlt wurde. Das Bilderbuch war da, ich mochte es. Es war spannend, es r\u00fchrte mich irgendwie, mir gefielen die Engel und der leuchtende Stern. Meine Eltern betonten, wie im Stall sowohl arme Hirten als auch reiche K\u00f6nige zusammenkamen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit 15 Jahren erlebte ich im Konfjahr eine Art Berufung zur Pfarrerin. Christus ist mir auch da nicht begegnet, ja, ich war weiterhin sozusagen Christin ohne Christus. Allerdings kam ich immer mehr in Kontakt mit Menschen, die zu Christus beteten. Das war mir sehr fremd. Es t\u00f6nte f\u00fcr mich nach Personenkult. Besonders in den Gospelliedern, meiner Kirchenmusik, wo doch dauernd \u00abI love Jesus\u00bb gesungen wird. Ich liebte lieber meinen gerade aktuellen Freund als diesen Mann Jesus, der vor 2000 Jahren gelebt hatte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dann kam das Studium und mit ihm die Christologie. Nun kam ich nicht mehr daran vorbei, an diesem Jesus Christus. Mit Jesus hatte ich ja nie ein Problem. Wie viele andere Menschen sah ich in ihm ein Vorbild und nahm gerne an, was ich aus seinem Lehren und Handeln lernen kann. Aber was genau ist eigentlich dieser Christus f\u00fcr mich? Ein Gesalbter? Der Messias? Gottes Sohn? Der Erl\u00f6ser?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes, der T\u00e4ufer, hatte da keine M\u00fche. Jesus kommt herbei, und f\u00fcr Johannes ist es sonnenklar, wer da kommt. Er kann ohne Z\u00f6gern ein Zeugnis ablegen: Seht doch, das ist das Lamm Gottes, das die Welt von der S\u00fcnde befreit! Der Geist Gottes ist wie eine Taube auf ihn gekommen und bei ihm geblieben. Er ist der Sohn Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Noch heute stolpere ich \u00fcber jedes Wort.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Lamm Gottes? Befreiung von S\u00fcnde? Geist? Sohn Gottes?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mittlerweile habe ich nicht nur studiert und schon einige Jahre Pfarramt auf dem Buckel, sondern auch meinen pers\u00f6nlichen Zugang zur Christologie gefunden, ja, dieser Christus geh\u00f6rt jetzt zu meinem Glauben und ich gerate nicht mehr in Verlegenheit, wenn mich jemand darauf anspricht. Mein \u00abZeugnis\u00bb ist nicht so sonnenklar wie das von Johannes, aber es ist erarbeitet, erkrampft, erzweifelt und erglaubt. Wollen Sie teilhaben?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Erst einmal trenne ich nach wie vor Jesus von Christus. Jesus war f\u00fcr mich der Mensch, der damals gelebt hat. In ihm hat sich der Christus gezeigt oder besser gesagt die Christus-Qualit\u00e4t, die Christus-Gabe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn das muss ich vorneweg nehmen: Mit der koreanischen Theologin Chung Hyun Kyung glaube ich, dass diese Gabe sich nicht nur in diesem galil\u00e4ischen Mann, Jesus von Nazareth, gezeigt hat, sondern auch in anderen Menschen. Das war f\u00fcr mich eine befreiende Erkenntnis. Und f\u00fcr Sie? Vielleicht emp\u00f6ren Sie sich jetzt, schalten ab: Die ist ja keine richtige Christin! Vielleicht bleiben Sie aber auch bei mir und kommen ein St\u00fcck weit mit auf meinen Weg.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Christus-Gabe\u2026 Ob nur in Jesus oder auch in anderen Menschen, was macht sie denn aus?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier nehme ich mir den zentralen christologischen Titel aus dem Johannesevangelium zu Hilfe; Johannes der T\u00e4ufer nennt ihn in seinem Zeugnis: Er ist Sohn Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus ist Sohn Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was wird damit ausgedr\u00fcckt?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus nannte Gott \u00abAbba\u00bb, wir m\u00fcssten es mit \u00abPapi\u00bb \u00fcbersetzen. Es ist die famili\u00e4re, sehr vertrauliche Anrede des Vaters, ich w\u00fcrde erg\u00e4nzen: eines n\u00e4hrenden Vaters, eines guten Vaters. Und f\u00fcr mich k\u00f6nnte es nebenbei gesagt auch \u00abMami\u00bb heissen. N\u00e4hrende Eltern sind f\u00fcr kleine Kinder in der Regel der Ort der gr\u00f6ssten Geborgenheit, die vertrautesten Menschen, Menschen, die f\u00fcr das Kind sorgen, zuverl\u00e4ssig, besch\u00fctzend, zugewandt. Es gibt auch andere Eltern, das ist mir bewusst, und das f\u00fchrt bei diesem Gottesbild auch immer wieder zu verheerenden Verletzungen. Darum fasse ich gern anders zusammen: Das G\u00f6ttliche ist etwas, das uns ganz nahekommt, das in den Herzensbereich geh\u00f6rt, dass f\u00fcr eine Geborgenheit steht, in die wir immer wieder zur\u00fcckkehren d\u00fcrfen und die uns gerade darum wahre Freiheit erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus, der Christus, ist Sohn Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er steht f\u00fcr diese N\u00e4he zum G\u00f6ttlichen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er ist mit dem G\u00f6ttlichen vereint.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und das ist es, was Erl\u00f6sung bringt: diese ganz besondere N\u00e4he zum G\u00f6ttlichen, diese umfassende Geborgenheit, dieses erf\u00fcllende Vertrauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In unserem Text steht der ber\u00fchmte und viel besungene Vers: Er ist das Lamm Gottes, das tr\u00e4gt die S\u00fcnd\u2019 der Welt! Oder in einer anderen \u00dcbersetzung: Das die S\u00fcnde der Welt fortnimmt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Christus-begabte Mensch nimmt die S\u00fcnde fort, erl\u00f6st uns von der S\u00fcnde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit dem Begriff \u00abS\u00fcnde\u00bb habe ich wohl ebenso lange gehadert wie mit dem \u00abChristus\u00bb. Dabei hilft mir immer wieder die Unterscheidung der S\u00fcnde von den S\u00fcnden. Auch hier in unserer Stelle ist das Wort in der Einzahl gebraucht. Es geht nicht um unsere Verfehlungen, es geht um die S\u00fcnde, also das, was uns trennt von Gott, was uns entfremdet, was uns unserer Mitte beraubt, was uns vom vollen Leben abh\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Christus-begabte Mensch ist dem G\u00f6ttlichen so nahe, dass er (oder sie) diese N\u00e4he auch anderen vermitteln kann. Und ihnen so den Weg zur Erl\u00f6sung zeigt: den Weg zur Lebensf\u00fclle, zur Zufriedenheit, zum Vertrauen und der Hoffnung \u2013 oder schlicht: zum G\u00f6ttlichen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wo bin ich heute mit dem Christus?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich werde wohl nie ein solches Zeugnis ablegen, wie Johannes der T\u00e4ufer es tut. Aber ich habe mein eigenes Zeugnis gefunden, das, was ich bezeugen kann, das, was ich glaube. Ja, ich glaube an die Urkraft des Lebens, glaube an die M\u00f6glichkeit, ihr ganz nahe zu kommen, glaube auch daran, dass es Menschen gibt, die uns in diese N\u00e4he f\u00fchren k\u00f6nnen. Und ich glaube, Jesus war einer von ihnen. F\u00fcr mich muss er nicht der einzige gewesen sein. Gottes Geist so einzuschr\u00e4nken, w\u00fcrde mir nicht gefallen. Denn dieser Geist ist es, der die Gabe bewirkt, der die N\u00e4he schafft, der wie eine Taube auf Menschen kommt und bei ihnen bleibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und was ist mit Ihnen? Welches Zeugnis k\u00f6nnen Sie heute hier ablegen? Oder \u2013 wenn Ihnen der Begriff \u00abZeugnis\u00bb auch ein wenig M\u00fche macht: Was k\u00f6nnten Sie heute von Ihrem Glauben mit uns teilen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die koreanische Theologin Chung Hyun Kyung hielt 1991 an der Vollversammlung des \u00d6kumenischen Rates der Kirchen eine bewegende Rede, ein vom Glauben erf\u00fclltes Zeugnis, hier ein paar Worte daraus:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00abIch komme aus Korea, dem Land der von HAN erf\u00fcllten Geistern. HAN ist Zorn, Groll, Bitterkeit, Kummer. Es ist Aufgabe der Lebenden, auf die von HAN beherrschten Geister zu h\u00f6ren und am Wirken der Geister zur Wiedergutmachung des Unrechts teilzuhaben. Wenn wir das Schreien dieser Geister nicht h\u00f6ren, k\u00f6nnen wir auch die Stimme des heiligen Geistes nicht vernehmen\u2026 Ich vermittle Ihnen mein Bild des Heiligen Geistes, so wie es mir von meinem kulturellen Hintergrund aus erscheint. Es\u00a0 ergibt sich f\u00fcr mich aus dem Bild der KWAN IN, der G\u00f6ttin des Mitleidens und der Weisheit. Sie weigert sich, ins Nirvana einzugehen, weil sie Mitleid mit den leidenden Lebewesen hat\u2026 Ihre mitleidende Weisheit heilt alle Formen des Lebens und bef\u00e4higt diese, zum Ufer des Nirwana zu schwimmen\u2026 <strong>K\u00f6nnte dies ein weibliches Bild f\u00fcr Christus sein?<\/strong>&#8230; Komm, heiliger Geist, erneuere die ganze Sch\u00f6pfung!\u00bb<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Quelle:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Chung Hyun Kyung, Schamanin im Bauch, Christin im Kopf, Kreuz Verlag 1992, Seite 19ff<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Zeugnis | 1. Sonntag nach Epiphanias | 08.01.2023 | Joh 1,29-34 | Nadja Papis | Lamm Gottes, Herr, Menschensohn, Rabbi, Messias, Wanderprediger, Gesalbter, Immanuel, Sohn Gottes. Er rettet, erl\u00f6st, tr\u00e4gt die S\u00fcnd\u2019 der Welt, gibt Frieden, schenkt Leben, richtet, sitzt zur Rechten Gottes. 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