{"id":15978,"date":"2023-01-17T12:29:02","date_gmt":"2023-01-17T11:29:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=15978"},"modified":"2023-01-17T12:29:02","modified_gmt":"2023-01-17T11:29:02","slug":"roemer-113-17-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-113-17-2\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 1,13-17"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Unversch\u00e4mt vertrauen. |\u00a0<\/strong>3. Sonntag nach Epiphanias |\u00a022.01.2023\u00a0| R\u00f6mer 1,13-17 | Udo Schmitt\u00a0|<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich sch\u00e4me mich nicht, sagt Paulus. Scham ist ein altert\u00fcmliches Wort. Aber das Gef\u00fchl dahinter ist noch \u00e4lter. Und es ist eines der intensivsten Gef\u00fchle, das wir im Laufe unseres Lebens so erleben. Ich behaupte mal: Jeder von uns hat sich im Laufe seiner Kindheit schon mal gesch\u00e4mt, oder ist besch\u00e4mt worden. F\u00fcr etwas, das man getan hatte, und das man nicht h\u00e4tte tun sollen. Oder f\u00fcr etwas das man noch nicht konnte, was man aber h\u00e4tte k\u00f6nnen sollen, weil andere Kinder es schon l\u00e4ngst konnten. F\u00e4llt ihnen dazu etwas ein?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was all diesen Situationen gemein ist, ist das Auseinanderklaffen von Image und Realit\u00e4t. Ich habe ein Bild von mir im Kopf: So m\u00f6chte ich sein. So sollen die anderen mich sehen. Das ist mein Image<em>. Nat\u00fcrlich habe ich deinen Geburtstag nicht vergessen, Schatz!<\/em> Und dann kommt die Realit\u00e4t: und sie ist ganz anders. <em>Ich habe ihn doch vergessen. <\/em>Und damit habe ich mein Gesicht verloren. Und das l\u00e4uft dann rot an. So als wollte es den Verlust seiner selbst (des Gesichtes) auch noch mit Warnfarbe markieren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manchmal versuchen wir aus Schamgef\u00fchl heraus, es zu verheimlichen und zu bedecken. Mit einem Feigenblatt. Vielleicht kennen Sie das auch: Wenn vor einem an der Kasse einer steht, der offensichtlich ein Alkoholproblem hat. Man sieht es, man riecht es, und doch: Zu den vier Bierdosen und den zwei Schnapsfl\u00e4schchen legt er schnell noch eine Packung Fleischwurst dazu, in Scheiben geschnitten und in Plastik eingeschwei\u00dft. Ein Alibikauf, ein Feigenblatt, das den Anschein aufrechterhalten soll, da st\u00fcnde ein ganz normaler B\u00fcrger, der seinen ganz normalen Einkauf t\u00e4tigt. Oder vielleicht haben sie auch schon einmal von Menschen geh\u00f6rt, die arbeitslos sind. Sie haben den Tag \u00fcber nicht viel zu tun. Sie k\u00f6nnten den ganzen Tag spazieren gehen. Und doch gehen sie zwischen 9 und 5 Uhr nur selten aus dem Haus \u2013 es ist ihnen peinlich, dass jeder sieht, was sie sind. Und ganz sicher kennen sie auch die Szene, wenn sie irgendwo zu Besuch sind und die Gastgeberin sich tausendmal entschuldigt, wie unordentlich es doch wieder aussieht und dass sie nicht zum Aufr\u00e4umen gekommen sei. Manchmal stimmt das gar nicht und die Wohnung sieht tadellos aus. Und dennoch entsteht ein Gef\u00fchl der Verlegenheit, das manchmal dazu f\u00fchrt, dass die Gastgeberin hektisch die Illustrierten vom Sofa r\u00e4umt und schnell noch mal mit der Hand \u00fcber den Tisch f\u00e4hrt. Eigentlich br\u00e4uchte sie sich nicht sch\u00e4men. Alles tipptopp. Aber die Peinlichkeit ist fast physisch sp\u00fcrbar. Menschen haben Angst, besch\u00e4mt zu werden. Nicht auszudenken, was andere Menschen \u00fcber sie denken oder sagen k\u00f6nnten: Was sollen denn die Leute sagen?!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gut, dieses Winken mit dem Feigenblatt ist vielleicht auch etwas ungeschickt. Andere Zeitgenossen kriegen das besser hin, die Fassade aufrecht zu erhalten. Das Gesicht zu wahren. Keine Miene zu verziehen. Nach au\u00dfen ist bei denen immer alles in Ordnung. Sie sind nat\u00fcrlich (!): erfolgreich, gutaussehend, intelligent, verl\u00e4sslich, ordentlich, wohlhabend, gro\u00dfm\u00fctig, fr\u00f6hlich, gesund, jung, sch\u00f6n und stark. Und wer w\u00e4re das nicht auch gerne? Ja, so. So sollen uns die anderen sehen. So sollen sie von uns denken. Und wehe, wenn nicht! Das f\u00fcrchten wir. Wenn wir anders sind, auffallen, anecken, irgendwie aus der Rolle fallen oder aus der Reihe tanzen und dann von den anderen abgelehnt werden: Wie ist der denn drauf? Wie sieht die denn aus? Und schon ist man drau\u00dfen. Abgelehnt, ausgesto\u00dfen und ausgelacht \u2013 du geh\u00f6rst nicht dazu. Du kommst hier nicht rein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jeder kennt diese Angst. Auch Paulus. Denn er hat das meiste davon selbst erlebt. Aber es ist ihm egal. Ein wenig Trotz schwingt in seiner Stimme mit, wenn er sagt: Ich sch\u00e4me mich nicht. Ich sch\u00e4me mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes. Nicht schamlos aber unversch\u00e4mt. Unversch\u00e4mt mutig \u2013 freim\u00fctig steht Paulus da. Und freim\u00fctig bekennt er: Ja &#8211; ich glaube an Gott!\u00a0 Ja \u2013 ich glaube an die Liebe Gottes zu uns Menschen, wie sie sich in Christus gezeigt hat. Ja, Ja und nochmals Ja! Denn dazu stehe ich, und nichts daran ist mir peinlich. Denn hier stehe ich nicht als nacktes und blo\u00dfes Ich. Gottes Liebe umh\u00fcllt mich, umgibt und umkleidet mich. Und Gottes Kraft erf\u00fcllt mich, so dass ich stehen bleiben und stark sein kann, auch da, wo ich kleiner schwacher Paulus, niemals allein den Mut zu gehabt h\u00e4tte. Und Gottes heiliger und guter Geist ist mein Manager und Trainer, er ber\u00e4t mich und hilft mir. Ich schaffe es, denn ich bin nicht allein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und hier ist ein deutlicher Unterschied zu dem, was man uns heute so erz\u00e4hlt. Es wird gesagt, man solle sich selbst annehmen, sich selbst verwirklichen, aus sich selbst etwas machen. Bleib du selbst, bleib so wie du bist, bleib dir selber treu, vertraue auf deine St\u00e4rken, vertrau dir selbst, trau dir etwas zu, du bist dein eigener Chef, eine Ich-AG, ein K\u00fcnstler, der sich selbst erschafft, bist dein eigener Manager, eine one-man-show, <em>non je ne regrette rien<\/em>, nein, es tut mir nicht leid, denn so bin ich eben, <em>I did it my way<\/em> \u2013 und Schwamm dr\u00fcber!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und was, wenn es nicht klappt? Wenn ich daran scheitere, mein Selbst zu verwirklichen und ewig jung, sch\u00f6n und attraktiv zu bleiben. Sch\u00e4me ich mich dann? Verstecke ich mich dann? Kaschiere den Makel, spritze die Falten mit Botox weg, bedecke die unsch\u00f6nen Stellen meines K\u00f6rpers mit Abdeckstift, lass den Wohlstandsspeck absaugen oder h\u00fclle des Leibes F\u00fclle in weit wallende Gew\u00e4nder und Wolken aus Wohlger\u00fcchen? In einen ganzen Wald von Feigenbl\u00e4ttern. Oder gehe gar nicht mehr aus. Verberge mich. Tue nichts mehr.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nein, ich sch\u00e4me mich nicht. Sagt Paulus. Denn ihm geht es nicht um sich, nicht um die Verwirklichung seines kleinen, unbedeutenden Ichs. Es geht ihm um viel mehr. Es geht um die befreiende Botschaft von der Liebe Gottes. Nicht das Seine sucht er, nicht Selbstverwirklichung, sondern Gott und Gottes Gerechtigkeit. Es geht ihm um die Wahrheit und die Bew\u00e4hrtheit, welche kommt aus Glauben in Glauben, oder anders gesagt:<br \/>\nVertrauen gegen Vertrauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vertrauen gegen Vertrauen. Paulus selbst ist kein starker Mann, kein Held und kein Superstar. Und doch: Gott setzt sein Vertrauen in diesen kleinen, schwachen Menschen und sagt: ich vertraue dir. Dir traue ich das zu. Du kannst das, du schaffst das und ich helfe dir auch dabei.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vertrauen gegen Vertrauen. Auch Paulus vertraut \u2013 er vertraut dem, was Gott ihm sagt. Auch wenn er es sich selbst nicht zutrauen w\u00fcrde, er geht diesen Weg um Gottes Willen. In Athen auf dem Marktplatz lachen sie ihn aus \u2013 und es ist ihm nicht peinlich. In Ephesus wirft man ihn ins Gef\u00e4ngnis \u2013 und er sch\u00e4mt sich nicht. In Rom trachten sie ihm nach dem Leben \u2013 und er sagt: Egal. Egal, denn es geht hier nicht um mich. Gott vertraut mir und ich vertraue ihm.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">W\u00e4re Paulus so geblieben wie er ist, \u2013 h\u00e4tten wir nie von ihm geh\u00f6rt. W\u00e4re er nur sich selber treu geblieben, \u2013 dann w\u00e4re er ein frommer Jude gewesen, einer von vielen, kein schlechter Mann \u2013 aber keiner w\u00fcrde sich heute noch an ihn erinnern. Doch Paulus vertraute Gott und dies war der Anfang einer wunderbaren Geschichte. Die Begegnung mit Gott hat ihn ver\u00e4ndert. Paulus ist ein anderer geworden, er ist \u00fcber sich hinausgewachsen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und das k\u00f6nnen auch wir erleben. Dass wir nicht so bleiben m\u00fcssen wie wir sind. Wir k\u00f6nnen die befreiende Kraft am eigenen K\u00f6rper sp\u00fcren. Die befreiende Kraft des Evangeliums von der Liebe Gottes. Hier die Bibel, die ich in der Hand halte \u2013 sie ist ein echter Powerriegel. Darin steht, dass Gott uns vertraut \u2013 dass er seine Liebe und sein Vertrauen in uns setzt. Gott sagt: Du kannst das! Du musst dich nicht verstecken. Du kannst dich ruhig zeigen. Ich zeige dir den richtigen Weg und gebe dir die Kraft darauf zu gehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Liedvorschl\u00e4ge<\/strong>:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Gott lieben werden sein wie die Sonne (HuE 223)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vergiss es nie, dass du lebst (HuE 353)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Kl\u00fcger, weiser, leichter, reicher (freit\u00f6ne 93, #<em>laut<\/em>st\u00e4rke 86)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Was f\u00fcr ein Vertrauen (#<em>laut<\/em>st\u00e4rke 63)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>&#8212; \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Dorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>udo.schmitt@ekir.de<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unversch\u00e4mt vertrauen. |\u00a03. 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