{"id":16276,"date":"2023-01-31T17:00:39","date_gmt":"2023-01-31T16:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=16276"},"modified":"2023-01-31T17:24:41","modified_gmt":"2023-01-31T16:24:41","slug":"matthaeus-201-16-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-201-16-3\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 20,1-16"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Septuagesimae | 05.02.2023 |\u00a0Mt 20,1-16 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Leise Christensen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In meinem alten Pfarramt bekam ich einmal einen neuen Kollegen in der Nachbargemeinde. Eine t\u00fcchtige j\u00fcngere Pastorin mit Mut zum Leben, zum Pfarramt und zur Konfirmandenarbeit. Ihre Konfirmanden sollten nat\u00fcrlich etwas zehn Mal in der Konfirmandenzeit in die Kirche gehen. Damit waren Kinder und Eltern einverstanden. Die Pastorin sollte dann kontrollieren, wer an welchen und wie vielen Gottesdiensten teilgenommen hatte. Da wurde angekreuzt und nachgez\u00e4hlt und notiert. Aber es erwies sich, dass die Pastorin die Kreuze etwas zuf\u00e4llig anbrachte. Es konnte geschehen, dass Anastasia dreie Kreuze erhielt, obwohl sie nie zu einem Gottesdienst in der Kirche gekommen war, w\u00e4hrend Victor, der schon vier Mal in der Kirche war, im Protokoll nur ein Kreuz erhielt. Thor war w\u00fctend, weil er jedenfalls sowohl bei einem Taufgottesdienst und bis zu f\u00fcnf Mal einem Hauptgottesdienst gewesen war, aber daf\u00fcr nur zwei Kreuze bekam. Emma dagegen war einmal in der Kirche gewesen und hatte schon f\u00fcnf der versprochenen Kreuze bekommen. Damals gab es noch keine sozialen Medien. Kein Facebook, kein Twitter, kein Instagram. , und Shitstorm war etwas, was man mit den unertr\u00e4glichen Wochen im M\u00e4rz verband, wo die jauche aufs Feld gestreut wurde. Aber wenn man die moderne Bedeutung des Begriffs Shitstorm gekannt h\u00e4tte, m\u00fcsste man sagen, dass diese Pastorin einem veritablen Sturm dieser Art ausgesetzt worden w\u00e4re. Die Eltern waren w\u00fctend! Sie beschwerten sich. H\u00e4tten wir in der Kirche einen Papst gehabt, h\u00e4tte man sich sicher auch an ihn gewandt. Oder gar den Ombudsmann. Was soll das! Emma hatte unverdient Kreuze erhalten, die eigentlich Victor verdient h\u00e4tte. Und was mit Anastasia, die nie in der Kirche war, und jetzt konnte sie mit sage und schreibe drei Kreuzen prahlen. Die Mutter von Emma nahm an dem Sturm der Entr\u00fcstung gegen den Pastor nicht teil, den sie meinte eigentlich, dass Emma ein gutes M\u00e4dchen war, sie sa\u00df oft in der Halle beim Handball und dachte an die Kirche und die Kameraden dort, und das konnte doch genauso gut sein. Thors Vater erwog, ob man nicht einen Artikel in der Zeitung schreiben sollte, denn nun war die Moral v\u00f6llig verkommen mit so einer betr\u00fcgerischen und ungerechten Pastorin, die so tief ungerecht und unglaubw\u00fcrdig war in seinen Ankreuzungen. Das war einfach nicht in Ordnung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Elternrat der Klasse wurde einberufen, die Pastorin sollte erscheinen und sich vor der Versammlung f\u00fcr sein Fehlverhalten verantworten. So weit, so gut. Die Pastorin erschien, und ihr Beitrag bestand in der Lesung eines Evangeliums, n\u00e4mlich des Evangeliums dieses sonntags. Der Pastorin ging es um ein p\u00e4dagogisches Experiment, wo sie mit den Konfirmanden eine Diskussion \u00fcber Gerechtigkeit anregen wollte und das, was man oft Betrug nennt. Das gelang in diesem Fall nur allzu gut. Es kehrte Ruhe ein in der Gemeinde, als sie bekannt gab, dass sie durchaus Kontrolle dar\u00fcber hatte, wer wo und wann und wozu war, so dass die durchaus irdische Gerechtigkeit gegen\u00fcber Thor, Victor, Emma und die Anderen gewahrt wurde. Sie wollte nur zeigen, dass die Gerechtigkeit, wenn sie von Gott kommt, anders sein kann als die menschliche Gerechtigkeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Pastorin wollte mit anderen Worten das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg auslegen! Hmmm. Ja, das ist ein herrliches Gleichnis, wenn man gut und sicher in seiner Stellung sitzt, seinem Ort und seinem Zusammenhang. Man kann sehr wohl akzeptieren, dass die, die nur eine kurze Zeit gearbeitet haben, denselben Lohn haben sollen wie die, die seit dem fr\u00fchen Morgen gearbeitet haben, wo es noch dunkel war. Denn der Besitzer des Weinbergs, d.h. Gott in dem Gleichnis, kann ja mit dem Lohn, den er seinen Arbeitern bezahlt, also uns, tun war er will. Das kann man sagen, wenn man so das ganze aus der Distanz betrachtet. Aber wie das die Geschichte von meiner Nachbarpastorin zeigt, ist es etwas schwieriger, dieses ungerechte System zu akzeptieren, wenn es mich oder die meinen so ganz pers\u00f6nlich ber\u00fchrt. \u00dcberhaupt sind wir wohl geneigt, uns mit den Arbeitern zu identifizieren, die schon fr\u00fch angefangen haben. Ja, man wundert sich dar\u00fcber, wer die Leute im Grunde sind, die, die erst sp\u00e4t kommen, denn man h\u00f6rt nichts von ihnen. Es sind die fr\u00fchen Arbeiter, von denen wir immer h\u00f6ren. In dieser Situation haben wir das Gef\u00fchl, dass wir wirklich gegen etwas protestieren m\u00fcssen. Wurde mir etwas vorenthalten, und wer ist schuld daran?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun kann man sagen, wenn das Gleichnis tats\u00e4chlich vom Arbeitsmarkt handelte, w\u00e4re es nat\u00fcrlich schlimm. Selbstverst\u00e4ndlich ist es so, dass zwei Kassierer gleich bezahlt werden m\u00fcssen \u2013 naja, so ist es ja drau\u00dfen in der Wirklichkeit nicht. Und da kann man sehr wohl kritisch sein. Aber um die Frage, was auf dem Arbeitsmarkt oder in der Konfirmandenarbeit gerecht oder ungerecht ist, geht es in diesem Evangelium nicht. Es geht nicht um Betrug! Es geht um Gnade, es handelt von der Gnade. Man kann es auch die Mathematik des christlichen Glaubens oder der Liebe nennen. F\u00fcr den christlichen Glauben oder in der N\u00e4chstenliebe ist es nicht notwendigerweise so, dass die Rechnung im traditionellen Sinne aufgeht. Hier ist es so, dass 1 gleich ist mit 99 \u2013 also mein verlorenes Schaf ist genauso viel wert wie 99 andere Schafe, die an ihrem Platz geblieben sind, oder wenn der Letzte der Erste werden soll, oder wenn 1 Denar gleich ist mit 12 Stunden Arbeit, und 1 Denar gleich mit einer Stunde Arbeit. Das geht mathematisch und tarifm\u00e4\u00dfig \u00fcberhaupt nicht auf, aber in der Gnade geht es auf. Denn Gott ist nie kleinlich. Er ist g\u00fctig. Er sieht darauf, wer zuerst kommt und wer zuletzt zum Christenglauben und darauf, wie flei\u00dfig man gewesen ist mit seinem Christenleben. Er geht nicht und beschwert sich dar\u00fcber, dass es mit diesem und jenem nicht so gut l\u00e4uft, der dieses oder jenes nicht so und so getan hat. Er sch\u00fcttet seine Liebe aus \u00fcber alle H\u00e4upter, schorfig oder weniger schorfig, hart arbeitend oder weniger arbeitend. Das ist eben einfach so ungerecht! Aber wenn man in einem ehrlichen Augenblick zur\u00fcckschaut auf sein Leben und vielleicht sogar einr\u00e4umt, dass nicht immer zu den Arbeitern geh\u00f6rt hat, die schon fr\u00fch beginnen, ja dann ist es in der Tat ganz beruhigend, dass Gott nicht ganz so kleinlich ist wie wir in seiner Mathematik \u00fcber das Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gleich werden wir hier in der Kirche das Abendmahl feiern. Dort sieht man im Grunde deutlich, wie Gott seine Liebe und seine Gnade in Bezug auf die Menschen verwaltet. Wenn man zum Abendmahl geht, erh\u00e4lt man nicht einen Denar, also eine M\u00fcnze, sondern man bekommt etwas \u00c4hnliches, n\u00e4mlich eine Oblate. Die bekommen alle Abendmahlsg\u00e4ste. Es ist nicht so, dass die, die sich f\u00fcr mehr verdienstvoll halten als andere, drei Oblaten bekommen, w\u00e4hrend andere, nicht ganz so eifrige, zwei oder nur eine Oblate bekommen, ganz zu schweigen von gar keiner Oblate. Nein, alle bekommen eine, Gro\u00dfe und Kleine, Junge und Alte, diejenigen, die zum ersten Mal am Abendmahl teilnehmen, und die, die schon hunderte Male dabei waren. Alle erhalten denselben Denar, denselben Lohn, dieselbe Oblate \u2013 ganz gleich ihrer Beweggr\u00fcnde, ihrer Muster und Vorstellungen von diesem oder jenem. Das ist f\u00fcr alle \u2013 alle erhalten eine Oblate, oder man k\u00f6nnte vielleicht sagen: Alle f\u00fcr einen, n\u00e4mlich f\u00fcr und von Gott. Wenn es so ist beim Abendmahl, so deshalb, weil wir das Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg geh\u00f6rt haben. Dann wissen wir, dass die zuletzt Angekommenen genauso viel auf dem Konto haben wie die Ersten. So ist es mit der Mathematik der Gnade. Am Tisch des Herren sind wir alle Arbeiter im Weinberg von Gottes Gnaden, wir sind alle Teile der Gemeinschaft, wir schmecken alle die G\u00fcte Gottes. Und da wird nicht etwas angekreuzt! Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Leise Christensen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 8200 Aarhus N<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: lec(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Septuagesimae | 05.02.2023 |\u00a0Mt 20,1-16 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Leise Christensen | In meinem alten Pfarramt bekam ich einmal einen neuen Kollegen in der Nachbargemeinde. Eine t\u00fcchtige j\u00fcngere Pastorin mit Mut zum Leben, zum Pfarramt und zur Konfirmandenarbeit. Ihre Konfirmanden sollten nat\u00fcrlich etwas zehn Mal in der Konfirmandenzeit in die Kirche gehen. 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