{"id":16278,"date":"2023-01-31T17:03:45","date_gmt":"2023-01-31T16:03:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=16278"},"modified":"2023-01-31T21:05:20","modified_gmt":"2023-01-31T20:05:20","slug":"matthaeus-99-13-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-99-13-4\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 9,9-13"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eDie Berufung des Matth\u00e4us\u201c |\u00a005.02.2023 | Mt 9,9-13 | Septuagesim\u00e4 |\u00a0Johannes L\u00e4hnemann |<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Matth\u00e4us 9,9-13<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">9\u00a0Und als Jesus von Kapernaum weiterging, sah er einen Menschen an der Zollstation sitzen, der hie\u00df Matth\u00e4us; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. 10\u00a0Und es begab sich, als er zu Tisch sa\u00df im Hause, siehe, da kamen viele Z\u00f6llner und S\u00fcnder und sa\u00dfen zu Tisch mit Jesus und seinen J\u00fcngern. 11\u00a0Als das die Pharis\u00e4er sahen, sprachen sie zu seinen J\u00fcngern: Warum isst euer Meister mit den Z\u00f6llnern und S\u00fcndern? 12\u00a0Als das Jesus h\u00f6rte, sprach er: Nicht die Starken bed\u00fcrfen des Arztes, sondern die Kranken. 13\u00a0Geht aber hin und lernt, was das hei\u00dft: \u00bbBarmherzigkeit will ich und nicht Opfer.\u00ab Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern S\u00fcnder.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus macht einen Gauner zu seinem Mitarbeiter. Pl\u00f6tzlich. Ohne Umschweife. Z\u00f6llner waren Kollaborateure der r\u00f6mischen Besatzungsmacht. Sie verdienten daran, dass es ihrem Volk schlecht ging. Nicht selten arbeiteten sie dabei in die eigene Tasche. Jesus beruft einen Z\u00f6llner: Das war ein \u00c4rgernis. Vier Mal wird das in den Evangelien erz\u00e4hlt. Am bekanntesten ist die Geschichte von Zach\u00e4us, die im Lukas-Evangelium berichtet wird. In den Parallelstellen zu unserem Predigttext bei Markus und Lukas ist es Levi, der von Jesus berufen wird. In unserem Text ist es Matth\u00e4us, nach dem man sp\u00e4ter das ganze Evangelium benannt hat. An allen 4 Stellen wird im Anschluss an die Berufung ein Festmahl geschildert, bei dem Jesus mit Z\u00f6llnern und S\u00fcndern feiert. Und jedes Mal muss Jesus sich rechtfertigen f\u00fcr sein anst\u00f6\u00dfiges Verhalten. Es sind herausfordernde Darstellungen, die jeden und jede von uns zum Nachdenken bringen wollen. Dem m\u00f6chte ich mich mit Ihnen in drei Schritten stellen:<\/p>\n<ol>\n<li>Eine ungeplante Berufung<\/li>\n<li>Ein Festessen als Prokation<\/li>\n<li>Was Gott wertvoll ist<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<ol>\n<li><strong>Eine ungeplante Berufung <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein ganzes Drama steckt schon in dem ersten Vers unseres Predigttextes:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Und als Jesus von Kapernaum weiterging, sah er einen Menschen an der Zollstation sitzen, der hie\u00df Matth\u00e4us; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gerade vorher war noch von der Heilung des Gel\u00e4hmten erz\u00e4hlt worden, davor und danach von mehreren anderen Wundern, die Jesus vollbrachte. Die Wunder folgen auf die Bergpredigt, auf die Seligpreisungen und die Schilderung von echter Liebe und Gerechtigkeit. In sechs umfangreichen Kapiteln wird Jesus bei Matth\u00e4us als der Heiland des Wortes und der Tat beschrieben. Auch unser Text ist in einem tieferen Sinn eine Wundergeschichte:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie kann aus einem Gauner ein J\u00fcnger Jesu werden?! Unmittelbarer als hier geht es ja wirklich nicht. Jesus spricht: \u201eFolge mir!\u201c Und dann: \u201eUnd er stand auf uns folgte ihm.\u201c Das Leben des Matth\u00e4us wird umgekrempelt. In einem Augenblick. Ohne dass ihm seine Vergehen vorgehalten werden. Ohne dass er ein S\u00fcndenbekenntnis ablegt. Das Festmahl, das im Anschluss geschildert wird, zeigt, dass f\u00fcr Matth\u00e4us alles anders geworden ist. Von jetzt an wird er selbst ein Lehrer daf\u00fcr, wie man ein neues Leben beginnen kann. Schon im n\u00e4chsten Kapitel des Matth\u00e4usevangeliums wird geschildert, wie Jesus die J\u00fcnger losschickt, um zu helfen und zu heilen, um zu zeigen, wie in Jesus Gottes N\u00e4he zu den Menschen gekommen ist. Das ist kein einfacher Auftrag. Wie die Schafe unter die W\u00f6lfe werdet ihr geschickt, sagt Jesus. Aber sie erhalten die Kraft, selbst die d\u00e4monischen Kr\u00e4fte zu bannen, von denen manche Menschen befallen sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ungeplante Berufungen: Das hat es in der Geschichte der Christenheit, ja in der Geschichte der Religionen immer wieder einmal gegeben. Im Neuen Testament wird geschildert, wie Paulus, der die junge Gemeinde verfolgte, vor Damaskus von Christus gerufen wird: \u201eSaul, was verfolgst du mich\u201c. Und umgehend wird aus dem Verfolger ein Nachfolger Jesu, einer, der unerm\u00fcdlich durch das ganze riesige r\u00f6mische Reich reist, um Menschen f\u00fcr die Nachfolge Jesu zu gewinnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich springe in eine ganz andere Zeitpoche und denke an Friedrich von Bodelschwingh im 19.\u00a0 Jahrhundert. Er, Sohn eines preu\u00dfischen Ministers und Spielgef\u00e4hrte der kaiserlichen Prinzen, hatte sich professionell in Landwirtschaft ausbilden lassen und war schon mit 21 Jahren Verwalter mehrerer gr\u00e4flicher G\u00fcter. Er wurde von Gottes Ruf getroffen, als er bei einem Missionsfest die Worte aus dem Lukasevangelium h\u00f6rte (10,2): \u201eDie Ernte ist gro\u00df. Aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn, dass er Arbeiter in seine Ernte sende!\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/EFF34612-94E6-478D-935F-343F2F39D972#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Er wechselt den Beruf, studiert Theologie und wird Pastor der armen deutschen Gastarbeiter in Paris. Er gr\u00fcndet dann Bethel, das sich zum gr\u00f6\u00dften diakonischen Liebeswerk in Deutschland entwickelt. Mit unerm\u00fcdlicher Fantasie setzt er sich f\u00fcr epileptische Kranke ein, die damals meist versteckt wurden, und die Obdachlosen, die \u00fcber die Stra\u00dfen wandern, sind f\u00fcr ihn keine Tippelbr\u00fcder, sondern Br\u00fcder von der Landstra\u00dfe. Er beginnt mit ihnen zu arbeiten. Seine professionellen Kenntnisse als Landwirt helfen ihm dabei, mit ihnen unfruchtbares Land urbar zu machen. \u201eArbeit statt Almosen\u201c. Ein auch heute noch g\u00fcltiges Motto.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unerwartete Rufe: K\u00f6nnen sie auch uns treffen? \u00dcberlegen Sie doch einmal, wo Ihnen das in Ihrem Leben passiert ist \u2013 und wo Sie das zu einem neuen Verhalten, zu einem, notwendigen, wichtigen Handeln gebracht hat! Dass Sie das Schicksal eines nahen oder fernen Menschen so getroffen hat, dass Sie sich sagten: Das kann mich doch nicht gleichg\u00fcltig lassen! Hier muss ich mich einsetzen! Hier muss ich raten, hier muss ich helfen, hier muss ich wenigstens etwas spenden. Gegenw\u00e4rtig erreichen uns viele solcher Rufe: aus den Kriegs- und Konfliktgebieten, aus den D\u00fcrregebieten, von den Menschen, die bei uns Zuflucht suchen. Jesus sagt auch hier: Folge mir! Setze deine Kraft und Fantasie ein, wo du es besonders kannst. Mit Beratung, mit Begleitung, ja auch mit Musik \u2013 was wir besonders in der Zeit der Pandemie gelernt und ge\u00fcbt haben, als z.B. ein Anruf aus dem Seniorenheim Abendfrieden hier in Goslar kam: Corona ist bei uns neu ausgebrochen. Wir sind hier ganz eingeschlossen. K\u00f6nnt ihr nicht kommen und auf unserem Innenhof mit dem Posaunenchor blasen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>Ein Festessen als Provokation<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In unserem Text hei\u00dft es weiter: <em>Und es begab sich, als er zu Tisch sa\u00df im Hause, siehe, da kamen viele Z\u00f6llner und S\u00fcnder und sa\u00dfen zu Tisch mit Jesus und seinen J\u00fcngern. 11\u00a0Als das die Pharis\u00e4er sahen, sprachen sie zu seinen J\u00fcngern: Warum isst euer Meister mit den Z\u00f6llnern und S\u00fcndern?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dass Jesus mit Z\u00f6llnern und S\u00fcndern zusammen isst, wird mehrfach in den Evangelien berichtet. Ja, er wurde wegen dieses Verhaltens sogar verspottet: \u201eein Fresser und Weins\u00e4ufer, der Z\u00f6ller und S\u00fcnder Geselle!\u201c hei\u00dft es in einem Schimpfwort \u00fcber ihn, das die Evangelien \u00fcberliefern (Mt 11,19: Lk 7,34). Jesus war kein Asket. Wenn Menschen umkehren, wenn sie von schlimmem Verhalten Abstand nehmen und neu anfangen, dann muss man das feiern! Dabei ist zu bedenken, dass f\u00fcr gl\u00e4ubige j\u00fcdische Menschen jede Mahlzeit gottesdienstlichen Charakter hat. Wenn Jesus mit Z\u00f6llnern und S\u00fcndern feiert, dann zeigt er: Mit diesen Menschen geh\u00f6re ich im Angesicht Gottes zusammen! Kein Wunder, dass die Pharis\u00e4er, die das sehen, kritisch fragen: \u201eWarum isst euer Meister mit den Z\u00f6llnern und S\u00fcndern?\u201c Wir d\u00fcrfen uns dabei die Pharis\u00e4er nicht pauschal als die Gegner Jesu vorstellen. Immer wieder hat Jesus mit ihnen disputiert und sich auch mit ihnen \u00fcber sein Verhalten verst\u00e4ndigt. Hier muss er nun antworten. Er bedient sich dazu eines einfachen Sprichworts: \u201eNicht die Starken bed\u00fcrfen des Arztes, sondern die Kranken.\u201c Er will sein Verhalten mit einem schlagenden Beispiel verst\u00e4ndlich machen. Er will die Pharis\u00e4er f\u00fcr seine Sicht gewinnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dass mit einer guten gemeinsamen Mahlzeit Neues beginnen kann, Schranken \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen, Freude geschenkt werden kann, ist eine Grunderfahrung, die wir heute genauso machen k\u00f6nnen \u2013 nicht nur, wenn wie in der Zille bei uns in Goslar mit Menschen, die besonderen Hilfsbedarf haben, gemeinsam gegessen wird, Nahrungsmittel verteilt werden, Beratungen angeboten werden. Sondern auch, wenn wir Menschen aus anderen L\u00e4ndern uns bei uns zum Essen haben, oder wenn im Fastenmonat Ramadan Muslime bewusst Nichtmuslime zum abendlichen Fastenbrechen, dem Iftar, einladen. Wenn wir \u00fcberlegen, wem wir mit Essen eine Freude machen k\u00f6nnen, haben wir \u2013 das zeigt unsere Geschichte \u2013 Jesus an unserer Seite.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun steht aber in unserem Text noch ein Wort Jesu, das \u2013 und das ist kennzeichnend f\u00fcr das Evangelium des Matth\u00e4us \u2013, aus dem Alten Testament stammt und sich bei dem Propheten Hosea findet (Hos 6,6). Jesus sagt: \u201eGeht aber hin und lernt, was das hei\u00dft: \u00bbBarmherzigkeit will ich und nicht Opfer.\u00ab\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das f\u00fchrt uns zu unserem 3. Punkt:<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong>Was Gott wertvoll ist<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Barmherzigkeit ist das entscheidende Wort. Wichtiger und wertvoller ist sie f\u00fcr Gott als ein noch so ernst gemeintes Opfer.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Barmherzigkeit hei\u00dft: Das Herz \u00f6ffnen. Andere so sehen, dass sie wertgesch\u00e4tzt sind, dass man sich in sie hineinversetzt, dass man sein Handeln danach ausrichtet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich will uns dazu eine alte Erz\u00e4hlung, eine urspr\u00fcnglich in Hebr\u00e4isch aufgezeichnete Geschichte, wiedergeben, die uns das im Kleinen wie im Gro\u00dfen besonders deutlich machen kann. Sie hei\u00dft:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201e\u201aAuf dem Berg Morija. Das Wunder br\u00fcderlichen Lebens\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/EFF34612-94E6-478D-935F-343F2F39D972#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zwei Br\u00fcder wohnten einst auf dem Berg Morija. Der j\u00fcngere war verheiratet und hatte Kinder, der \u00e4ltere war unverheiratet und allein. Die beiden Br\u00fcder arbeiteten zusammen, sie pfl\u00fcgten das Feld zusammen und streuten zusammen die Saat aus. Zur Zeit der Ernte brachten sie das Getreide ein und teilten die Garben in zwei gleich gro\u00dfe St\u00f6\u00dfe: f\u00fcr jeden einen Sto\u00df Garben. Als es Nacht geworden war, legte sich jeder der beiden Br\u00fcder bei seinen Garben nieder, um zu schlafen. Der \u00c4ltere aber konnte keine Ruhe finden und sprach in seinem Herzen: Mein Bruder hat eine Familie, ich dagegen bin allein und ohne Kinder, und doch habe ich gleich viele Garben genommen wie er. Das ist nicht recht. Er stand auf und nahm von seinen Garben und schichtete sie heimlich und leise zu den Garben seines Bruders. Dann legte er sich wieder hin und schlief ein. In der gleichen Nacht nun, eine geraume Zeit sp\u00e4ter, erwachte der J\u00fcngere. Auch er musste an seinen Bruder denken und sprach in seinem Herzen: Mein Bruder ist allein und hat keine Kinder. Wer wird in seinen alten Tagen f\u00fcr ihn sorgen? Und er stand auf, nahm von seinen Garben und trug sie heimlich und leise hin\u00fcber zu dem Sto\u00df des \u00c4lteren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als es Tag wurde, erhoben sich die beiden Br\u00fcder, und jeder war erstaunt, dass die Garbenst\u00f6\u00dfe die gleichen waren wie am Abend zuvor. Aber keiner sagte dar\u00fcber zum anderen ein Wort. In der zweiten Nacht wartete jeder ein Weilchen, bis er den anderen schlafend w\u00e4hnte. Dann erhoben sie sich, und jeder nahm von seinen Garben, um sie zum Sto\u00df des anderen zu tragen. Auf halbem Weg trafen sie einander, und jeder erkannte, wie gut es der andere mit ihm meinte. Da lie\u00dfen sie ihre Garben fallen und umarmten einander in herzlicher und br\u00fcderlicher Liebe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott im Himmel aber schaute auf sie hernieder und sprach:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Heilig ist mir dieser Ort, hier will ich bei den Menschen wohnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Warum erz\u00e4hle ich diese Geschichte? Weil sie sichtbar macht, was Barmherzigkeit im tiefsten Sinne bedeutet:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die beiden Br\u00fcder zeigen uns, was wir in unserem t\u00e4glichen Umgang miteinander brauchen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie denken zun\u00e4chst nicht an sich selbst, sondern sie denken dar\u00fcber nach, ob sie dem anderen gerecht werden. Und das l\u00e4sst sie nicht mehr schlafen. Wer erst einmal so weit ist, dem macht es auch nichts mehr aus, des Nachts aufzustehen, um dem anderen eine Freude zu machen. Und dass das heimlich geschieht, ist eigentlich das Sch\u00f6nste an der Geschichte. Hier wird nicht zur Schau gestellt, sondern im unbeobachteten Augenblick l\u00e4sst einer dem anderen das zukommen, was ihm zusteht. Als die beiden entdecken, wie herzlich sie einander zugetan sind, lassen sie die Garben fallen, denn die sind nicht mehr wichtig, sondern das Wissen darum, dass jeder auf das Wohl des anderen bedacht ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir ein wenig davon in unseren t\u00e4glichen Umgang miteinander hineinnehmen k\u00f6nnen, wie reich kann das unser Leben machen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber nun steckt in unserer Geschichte noch eine tiefere Symbolik:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Berg Morija, auf dem sie spielt, ist \u2013 \u00e4u\u00dferlich gesehen \u2013 wirklich der heiligste Berg der Welt. Nicht weniger als drei Weltreligionen versammeln sich hier, um Gott anzubeten: Juden, Christen und Muslime.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Abraham wandert hierher mit seinem Sohn Isaak, um ihn zu opfern \u2013 wovor Gott selbst ihn im letzten Moment zur\u00fcckh\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Salomo errichtet an diesem Ort den ersten Tempel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus h\u00e4lt sich hier im Tempel, dem Haus seines Vaters, auf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Von Mohammed wird erz\u00e4hlt, dass er von hier aus auf seinem Pferd zum Himmel ritt. Heute stehen hier die Al-Aksa-Moschee und der Felsendom. Wenn Gott sich ein pr\u00e4chtiges Geb\u00e4ude suchen sollte, um darin unter den Menschen zu sein, so h\u00e4tte er gewiss eine gute Wahl getroffen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber \u2013 so will unsere Geschichte sagen \u2013 Gott w\u00e4hlt nach ganz anderen Kriterien. Er m\u00f6chte da unter den Menschen sein, wo in seinem Sinne gelebt wird, und zwar br\u00fcderlich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn das selbstverst\u00e4ndliche Praxis bei den Angeh\u00f6rigen der drei Weltreligionen, die sich den Berg Morija zu ihrem Zentrum erw\u00e4hlt haben, ja zwischen den Angeh\u00f6rigen aller Religionen und Weltanschauungen werden w\u00fcrde, was bliebe dieser Welt erspart? Und wie sehr w\u00fcrde man sich das gerade gegenw\u00e4rtig f\u00fcr das Verhalten der Religionen in Jerusalem am Tempelberg w\u00fcnschen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr uns Christen hat das Jesus Christus besonders eindr\u00fccklich in seinem Gleichnis vom Endgericht zum Ausdruck gebracht, wo der Weltenrichter den vor ihm versammelten Menschen sagt: \u201aWas ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Br\u00fcdern, das habt ihr mir getan.\u2018 (Matth\u00e4us 25,40). Wir sind aufgerufen, das in unserer Begegnung mit allen Menschen zur Geltung kommen zu lassen, was Jesus an unserer Seite und f\u00fcr uns in seinem Leben und in seinem Leiden getan hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Kern und Anfang dieses br\u00fcderlichen und schwesterlichen Verhaltens aber ist, dass es uns geschenkt wird, aus dem Kreisen um uns selbst, um unser Ich herauszutreten und zum Herzen des Anderen zu finden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. em. Dr. Johannes L\u00e4hnemann, Goslar, <a href=\"mailto:johannes.laehnemann@gmail.com\">johannes.laehnemann@gmail.com<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes L\u00e4hnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligi\u00f6ser Dialog, Interreligi\u00f6ses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Vorsitzender der N\u00fcrnberger Regionalgruppe der <em>Religionen f\u00fcr den Frieden<\/em>, Mitglied am Runden Tisch der Religionen in Deutschland und Mitglied der internationalen <em>Standing Commission Interreligious Education <\/em>der internationalen Bewegung <em>Religions for Peace <\/em>(RfP).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel \u201eLernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosit\u00e4t.\u201c G\u00f6ttingen (Vandenhoeck &amp; Ruprecht) 2017.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liedempfehlungen (EG): 452 (Er weckt mich alle Morgen), 390 (Erneure mich, o ewigs Licht), 612 (Herr gib mir Mut zum Br\u00fccken bauen), 171 (Bewahre uns, Gott, beh\u00fcte uns, Gott))<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Predigt wird im Gottesdienst am Sonntag Septuagesim\u00e4, 05.02.2023, in der Neuwerkkirche in Goslar gehalten.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/EFF34612-94E6-478D-935F-343F2F39D972#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Friedrich von Bodelschwingh. Ein Lebensbild von Gustav von Bodelschwingh \u2013 mit einem Beitrag von Theodor Heuss. 14. Aufl. Bielefeld-Bethel 1978, 34f.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/EFF34612-94E6-478D-935F-343F2F39D972#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>[2] Nach H. Ritter: Wo Gott wohnt \u2013 Geschichten, Gedanken und Gebete zum Leben. Aus dem Hebr\u00e4ischen von J. Kerschensteiner. Essen 1990, 22ff. und J. L\u00e4hnemann\/Religionen f\u00fcr den Frieden N\u00fcrnberg: Spiritualit\u00e4t. Multireligi\u00f6s. Begegnung der Religionen n Gebeten, Besinnungen, Liedern. Berlin 2014, 57ff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Berufung des Matth\u00e4us\u201c |\u00a005.02.2023 | Mt 9,9-13 | Septuagesim\u00e4 |\u00a0Johannes L\u00e4hnemann | Matth\u00e4us 9,9-13 9\u00a0Und als Jesus von Kapernaum weiterging, sah er einen Menschen an der Zollstation sitzen, der hie\u00df Matth\u00e4us; und er sprach zu ihm: Folge mir! 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