{"id":16286,"date":"2023-01-31T17:02:26","date_gmt":"2023-01-31T16:02:26","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=16286"},"modified":"2023-01-31T21:13:01","modified_gmt":"2023-01-31T20:13:01","slug":"matthaeus-99-13-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-99-13-5\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 9,9-13"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Eine zweite Chance | Septuagesimae | 05.02.2023 | Matth\u00e4us 9, 9-13 | Luise Stribrny de Estrada |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">es hat Hoffnung und Zukunft gebracht;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">es gibt Trost, es gibt Halt<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">in Bedr\u00e4ngnis, Not und \u00c4ngsten,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">ist wie ein Stern in der Dunkelheit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Schwestern und liebe Br\u00fcder!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine Szene in der Praxis meiner Physiotherapeutin: Wir unterhalten uns nach der Krankengymnastik noch kurz und stellen fest, dass wir immer die gleichen Leute anziehen. \u201eUm mich herum gibt es lauter Lehrerinnen und Lehrer\u201c, erz\u00e4hle ich ihr. \u201eBei mir ist es anders\u201c, antwortet sie, \u201eich ziehe Esoteriker und Querdenker an.\u201c Ich bekomme einen Schreck und denkt: \u201eHoffentlich treffe ich die bei ihr nicht. Mit denen will ich nichts zu tun haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine weitere Szene: Ich bin in der Stadt unterwegs. Vor mir l\u00e4uft ein junger Mann. Er erinnert mich von Gr\u00f6\u00dfe und Haarschnitt an meinen Neffen, den ich sehr mag. Ich sehe noch einmal hin und registriere: Der junge Mann tr\u00e4gt eine Handschelle. Er ist gefesselt an einen \u00e4lteren Mann, wohl einen Gef\u00e4ngnisaufseher. Neben dem jungen Mann geht ein M\u00e4dchen, wahrscheinlich seine Freundin. \u201eWas kann er getan haben, dass er mit 18,19 schon im Gef\u00e4ngnis ist?\u201c, schie\u00dft es mir durch den Kopf. \u201eVielleicht ein Drogendelikt, ein Einbruch?\u201c Jedenfalls scheint seine Freundin zu ihm zu stehen. Dann sind die drei um eine Ecke verschwunden, ich gehe in Gedanken versunken weiter.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie fest sind meine Urteile?, frage ich mich nach diesen beiden Begegnungen. Gegen\u00fcber dem jungen Mann f\u00e4llt mein Urteil weniger hart aus: Er ist mir sympathisch und ich stelle mir vor, dass er sein Leben wieder in den Griff bekommen kann. Gegen\u00fcber den Querdenkern und Esoterikern bin ich unvers\u00f6hnlicher. &#8211; Bin ich bereit, meine \u00dcberzeugungen in Frage zu stellen und mich in meinen Urteilen verunsichern zu lassen? Oder beharre ich darauf, dass ich richtig liege und zu denen geh\u00f6re, die im Recht sind?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich nehme jetzt die Perspektive der anderen, der Au\u00dfenseiter, ein und sp\u00fcre dem nach, wie die Menschen um sie herum auf sie reagieren. Ich lande bei Matth\u00e4us, dem Z\u00f6llner, von dem wir in der Evangeliumslesung geh\u00f6rt haben. Jesus sagt zu ihm \u201eFolge mir nach\u201c, und der Z\u00f6llner steht ohne Umschweife auf und folgt ihm. Jesus hat in Matth\u00e4us etwas gesehen, was die anderen Menschen nicht bemerkt haben: F\u00fcr sie war er nur der Z\u00f6llner, der Halsabschneider, der sie bestahl, der Freund der verhassten Besatzungsmacht, der Kollaborateur. Jesus nahm etwas anderes wahr: Matth\u00e4us war unzufrieden mit seiner Art zu leben, er wollte da raus. Er sehnte sich nach einem anderen Leben. Er wollte sich selbst wieder ins Gesicht sehen k\u00f6nnen, ohne sich zu sch\u00e4men. Deshalb ergreift er die M\u00f6glichkeit, etwas zu ver\u00e4ndern, als Jesus sie ihm bietet, und wird sein J\u00fcnger.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er l\u00e4dt Jesus und seine J\u00fcnger in sein Haus ein, um mit ihnen zu essen. Da kommen noch andere Z\u00f6llner dazu, Freunde und Kollegen von Matth\u00e4us, und weitere Menschen, die als S\u00fcnder gelten. Vielleicht sind es Menschen, die gestohlen haben, Frauen, die sich aus Armut prostituiert haben, oder Menschen, die krank sind. Krankheit galt zur Zeit Jesu als Folge von S\u00fcnde. Bestimmt ist die J\u00fcngerin Maria Magdalena dabei, von der es hei\u00dft, Jesus habe sieben D\u00e4monen von ihr ausgetrieben. Wir deuten es heute so, dass sie psychisch krank gewesen ist und Jesus sie gesund gemacht hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie alle sitzen zusammen an einer langen Tafel und lassen es sich gut gehen. Sie essen und trinken, sie f\u00fchren gute Gespr\u00e4che miteinander, sie lachen und machen Witze. Es herrscht eine lockere Atmosph\u00e4re, alle f\u00fchlen sich wohl. Und Jesus ist mittendrin. Er st\u00f6\u00dft mit denen, die in seiner N\u00e4he sitzen, an, er l\u00e4sst sich besonders leckere Speisen empfehlen, er scherzt und erz\u00e4hlt Geschichten. Keiner und keine braucht an der Seite zu sitzen, alle geh\u00f6ren dazu. Es ist schon ein bisschen so, wie das Festmahl am Ende der Zeiten bei Gott sein wird. Ein Vorgeschmack auf das Himmelreich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Alle, die dort miteinander essen, haben die Hoffnung, dass sie wirklich dazu geh\u00f6ren und dass das, was in ihrem Leben falsch gelaufen ist, wieder gut werden kann. Sie hoffen, dass sie bei Jesus eine zweite Chance bekommen und noch einmal neu anfangen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Durch Jesus sieht Gott sie an und erkennt, wer sie in ihrem tiefsten Inneren sind: Sie sind und bleiben Gottes Kinder, egal, was sie getan haben oder was ihnen geschehen ist. Gott l\u00e4sst sie nicht fallen. Er liebt sie und nimmt sie an, so, wie sie sind. In seinen Augen sind sie sch\u00f6n.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber das Ganze ist keine heile Welt. Da kommen die Pharis\u00e4er und sehen das Festmahl im Haus des Matth\u00e4us. Sie f\u00fchlen sich provoziert und fragen die J\u00fcnger: \u201eWarum isst euer Meister mit den Z\u00f6llnern und S\u00fcndern?\u201c Zum einen glauben sie, dass Jesus sich damit verunreinigt, zum anderen sind sie eifers\u00fcchtig, weil sie es selbst m\u00f6gen, in der Gesellschaft Jesu zu sein. Die Pharis\u00e4er diskutieren gerne mit Jesus \u00fcber spannende theologische Fragen, sie laden ihn in ihre H\u00e4user ein und essen mit ihm. Jetzt zieht er ihrer Gesellschaft die der S\u00fcnder vor. Das ist schwer zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich erkenne mich in den Pharis\u00e4ern wieder: W\u00fcrde Jesus heute zu den Querdenkern und Esoterikern gehen oder zu den Strafgefangenen, zu den Obdachlosen und Fl\u00fcchtlingen, anstatt mit uns in unserer Gemeinde ein leckeres Essen zu teilen, w\u00e4re ich auch eingeschnappt und w\u00fcrde mich fragen: \u201eWarum tut er das? Hier bei uns in der Gemeinde sind doch viele nette Leute, die sich auf ihn gefreut haben, warum bleibt er nicht bei uns?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber vielleicht ist die Zuordnung gar nicht so einfach, gar nicht so klar. Sind wir wirklich nette Menschen, die die idealen Gespr\u00e4chspartner f\u00fcr Jesus sind? Stimmt die heile Oberfl\u00e4che? Mir f\u00e4llt eine Frau aus unserer Gemeinde ein, die mir erz\u00e4hlt: Mein Enkel w\u00e4chst im Osten auf. Dort ist er in Kontakt mit Rechten gekommen. Jetzt l\u00e4uft er herum wie sie und ich bekomme immer einen Schreck, wenn ich ihn sehe und denke: Fast wie ein Neonazi sieht er aus. &#8211; Eine Mutter aus dem Kindergarten erz\u00e4hlt: Meine Schwester ist ganz merkw\u00fcrdig drauf. Erst hat sie allen gesagt, nach ihrer psychischen Erkrankung ginge es ihr wieder super, aber jetzt hat sich herausgestellt, dass sie Drogen nimmt. Sie ist v\u00f6llig abgerutscht. &#8211; Die glatte Oberfl\u00e4che tr\u00fcgt. Wir alle kennen Menschen, die nicht in die Gesellschaft hineinpassen, die unsere Vorstellungen vom Leben, wie es sein sollte, in Frage stellen oder sogar konterkarieren. Und auch wir selbst f\u00fchren kein ideales Leben, sondern kommen im Laufe unseres Weges zu Kanten und Risse.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus antwortet auf die Frage der Pharis\u00e4er \u201eWarum isst du mit den S\u00fcndern?\u201c mit den Worten \u201eDie Kranken brauchen den Arzt, nicht die Starken oder: nicht die Gesunden\u201c. Wohin geh\u00f6ren wir? Zu den Gesunden oder zu den Kranken? Wahrscheinlich \u00e4ndert sich das in verschiedenen Phasen unseres Lebens: Oft sind wir gesund und stark, und k\u00f6nnen unser Leben so leben, wie wir wollen. Aber dazwischen gibt es Phasen der Krankheit; in denen wir auf Verst\u00e4ndnis, Unterst\u00fctzung und Schutz angewiesen sind. Dann brauchen wir den Arzt, auch den Arzt Jesus. Dann ist es gut, auf die Stimme Gottes zu h\u00f6ren, der sagt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich sehe dich. Es kann wieder gut werden. Dein Leben ist nicht auserz\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Du bekommst eine neue Chance.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Geh deinen Weg unter meinem Segen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Luise Stribrny de Estrada<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">L\u00fcbeck<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: <a href=\"mailto:pastorin.stribrny@gmx.de\">pastorin.stribrny@gmx.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Luise Stribrny de Estrada, geb. 1965, Pastorin der evangelischen Nordkirche. Von 2001 bis 2009 Pastorin der deutschsprachigen Gemeinde in Mexiko. Seit 2009 t\u00e4tig in der L\u00fcbecker Gemeinde St.Philippus, die vor einem Jahr mit den Nachbarn zur Gemeinde Marli-Brandenbaum fusioniert ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine zweite Chance | Septuagesimae | 05.02.2023 | Matth\u00e4us 9, 9-13 | Luise Stribrny de Estrada | Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht, es hat Hoffnung und Zukunft gebracht; es gibt Trost, es gibt Halt in Bedr\u00e4ngnis, Not und \u00c4ngsten, ist wie ein Stern in der Dunkelheit. Amen. Liebe Schwestern und liebe Br\u00fcder! 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