{"id":16634,"date":"2023-02-07T10:56:02","date_gmt":"2023-02-07T09:56:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=16634"},"modified":"2023-02-07T11:00:25","modified_gmt":"2023-02-07T10:00:25","slug":"jesaja-556-12a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-556-12a\/","title":{"rendered":"Jesaja 55,6-12a"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Wortwechsel in der Warteschleife | Sexagesim\u00e4 | 12.02.2023 | Jesaja 55,6-12a | Markus Kreis |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Worte sind genug gewechselt, lasst Taten sprechen! Aus Goethes Faust stammt der Satz. Zwei Theatermacher schw\u00e4tzen sch\u00f6n um ihr Tun und Lassen dort rum. Bis einem dritten, der dabeisteht, dem Herrn Direktor, die Sache zu bunt wird. Br\u00fcsk unterbricht er die beiden mit dem Satz: Der Worte sind genug gewechselt, lasst Taten sprechen! Und er fordert die zwei auf, sogleich ein Werk der Poesie zu schreiben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht ist Jesajas Leuten das Gerede um Gott auch zu viel geworden. Und sie forderten: Der Worte sind genug gewechselt, lass Taten sprechen! Der Prophet hat gehorcht und einen Text dazu verfasst. Ein wahres Werk der Poesie ist er geworden: Weit \u00fcber 2000 Jahre ist er alt, liegt schriftlich vor, gilt sehr vielen immer noch als ausgesprochen lesens- und h\u00f6renswert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wohl gemerkt: Taten sprechen lassen, das hei\u00dft bei Goethe und in der Bibel: Gute und passende Worte finden und aufzeichnen &#8211; statt nur wortkarg etwas bauen, stechen oder hauen und dergleichen Arbeiten mehr. Taten sprechen lassen, das hei\u00dft hier zus\u00e4tzlich: Schluss mit Sprache, die belanglos ist, nur ein Vergehen der Zeit bewirkt. Die wie eine Nachricht t\u00f6nt, in Wahrheit doch nur reines Rauschen ist. Und so lauten Jesajas gute und passende Worte:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>6\u00a0Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. 7\u00a0Der Gottlose lasse von seinem Wege und der \u00dcbelt\u00e4ter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. 8\u00a0Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, 9\u00a0sondern so viel der Himmel h\u00f6her ist als die Erde, so sind auch meine Wege h\u00f6her als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. 10\u00a0Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel f\u00e4llt und nicht wieder dahin zur\u00fcckkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und l\u00e4sst wachsen, dass sie gibt Samen zu s\u00e4en und Brot zu essen, 11\u00a0so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zur\u00fcckkommen, sondern wird tun, was mir gef\u00e4llt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. 12\u00a0Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gottes Wort an alle Stammler und Schweiger, \u00f6ffentlich Scheue und in sich Gekehrte lautet: Gute und passende Worte, die muss man suchen. Die sind entzogen statt einfach so mal schnell da zu sein. So wie eine Maschine k\u00fcnstlicher Intelligenz scheinbar einfach mal schnell einen durchschnittlich guten Text raushaut. Es ist ok, wenn Mensch nach Worten sucht. Auch wenn er lange daf\u00fcr braucht. Vor Gott steht er dabei keinesfalls dumm da. Weniger hei\u00dft ihm hier eher mehr. Das gilt \u00fcbrigens auch, wenn es um das Verstehen der Heiligen Schrift geht. Ja, da stehen bekannte Buchstaben. Aber hei\u00dft das, dass wir von allein und automatisch deren gute und passende Bedeutung verstehen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Viele Worte werden von Menschen nur deshalb gemacht: Sie \u00fcbert\u00fcnchen, dass ihnen gute und passende Worte fehlen. Das Problem dabei ist ja: Nichts zu sagen, das f\u00fchrt heute fast schon Strafe nach sich. Da schw\u00e4tzt man halt Standard, bevor man etwas Falsches sagt. Oder etwas Dummes. Oder etwas, das die Gef\u00fchle von Leuten verletzt oder einen dann in Zugzwang bringt. Das alles stellt sich unter Menschen dann leider oft so dar:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zu neugierig, um auf Sensation zu verzichten. Neugierig genug, um nach Skandal und Elend zu schielen. Zu gef\u00fchlsdumpf, um einen Verzweifelten gut zu tr\u00f6sten. Verblendet genug, um falsche Hoffnungen zu verbreiten. Zu sehr Besserwisser, um Fehler gut zu kritisieren. \u00dcberheblich genug, um jemanden mal richtig runter laufen zu lassen. Zu neidisch, um jemand f\u00fcr seinen Erfolg passend zu loben. Missg\u00fcnstig genug, sich \u00fcber den Misserfolg eines anderen leise zu freuen. Zu selbstverliebt, um jemandem richtig zu danken. Genug vom eigenen Erfolg verw\u00f6hnt, um nur halbherzig zu danken &#8211; oder gleich gar nicht. Zu gro\u00dfkotzig, um einen richtig zu ermutigen, dem die Angst bis zum Hals steht. Brutal genug, um einem zu drohen oder zu k\u00fcndigen. Zu selbstgewiss, um Falsches als Unwahrheit zur\u00fcck zu nehmen. Verirrt genug, um einfach so die Wahrheit auszulassen, bewusst oder unbewusst. Zu verdruckst und verstockt, um zu h\u00e4sslichen Gef\u00fchlen zu stehen. Lauthals genug, um mit sozial erw\u00fcnschten Gef\u00fchlen hausieren zu gehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da fl\u00fcchten viele doch lieber in den Standard, ins Gewohnte, produzieren leere Worte, die ihrerseits H\u00fclsen aussto\u00dfen. Ein Teufelskreis. Hauptsache das Gesicht gewahrt und die Mitmenschen hingehalten, meist mitsamt der Wahrheit. Deshalb wird so viel alter Mist produziert und getextet und geh\u00f6rt und angeschaut: im Radio, im TV, im Internet. Alles voller toller Infos. In den Medien verkommt dar\u00fcber Sprache langsam zu einer riesigen Gebetsm\u00fchle. Nur merkt man das kaum, weil es sehr vielstimmig klingt und gut aussieht. Aber bedeutet grell und viel gleich gut und passend?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gottes Wort f\u00fcr alle entt\u00e4uschten H\u00f6rer und Leser sowie die Schnell- und Lautsprecher, Viel- und Berufstexter lautet: Gute und passende Worte, die lassen sich finden. Das hei\u00dft: Wem sie fehlen, und wer sich Zeit zu suchen nimmt, dem kommen sie entgegen. Die Zeit, die einem die Sprache verschl\u00e4gt, die wird zu Ende gehen. Jede Suche ohne Worte wird eine Sprache finden. Dann werden die H\u00f6rer oder Leser, jegliche Empf\u00e4nger, die guten und passenden Worte leicht finden. Und sie finden sie sogar gut und passend und neu.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Warum ist es \u00fcberhaupt so schwer, gute und passende Worte zu finden? Gottes Gedanken und Wege k\u00f6nnen ganz anders als sein unsere Gedanken und Wege. Jesaja sagt kurz: Zu hoch f\u00fcr uns! Unabh\u00e4ngig von all unserem Verstehen und K\u00f6nnen. Das zugegebenerma\u00dfen schon recht hoch und ansehnlich ist. Unser K\u00f6nnen, Verstehen und Wollen hat seine Grenzen. Wie auch k\u00f6nnte das anders sein? Eines jeden Leben ist schlie\u00dflich sterblich und endlich. So auch all das, was daraus erw\u00e4chst. Wie leicht hat man sich mit der Endlichkeit versch\u00e4tzt! Weil die im Spiel ist, wei\u00df das Leben einem immer wieder \u00dcberraschungen zu bieten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die gute \u00dcberraschung, das, was hier hoffen l\u00e4sst &#8211; das ist etwas, f\u00fcr das es im Deutschen kein eigenes Wort gibt. Virtue Circle sagt man in den USA oder bei den Briten. Engelskreislauf ist ein Wort, das es im Deutschen leider nicht gibt. So als ob wir meinten, nur das B\u00f6se regierte die Welt. In der Kurpfalz sagt man immerhin: Wenn es l\u00e4uft, dann l\u00e4uft es halt! Und es l\u00e4uft in Wahrheit rund. Denn Gott ist wie ein Sisyphos, der unabl\u00e4ssig gute und passende Worte in unsere Gedanken w\u00e4lzt. Auf dass sie auf Mund und Zunge landen und in des H\u00f6rers Ohr. Und doch entfallen sie uns immer wieder.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gottes Gedanken sickern irgendwie in unsere Gedanken ein und machen Sprechen und Leben neu. Das ist bei allen b\u00f6sen die eine gute \u00dcberraschung. Wir jedoch kommen uns vor wie in der Warteschleife. Niemand spricht mit uns, obwohl wir angerufen haben. Und doch gilt: Gott spricht unabl\u00e4ssig in uns. Was andere sehen m\u00f6gen als ein irres Gespr\u00e4ch mit sich selbst &#8211; es ist Gott, der mit uns redet. Sein Heiliger Geist spricht in uns. Und wir \u00fcberh\u00f6ren es oft genug, aller Achtsamkeit zum Spott und Trotz. Wir h\u00f6ren ihn, ohne zu merken, dass er uns anspricht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sonst k\u00f6nnen wir ja ausgesprochen hellh\u00f6rig sein, wenn jemand sich an uns wendet. Zumal, wenn wir im Habacht sind. Da sp\u00fcren wir jeden Unterton, da gehen wir dem kleinsten Ger\u00e4usch nach, merken bei jeder schiefen Schallwelle auf. Aber wenn es darum geht, ob wir den Geist h\u00f6ren oder nur unser eigenes Echo, da geb\u00e4rden wir uns wie taub. Bleiben stumm oder verfehlen uns in der Sprache. Und trotzdem: Gottes Gedanken sickern irgendwie in unsere Gedanken ein und machen unser Sprechen neu.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manchmal arbeitet Gott auch ohne gro\u00df Worte zu machen. Wortkarg wie Sisyphos w\u00e4lzt er gute Bedeutung in uns. Sowieso machen Menschen viele Sachen ohne ein Wort zu verlieren. Viel \u00f6fter als man so meint. Leider nicht nur gute, sondern auch schlechte. Einige verletzen sich stumm, aus anderen bricht pl\u00f6tzlich Gewalt gegen Mitmenschen hervor. Oder sie kriegen wie aus dem Nichts Attacken der Angst, Verzweifeln. Wei\u00df der Kuckuck, wer so was ins Gehirn w\u00e4lzt. Es gibt aber auch das Andere. Da, wo Gott wie Sisyphos unentwegt seine Arbeit macht. Auf einmal tut oder sagt jemand etwas Gutes, was er zuvor quasi verweigert hat. Oder was ihm vorher keiner zutraute. Ja, manch einer kommt erst in der Stille \u201ein the zone\u201c wie die heutige Jugend sagt. Wird dann fokussiert, so dass alles wie von alleine geht. Oder gelangt sogar in einen Engelskreislauf. Wes das Herz voll ist, dem l\u00e4uft der Mund \u00fcber. Wenn es l\u00e4uft, dann l\u00e4uft es halt. Gottes Wortwechsel l\u00e4uft jedenfalls in der Warteschleife und tut das Seine.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann bleiben wir neugierig, auch wenn uns jemand oder etwas \u00e4ltlich oder farblos daherkommt. Dann sind wir sensibel genug und wissen einen Verzweifelten passend zu tr\u00f6sten. Dann sind wir bescheiden genug, um Fehler gut zu kritisieren. Dann g\u00f6nnen wir anderen ihren Erfolg und feiern mit ihnen. Dann k\u00f6nnen wir von Herzen danken. Dann sind wir gut beraten und machen Mut, ohne den anderen zu \u00fcberfordern oder zu unterfordern. Dann stehen wir dazu, dass wir uns geirrt haben. Dann h\u00f6ren wir unsere h\u00e4sslichen Gef\u00fchle in uns sprechen. Und bitten Gott um seine Hilfe im Umgang damit. All das, weil Gott in der Warteschleife am Wortwechsel wie ein Sisyphos arbeitet, jedem Frust zum Trotz. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Markus Kreis OStR<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Werner von Siemens Schule<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>68167 Mannheim<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>eMail: markus-kreis@t-online.de<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wortwechsel in der Warteschleife | Sexagesim\u00e4 | 12.02.2023 | Jesaja 55,6-12a | Markus Kreis | Der Worte sind genug gewechselt, lasst Taten sprechen! Aus Goethes Faust stammt der Satz. 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