{"id":1690,"date":"2020-02-05T11:22:23","date_gmt":"2020-02-05T10:22:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=1690"},"modified":"2020-02-21T18:38:44","modified_gmt":"2020-02-21T17:38:44","slug":"gottes-rechenschieber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/gottes-rechenschieber\/","title":{"rendered":"Gottes Rechenschieber"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Matth\u00e4us 20,1-16, verfasst von Andreas Kern |<\/h3>\n<p>Jesus erz\u00e4hlte den Leuten dieses Gleichnis (Matth\u00e4us 20,1-16 &#8211; Hoffnung f\u00fcr Alle): Am Ende wird es in Gottes himmlischem Reich so sein wie bei einem Grundbesitzer, der fr\u00fchmorgens in die Stadt ging und Arbeiter f\u00fcr seinen Weinberg anwarb. Er einigte sich mit ihnen auf den \u00fcblichen Tageslohn und schickte sie in seinen Weinberg. Gegen neun Uhr morgens ging er wieder zum Marktplatz und sah dort noch einige Leute stehen, die keine Arbeit hatten. \u203aGeht auch ihr in meinen Weinberg\u2039, sagte er zu ihnen. \u203aIch werde euch angemessen daf\u00fcr bezahlen.\u2039 Und so taten sie es. Zur Mittagszeit und gegen drei Uhr nachmittags machte sich der Mann erneut auf den Weg und stellte weitere Arbeiter ein.Als er schlie\u00dflich um f\u00fcnf Uhr ein letztes Mal zum Marktplatz kam, fand er dort immer noch ein paar Leute, die nichts zu tun hatten. Er fragte sie: \u203aWarum steht ihr hier den ganzen Tag unt\u00e4tig herum?\u2039 \u203aUns wollte niemand haben\u2039, antworteten sie. \u203aGeht doch und helft auch noch in meinem Weinberg mit!\u2039, forderte er sie auf. Am Abend beauftragte der Besitzer des Weinbergs seinen Verwalter: \u203aRuf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den letzten an und h\u00f6r bei den ersten auf!\u2039 Zuerst kamen also diejenigen, die gegen f\u00fcnf Uhr eingestellt worden waren, und jeder von ihnen erhielt den vollen Tageslohn. Dann traten die vor, die schon fr\u00fcher mit der Arbeit begonnen hatten. Sie meinten, sie w\u00fcrden nun mehr bekommen, aber auch sie erhielten alle nur den vereinbarten Tageslohn. Da beschwerten sie sich beim Grundbesitzer: \u203aDie Leute, die du zuletzt eingestellt hast, haben nur eine Stunde gearbeitet, und du zahlst ihnen dasselbe wie uns. Dabei haben wir uns den ganzen Tag in der brennenden Sonne abgerackert!\u2039 \u203aMein Freund\u2039, entgegnete der Grundbesitzer einem von ihnen, \u203aich tue dir doch kein Unrecht! Haben wir uns nicht auf diesen Betrag geeinigt? Nimm dein Geld und geh! Ich will nun einmal auch dem Letzten genauso viel geben wie dir. Darf ich mit meinem Besitz denn nicht machen, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so gro\u00dfz\u00fcgig bin?\u2039 Ebenso wird es einmal bei Gott sein: Dann werden die Letzten die Ersten sein, und die Ersten die Letzten.\u00ab<\/p>\n<p>Ich habe was mitgebracht: meinen Rechenschieber aus der Schule. Das muss so in der 8. oder 9. Klasse gewesen sein, und meine Schulzeit ist lange genug her, dass es da noch keine Computer gab. F\u00fcr das Malnehmen oder Teilen von Zahlen haben wir tats\u00e4chlich solche komischen Ger\u00e4te genutzt: Rechenschieber. Kennt heute kaum noch ein Mensch, so etwas. Ich musste auch erst wieder ein bisschen \u00fcben f\u00fcr diese Vorf\u00fchrung.<\/p>\n<p>[ Rechenschieber vorf\u00fchren, (mit \u00e4lteren Kindern?) Beispiele berechnen:<br \/>\n2\u00a0mal 3 ist einfach, aber 2\u00bd mal 3\u00bd ?<br \/>\n9 geteilt durch 3 ist einfach, aber 9 geteilt durch 3\u00bd ?<br \/>\nDas geht mit dem Rechenschieber genauso einfach! ]<\/p>\n<p>Wir alle haben schon mal selbst gerechnet, was <em>Am Ende<\/em> rauskommen wird, oder? Wer ehrlich ist, der wird zugeben: Das tut er oder sie jeden Tag!<\/p>\n<p>Wenn ich die Spritpreise vergleiche und die Tankstelle mit dem um 2\u00a0Cent g\u00fcnstigeren Preis ansteuere, rechne ich mir aus: bei 50 Litern 1\u00a0Euro gespart, sehr sch\u00f6n! Beim HVV kaufen wir die Gruppenkarte, wenn wir zu Zweit oder zu Dritt nach Hamburg unterwegs sind \u2013 schon wieder gespart, diesmal mehr als 1 Euro! Und genauso bei den Sonder-Angeboten aus den vielen Prospekten, bei den Rabatt-Gutscheinen und den Payback-Punkten: Wir rechnen aus, was wir gewinnen (oder zu gewinnen hoffen), wenn wir das in Anspruch nehmen. Viele von uns spielen Lotto oder schlie\u00dfen Wetten ab, im Wettb\u00fcro, im Internet oder an der B\u00f6rse \u2013 und meinen tats\u00e4chlich, dass sie dabei gewinnen w\u00fcrden, irgendwann.<\/p>\n<p>Denn nat\u00fcrlich ist es uns allen auch schon passiert, dass wir uns vertan haben bei der Berechnung unseres Vorteils. Dass unsere Erwartungen sich nicht erf\u00fcllt haben, dass da ein Denkfehler drin war oder ein Problem, das wir nicht vorausgesehen haben: Wir haben <em>am Ende<\/em> nicht das erhalten, was wir gedacht haben. Wir haben den Vorteil nicht voll aussch\u00f6pfen k\u00f6nnen, den Gewinn nicht erzielt.<\/p>\n<p>Der Volksmund hat f\u00fcr solche Mathematik sch\u00f6ne Ausdr\u00fccke gefunden:<\/p>\n<p>Bei der sprichw\u00f6rtlichen <em>Milchm\u00e4dchenrechnung<\/em> werden wesentliche Dinge vergessen. Da kommt nat\u00fcrlich ein Ergebnis raus, das sogar richtig berechnet ist \u2013 aber wenn ganz am Anfang was nicht stimmt, stimmt auch das Ergebnis nicht.<\/p>\n<p>Und <em>die Rechnung ohne den Wirt machen,<\/em> das hei\u00dft: Ich rechne schon mal aus, wie viel ich wohl bezahlen muss <em>am Ende<\/em>\u2013 aber ohne einen wichtigen Partner, der seine Zahlen mitbringt, geht das oft daneben: Es kommt etwas ganz anderes heraus als ich dachte.<\/p>\n<p>In unserer Gleichnis-Geschichte rechnen die Menschen auf ihre menschliche Art: Die vom fr\u00fchen Morgen an gearbeitet haben, die haben vergessen, was sie als Lohn abgemacht hatten mit dem Weinbergbesitzer. Zur Erinnerung: Abgemacht war der damals \u00fcbliche Lohn f\u00fcr einen ganzen Tag Arbeit, das war ein Silbergroschen oder Denar. Nehmen wir mal an, dass das heute 100 Euro w\u00e4ren. Wer heute als Ungelernter in der Landwirtschaft Mindestlohn erh\u00e4lt, kommt mit \u00dcberstunden auf etwa diesen Betrag. Davon wird man nicht reich, aber man ist auch nicht ganz schlecht dran.<\/p>\n<p>Der Weinbergbesitzer hat also mit denen, die er am Morgen eingestellt hatte, einen fairen Lohn abgemacht. Das war keine Zumutung. Er hat sie nicht ausgenutzt, schlecht behandelt, sondern die \u00fcbliche und akzeptierte Gr\u00f6\u00dfenordnung eingehalten.<\/p>\n<p>Das \u00c4rgernis, der Skandal entsteht, weil die, die den ganzen Tag in der hei\u00dfen Sonne gearbeitet haben, abends nun danebenstehen und sehen, was die bekommen, die nur eine Stunde mitgemacht haben: Die bekommen den ganzen Tageslohn, einen Denar!<\/p>\n<p>Klar, ich w\u00fcrde auch sofort rechnen: Ich hab viel mehr Stunden gearbeitet, 9 oder 12 lange Stunden \u2013 also m\u00fcsste ich dann wohl 9 oder 12 Tages-L\u00f6hne gezahlt bekommen!<\/p>\n<p>Aber da habe ich offenbar die <em>Rechnung ohne den Wirt gemacht<\/em>! Gott m\u00fcsste wie ich rechnen, habe ich gedacht. Tut er aber nicht!<\/p>\n<p>Hier sehen wir, was Jesus uns und denen, die seine Erz\u00e4hlung h\u00f6ren, zeigen will: Im Himmel wird nicht gerechnet. Und wenn doch, dann in Dimensionen, die wir nicht nachvollziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gott rechnet nicht \u2013 oder eben ganz anders. F\u00fcr sein Himmelreich hat er einen anderen Rechenschieber als wir Menschen. Auf Gottes Rechenschieber gibt es n\u00e4mlich keine Zahlen, die der Gr\u00f6\u00dfe nach in logarithmischen Skalen angeordnet sind.<\/p>\n<p>Auf Gottes Rechenschieber steht \u00fcberall nur drauf: <em>Genug<\/em>.<\/p>\n<p>Genug zum Leben.<\/p>\n<p>Genug zum Lieben, Genug zum Frieden, zum Heilen und zum Heil.<\/p>\n<p>Genug zum Vers\u00f6hnen, Genug zum Teilen, Genug zum Verschenken.<\/p>\n<p>Ja, es stimmt: Menschen \u2013 auch in den Kirchen \u2013 haben immer versucht, Gottes Heil und Gottes Liebe zu berechnen. Aber das ist beides nicht berechenbar! Weil Gottes Liebe n\u00e4mlich unendlich ist! Weil seine G\u00fcte keine Schwellenwerte kennt und seine Barmherzigkeit keine Listen f\u00fchrt. Sie sind alle absolut, au\u00dferhalb unserer menschlichen Vorstellungskraft und all unserem Verstehen komplett entzogen \u2013 also unberechenbar.<\/p>\n<p>Jesus m\u00f6chte, dass wir verstehen: Gott ist einer, der jedem das schenkt, was er braucht.<\/p>\n<p>Nun frage ich nat\u00fcrlich gleich wieder: Wer wei\u00df denn, was ich brauche, was f\u00fcr mich genug ist? Darf ich da vielleicht auch ein W\u00f6rtchen mitreden? Oder bestimmt das wer anders?<\/p>\n<p>Ich kann gerne versuchen mitzureden. Aber ich merke irgendwann: Je lauter ich sage, was ich will, desto k\u00fcmmerlicher ist das Ergebnis. Gottes <em>Genug<\/em> ist f\u00fcr mich genug: Das lerne ich wohl eher, wenn ich nicht so viel fordere, sondern ein wenig bescheidener bleibe.<\/p>\n<p>Ich kann mit meinem Rechenschieber \u2013 oder wir heute mit Computern \u2013 die Welt und das Geld sch\u00f6n berechnen. Ich m\u00f6chte, dass die Ingenieure die Elbbr\u00fccken nach Hamburg sehr genau und im Detail berechnen, bevor ich da r\u00fcberfahre mit der Bahn oder im Auto. Daf\u00fcr sind die Rechenschieber damals und die Computer heute phantastisch gute Instrumente!<\/p>\n<p>Aber sobald wir versuchen, die Liebe zu berechnen, stellen wir fest: Das funktioniert nicht. Wer die Treue, den Frieden oder das Heil berechnen will, der wird j\u00e4mmerlich scheitern.<\/p>\n<p>Wer aber darauf vertraut, dass Gott <em>Genug<\/em> gibt, gewinnt Frieden und Heil.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung von Jesus beginnt mit <em>Am Ende<\/em>. Am Ende werden wir alle von Gott so ausgezahlt, dass wir unendlich reich sind. Das lernen wir in dieser Erz\u00e4hlung. Gott belohnt uns, wenn wir uns auf ihn einlassen. Wer in seinem Weinberg mitarbeitet, erh\u00e4lt den vollen Lohn.<\/p>\n<p><em>Am Ende<\/em>: Damit ist, so meine ich, nicht das Ende meiner Zeit gemeint. Dass ich <em>Genug<\/em> habe, dass Gott mich liebt und mir Leben schenkt, das sp\u00fcre ich doch auch in meinem t\u00e4glichen Leben. Und ich kann das ausstrahlen in meine Umgebung, kann es in der N\u00e4he und in der Ferne wirksam werden lassen: Weil Gottes Rechenschieber nur <em>Genug<\/em> kennt, bin ich reich entlohnt, reich beschenkt. Weil Gott mich liebt, habe ich <em>Genug<\/em>, selbst wenn ich davon t\u00e4glich etwas abgebe.<\/p>\n<p>Vielleicht hei\u00dft es <em>Himmelreich<\/em>, weil wir da alle reich sind? \u00dcberlegen Sie mal! Und dann rackern Sie mit in diesem Weinberg! Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Matth\u00e4us 20,1-16, verfasst von Andreas Kern | Jesus erz\u00e4hlte den Leuten dieses Gleichnis (Matth\u00e4us 20,1-16 &#8211; Hoffnung f\u00fcr Alle): Am Ende wird es in Gottes himmlischem Reich so sein wie bei einem Grundbesitzer, der fr\u00fchmorgens in die Stadt ging und Arbeiter f\u00fcr seinen Weinberg anwarb. 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