{"id":1703,"date":"2020-02-05T11:38:43","date_gmt":"2020-02-05T10:38:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=1703"},"modified":"2020-02-21T18:28:03","modified_gmt":"2020-02-21T17:28:03","slug":"von-den-haltestellen-des-himmelreichs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/von-den-haltestellen-des-himmelreichs\/","title":{"rendered":"Von den Haltestellen des Himmelreichs"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Matth\u00e4us 20,1-16, verfasst von Ralf Reuter |<\/h3>\n<p>Wie sind Sie zu Ihrem Beruf, zu Ihrer T\u00e4tigkeit, Ihres Engagements gekommen? Abgesehen von der Vorgeschichte beginnt das immer mit einer Bewerbung. Es gibt Zeiten, wo eingestellt wird, wo eine Lehre, ein Studium beginnt, oder auch ein Ehrenamt. Es h\u00e4ngt von den M\u00f6glichkeiten ab, wer dabei ist und wer nicht.<\/p>\n<p>Da steht man dann wie an einer Haltestelle. Kommt der Bus, der Zug vorbei und h\u00e4lt an, kann man zusammen mit anderen einsteigen. Andere kommen erst sp\u00e4ter mit, oder warten l\u00e4nger, irgendwann nimmt der Zug auch sie mit. Wir haben wahrscheinlich alle einmal gewartet, und waren richtig froh, endlich einsteigen zu k\u00f6nnen. So beginnen Karrieren des Lebens. Kurze und lange.<\/p>\n<p>Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg gibt es unterschiedliche Zeiten, in denen Menschen eingestellt werden. Fr\u00fchmorgens, vormittags, mittags, nachmittags und gegen Abend. Immer kommt eine neue Gruppe dazu. Zuletzt sind alle im Weinberg versammelt und arbeiten. Die einen schon den ganzen Tag, andere nur in der letzten Stunde.<\/p>\n<p>So geht das offenbar auf Erden zu. Nicht nur in der Arbeit, auch in Beziehungen. Einen Menschen zu finden, der einen liebevoll begleitet. Auch das hat etwas von einer Haltestelle, und auch etwas von fr\u00fchem oder sp\u00e4tem Gl\u00fcck. Und auch etwas von Arbeit, Beziehungsarbeit. Zusammenleben, gar Kinder bekommen, das ist wie in einem Weinberg, manchmal kommt da noch etwas sp\u00e4ter dazu.<\/p>\n<p>Ist es auch ein Gleichnis f\u00fcr das Leben? Manchmal gelingt es, sehr fr\u00fch schon in die Spur zu kommen, mitgenommen zu werden. Dahin, wo es spannend ist, wo man sich entwickeln kann und ein Auskommen hat. Doch oft geschieht das erst sp\u00e4ter. Entweder war man nicht an der richtigen Haltestelle, oder es gab keinen, der einen mitgenommen hat. Hier sind Gott sei Dank auch die Sp\u00e4tz\u00fcnder dabei, zuletzt haben alle ihren Platz gefunden.<\/p>\n<p>Daher gleicht die Geschichte einem Himmelreich. Es ist eine Erfolgsgeschichte. Letztendlich sind alle bei Gott gelandet. Denn der Hausherr wird wohl Gott sein, der hier Arbeiter anwirbt f\u00fcr seinen Weinberg. Vielleicht spielt das Gleichnis auch in der Kirche. Immer gibt es welche, die schon von Anfang an hier waren, und immer andere, die sp\u00e4ter dazugekommen sind. Doch alle haben Zugang zu seinem Wort, sind an seinen Tisch geladen.<\/p>\n<p>Ich stelle mir dabei allerdings die Frage nach dem Reich Gottes. Ob wir in einen Zug gestiegen sind, der uns tats\u00e4chlich in so etwas wie das Himmelreich gebracht hat. Wo uns im Weinberg unseres Lebens und Arbeitens, unseres Glaubens und Liebens schon das Himmlische leitet. Das kann nicht wirklich sein. Denn hier auf der Arbeitsstelle, im Weinberg, herrscht Neid und Streit. Als Grund wird Gott selber identifiziert, er zahlt als Hausherr abends den Lohn aus und gibt allen das Gleiche.<\/p>\n<p>Ungerechter kann es eigentlich nicht zugehen. Die zuletzt Eingestellten erhalten das Gleiche wie die zuerst Eingestellten, die den ganzen Tag lang im Weinberg des Herrn geschuftet haben. Also sich im Beruf abgerackert, in der Beziehung durchgehalten, ihre Kinder gro\u00dfgezogen, die im Leben erfolgreich, der Kirche von Anfang an dabei gewesen sind. Das ist doch ungerecht!<\/p>\n<p>Gott muss hier Rede und Antwort stehen, sein Verhalten wird stark kritisiert. Zu Recht. Denn das ist und bleibt ungerecht, wie es in dieser Welt zugeht. Er als Hausherr hat seinen Laden nicht wirklich im Griff. Klar, es landen irgendwann alle im Weinberg, doch was bedeutet es an verschenkten M\u00f6glichkeiten, an Verzicht und Verlust, so lange darauf gewartet zu haben!<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte sich auch f\u00fcr die zuerst Eingestellten ereifern: Die zuletzt zur Kirche kommen, haben gar keine richtige religi\u00f6sen Biographie! Die so sp\u00e4t in eine feste Beziehung finden, k\u00f6nnen unm\u00f6glich das Vertrauen einer jahrzehntelangen Ehe erlangen! Wer nur etwas arbeitet, hat vorher auf Kosten anderer gelebt! Und die, die aus einem anderen Land kommen, k\u00f6nnen doch nicht die gleichen Rechte haben wie wir, die hier seit Generationen leben!<\/p>\n<p>Es ist hier wie in unseren gegenw\u00e4rtigen Debatten. Je mehr wir nachdenken \u00fcber die vers\u00e4umten Chancen, \u00fcber die ungerechte Bezahlung, desto un\u00fcbersichtlicher und hitziger wird das. Alle Argumente sind auch zu widerlegen. Gott schl\u00e4gt sich hier ganz tapfer, aber \u00fcberzeugt er auch? Er spricht jedenfalls sehr eindringlich zu den Ersten, zu denen, die schon an der fr\u00fchen Haltestelle standen und eingestiegen sind.<\/p>\n<p>Das sind ja seine Treuen. Er redet sie pers\u00f6nlich mit \u201emein Freund\u201c an. In unseren Beispielen also die Arbeitssamen, die Beziehungsstarken, die Kirchenverbundenen. Ihr habt nicht weniger bekommen, als ich euch zugesagt habe. Ihr seid dabei, habt den vollen Lohn. \u201eNimm, was dein ist, und geh\u201c, ganz direkt spricht er zu ihnen, ja zu uns. Du hast alles von Gott bekommen. Nach meiner Meinung kann das nur hei\u00dfen: Dein Ankommen im Weinberg des Herrn ist der Eintritt ins Himmelreich.<\/p>\n<p>Und im n\u00e4chsten Moment hast du das Himmelreich schon wieder verloren. Deine Augen sehen nicht nach vorne, auf das, was Gott dir schenkt, sondern zur Seite, auf diejenigen, die das Gleiche bekommen haben. Du drehst dich sogar um, und siehst zur\u00fcck auf den Weg, auf die sp\u00e4ter an der Haltestelle Eingestiegenen, und beginnst zu vergleichen. Denselben Lohn f\u00fcr weniger Einsatz! Das macht dich ganz krank vor Neid.<\/p>\n<p>So bist du mitten im realen Leben angelangt und stehengeblieben. Und mit dir stockt das gemeinsame Arbeiten in den Ver\u00e4nderungsprozessen des Lebens. Als ob es Gott gar nicht g\u00e4be, bin ich versucht zu sagen. Als ob Gott nicht so etwas wie die h\u00f6chste Instanz des Lebens ist, und wir die Arbeitenden in seinem Weinberg! Geben wir hier nie den Glauben an Gott auf! Halten wir das aus, auch das, was daran sehr fremd erscheint. Dieses Gleichnis erz\u00e4hlt von Gott!<\/p>\n<p>Aber Vorsicht! Das darf nimmermehr die Verh\u00e4ltnisse hier auf Erden rechtfertigen! Ein solches Verhalten eines Unternehmers ist ungerecht, ist pure Willk\u00fcr. Ganz ohne Leistung und Beurteilung wird das Wirtschaftsleben nicht funktionieren. Und ein Kirchenvorstand, ein Pastor, kann nicht einfach die treue Kerngemeinde \u00fcbergehen und sich nur um die neu Dazukommenden bem\u00fchen.<\/p>\n<p>Und doch hat Gott recht! Bei Gott sind viele Dinge m\u00f6glich. Vor ihm sind auch Menschen gerecht, die vorher nicht dabei waren, oder auf Abwegen liefen. Jesus erz\u00e4hlt genau dieses Gleichnis den Z\u00f6llnern und S\u00fcndern. Auf dem Weg in das Himmelreich hat er sogar einen mitgenommen, der neben ihm am Kreuz hing, die wohl letztm\u00f6gliche Haltestelle zur Ewigkeit. Wir k\u00f6nnen verstehen, warum sp\u00e4ter an das Gleichnis der Satz angef\u00fcgt wurde, dass aus Letzten Erste werden.<\/p>\n<p>Ich bin mir sicher, dies ist auch f\u00fcr das ganz reale Leben auszulegen. Das Leben ist mehr als Arbeit. So wichtig und gut Arbeit von Anfang an ist. Beruf ist mehr als Geld, so dringend es auch eine materielle Absicherung, ein Grundeinkommen, f\u00fcr alle Menschen braucht. Auch sp\u00e4te Liebe ist Liebe, die mehr ist als nur ein gegenseitiges Helfen, so wunderbar lebenslange Treue sein kann.<\/p>\n<p>Das Himmelreich beginnt mitten im menschlichen Leben, auch da, wo es ungerecht, wo es hart, wo es verloren erscheint. Das Himmelreich kommt auch den Letzten zu. Das erkennen wir Christen im Kreuz. Wo der Tod als die schreiende Ungerechtigkeit trotzdem umfangen ist von der Ewigkeit, wo der erfahrenen Gottferne die Auferstehung folgt, wo wir selbst im Tod gehalten bleiben.<\/p>\n<p>Es ist entscheidend, dass du einsteigst auf der Haltestelle seines Himmelreichs. Dass du mit drin bist im Zug zur Ewigkeit. Je eher, desto besser. Also freuen wir uns, dabei zu sein. Nutzen wir unseren Glauben bei allem Unglauben als Hilfe und Halt, als Deutung und Wegweisung. Der Glaube f\u00fchrt zur Ewigkeit, und dieser Weg beginnt hier und heute. Es ist immer auch ein Einsatz f\u00fcr andere, f\u00fcr die ungerechte Welt, f\u00fcr unsere bedrohte Erde. Im Weinberg Gottes gibt es genug Arbeit.<\/p>\n<p>F\u00fcr unsere Zeit, unsere Mitmenschen, f\u00fcr das Leben auf der Erde bedeutet das immer auch: Sei vorsichtig, von deinem Gl\u00fcck, deinen Privilegien, deiner Hautfarbe, deinem Wohlstand, deiner Bildung, deiner Religion, deines Jahrgangs irgendeine auch noch so kleine \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber anderen abzuleiten. Bleib auf Augenh\u00f6he, wenn auch anderen etwas zukommt von dem Gl\u00fcck des Glaubens und Lebens, des anbrechenden Himmelreichs. Nimm das deine und geh!<\/p>\n<p>Nimm das deine und geh, dies setzen die Letzten um. So werden sie uns zu einem Vorbild. So wichtig die Arbeit am Trauma, so hilfreich die Haltung von Betroffenen auch ist, so entscheidend wird es sein, in eine aktive Zukunft hineinzufinden. Es gibt auch ein Zuviel an Trauer, oder an Wut, wenn es dir und anderen Schaden zuf\u00fcgt. Gott jedenfalls hat auch dich mitgenommen in seinen Weinberg.<\/p>\n<p>Nimm das deine und geh, damit gibt uns Gott wohl auch einen Ansto\u00df zum gemeinsamen Arbeiten in diesem neuen Jahrzehnt. Mit den Ersten und Letzten zusammen in unserem Dorf, in unserer Stadt, hier in Europa und immer auch mit den Ersten und Letzten der Welt, der Erde, der Zeit. Arbeiten an den wichtigen Transformationen der Zukunft. Als Glaubende, im Weinberg Gottes angekommen.<\/p>\n<p>Gott ist g\u00fctig, was sein Himmelreich angeht. \u00a0Wir sind auf diesem Weg dabei, der noch nicht am Ziel ist, noch nicht vollendet. Doch er hat angefangen. Hier in der Kirche und anderswo. Da, wo wir seinem Himmelreich trauen. So sind und werden wir zu Einladenden, die sich freuen \u00fcber alle, die dabei ist. Und den anderen, die nichts davon wissen, denen erz\u00e4hlen wir von den Haltestellen des Himmelreichs.<\/p>\n<div id=\"fuss\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Matth\u00e4us 20,1-16, verfasst von Ralf Reuter | Wie sind Sie zu Ihrem Beruf, zu Ihrer T\u00e4tigkeit, Ihres Engagements gekommen? Abgesehen von der Vorgeschichte beginnt das immer mit einer Bewerbung. Es gibt Zeiten, wo eingestellt wird, wo eine Lehre, ein Studium beginnt, oder auch ein Ehrenamt. Es h\u00e4ngt von den M\u00f6glichkeiten ab, wer dabei [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1722,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36,1,157,114,139,3,109,182],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-1703","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-matthaeus","category-aktuelle","category-beitragende","category-deut","category-kapitel-20-chapter-20","category-nt","category-predigten","category-ralf-reuter"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1703","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1703"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1703\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1897,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1703\/revisions\/1897"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1722"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1703"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1703"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1703"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=1703"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=1703"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=1703"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=1703"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}