{"id":17216,"date":"2023-02-27T23:07:17","date_gmt":"2023-02-27T22:07:17","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=17216"},"modified":"2023-02-28T23:08:40","modified_gmt":"2023-02-28T22:08:40","slug":"matthaeus-1321-28","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1321-28\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 13,21-28"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Reminiszere | 05.03.23 | Matth\u00e4us 13,21-28 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Laura Lundager Jensen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es f\u00e4llt schwer, nicht davon zu reden, wie wichtig es ist, Grenzen zu haben, hier gut ein Jahr, nachdem Putin die Grenze zur Ukraine \u00fcberschritten hat und wo sich die Grenzen des Krieges hin und her bewegt haben in Schrecken erregenden Wellen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Grenzen sind dazu geeignet, uns selbst zu regieren und auf unsere Nachbarn R\u00fccksicht zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber wo wir lange davon geredet haben, wie wichtig es ist, Grenzen niederzurei\u00dfen, Austausch zu schaffen, Begegnungen \u00fcber Grenzen hinweg, kulturellen Austausch, Begegnungen zwischen lebendigen Menschen, m\u00fcssen wir nun zur Kenntnis nehmen, dass Grenzen einen guten Sinn machen, wenn es darum geht, den Feind fernzuhalten, vor allem wenn der Widersacher so grundlegend andere Ideale hat als man selbst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dennoch geht es im heutigen Evangelium eben um \u00dcberschreitung von Grenzen, wo Jesus in jeder Weise Grenzen sprengt und sich in unbekanntes Land begibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dies ganz buchst\u00e4blich: Die Gebiete um Tyrus und Sidon sind geographisch fremdes Land f\u00fcr die Juden und deshalb auch f\u00fcr den Juden Jesus. Land der Unreinen, Land der Heiden, Land der Wertlosen, Feindesland, das Land, wo man sagt, dass die D\u00e4monen freies Spiel haben und wo die Ideale abartig sind. So m\u00fcssen wir es jedenfalls verstehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bis dahin hat sich Jesus nur auf sicherem Boden im j\u00fcdischen Land bewegt, dem Land des auserw\u00e4hlten Volkes. Das hat ihm Schwierigkeiten bereitet, denn die Juden hatten viele Ideen dar\u00fcber, wie das Gesetz und die Propheten zu verstehen seien, und vor allem dar\u00fcber, wie sich das Christentum nicht auff\u00fchren sollte. Aber das machte Sinn als eine neue Auslegung und eine Auseinandersetzung mit dem j\u00fcdischen Glauben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jetzt aber ist er au\u00dferhalb der sicheren Welt, wo er trotz der Probleme dennoch die Argumente seiner Gegner kannte. Er hat die Grenze \u00fcberschritten und sich in das Land der D\u00e4monen begeben \u2013 und hier im Grenzland, da begegnet er der kanaan\u00e4ischen Frau.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und mit relativ gro\u00dfer Selbstsicherheit weist er diese aufdringliche Frau zur\u00fcck, die keinen Sinn f\u00fcr die Situation hat. Erst antwortet er ihr nicht einmal. Er meint offenbar nicht, dass er seine Zeit auf sie verschwenden soll. Und seine J\u00fcnger sind derselben Meinung. \u201eLass sie doch gehen\u201c, sagen sie. Sie meinen nicht, dass es seine Aufgabe ist, ihr krankes Kind zu heilen. H\u00f6hnisch weist er zur\u00fcck, dass sie in seinen Kreis geh\u00f6rt. \u201eIch bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel\u201c, sagt er. Denn auch wenn das j\u00fcdische erw\u00e4hlte Volk und Volk der Verhei\u00dfung vielleicht noch nicht begriffen hat, dass ihm die Liebe Gottes geh\u00f6rt, geh\u00f6ren sie dazu, und sie werden noch kommen, so der Gedanke.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit einem Selbstverst\u00e4ndnis wie dem eines Sch\u00fclers der siebten Klasse, der im Klassenzimmer der sechsten Klasse vorbeischaut, nur um die Macht und die Grenze zu manifestieren zwischen denen, die schon dabei sind, und den armen Leuten, die sich keine Hoffnungen machen sollen \u2013 so weist Jesus die Frau und ihresgleichen in ihrem eigenartigen heidnischen Land zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber da geschieht es, dass die kanaan\u00e4ische Frau offenbar keine Grenzen kennt, nicht das \u201etraditionelle Recht der Siebentkl\u00e4sser\u201c anerkennt, sich \u00fcber die anderen zu erheben \u2013 mit anderen Worten: Sie erkennt schlichtweg die Pr\u00e4misse nicht an, vor der Jesus ausgeht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und so gesehen muss man sagen, dass sie da ganz aktuell ist \u2013 denn wie der d\u00e4nische Autor Glenn Bech k\u00f6nnte man sagen, sie erkennt schlichtweg nicht die Pr\u00e4misse f\u00fcr die ganze Struktur an.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Glenn Bech ist ein gerade viel gelesene junge d\u00e4nische homosexuelle Autor, der von meinen Studenten in der Lehrerausbildung verg\u00f6ttert wird, weil er sich nicht den Traditionen beugen will. Er will die Strukturen der Klassengesellschaft nicht akzeptieren. Er akzeptiert nicht, dass die privilegierte Kulturklasse \u00fcberall in der Gesellschaft bevorzugt wird. Er akzeptiert nicht die Autorit\u00e4t der Generation der Eltern, also meiner Generation. Er akzeptiert nicht mehr \u201eUnsere Autorit\u00e4t\u201c \u2013 wie es in seinem Aufruf, seinem Manifest hei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Kritik gilt einer Privilegien-blinden Gesellschaft, die sich zwar nach au\u00dfen homogen und gleichberechtigt nennt, aber nach innen eine Hierarchie zementiert hat, die alles umfasst von der \u00d6konomie, Sexualit\u00e4t bis zur Sprache. Eine Gesellschaft, wo er selbst an Leib und Seele die Konsequenzen davon gesp\u00fcrt hat, nicht angepasst zu sein, weil andere die Grenzen definiert haben zwischen dem was normal ist, und dem was anormal ist \u2013 zwischen richtig und verkehrt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In vieler Hinsicht ein sehr anstrengendes Buch oder Manifest \u2013 andererseits eben sehr relevant. In der Gesellschaft, die wir in Selbstverherrlichung als das verhei\u00dfene Land anpreisen, mit starken Meinungen \u00fcber Grenzen und dar\u00fcber, wer dazugeh\u00f6rt und wer nicht, und was der Sinn f\u00fcr die Gesellschaft und das Volk und die rechten Werte bedeuten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und der Vergleich zwischen Glenn Bech und der kanaan\u00e4ischen Frau tr\u00e4gt durchaus weiter.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn sie hat dasselbe Anliegen \u2013 sie n\u00e4hert sich nicht Jesus, um zu den Erw\u00e4hlten zu geh\u00f6ren, zu den Freunden Jesu, den Privilegierten. Sie will nicht dazugeh\u00f6ren zum Freundeskreis um Jesus. Sie will nicht ein Teil der etablierten Ordnung sein. Sie will etwas anderes \u2013 hat nichts dagegen, anders zu sein, wie der Hund unter dem Tisch. Was sie will, ist dies, dass er heraustritt aus dieser Pr\u00e4misse, dass er sie anerkennt \u2013 die \u201eHunde\u201c anerkennt \u2013 dass er hinaustritt in die Welt, wo es Unterschiede und Andersheit gibt, wo die Ideale ihr Gesicht verloren haben, wo das Leben auf die Spitze getrieben ist, aber auch auf dem Spiele steht \u2013 denn es ist diese Welt und nicht die der Privilegierten, die seine Autorit\u00e4t braucht. Sie braucht seine Macht, dass er sie zeigt und ganz konkret ihr krankes Kind heilt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und auch wenn ich bestimmt nicht glaube, dass Glenn Bech diesen Vergleich anerkennen w\u00fcrde, so ist die Erz\u00e4hlung von der kanaan\u00e4ischen Frau eben deshalb noch immer so aktuell.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn sie h\u00e4lt uns, h\u00e4lt die Gesellschaft zu jeder Zeit fest an einer ewigen Selbstkritik. \u00d6ffnet die Augen daf\u00fcr, dass es immer die gibt, die privilegiert sind, und die, die es nicht sind. Dass wir immer die sind, die Vorrang haben, und die, die immer wieder au\u00dfen vor sind und vielleicht gar nicht mitspielen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eben dies will das Evangelium uns zeigen. Und wir sollen sehen, dass Jesus schlie\u00dflich das tut, was die Frau will. Nicht um sie einzuladen, mit dazuzugeh\u00f6ren, sondern um hinaus zu gehen und zu wirken i der Welt, die f\u00fcr Recht und Gerechtigkeit k\u00e4mpft \u2013 f\u00fcr alle ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Sexualit\u00e4t, ihrer Kultur oder Nationalit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Erz\u00e4hlung, dass Jesus den Weg wies und heraustrat aus seiner Privilegien-Blindheit hinein i die Welt, wo D\u00e4monen und Tod, das B\u00f6se und Zweifel herrschen. Wo es aber eben deshalb wichtig ist, dort zu sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als die Frau Jesus dazu bringt, die Grenze zu \u00fcberschreiten, bringt sie ihn dazu, die wirkliche Macht Gottes zu zeigen. Als ein Gesandter, der den Juden zeigt: Gottes Sohn sein bedeutet f\u00fcr den anderen da sein \u2013 im Sinne von f\u00fcr <em>jeden<\/em> anderen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Schrei der Frau ist der notwendige unaufh\u00f6rliche Ruf, der damals erging wie heute, Grenzen zu durchbrechen. Nicht um in anderen L\u00e4ndern zu intervenieren, sondern um Platz zu schaffen \u00fcber Abgr\u00fcnde und Grenzen hinweg und quer durch Werte und Traditionen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das heutige Evangelium sagt nicht, dass es in der Welt keine Grenzl\u00e4nder gibt, es sagt nicht, dass das B\u00f6se nicht physisch und psychisch Leid und Streit zwischen Menschen und V\u00f6lkern schafft. Unterschiede gibt es \u00fcberall \u2013 auch wenn wir sie nicht sehen wollen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber das Evangelium sagt: Gerade das sind die Orte, wo wir uns hinauswagen sollen, Grenzen, die wir \u00fcberwinden sollen. Als Jesus in das Land Kanaan ging, ver\u00e4nderte er die Pr\u00e4misse f\u00fcr den Glauben und schuf Leben im Tod und machte ein kleines Kind gesund. Und das ist die wichtigste und vornehmste Pr\u00e4misse, aus der wir leben d\u00fcrfen \u2013 die Pr\u00e4misse von Ostern, ob wir sie nun anerkennen wollen oder nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Heute wird es uns gesagt. Geh hinein in das Grenzland, hinein in das Feindesland, geht hinein in das Land der Trauer, das Land der Missverst\u00e4ndnisse. Geh hinein in alle L\u00e4nder, wo D\u00e4monen ihr Wesen treiben und wo die Unterschiede zerst\u00f6ren &#8211; und bestehe darauf, dass die einzige Autorit\u00e4t, die gilt, die Autorit\u00e4t ist, die von Liebe getragen ist und in Barmherzigkeit ausge\u00fcbt wird. Geh selbst hinein in die L\u00e4nder oder zu den Menschen, deren Werte dir so zuwider sind, nimmt den Kampf f\u00fcr die Gerechtigkeit Gottes auf dich. Die Gerechtigkeit, die jedem geschenkt wird, der glaubt, dass Jesus die h\u00f6chste Autorit\u00e4t und Macht und Ehre ist in alle Ewigkeit. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Pastorin Laura Lundager Jensen<\/strong><br \/>\n<strong>Langetoften 1, Osted<\/strong><br \/>\n<strong>DK-4320 Lejre<\/strong><br \/>\n<strong>E-mail: luje(at)kp.dk<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reminiszere | 05.03.23 | Matth\u00e4us 13,21-28 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Laura Lundager Jensen | Es f\u00e4llt schwer, nicht davon zu reden, wie wichtig es ist, Grenzen zu haben, hier gut ein Jahr, nachdem Putin die Grenze zur Ukraine \u00fcberschritten hat und wo sich die Grenzen des Krieges hin und her bewegt haben in Schrecken erregenden Wellen. 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