{"id":1752,"date":"2020-02-17T13:45:31","date_gmt":"2020-02-17T12:45:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=1752"},"modified":"2020-02-21T18:34:11","modified_gmt":"2020-02-21T17:34:11","slug":"menschenkind-iss-was-du-vor-dir-hast","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/menschenkind-iss-was-du-vor-dir-hast\/","title":{"rendered":"Menschenkind, iss, was du&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Menschenkind, iss, was du vor dir hast! | Predigt zu Hesekiel 2,3a.8-10 + 3,1-3, verfasst von Rainer Oechslen |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p><em>\u201eMenschenkind, iss, was du vor dir hast!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Hesekiel, der Sohn des Busi, wird zum Propheten berufen am Fluss Kebar, in der Verbannung\u00a0<em>im Lande<\/em>\u00a0<em>der Chald\u00e4er<\/em>\u00a0(1,3). Eine Schriftrolle wird ihm \u00fcbergeben. So sendet man Botschafter zu anderen V\u00f6lkern, an die H\u00f6fe fremder K\u00f6nige.<\/p>\n<p>Doch es reicht nicht, dass Hesekiel die Schriftrolle nimmt und weitertr\u00e4gt. Es reicht auch nicht, dass er sie liest auf Vorder- und R\u00fcckseite, sie ist ja doppelseitig beschrieben. Es w\u00fcrde nicht einmal reichen, die Botschaft auswendig zu lernen. Inwendig muss die Botschaft werden: Hesekiel soll die Schriftrolle aufessen.<\/p>\n<p><em>\u201eMenschenkind, iss, was du vor dir hast!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Papier essen oder in diesem Fall Pergament, eine ganze Schriftrolle gar: Da tauchen zwei Bilder auf vor meinem inneren Auge.<\/p>\n<p>Zuerst denke ich an das Sams, das kleine Wesen mit roten B\u00fcrstenhaaren und vielen blauen Punkten im Gesicht, das an einem Samstag zu Herrn Taschenbier nach Bamberg kommt und sein Leben gr\u00fcndlich durcheinanderbringt. Wie oft habe ich Paul Maars Geschichten vom Sams vorgelesen! Wie oft sind wir in unserer Phantasie mit ihm durch Bamberg gegangen! Das Sams kann fast alles essen. Als Herr Taschenbier mit ihm ins Gasthaus geht, isst das Sams erst einmal die Speisekarte auf. Ich h\u00f6re noch das Lachen meiner Kinder an dieser Stelle. Vermutlich h\u00e4tten sie das auch gerne gekonnt.<\/p>\n<p>Dann fallen mir sehr viel ernstere Bilder ein aus einem Film. Es ist in den Tagen nach dem 20. Juli 1944. Die Geheime Staatspolizei kommt zur Durchsuchung in ein Berliner B\u00fcro. In der Schreibtischschublade liegt ein Zettel mit einer Namensliste. Wenn die Polizei den Zettel findet, ist es das Todesurteil f\u00fcr alle Leute, die darauf stehen. In letzter Minute greift einer der Verschw\u00f6rer nach der Liste und verschlingt sie; sich kann er nicht mehr retten, aber die anderen.<\/p>\n<p><em>Menschenkind, iss, was du vor dir hast!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auf dem Men\u00fc in Bamberg stehen Speisen, auf dem Zettel in Berlin stehen Namen \u2013 was steht auf der Schriftrolle, die Hesekiel aufisst?\u00a0<em>\u201eSie war au\u00dfen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.\u201c\u00a0<\/em>Jetzt wird klar, wer diese Rolle beschriftet hat: Es ist Gott selber, der seine Klagen niedergeschrieben hat, sein Ach und sein Weh, weil sein Volk\u00a0<em>\u201eabtr\u00fcnnig\u201c<\/em>\u00a0ist, weil es ein\u00a0<em>\u201eHaus des Widerspruchs\u201c\u00a0<\/em>geworden ist.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wird Hesekiel eine Vision haben. Da schickt Gott einen Engel durch die Stadt Jerusalem. Der Engel soll allen Leuten ein Zeichen an die Stirn machen,\u00a0<em>\u201edie da seufzen und jammern \u00fcber alle Gr\u00e4uel, die darin geschehen\u201c\u00a0<\/em>(9,4). Denn die sich nicht an das Unrecht in der Stadt gew\u00f6hnt haben, die mit Gott zusammen seufzen und jammern, die werden gerettet werden.<\/p>\n<p>Die Frage ist: Wie kann die Botschaft von Gottes Klage, Ach und Weh im Mund des Propheten\u00a0<em>\u201eso s\u00fc\u00df wie Honig\u201c\u00a0<\/em>sein? M\u00fcsste diese Botschaft ihm nicht gallenbitter schmecken? M\u00fcsste sie ihm nicht schwer im Magen liegen? Wie soll denn ein Prophet kein Bauchweh bekommen, wenn er Gottes Klage fressen muss?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wird in der Offenbarung des Johannes einem anderen Propheten auch ein B\u00fcchlein gereicht und es wird ihm gesagt:\u00a0<em>\u201eNimm und verschling\u2019s!\u201c<\/em>\u00a0(Off 8,9) Er gehorcht und berichtet:\u00a0<em>\u201eUnd ich nahm das B\u00fcchlein aus der Hand des Engels und verschlang es. Und es war s\u00fc\u00df in meinem Mund wie Honig, und als ich es gegessen hatte, war es mir bitter im Magen.\u201c\u00a0<\/em>(Off 10,10)<\/p>\n<p>Also noch einmal: \u00a0Wie kann es sein, dass die Botschaft von Gottes Ach und Weh diesem Propheten Hesekiel keine Bauchschmerzen bereitet? Warum sp\u00fcrt er nicht die Last seiner Botschaft? Anderen Propheten ist ihre Botschaft unsagbar schwer geworden.<\/p>\n<p>Auch Hesekiel wird seine Aufgabe noch schwer werden, sehr schwer. Schon im n\u00e4chsten Kapitel hei\u00dft es, dass ihm\u00a0<em>\u201edie Schuld des Hauses Israel\u201c<\/em>\u00a0(4,4) aufgeladen wird. Zum Zeichen daf\u00fcr soll er 390 Tage auf seiner linken Seite liegen und 40 Tage auf seiner rechten und in der Zeit nur sehr knappe Nahrung erhalten, eine Hungerration. Ein anderes Zeichen wird sein, dass ihm seine Frau sterben wird, die doch\u00a0<em>\u201eseiner Augen Freude\u201c\u00a0<\/em>ist und Hesekiel keine \u00f6ffentliche Totenklage halten und \u201e<em>keine Tr\u00e4ne vergie\u00dfen<\/em>\u201c darf. Nur \u201e<em>heimlich<\/em>\u201c darf er um sie \u201e<em>seufzen<\/em>\u201c (24,16-17).<\/p>\n<p>Hier aber ist es noch nicht so weit. Hier ist er ganz ergriffen davon, dass Gott ihn berufen hat. Nicht auf der Seite seines Volkes steht er in dieser Stunde, sondern allein auf Gottes Seite. Dass dieser Gott ihm sein Wort in den Mund legt, das geht ihm ein wie Honig \u2013 mag das Wort Gottes auch Klage, Ach und Weh sein.<\/p>\n<p>Ich frage ein drittes Mal: Darf das sein? Darf ein Prophet sich so auf Gottes Seite stellen, dass er das Mitgef\u00fchl, die Solidarit\u00e4t mit seinem Volk, seiner Gemeinde vergisst?<\/p>\n<p>Ich glaube: Normalerweise darf das nicht sein. Ich bin kein Prophet, nur ein Pfarrer. Aber auch ich glaube, dass Gott sein Wort heute in meinen Mund legt \u2013 sonst d\u00fcrfte ich nicht auf dieser Kanzel stehen. Doch ich bin auch der Anwalt der Gemeinde, stehe f\u00fcr die Gemeinde vor Gott. Wenn sich Gott \u00fcber seine Gemeinde beklagt, dann beklagt er sich zuerst \u00fcber mich. Wenn Gott seine Gemeinde kritisiert, dann kritisiert er zuerst mich. Wir Prediger haben Gottes Botschaft auszurichten, doch diese Botschaft gilt zuerst uns selbst und dann erst unseren H\u00f6rerinnen und H\u00f6rern.<\/p>\n<p>Aber es gibt Ausnahmen. Es gibt Stunden, da muss ein Prediger ganz auf der Seite Gottes stehen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel wird das erkl\u00e4ren: Es ist der 6. November 1932, Reformationsfest. An diesem Tag ist schon wieder Reichstagswahl in Deutschland. Die NSDAP wird 33 % der Stimmen erhalten, mehr von Protestanten als von Katholiken, in meiner Heimat im Westen Mittelfrankens noch mehr. An Morgen dieses Tages predigt der siebenundzwanzigj\u00e4hrige Dietrich Bonhoeffer in Berlin \u00fcber das Bibelwort:\u00a0<em>\u201eAber ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verl\u00e4sst \u2026\u201c<\/em>\u00a0(Off 2,4)<\/p>\n<p>Bonhoeffer sagt: \u201eDie protestantische Kirche begeht ihren Tag. Es geh\u00f6rt zu ihren herk\u00f6mmlichen Obliegenheiten zu protestieren. Wogegen sie protestiert, das kann sehr verschieden sein; aber protestieren muss sie \u2013 also diesmal Protest gegen den S\u00e4kularismus in Gestalt der Gottlosigkeit, nat\u00fcrlich auch \u2013 und diesmal vielleicht besonders \u2013 gegen den Katholizismus und seine Gefahren (gemeint sind nat\u00fcrlich nur die politischen Gefahren)\u201c \u2013 Es trat ja auch die katholische Zentrumspartei zur Wahl an. Weiter Bonhoeffer: \u201eProtest f\u00fcr die Freiheit des Denkens und des Gewissens, des Individuums; Protest gegen Unsitte und Unglaube; Protest gegen alle, die nicht in der Kirche sind, die also von dem Protest wenig Notiz nehmen, das hei\u00dft der Tag des Protestantismus! Wie leicht, wie selbstgewiss k\u00f6nnen wir protestieren, und wir haben ein verbrieftes Recht darauf. Welch herrlicher Tag. \u201aWir protestieren!\u2018 schreien wir; Gott jedoch spricht: Aber ich habe wider dich \u2026 Das hei\u00dft: Gott protestiert; gegen wen? Gegen uns und unseren Protest! H\u00f6ren wir\u2019s denn nicht? Protestantismus hei\u00dft nicht: unser Protest gegen die Welt, sondern Gottes Protest gegen uns. Aber ich habe wider dich \u2026\u00a0 Wenn ich jetzt dies Wort so zu sagen verm\u00f6chte, dass es uns wirklich weh tut. Es soll uns weh tun, es w\u00e4re sonst Gottes Wort nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs soll\u00a0<strong>uns<\/strong>\u00a0weh tun\u201c, sagt Bonhoeffer. Er hat sp\u00e4ter noch viel an seiner Kirche und um seiner Kirche willen gelitten. Aber in dieser Stunde, da die evangelische Kirche sich selbst bejubelt, in dieser Stunde, da \u2013 vermutlich in einer anderen Kirche, wir wissen es nicht genau \u2013 der Reichspr\u00e4sident Hindenburg den Gottesdienst besucht, stellt Bonhoeffer sich auf die Seite Gottes, tr\u00e4gt der Gemeinde Gottes Klage vor, sein Ach und Weh. Man merkt es der Predigt an: Es schmeckt Bonhoeffer s\u00fc\u00df wie Honig, dass er berufen ist, dieses Wort auszurichten, an diesem Reformations- und Wahltag, da es so gef\u00e4hrlich steht um Deutschland und die Kirche.<\/p>\n<p>Gott wolle uns davor beh\u00fcten, dass es je wieder Wahltage gibt wie jenen 6. November 1932. Und auch Reformationstage, an denen unsere Kirche sich selbst feiert, brauchen wir nicht. Aber wenn es wieder einmal solche Stunden gibt, an denen unser Kirche und unser Volk in die Irre gehen, dann m\u00f6ge Gott uns Propheten schicken wie Hesekiel oder Dietrich Bonhoeffer, Propheten, die sich auf Gottes Seite stellen, Propheten denen auch Gottes Klage, Ach und Weh so s\u00fc\u00df schmeckt wie Honig.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<div id=\"fuss\">Pfr. Rainer Oechslen<br \/>\nLeutershausen, Deutschland<br \/>\nE-Mail:\u00a0<a href=\"mailto:rainer.oechslen@elkb.de\">rainer.oechslen@elkb.de<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschenkind, iss, was du vor dir hast! | Predigt zu Hesekiel 2,3a.8-10 + 3,1-3, verfasst von Rainer Oechslen | Liebe Gemeinde, \u201eMenschenkind, iss, was du vor dir hast!\u201c Hesekiel, der Sohn des Busi, wird zum Propheten berufen am Fluss Kebar, in der Verbannung\u00a0im Lande\u00a0der Chald\u00e4er\u00a0(1,3). Eine Schriftrolle wird ihm \u00fcbergeben. 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