{"id":1758,"date":"2020-02-17T18:57:01","date_gmt":"2020-02-17T17:57:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=1758"},"modified":"2020-02-21T18:33:50","modified_gmt":"2020-02-21T17:33:50","slug":"tu-deinen-mund-auf-und-iss-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/tu-deinen-mund-auf-und-iss-2\/","title":{"rendered":"Tu deinen Mund auf und iss!"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Hesekiel 2,1-5.8-10 + 3,1-3, verfasst von Gert-Axel Reu\u00df |<\/h3>\n<p>\u201eIii\u2026b\u00e4h!\u201c<\/p>\n<p>Es ist wirklich schwierig, ein Kind zu f\u00fcttern, das nicht essen will. Noch schwieriger wird es, wenn es bittere Pillen sind, die man verabreichen muss. Wenn man alle \u00dcberredungsk\u00fcnste aufwenden, tief in die Trickkiste der T\u00e4uschungsman\u00f6ver greifen muss.<\/p>\n<p>Ist es ein Wunder, dass die Kinder harte K\u00f6pfe und verstockte Herzen haben?<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>bittere Medizin, die Leben rettet. \u2013 Wir sind froh, dass es Antibiotika gibt, auch wenn sie nicht s\u00fc\u00df schmecken. Froh \u00fcber das eine oder andere Medikament, auch wenn die gro\u00dfen Kapseln gelegentlichen Brechreiz ausl\u00f6sen. Wir hoffen mit den Menschen in China, dass es bald wirksame Therapien gegen das Virus geben wird. Auch wenn die jetzt ergriffenen Ma\u00dfnahmen, um die weitere Ausbreitung der Krankheit zu unterbinden, die Bewegungsfreiheit der Menschen drastisch einschr\u00e4nkt \u2013 das m\u00fcssen die Betroffenen wohl schlucken, wenn sie \u00fcberleben wollen. Und wir ja auch.<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df, was gut f\u00fcr dich ist.\u201c<\/p>\n<p>Kindern bleiben wenig Alternativen zu den Entscheidungen, welche die Erwachsenen (vor allem die Eltern) f\u00fcr sie treffen. Je kleiner sie sind, desto leichter kann man sie durchsetzen. Auch gegen ihren Willen. Aber was ist, wenn sie gr\u00f6\u00dfer werden? Ihren eigenen Kopf haben. Das notwendig Notwendende nicht einsehen wollen.<\/p>\n<p>Und was ist mit uns? Wenn andere sagen, was f\u00fcr uns (alle) gut ist? Verweigern wir uns der Wahrheit? Oder schlucken wir sie? Auch wenn sie schwer verdaulich ist. Wie stark ist unsere Einsichtsf\u00e4higkeit ausgepr\u00e4gt? Wie gro\u00df unser Vertrauen in Botschaften, die wehtun?<\/p>\n<p>Wer jetzt an den Klimawandel denkt, an den unglaublichen Verpackungsm\u00fcll, den wir produzieren. An ungebremsten Ressourcenverbrauch. An die Schuldenkrise der armen L\u00e4nder, die es ja nicht ohne deren Gl\u00e4ubiger \u2013 also auch uns \u2013 g\u00e4be. An eine globale Verteilungs-Ungerechtigkeit als Ausl\u00f6ser f\u00fcr Krieg und Gewalt. Der\/die wird zumindest nachdenklich.<\/p>\n<p>Was hilft heraus aus unseren Denkblockaden und Realit\u00e4ts-Verweigerungsstrategien?<\/p>\n<p>Wer f\u00fchrt uns durch das Tal der Tr\u00e4nen in eine verhei\u00dfungsvolle Zukunft?<\/p>\n<p>Heute morgen begegnet uns ein alter Prophetentext mit L\u00f6sungsans\u00e4tzen, die n\u00e4her zu betrachten sich lohnt.<\/p>\n<p>[Textlesung Hes 2, 1-5.8-10 + 3, 1-3]<\/p>\n<p><strong><em>2<\/em><\/strong><em>, 1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine F\u00fc\u00dfe, so will ich mit dir reden. 2 Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine F\u00fc\u00dfe, und ich h\u00f6rte dem zu, der mit mir redete. 3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtr\u00fcnnigen Israeliten und zu den V\u00f6lkern, die von mir abtr\u00fcnnig geworden sind. Sie und ihre V\u00e4ter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 4 Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte K\u00f6pfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: \u00bbSo spricht Gott der HERR!\u00ab 5 Sie gehorchen oder lassen es \u2013 denn sie sind ein Haus des Widerspruchs \u2013, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. 6 Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht f\u00fcrchten noch vor ihren Worten f\u00fcrchten. Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich, und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht f\u00fcrchten vor ihren Worten und dich vor ihrem Angesicht nicht entsetzen \u2013 denn sie sind ein Haus des Widerspruchs \u2013, 7 sondern du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen es; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs. 8 Aber du, Menschenkind, h\u00f6re, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. 9 Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. 10 Die breitete sie aus vor mir, und sie war au\u00dfen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>3<\/em><\/strong><em>, 1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! 2 Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen 3 und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und f\u00fclle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da a\u00df ich sie, und sie war in meinem Munde so s\u00fc\u00df wie Honig.<a href=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt.php?id=8817&amp;kennung=20200216de#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>vielleicht muss man ein Prophet \u2013 oder eine Prophetin \u2013 sein, um die bitteren Wahrheiten bereitwillig zu schlucken. Vielleicht braucht es eine besondere Bereitschaft, das schwer Verdauliche in sich aufnehmen zu k\u00f6nnen. Nicht alle k\u00f6nnen das. Und \u2013 so scheint es \u2013 sie m\u00fcssen dies auch nicht.\u00a0<em>\u201eDennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.\u201c (K. 2, V. 5)<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Ich lese und h\u00f6re das so, dass \u201eFriss Vogel oder stirb\u201c nicht die Devise Gottes ist, sondern dass Gott sehr wohl um die Befindlichkeiten von uns Menschen wei\u00df und deshalb mit p\u00e4dagogischem Geschick einen Schritt nach dem anderen setzt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich denke ich bei dem Propheten, der unter uns gewesen ist, zuerst und vor allem an Jesus Christus. Er\u00a0<strong>isst<\/strong>\u00a0das Wort Gottes nicht nur wie eine von beiden Seiten beschriebene Schriftrolle und schluckt es herunter wie Hesekiel \u2013 er\u00a0<strong>ist<\/strong>\u00a0Gottes lebendiges, sein fleischgewordenes Wort, das auch heute unter uns wirkt:\u00a0 manchmal aufr\u00fcttelnd und manchmal tr\u00f6stend, immer ermutigend und st\u00e4rkend.<\/p>\n<p>Was Hesekiel allerdings nicht \u00fcberfl\u00fcssig macht. Im Gegenteil. Wenn uns das Vorbild und Beispiel Jesu Christi in die Ferne des Unerreichbaren zu entschwinden droht \u2013 \u201eDas schaffen wir sowieso nicht! Das ist f\u00fcr uns eine Nummer zu gro\u00df!\u201c \u2013 bietet die Berufungsvision des Propheten (Hesekiel) Ansatzpunkte f\u00fcr einen Weg, den auch wir gehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der erste Schritt scheint etwas total Passives zu sein. Etwas, das mit mir geschieht \u2013 ohne dass ich etwas daf\u00fcr oder dagegen tun kann: Hesekiel f\u00e4hrt der Geist Gottes in die Glieder. Und w\u00e4hrend der Prophet den Anruf Gottes h\u00f6rt, dass er sich auf seine F\u00fc\u00dfe stellen und genau zuh\u00f6ren soll, geschieht dies auch schon.<\/p>\n<p>Ich lese und h\u00f6re: Gottes Geist ist unter uns lebendig. Darauf d\u00fcrfen wir fest vertrauen. Auch darauf, dass er uns h\u00f6rbereit macht \u2013 auch wenn diese Arbeit an uns Menschenkindern harte Arbeit ist, weil erst einmal unsere H\u00f6rf\u00e4higkeit hergestellt werden muss.<\/p>\n<p>Da gibt es viele Widerst\u00e4nde zu \u00fcberwinden, aber wir sind Gott der M\u00fche wert.<\/p>\n<p>Deshalb \u2013 so der zweite Schritt \u2013 sendet er seinen Propheten. Zeugnis f\u00fcr Gottes Wahrheit und Wirklichkeit abzulegen, begreift Hesekiel als seine Aufgabe \u2013 ob die Menschen und V\u00f6lker das h\u00f6ren wollen oder nicht. Die Betonk\u00f6pfe verst\u00e4ndig zu machen und die Herzen aus Stein so zu beleben, dass ein neuer Geist in uns Menschen wohnt \u2013\u00a0<strong>Gott\u00a0<\/strong>wird es tun (vgl. Hes 36, 26.27<a href=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt.php?id=8817&amp;kennung=20200216de#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>)! Und das gilt es anzuk\u00fcndigen. Nicht nur mit Worten, sondern vielmehr noch mit einer Haltung. Einer Haltung ausstrahlender Zuversicht und Gottvertrauen.<\/p>\n<p>Drittens: Eine solche innere Haltung muss sich entwickeln. Denn Angst (V. 6) und Widerspruch (V. 8) sind dem Propheten ja nicht fremd. Hesekiel ist einer von ihnen, Teil des Volkes, welches in diesem Text \u201aabtr\u00fcnnig\u2018 genannt wird.<\/p>\n<p>So ja auch wir. Auch wir, die wir heute morgen in diesem Gottesdienst zusammengekommen sind, sind ja nicht per se die \u201abesseren Menschen\u2018, unterscheiden uns nicht so sehr von denen, die aus den unterschiedlichsten Gr\u00fcnden drau\u00dfen geblieben sind, wie wir dies manchmal denken. Die Kirche als der \u201aheilige Rest\u2018 \u2013 das ist nicht das Bild und der Anspruch Gottes. Wenigstens nicht in diesem Prophetenbuch.<\/p>\n<p>Wir sind nicht ohne die anderen \u2013 das macht das Prophetenamt so anstrengend. Aber doch auch verhei\u00dfungsvoll!<\/p>\n<p>Viertens: Die Schriftrolle, beidseitig beschrieben, so dass der Prophet dem Wort Gottes nichts hinzuf\u00fcgen kann.\u00a0<em>Darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh (V. 10).<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Bittere Wahrheiten sind es, die sich hinter den Problemen dieser Welt verbergen. Damals nicht anders als heute. Aber es ist schwer, diese auszusprechen. Niemand will sie h\u00f6ren. Nat\u00fcrlich nicht. Und so entwickeln sich Widerspruchsgeist und Nicht-Wahrhaben-wollen, bis das Offenkundige nicht mehr verleugnet werden kann.<\/p>\n<p>Deshalb: Bevor Hesekiel gesandt wird, Gottes Wort auszusprechen, muss er es erst einmal verdauen. Ein Vorgang, der nicht nur Zeit kostet, sondern der Hesekiel \u00fcberhaupt erst zum Propheten macht. Ihn sozusagen verwandelt, so dass er nicht nur irgendeiner ist in diesem auserw\u00e4hlten Volk unter all den V\u00f6lkern \u2013 die, wie wir geh\u00f6rt haben alle abtr\u00fcnnig geworden sind (V. 3). Keines besser als das andere. Auch keines ist Gott n\u00e4her als die abtr\u00fcnnigen Israeliten!<\/p>\n<p>Hesekiel wird zum Boten Gottes. So wie sein Wort in ihn gefahren ist wie ein Blitz, so wird es auch aus ihm herausbrechen. Und \u2013 richtig verdaut \u2013 wird es nicht nur\u00a0<em>Klage, Ach und Weh<\/em>\u00a0sein, sondern in dem allen wird doch zugleich sp\u00fcrbar und ganz gewiss auch h\u00f6rbar, dass Gott sein Volk \u2013 und wie wir heute fest glauben: alle V\u00f6lker \u2013 nicht verloren gibt, sondern in eine neue Zukunft f\u00fchren will:<\/p>\n<p>(Hes\u00a0<em>36, 26. 27) \u00a0Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.<\/em><\/p>\n<p>Zuletzt: All das schmeckt der Prophet schon, w\u00e4hrend er noch kaut.<\/p>\n<p><em>Da a\u00df ich sie (die Schriftrolle), und sie war in meinem Munde so s\u00fc\u00df wie Honig.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Ist das nicht eine wunderbare Verhei\u00dfung? Dass auch diese bittere Medizin einen Vorgeschmack der Heilung enth\u00e4lt?!<\/p>\n<p>Frei von Lebensl\u00fcgen und Selbstt\u00e4uschungen liegt eine Zukunft vor uns, in der Frieden und Gerechtigkeit sich k\u00fcssen. \u2013 Gut, nein: schlecht ist, dass wir so wenig davon sehen in dieser Zeit, in dieser Welt. Und dass wir erkennen m\u00fcssen, dass das alles auch mit uns zu tun hat. Wenigstens damals war das so zu Zeiten eines Hesekiel und all der anderen Propheten. Israel mittendrin in dem ganzen Schlamassel und wir mit unseren Betonk\u00f6pfen gelegentlich und mit manchmal harten Herzen auch. Mittendrin noch. Zum Weinen!<\/p>\n<p>Ja, das Weinen geh\u00f6rt auch dazu, auch wenn davon bei Hesekiel an dieser Stelle nichts steht. Aber es sind nicht nur Tr\u00e4nen der Scham, sondern zugleich doch auch Tr\u00e4nen, die befreien. Weil Schuld erkannt und eingestanden werden kann. Und so eine T\u00fcr aufgeht zu einem anderen Verhalten und Tun.<\/p>\n<p>Hesekiel ist noch mittendrin. Und wir sind es auch. Aber er zeigt uns einen Weg, den er gegangen ist. Und den auch wir gehen k\u00f6nnen. Ja, auch wir! Vielleicht keine Prophetinnen und Propheten, aber doch Zeuginnen und Zeugen des befreienden, erl\u00f6senden Wortes Gottes. Und dann ist Jesus Christus gar nicht mehr so unerreichbar weit entfernt, sondern mitten unter uns.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt.php?id=8817&amp;kennung=20200216de#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0Ich schlage vor, die Verse Hes 2, 6-7 \u2013 hier in grau gedruckt \u2013\u00a0<strong>nicht<\/strong>\u00a0zu lesen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt.php?id=8817&amp;kennung=20200216de#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0s.u.<\/p>\n<div id=\"fuss\">Domprobst Gert-Axel Reu\u00df<br \/>\nRatzeburg, Deutschland<br \/>\nE-Mail:\u00a0<a href=\"mailto:gertaxel.reuss@ratzeburgerdom.de\">gertaxel.reuss@ratzeburgerdom.de<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Hesekiel 2,1-5.8-10 + 3,1-3, verfasst von Gert-Axel Reu\u00df | \u201eIii\u2026b\u00e4h!\u201c Es ist wirklich schwierig, ein Kind zu f\u00fcttern, das nicht essen will. 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