{"id":17660,"date":"2023-03-15T13:12:16","date_gmt":"2023-03-15T12:12:16","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=17660"},"modified":"2023-03-16T08:46:01","modified_gmt":"2023-03-16T07:46:01","slug":"jesaja-54-7-10-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-54-7-10-5\/","title":{"rendered":"Jesaja 54, 7-10"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Ein Gott, der umkehrt. | L\u00e4tare| 19. M\u00e4rz 2023 | Jesaja 54, 7-10 | Kira Busch-Wagner |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">bestimmt kennen Sie das auch: Sie treffen jemanden aus der Schulzeit, oder zum Konfirmationsjubil\u00e4um, Sie kommen miteinander ins Gespr\u00e4ch und haben das Gef\u00fchl: es ist wie fr\u00fcher. Als seien nicht Jahre und Jahrzehnte vergangen. Sie sind sich in so vielen Fragen treu geblieben. Solch eine Begegnung ist wie ein Nach-Hause-Kommen. Eine wohltuende Stabilit\u00e4t in all den Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt auch das Gegenteil. Da sagt mir eine Frau, die davon erz\u00e4hlt, wie es bei ihr in der Familie und in der Ehe derzeit aussieht: \u201eGeheiratet habe ich einen <em>anderen<\/em> Mann. <em>Der<\/em> Mann, mit dem ich <em>jetzt<\/em> zusammenlebe und <em>der<\/em>, in den ich mich mal verliebt habe \u2013 die zwei haben so wenig miteinander zu tun.\u201c Und sie leidet daran. F\u00fcr sie eine Ver\u00e4nderung zum Schlechten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Konfis kennen aus ihren Leseb\u00fcchern vielleicht die Minigeschichte vom Herrn K. (Bertolt Brecht). Die ist so kurz, dass man doch ein bisschen l\u00e4nger \u00fcber sie nachdenken muss und geht so:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbEin Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begr\u00fc\u00dfte ihn mit den Worten: \u203aSie haben sich gar nicht ver\u00e4ndert.\u2039 \u203aOh!\u2039 sagte Herr K. und erbleichte.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eSie haben sich gar nicht ver\u00e4ndert\u201c: Ich m\u00f6chte das gern als Kompliment h\u00f6ren. Vor allem, wenn ich \u00e4lter bin als die statistische Lebensmitte. F\u00fcr den Herrn K. ist das aber h\u00f6chst beunruhigend. Er h\u00f6rt kein Kompliment, sondern den Hinweis: Du hast dich nicht ver\u00e4ndert. Du hast dich gar nicht weiterentwickelt. Du bist in deinem Denken und Handeln einfach stehen geblieben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch in Glaubensfragen, im religi\u00f6sen Leben ist das problematisch. Wenn die eigene Glaubensentwicklung im Kindergarten oder nach dem Konfi-Unterricht aufgeh\u00f6rt hat, dann kneift das irgendwann im Leben wie eine zu eng gewordene Hose.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie aber ist das mit dem biblischen Gott? Ver\u00e4ndert sich Gott? Passt Gott sich an an unterschiedliche Lebensverh\u00e4ltnisse? Bereut Gott? Oder m\u00fcsste Gott nicht immer genau derselbe bleiben, damit er Gott ist?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einige Theologen der fr\u00fchen Kirche, im 2. und 3. Jahrhundert nach der Auferstehung Christi hatten vor allem die Philosophie von Plato gelernt. Gem\u00e4\u00df der griechischen Philosophie m\u00fcsste Gott perfekt sein, und daf\u00fcr unendlich, unbewegt, unver\u00e4nderlich, unbegreiflich. Und wenn die christlichen Philosophie-Theologen dann in die Bibel schauten, fanden sie dort ganz andere Geschichten. Vom Gott Israels, vom Gott Jesu, der sich k\u00fcmmert. Der in Beziehung steht. Der mitgeht durch die Geschichte. Eine Gottheit, die sich ihrer Mutterliebe r\u00fchmt (Jes 49, 15f), die wie eine Geb\u00e4rende schreit (Jes 42,14), um sich Geh\u00f6r zu verschaffen. Eine Gottheit, die immer wieder neu anfangen will, die bereut. Dergleichen konnte so sehr irritieren, dass manche Theologen die Bibel unzureichend empfanden gegen\u00fcber dem klaren, strukturierten System der Philosophie. Und lieber Kritik an der Bibel \u00fcbten als an der Philosophie.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lassen Sie uns h\u00f6ren auf einen Ausschnitt aus dem Jesajabuch, der uns heute aufgetragen ist zu bedenken. Um \u00fcber Gott und ob Gott sich ver\u00e4ndert, noch einmal nachzudenken..<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Prophetenbuch Jesaja gibt im 54. Kapitel Gottes Worte folgenderma\u00dfen weiter:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>7\u00a0Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit gro\u00dfer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. 8\u00a0Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erl\u00f6ser. 9\u00a0Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr \u00fcber die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr \u00fcber dich z\u00fcrnen und dich nicht mehr schelten will. 10\u00a0Denn es sollen wohl Berge weichen und H\u00fcgel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott redet hier durch den Propheten sein Volk an. Die beiden stehen offenbar in naher und enger Beziehung. Auch wenn es ein Gef\u00e4lle gibt. Und es ist deutlich: Es muss einen Streit gegeben haben, eine Auseinandersetzung. Das h\u00f6rt man bei dem Abschnitt heraus. Und, sehr erstaunlich: das Zerw\u00fcrfnis, was da noch im Hintergrund schwelt, macht <em>Gott<\/em> fertig, trotz allem Unterschied zwischen den beiden. Die Auseinandersetzung l\u00e4sst <em>Gott<\/em> ganz m\u00fcrbe werden. <em>Gott<\/em> liegt daran, die Differenzen wieder zu beseitigen. Gott leidet am Abstand. Gott sucht neu nach Verbindung. Gott macht den ersten gro\u00dfen Schritt. Der Gott Israels \u00e4ndert sein Verhalten: ich habe mir geschworen, nicht mehr \u00fcber dich zu z\u00fcrnen. Der Gott, den der Prophet verk\u00fcndet, verpflichtet <em>sich<\/em>: \u201emeine Gnade soll nicht weichen\u201c. Was ist das f\u00fcr ein Gott!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In unserem Ausschnitt zitiert Gott selbst die Schrift, erinnert an die Geschichte von Noah und wie er, Gott, umkehrte und sich selbst an die Kandare nahm: Solange die Erde steht, soll nicht aufh\u00f6ren Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Tats\u00e4chlich: quer durch die ganze Bibel finden wir immer wieder Geschichten, wo Gott sich selbst Einhalt gebietet, wo Gott umkehrt und bereut, um neu auf Menschen zuzugehen, insbesondere auf sein Volk.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Gott der Schrift ist ein Gott, der umkehrt. Der Gott der Schrift ist dem Herrn K., von dem ich eingangs erz\u00e4hlt habe, sehr nahe. Er will sich immer wieder ver\u00e4ndern. Nicht starr werden. Sondern beweglich bleiben. Will im Kontakt bleiben. Lebendig. Kein System sein. Sondern in immer neuer Zuneigung gebunden. Undenkbar f\u00fcr die griechischen Philosophen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unver\u00e4nderlich, unangreifbar, best\u00e4ndig ist der biblische Gott allenfalls in seiner Treue. Das bekennen die Beterinnen und Beter der Psalmen, das r\u00fchmt der Apostel Paulus. In seiner Liebe bleibt er sich treu. Und denen, denen er seine Treue zugesagt hat. Gottes Treue steht auch hinter unserem kleinen Predigtabschnitt. Beziehung, die Gott einmal begonnen hat, der sieht Gott sich verpflichtet. Wie gut, das an Israel zu sehen. Wie gut, bei Mose- und den Propheten tausendfach von Gottes Treue zu h\u00f6ren. Wie gut, dass wir, als Christinnen und Christen aus der Taufe kommend, uns darauf verlassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf diese seltsame, verwirrende Gottheit der Schrift. Die immer wieder den Neuanfang sucht mit Menschen. Und in Treue sich selbst verpflichtet auf immer und ewig. Sogar \u00fcber den Schmerz der Passion hinweg. Der am Ende in der Auferstehung neu das Leben schenkt, das er am Anfang gegeben hat. Einfach aus Liebe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich gebe zu: mir ist das am Ende lieber als ein philosophisches System, das aufgeht wie eine Gleichung. Fehlerfrei und sauber, unangefochten von Geschichte, von Liebe oder Streit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ihnen in der Gemeinde, euch, den Konfis m\u00f6chte ich den verwirrenden, liebenden, umkehrenden Gott der Schrift nahebringen. Es liegt nat\u00fcrlich an euch, an Ihnen, damit etwas anzufangen. Mit Best\u00e4ndigkeit bei Wandel. Mit Beziehung, nicht allein mit Logik. Mit dem biblischen Gott in all den Ver\u00e4nderungen des Lebens.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">65 Von guten M\u00e4chten<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">637 (badischer Anhang) Gott ist getreu<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">634 (badischer Anhang) Weicht ihr Berge, fallt ihr H\u00fcgel<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">374 Ich steh in meines Herren Hand<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">365 Von Gott will ich nicht lassen<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Kira Busch-Wagner, geb. 1961, Pfarrerin der evangelischen Landeskirche in Baden. Seit 2017 t\u00e4tig als Gemeindepfarrerin an der Trinitatiskirche in Karlsruhe-Durlach-Aue.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Vorsitzende der ACK-Karlsruhe, gepr\u00e4gt durch den christlich-j\u00fcdischen Dialog.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gott, der umkehrt. | L\u00e4tare| 19. 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