{"id":17686,"date":"2023-02-22T21:31:37","date_gmt":"2023-02-22T20:31:37","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=17686"},"modified":"2023-03-18T22:59:21","modified_gmt":"2023-03-18T21:59:21","slug":"johannes-31-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-31-9\/","title":{"rendered":"Johannes 3,1-9"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Semesterer\u00f6ffnungsgottesdienst | Predigt im Evensong | 22.02.2023 | Joh 3,1-9 | Simon Peng-Keller |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr einen Semesterer\u00f6ffungsgottesdienst scheint es keinen ungeeigneteren Text zu geben als jenes Evangelium, das wir soeben geh\u00f6rt haben. Wir stehen am Beginn einer Periode intensiven Lehren und Lernens, des klaren Reflektierens und schl\u00fcssigen Argumentierens. Doch dazu bietet uns dieser Text wenig Ermutigung: ganz im Gegenteil.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Weg, den es beschreibt, ist nicht jener vom Nichtwissen zum Wissen, sondern gerade umgekehrt: Nikodemus wird als Wissender eingef\u00fchrt. Doch ger\u00e4t er im Laufe des Gespr\u00e4chs immer mehr in die Position des Fragenden und des Nichtwissens.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nat\u00fcrlich ist Wissenserwerb auch in der Theologie immer dialektisch: Bei jedem Wissenszuwachs realisieren wir, was wir alles noch nicht wissen; alles was gekl\u00e4rt ist, macht auch all jenes klar, was noch fraglich und unbestimmt ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch geht es in dieser Erz\u00e4hlung offenkundig gerade <em>nicht<\/em> um die Maulwurfarbeit akademischen Nachdenkens und Forschens. Worum geht es dann?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Um diese Erz\u00e4hlung nachvollziehen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir uns selbst aus der Position der Wissenden in die Nacht des Nichtwissens begeben, in der dieses Gespr\u00e4ch stattfindet. Und gleichzeitig m\u00fcssen wir die Sonderstellung beachten, die Nikodemus im JohEv geniesst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er geh\u00f6rt zusammen mit der Samaritanerin am Jakobsbrunnen und dem Blindgeborenen zu den dynamischen Identifikationsfiguren, die nicht dem engeren J\u00fcnger:innenkreis zuzurechnen sind, denen Johannes dennoch viel Raum gibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unter diesen Gestalten hat Nikodemus insofern eine Sonderstellung, als er zum einen nicht nur einmal, sondern gleich dreimal auftaucht: am Anfang, in der Mitte und am Ende des Evangeliums. Johannes beschreibt damit einen Entwicklungsbogen, den wir ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen, wenn wir dieses Evangelium verstehen wollen. Zum anderen steht Nikodemus am Ende nicht nur auf der Schwelle zum engeren Kreis der Jesusanh\u00e4nger, sondern handelt sogar stellvertretend f\u00fcr die abwesenden J\u00fcnger und Angeh\u00f6rigen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir h\u00f6ren von einer Begegnung, die in der Dunkelheit stattfindet. Die Gesichter derer, die da miteinander sprechen, sind verschattet, sie sind nur ansatzweise erkennbar. Das hat, wie alles in diesem Evangelium, mehrere Bedeutungsschichten. Es scheint sich um ein Gespr\u00e4ch unter vier Augen zu handeln, um eine intime Angelegenheit also. Das fokussiert die Aufmerksamkeit, gibt den Worten einen gr\u00f6sseren Resonanzraum. Was das Evangelium hier beschreibt, ist, so meine ich, eine Gebetssituation.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Welches Anliegen f\u00fchrt Nikodemus in diese Situation hinein? Der Text verr\u00e4t uns nichts \u00fcber seine Motive. Dennoch l\u00e4sst uns das Johannesevangelium nicht ganz im Dunkeln. Liest man es vor dem Hintergrund der anderen Evangelien, so erinnert Nikodemus an den reichen J\u00fcngling, der mit der Frage nach dem Reich Gottes zu Jesus kommt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus antwortet Nikodemus so, als h\u00e4tte er ihm dieselbe Frage gestellt. Wie finde ich in die N\u00e4he Gottes, in Gottes Gegenwart? Eine aktuelle Frage.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn man in dieser Begegnung eine paradigmatische Gebetssituation sieht, so k\u00f6nnte man sagen, Jesus leitet ihn dazu an, das diskursive Nachdenken zu \u00fcberstiegen, um ganz Auge und Ohr sein zu k\u00f6nnen, um in eine ungeteilte und unverstellte Wahrnehmung zu finden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie wir gesehen haben, kommt Nikodemus als Wissender zu Jesus. \u00abWir wissen&#8230;\u00bb sind seine ersten Worte. Es ist ein kollektives Wissen, das er zur Sprache bringt. Also genau das, worin wir uns im Gemeinschaftsunternehmen Theologie bem\u00fchen. Alles, was Nikodemus \u00fcber Jesus sagt, trifft zu. Jesus korrigiert nicht sein Wissen, sondern wechselt die Ebene.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Wissen, das sich Nikodemus erworben hat, bildet den Ausgangspunkt, nicht mehr, doch auch nicht weniger. Jesus weist \u00fcber diesen Anfang hinaus. Er f\u00fchrt dazu den Gedankengang von Nikodemus nicht weiter, sondern unterbricht ihn. Er nimmt ihn bei der Hand und f\u00fchrt in die Dunkelheit des Nichtwissens, aus der das Wort neu geboren wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn darum geht es ja, um Neugeburt. In der johanneischen Erz\u00e4hlung von Nikodemus klingt nicht nur die Geschichte des reichen J\u00fcnglings an, sondern eine noch prominentere Stelle des Lukasevangeliums: die Begegnung Marias mit dem Engel Gabriel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier wie dort geht es um Geburtsvorbereitung, um die Ank\u00fcndigung einer wundersamen Geburt. Und wie Maria fragt Nikodemus: \u00abWie soll das geschehen?\u00bb<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Maria findet schliesslich in ein Ja zu dem, was ihr verheissen wird. Wie steht es aber um Nikodemus? L\u00e4sst er sich auf den Geburtsprozess ein?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch hier l\u00e4sst der Evangelist uns im Dunkel, mutet uns ein unbequemes Nichtwissen zu. Wir wissen nicht, wie die Geschichte endet, obwohl dies f\u00fcr ihr Verst\u00e4ndnis entscheidend. Es macht einen Unterschied, ob Nikodemus verwirrt in die Dunkelheit der Nacht hinaus geht oder ob das Gespr\u00e4ch sich in die L\u00e4nge zieht und erst dann endet, wenn es draussen und drinnen d\u00e4mmert und schliesslich die Sonne des neuen Morgens aufgeht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit den Mitteln des Erz\u00e4hlers f\u00fchrt uns der Evangelist vom Wissen zum Nichtwissen. Er f\u00fchrt zu einer Christuserkenntnis, die das Moment einer <em>via negativa<\/em> umfasst, eine L\u00e4uterung all unserer Gewissheiten durch ihren Entzug. Dadurch f\u00fchrt er uns der bei aller Weite engen Welt unseres diskursiven Wissens in eine Begegnungssituation, in der wir nichts mehr fassen und erfassen k\u00f6nnen, in eine Leere, die uns f\u00fcr die F\u00fclle \u00f6ffnet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir bereit sind, diesen Weg zu gehen und dieses Nichtwissen auszuhalten, werden wir am Ende des Evangeliums belohnt. Die Nikodemus-Geschichte endet nicht in der Nacht, nicht in der Verdunkelung, sondern in einem Akt starker Solidarit\u00e4t und in der Vorahnung des anbrechenden Lichtes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie endet am Anfang einer neuen Geburt: mit der Unmenge an kostbarem \u00d6l, die Nikodemus herbeischleppt und mit der er den Leichnam Jesu umh\u00fcllt &#8211; 100 Pfund Myrre und Aloe, das sind etwa 40kg \u2013 stellen wir uns das einmal vor, er hat wohl den ganzen Basar in Jerusalem leergekauft!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nikodemus findet aus dem Nichtwissen in eine starke, wenn auch unfassbare Pr\u00e4senz. Seine Geschichte endet nicht mit Leichengeruch, sondern mit einer Duftexplosion, in der sich der Ostermorgen ank\u00fcndigt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Simon Peng-Keller<\/strong><br aria-hidden=\"true\" \/><strong>Universit\u00e4t Z\u00fcrich<\/strong><br aria-hidden=\"true\" \/><strong>Professur f\u00fcr Spiritual Care<\/strong><br aria-hidden=\"true\" \/><strong>Kirchgasse 9 <\/strong><br aria-hidden=\"true\" \/><strong>8001 Z\u00fcrich<\/strong><br aria-hidden=\"true\" \/><strong>Tel. ++41 44 634 54 00<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Semesterer\u00f6ffnungsgottesdienst | Predigt im Evensong | 22.02.2023 | Joh 3,1-9 | Simon Peng-Keller | F\u00fcr einen Semesterer\u00f6ffungsgottesdienst scheint es keinen ungeeigneteren Text zu geben als jenes Evangelium, das wir soeben geh\u00f6rt haben. Wir stehen am Beginn einer Periode intensiven Lehren und Lernens, des klaren Reflektierens und schl\u00fcssigen Argumentierens. 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