{"id":1775,"date":"2020-02-20T19:28:09","date_gmt":"2020-02-20T18:28:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=1775"},"modified":"2020-02-21T18:33:21","modified_gmt":"2020-02-21T17:33:21","slug":"tag-und-nachtseite-auf-dem-planeten-seele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/tag-und-nachtseite-auf-dem-planeten-seele\/","title":{"rendered":"Tag- und Nachtseite auf&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Tag- und Nachtseite auf dem Planeten Seele | Predigt zu Lukas 18,31-43, verfasst von Udo Schmitt |<\/h3>\n<p>(1. Begreifen tut weh)<\/p>\n<p>Geht Ihnen das auch manchmal so, dass Sie etwas geh\u00f6rt haben, aber irgendwie doch noch nicht begriffen haben? Wie das kleine Kind, das von der Mutter h\u00f6rt: \u201cVorsicht, das ist hei\u00df!\u201d &#8211; \u201cAha, hei\u00df\u201d. Aber was das hei\u00dft, das begreife ich erst, wenn ich es ergreife, anfasse, ber\u00fchre, dann erst habe ich es begriffen: Nicht \u201cAha&#8230;\u201d, sondern: \u201cAua, das ist hei\u00df!\u201d<\/p>\n<p>So erging es auch den J\u00fcngern, wie wir gerade geh\u00f6rt haben: Da waren sie gerade mal wieder auf der Reise nach Jerusalem, um Passa dort zu feiern. Da zitiert Jesus, ihr Rabbi und Meister, ein St\u00fcck aus der Bibel. \u201cAha\u201d, dachten sie: \u201cJesaja\u201d. Der Menschensohn muss leiden \u201cso, so&#8230;\u201d &#8211; \u201cAua!\u201d, h\u00e4tten sie schreien m\u00fcssen, nicht \u201cJesaja\u201d, sondern \u201cJesus\u201d ist gemeint. Er spricht von sich selbst, dies ist sein letzter Weg. Er bereitet sich auf das Sterben vor. Die J\u00fcnger wollten es nicht begreifen &#8211; konnten es wohl auch nicht begreifen, wahrscheinlich war es zu viel f\u00fcr sie, es ging \u00fcber ihr Fassungsverm\u00f6gen. Dies ist menschlich &#8211; nur zu verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>(2. Wenn es zu nahe geht)<\/p>\n<p>Vielleicht haben sie das auch schon mal erlebt oder geh\u00f6rt: Dass ein Mensch sich auf das Sterben vorbereitet, und es selbst ganz klar sieht, dass der Tod nahe ist. Doch seine Angeh\u00f6rigen, gerade weil sie dem Sterbenden so nahe sind, gerade weil ihnen sein Tod so nahe geht, k\u00f6nnen es nicht sehen und wollen es nicht wahrhaben.<\/p>\n<p>So war es wohl auch f\u00fcr die J\u00fcnger: \u201cWas unser geliebter Herr und Meister soll sterben? Ist es nicht gerade so sch\u00f6n? Und wie soll es weitergehen? Wie sollen wir ohne ihn weiterleben? Wie &#8211; wenn nicht durch ihn &#8211; die Liebe Gottes erleben?\u201d Die J\u00fcnger konnten es nicht fassen. \u00dcberlastetes System &#8211; zack &#8211; Notfallabschaltung. Die J\u00fcnger schlossen die Augen vor der nahenden Katastrophe, sie konnten es nicht sehen, wollten es nicht verstehen. Und sie verstummten.<\/p>\n<p>(3. Verstummen oder Schreien)<\/p>\n<p>Und nun der ganz andere, der eine, der blind ist. Er hat all das nicht geh\u00f6rt, was Jesus gesagt hat, nur das eine hat er geh\u00f6rt, n\u00e4mlich, dass er kommt. Und doch reicht das f\u00fcr ihn, um Jesus zu rufen. Und als sie ihn bedr\u00e4ngen, er solle doch Ruhe geben, er solle den Meister doch nicht st\u00f6ren, da verstummt er nicht, nein, er bleibt nicht stumm, er ruft, ach was, er schreit so laut er kann: \u201cJesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!\u201d- \u201cHier bin ich, sieh mich an, nimm mich wahr, Herr erbarme dich, Kyrie eleison!\u201d Und Jesus l\u00e4sst sich st\u00f6ren, er erh\u00f6rt sein Begehren. Und am Schluss steht nicht \u00e4ngstliches Schweigen, sondern freudiger, lauthalsiger Jubel, der ansteckend wirkt und sich ausbreitet, alle rufen: \u201cGepriesen sei Gott, Halleluja, preiset den Herrn!\u201d<\/p>\n<p>(4. Ein Blinder hat\u2018s geblickt)<\/p>\n<p>Da haben wir also zwei ganz verschiedene Geschichten geh\u00f6rt, und doch bilden sie eine Einheit. Da sind auf der einen Seite die J\u00fcnger, die von Jesus selbst alles geh\u00f6rt haben; da ist auf der anderen Seite der Blinde, der nur wenig \u00fcber Jesus geh\u00f6rt hat. W\u00e4hrend die J\u00fcnger die Wahrheit nicht begreifen k\u00f6nnen, hat der Blinde es gleich geblickt: Jesus ist der Herr, durch ihn werde ich sehend.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend die J\u00fcnger noch zweifeln, und ihren Meister \u00e4ngstlich zu sch\u00fctzen suchen, hat der Blinde nichts zu verlieren, mutig ruft er und l\u00e4sst sich auch nicht davon abbringen, l\u00e4sst sich nicht von den anderen entmutigen. Zum Schluss bleiben die J\u00fcnger sprachlos, der geheilte Blinde aber bricht in Jubel aus. Beide Geschichten erg\u00e4nzen sich also wie Tag und Nacht. Die J\u00fcnger sind im Bereich der Nacht, ihnen bleibt alles dunkel, ihre Angst macht sie blind. Der Blinde aber ist im Bereich des Tages, ihm wird alles klar, sein Glaube macht ihn sehend.<\/p>\n<p>(5. Licht und Schatten)<\/p>\n<p>Und nun frage ich sie: Wo stehen wir? Wenn ich eine Linie einzeichnen w\u00fcrde, hier mitten im Gang und w\u00fcrde sagen: Die einen, denen es wie den J\u00fcnger geht, setzen sich hierhin, und die anderen, die sich wie der Blinde f\u00fchlen, dahin. Wohin w\u00fcrden sie sich setzen? Wie w\u00fcrden sie entscheiden? (\u2026)<\/p>\n<p>Gar nicht so einfach. Mal nachdenken. Also es gibt Tage, an denen ist mir alles klar, da scheint die Sonne, es f\u00e4llt mir leicht zu Gott zu beten und es macht richtig Spa\u00df, ihn zu loben und zu preisen. Dann gibt es aber auch die anderen Tage, an denen schieben sich Wolken vor die Sonne. Dann h\u00f6re ich die Worte zwar, aber begreife sie nicht. So viele Fragen, und so wenig Antworten. Zweifel kommen auf und das Beten f\u00e4llt mir schwer; ich werde immer leiser und immer stummer\u2026 Doch dann kommen auch wieder die Sonnentage, dann fallen die Fragen und Zweifel wieder von mir ab, und ich schlag mir gegen die Stirn und sage: \u201cMensch, was war ich blind, die Liebe Gottes hat dich die ganze Zeit umgeben, die Sonne war immer da, auch wenn ich sie nicht sah!\u201d So geht es hin und her im Leben. Und also k\u00f6nnte ich mich weder auf die eine Seite, noch auf die andere Seite ganz stellen. Mal bin ich im Dunkeln wie die J\u00fcnger, mal bin ich im Hellen wie der Blinde. Licht und Schatten kommen \u00fcber meine Seele wie die Gezeiten, wie Ebbe und Flut. Doch erf\u00fclle mich dies nicht mit Schrecken, sondern mit tief empfundener Demut. Ich bin hin- &amp; hergerissen zwischen Verzagen und Mut. Doch Du, Gott, bleibst best\u00e4ndig der gro\u00dfe Liebhaber, tust mir immer wieder und unendlich gut.<\/p>\n<p>(6. Tag- und Nachtseite auf dem Planeten Seele)<\/p>\n<p>Was lehrt uns nun die Geschichte? Vielleicht dies, dass es ein Unterschied ist, auf welchen Teil meiner Seele ich eher schaue, auf welche dieser Tage ich mein Leben baue. Ein jeder frage sich selbst: Welche von den Stunden, die hellen oder die dunklen, wird tiefer empfunden und pr\u00e4gt meine Entscheidungen? Denke ich voll Bangen und voll Zagen, auch an sonnigen Tagen, ich k\u00f6nnte, was ich habe, einst verlieren? Suche ich also das bisschen Glauben m\u00f6glichst lange zu bewahren, meinen lieben kleinen Herrn Jesus zwischen meinen H\u00e4nden zu bergen und zu sch\u00fctzen\u2026 Was wird mir dieses bisschen Glaube an dunklen Tagen n\u00fctzen? Werde ich dann noch beten k\u00f6nnen oder es lieber lassen, aus Angst, mein Flehen bliebe unerh\u00f6rt, aus Furcht, mein Glaube k\u00f6nne mich verlassen? Oder halte ich auch an dunklen Tagen, die T\u00fcren mehr als einen Spalt breit offen, bin ich trotz all der Zweifel, all der Fragen, stets bereit, neu zu glauben, neu zu hoffen? Mache ich also meine Arme weit, um ihm, was mich bewegt, zu sagen, wenn es sein muss, mehr als einmal nur zu klagen, so bin ich offen &#8211; verwundbar und doch bereit, seine gro\u00dfe Liebe ganz zu empfangen, und zu ergreifen die Arme, die mich umfangen.<\/p>\n<p>(7. der Glaube, der sich preisgibt, wird bewahrt)<\/p>\n<p>Keine Frage, Jesus hat es uns vorgelebt und vorgeliebt. Was ich \u00e4ngstlich suche zu bewahren, geht verloren, der Glaube aber, der sich preisgibt, wird bewahrt. Das Hoffen, das sich kundtut, wird erh\u00f6rt, und die Liebe, die sich hingibt, wird den Sieg behalten.<\/p>\n<p>Und dies ist es was ich Ihnen zum Schluss w\u00fcnsche:<br \/>\nDass Sie an sonnigen wie an dunklen Tagen, von der Liebe her und auf die Liebe hin leben, dass Sie mutig Ihren Glauben bekennen, auch wenn die anderen Sie entmutigen, und dass Sie offen und best\u00e4ndig im Gebet bleiben, als g\u00e4be es nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen.<\/p>\n<p>____________<\/p>\n<p><strong>Liedvorschl\u00e4ge:<\/strong><\/p>\n<p>Zum Eingang: \u201eLasset uns mit Jesus ziehen\u201c (EG 384),<br \/>\noder \u201eWir gehnhinauf nach Jerusalem (EG.E 3),<\/p>\n<p>Lied zur Epistel: \u201eLiebe, die du mich zum Bilde\u201c (EG 401),<br \/>\noder:\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eLiebe ist nicht nur ein Wort\u201c (RG RWL 665 \/ HuE 264),<\/p>\n<p>Lied nach der Predigt: \u201eIn dir ist Freude\u201c (EG 398),<\/p>\n<p>Zum Schluss: \u201eJesu geh voran\u201c (EG 391).<\/p>\n<p>____________<\/p>\n<p><em>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/em><\/p>\n<div id=\"fuss\">Pfarrer Udo Schmitt<br \/>\nW\u00fclfrath (D\u00fcssel), Deutschland<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:udo.schmitt@ekir.de\">udo.schmitt@ekir.de<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag- und Nachtseite auf dem Planeten Seele | Predigt zu Lukas 18,31-43, verfasst von Udo Schmitt | (1. 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