{"id":1778,"date":"2020-02-20T19:30:05","date_gmt":"2020-02-20T18:30:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=1778"},"modified":"2020-02-21T18:26:40","modified_gmt":"2020-02-21T17:26:40","slug":"predigt-zu-lukas-1831-43","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-lukas-1831-43\/","title":{"rendered":"Predigt zu Lukas 18,31-43"},"content":{"rendered":"<h3>verfasst von Friedrich Seven |<\/h3>\n<p>Text:<\/p>\n<p>31) Er nahm aber zu sich die Zw\u00f6lf und sprach zu ihnen: <em>Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten und von dem Menschensohn.<\/em><\/p>\n<p><em>32) Denn er wird \u00fcberantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden,<\/em><\/p>\n<p><em>33) und sie werden ihn gei\u00dfeln und t\u00f6ten; und am dritten Tag wird er auferstehen.<\/em><\/p>\n<p>34) Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.<\/p>\n<p>35) Es begab sich aber, als er in die N\u00e4he von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege sa\u00df und bettelte,<\/p>\n<p>36) Als er aber die Menge h\u00f6rte, die vorbeiging, forschte er, was das w\u00e4re.<\/p>\n<p>37) Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei.<\/p>\n<p>38) Und er rief: J<em>esus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner.<\/em><\/p>\n<p>39) Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr:<\/p>\n<p><em>Du Sohn Davids, erbarme Dich meiner!<\/em><\/p>\n<p>40) Jesus aber blieb stehen und lie\u00df ihn zu sich f\u00fchren. Als er aber n\u00e4her kam, fragte er ihn:<\/p>\n<p>41) <em>Was willst du, dass ich f\u00fcr dich tun soll? <\/em>Er sprach: <em>Herr, dass ich sehen kann.<\/em><\/p>\n<p>42) Und Jesus sprach zu ihm: <em>Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.<\/em><\/p>\n<p>43) Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>die bekannte Geschichte von der Blindenheilung und davor die Leidensank\u00fcndigung&nbsp; von Jesus an seine J\u00fcnger, die so gar nicht zu dem Wunder passt.<\/p>\n<p>Wieso liegt uns aber beides als <strong>ein<\/strong> Predigttext vor. W\u00e4re es nicht sinnvoller, nachdem wir doch gerade in der Lesung die Leidensank\u00fcndigung nach dem Evangelisten Markus geh\u00f6rt haben, wir h\u00e4tten jetzt als Predigttext&nbsp; allein die so hoffnungsvolle Geschichte vom Blinden bei Jericho geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Doch schauen wir genauer auf das, was auf dem Weg nach Jerusalem geschieht:<\/p>\n<p>Jesus will seinen J\u00fcngern erkl\u00e4ren, warum sie jetzt nach Jerusalem hinaufgehen. Er muss dort Misshandlungen erleiden, wird get\u00f6tet werden und wird am dritten Tage&nbsp; von den Toten auferstehen. Die J\u00fcnger h\u00f6ren zwar, was er ihnen sagt, aber sie begreifen nichts. Der Sinn seiner Rede ist ihnen, wie es hei\u00dft, verborgen.<\/p>\n<p>Danach kommen sie mit Jesus in die N\u00e4he des kleinen Ortes Jericho, und offenbar schlie\u00dft sich ihnen auf dem Weg in die Stadt eine gro\u00dfe Menge Menschen an. Sie kommen an einem blinden Bettler vorbei und werden alle Augenzeugen, wie Jesus den Bettler von seiner Blindheit heilt.<\/p>\n<p>Ein Zusammenhang zwischen beiden Geschichten, zwischen der Rede, die die J\u00fcnger nicht verstehen, und der Blindenheilung liegt auf der Hand: Blind ist nicht nur der Bettler, sondern auch die J\u00fcnger sind blind f\u00fcr das, was Jesus ihnen gerade angek\u00fcndigt hat.<\/p>\n<p>Aber dieser Zusammenhang liegt doch sehr an der Oberfl\u00e4che, schlie\u00dflich ist die Blindheit des Bettlers eine wirkliche und nicht eine Unf\u00e4higkeit, etwas zu verstehen.<\/p>\n<p>Um vielleicht etwas tiefer den Zusammenhang zu erkennen, schauen wir doch noch einmal auf den Blinden. Wir erfahren nicht, ob er von Geburt an behindert ist, wir erfahren nur gleich etwas \u00fcber seine Stellung in der Stadt. Er bettelt vor der Stadt. Anders als heute war einem Blinden damals die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft weitgehend versagt. Wir begreifen nicht viel, wenn wir ihn mit einem Blinden heute bei uns vergleichen.<\/p>\n<p>Blinde nehmen heute bei uns am gesellschaftlichen Leben teil. Ich selbst habe einen blinden Mitstudenten kennengelernt, der sp\u00e4terhin sicher als Jurist irgendwo eine Anstellung gefunden hat. Nicht alle Bereiche des studentischen Arbeitens und Lebens waren ihm so zug\u00e4nglich wie seinen Mitstudenten. Wissenschaftliche Literatur gab es kaum in Blindenschrift und H\u00f6rb\u00fccher f\u00fcr den kulturellen Bedarf&nbsp; lange nicht wie heute. Doch in den Vorlesungen und Seminaren war er dabei und er hatte sein Ged\u00e4chtnis sehr gut trainiert. So nahm er gerade besonders aufmerksam am schulischen Alltag teil und hatte mit uns und dar\u00fcber hinaus guten Kontakt.<\/p>\n<p>Dem Blinden in unserer Geschichte war es nur m\u00f6glich, Tag f\u00fcr Tag ganz am Rande, da wo ein Bettler zwar gesehen, aber auch leicht \u00fcbersehen werden kann, die wenigen Gaben zu erbetteln, die er f\u00fcr sein \u00dcberleben brauchte. Vielleicht hatte er Angeh\u00f6rige oder Nachbarn, die bereit waren, ihn morgens zu seinem Platz zu geleiten und abends von dort wieder abzuholen.<\/p>\n<p>An seinem Platz h\u00f6rt er pl\u00f6tzlich, dass sich da eine gro\u00dfe Menge n\u00e4hert und er hofft, dass er nicht \u00fcbersehen wird und auf die Almosen vieler rechnen kann.<\/p>\n<p>Deswegen fragt er in die Menge hinein, was da los sei, und er bekommt sogar eine Antwort.<\/p>\n<p>Jesus von Nazareth kommt, wird ihm berichtet.<\/p>\n<p>Da schreit er aus der vollen Kraft, zu der er noch f\u00e4hig ist: <em>Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!<\/em><\/p>\n<p>Sogleich wird ihm und uns deutlich, was er von seinen Mitmenschen zu erwarten hat.<\/p>\n<p>Sein Hilferuf ist seine einzige M\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p>Die Menge will ihm auch und gerade jetzt keine Chance geben, er soll stumm und ergeben bleiben<\/p>\n<p>Doch er wei\u00df um seine Chance, er hat begriffen, wer da vorbeikommt, und schreit nur umso kr\u00e4ftiger: Du<em> Sohn Davids, erbarme dich meiner! <\/em><\/p>\n<p>Jesus muss ihn h\u00f6ren und er h\u00f6rt ihn. Der Herr steht still, sieht den Blinden und l\u00e4sst ihn zu sich f\u00fchren.<\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste er doch gleich erkennen, was der Mann von ihm will, und k\u00f6nnte das Wunder schnell wirken, dann h\u00e4tte er wieder Zeit f\u00fcr all die anderen.<\/p>\n<p>Doch er will nicht einfach handeln an diesem Mann, wie man einem Bettler etwas zuwirft, ohne ihn weiter zu beachten. Jesus spricht mit ihm, fragt ihn, was er f\u00fcr ihn tun soll.<\/p>\n<p><em>Dass ich sehen kann.<\/em> antwortet der Blinde und will endlich aus dem Leben heraus, dass er bis jetzt leben musste.<\/p>\n<p>Das Handeln Jesu liegt in den Worten: <em>Sei sehend. Dein Glaube hat dir geholfen.<\/em><\/p>\n<p>Der Blinde sieht und er sieht den, mit dem er fortan in Gemeinschaft leben will.<\/p>\n<p>Er preist und lobt Gott und geht mit hinauf nach Jerusalem.<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger haben gedacht, sie f\u00fchren Jesus mit sich, ihren Schatz, der Wunder wirken und sie in die N\u00e4he Gottes f\u00fchren kann. Sie waren blind, h\u00e4tten wohl auch gar nicht glauben k\u00f6nnen, dass der Weg zu Gott Jesus bis hinauf auf Golgatha f\u00fchren wird.<\/p>\n<p>Ihr Herr, der doch den Sturm stillen, Kranke heilen und einen J\u00fcngling gar von den Toten auferwecken konnte, der sollte dem Spott seiner Mitmenschen ausgeliefert sein und von ihnen ermordet werden.<\/p>\n<p>Der Blinde wei\u00df nur, dass Jesus ihm helfen kann.<\/p>\n<p>Er glaubt nicht an ein Wunder, sondern an den, der das Wunder wirkt. Er liefert sich mit seinem <em>erbarme dich meiner<\/em>ganz dem Herrn aus.<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger dagegen haben nicht verstanden, dass sich im Gang nach Golgatha Gott dem B\u00f6sen der Welt ausliefern muss, um dessen todbringende Macht endg\u00fcltig zu \u00fcberwinden. Sie sind blind f\u00fcr seine Liebe, die st\u00e4rker sein wird als der Tod. Sie meinen, sie haben in Jesus von Nazareth den Heilsbringer gefunden und wollen damit ihre Heilung doch nicht aus der Hand geben. Dass ihr Herr verspottet, geschlagen und get\u00f6tet werden k\u00f6nnte, davon k\u00f6nnen und wollen sie gar nichts wissen. So bleiben sie auch blind f\u00fcr den letzten, den \u00f6sterlichen Teil der Rede Jesu, in dem er von seiner Auferstehung spricht.<\/p>\n<p>Dem Blinden aber, der doch die Ank\u00fcndigung gar nicht geh\u00f6rt hat, ist der Osterglaube schon geschenkt worden, der Glaube an Christus als den Sohn Gottes.<\/p>\n<p>Er hat seine Verlorenheit gesp\u00fcrt, er hat sich in die N\u00e4he Gottes hineinbegeben, an den Ort, an dem wir nur noch rufen k\u00f6nnen <em>Herr, erbarme Dich.<\/em><\/p>\n<p>Dieser Ruf beschreibt unsere Stellung vor Gott. In unserem Gottesdienst haben wir ihn gerade gesungen: <em>Kyrie eleison- Herr, erbarme dich, Christe eleison- Christus, erbarme dich- Kyrie eleison- Herr, erbarm&#8216; dich \u00fcber uns.<\/em><\/p>\n<p>Wenn ich aus vollem Herzen und mit ganzer Kraft einstimme in diesen Ruf, bin ich dabei in der Gemeinschaft der Glaubenden.<\/p>\n<p><em>Dann, lieber Gott, lass leuchten dein Antlitz \u00fcber deinem Knecht; hilf mir durch deine G\u00fcte.<\/em><\/p>\n<p>Amen!<\/p>\n<div id=\"fuss\">Pastor i. R. Dr. Friedrich Seven<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:friedrichseven@t-online.de\">friedrichseven@t-online.de<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>verfasst von Friedrich Seven | Text: 31) Er nahm aber zu sich die Zw\u00f6lf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten und von dem Menschensohn. 32) Denn er wird \u00fcberantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1776,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,157,114,165,141,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-1778","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelle","category-beitragende","category-deut","category-friedrich-seven","category-kapitel-18-chapter-18","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1778","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1778"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1778\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1896,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1778\/revisions\/1896"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1776"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1778"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1778"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1778"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=1778"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=1778"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=1778"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=1778"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}