{"id":1780,"date":"2020-02-20T19:32:28","date_gmt":"2020-02-20T18:32:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=1780"},"modified":"2020-02-21T18:32:50","modified_gmt":"2020-02-21T17:32:50","slug":"ein-blinder-versteht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/ein-blinder-versteht\/","title":{"rendered":"Ein Blinder versteht"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Lukas 18,31-43, verfasst von Bernd Giehl |<\/h3>\n<p>Wie schreiend ungerecht das Leben doch sein kann. Man muss nicht Hiob hei\u00dfen um das erfahren zu haben. Man kann auch ein ganz normaler Mensch sein, einer wie du und ich. Man tr\u00e4umt seine ganz normalen Tr\u00e4ume vom Hausbau, von der Familiengr\u00fcndung, vom Weiterkommen im Beruf. Man plant sein Leben und zun\u00e4chst geht ja auch alles gut. Man findet eine Partnerin oder einen Partner, man versteht sich, erlebt gemeinsam H\u00f6hen und Tiefen des Lebens. Und irgendwann kommt der Schicksalsschlag, der einen aus der Bahn wirft. Die Bank k\u00fcndigt den Kredit f\u00fcr das Haus, das man gerade gebaut aber noch nicht ansatzweise abbezahlt hat, die Firma in der man arbeitet wird verkauft und der eigene Arbeitsplatz wird wegrationalisiert, es gibt Spannungen mit der Partnerin, die verl\u00e4sst einen und am Ende ist alles weg: Haus, Frau, das ganze alte Leben.<\/p>\n<p>Das Leben kann sehr ungerecht sein. Oder uns zumindest so erscheinen. Und was hernach kommt, wissen wir nicht. Ob Gott es so wollen kann? Man sagt von ihm, dass er alles bis zum Ende hin \u00fcbersehe und dass er alles zum Guten f\u00fchre. Aber ob das auch stimmt? Wer will das wissen?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Ja sicher. Das waren schon einigerma\u00dfen ketzerische Gedanken. Wahrscheinlich w\u00e4ren Sie mir auch nicht in den Sinn gekommen, wenn ich mich nicht mit dem Predigttext h\u00e4tte auseinandersetzen m\u00fcssen. So oder so \u00e4hnlich werden wohl die J\u00fcnger gedacht haben, als Jesus ihnen ank\u00fcndigt, dass sie nach Jerusalem hinaufgehen und er dort ein schlimmes Schicksal erleiden werde. Er selbst beschreibt es ja mit drastischen Worten: \u201eSeht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden, was durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird \u00fcberantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn gei\u00dfeln und t\u00f6ten; und am dritten Tag wird er auferstehen.\u201c (V31-33)<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdigerweise macht das Lukasevangelium kurzen Prozess mit den J\u00fcngern. Es l\u00e4sst sie nicht einmal zu Wort kommen. Lukas schneidet ihnen regelrecht das Wort ab, indem er abschlie\u00dfend formuliert: Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen und sie begriffen nichts, was damit gesagt war. (V34)<\/p>\n<p>Dreimalige Verneinung. H\u00e4rter h\u00e4tte er sein eigenes Unverst\u00e4ndnis wohl kaum ausdr\u00fccken k\u00f6nnen. Schlechte Sch\u00fcler diese J\u00fcnger. Nichts gelernt. Sechs! Setzen!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Aber gut. Wir sind ja nicht verpflichtet, diesem Urteil zu folgen. Wir k\u00f6nnen uns ja auch ein St\u00fcck weit in die J\u00fcnger hineinversetzen. Immerhin haben sie Beruf und Familie verlassen und sind Jesus nachgefolgt. Sie haben auf vieles verzichtet, auf Geld, auf Bequemlichkeit, auf die Gewissheit, dass sie am Mittag oder am Abend etwas zu essen bekommen. Sie sind dahin gegangen, wo der Meister hinwollte. Sie haben alles ertragen, weil ihnen seine Botschaft vom kommenden Gottesreich einleuchtete, weil sie seinen Wundern glaubten und weil er etwas hatte, was sie sonst bei keinem anderen Menschen so erlebt hatten. Eine \u00dcberzeugung von der G\u00fcte Gottes, die das Leben der Menschen tr\u00e4gt. Und dann war pl\u00f6tzlich der Tsunami \u00fcber sie gekommen und Jesus hatte ihn nicht abgewendet.<\/p>\n<p>In dem Moment war ihnen alles fraglich geworden: ihr Leben, Jesus, Gott. Was war das f\u00fcr ein Gott, der seinen Gesandten, Jesus in diesen Sturm schickte, in dem er vermutlich umkommen w\u00fcrde. Und was war das f\u00fcr ein Gesandter, der sehenden Auges in ihn hineinging, wissend, dass der Sturm ihn wahrscheinlich umbringen w\u00fcrde. Noch konnten sie umkehren, nach Galil\u00e4a gehen, wo sie vermutlich sicher waren. Niemand konnte von einem verlangen, dass er in das Auge des Sturms hineinging. Auch Gott konnte das nicht.<\/p>\n<p>Nein, sie verstehen nicht. Das zumindest ist wahr. Die Frage ist nur: Gibt es da etwas zu verstehen oder ist das alles nur kaltes Schicksal?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Und dann der Blinde. Ein Bettler am Weg. Ein Bettler, den man normalerweise nicht beachtet. Gibt sowieso viel zu viele von ihnen. Sie sind l\u00e4stig.<\/p>\n<p>Aber diesmal k\u00f6nnte er uns retten. Retten vor den Fragen, die wir nicht beantworten k\u00f6nnen. Also sollte er uns willkommen sein. Egal, wer ihn uns gerade \u00fcber den Weg geschickt hat. Ob das nun der Evangelist selbst war oder irgendjemand sonst.<\/p>\n<p>Nein, ich glaube nicht, dass die J\u00fcnger ihn sehen. Daf\u00fcr sind sie viel zu sehr mit ihren eigenen Gedanken besch\u00e4ftigt. Warum der Meister seinem Schicksal nicht zu entkommen trachtet. Warum er nicht flieht. Oder meinetwegen k\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Der Blinde h\u00f6rt, wie sie vor\u00fcbergehen. Nur noch ein paar Augenblicke, dann sind sie weg. Aber er wei\u00df, dass das die Chance seines Lebens ist. Die kommt nie wieder. Also ruft er, so laut er kann: \u201eJesus, Sohn Davids, erbarme dich mein.\u201c<\/p>\n<p>Auch er: ein vom Schicksal geschlagener. Er geh\u00f6rt nicht dazu. Vielleicht hat er noch nie dazu geh\u00f6rt. Blind sein, taub sein, nicht gehen k\u00f6nnen, das sind alles Strafen Gottes. Wahrscheinlich sitzt er schon viele Jahre hier auf diesem Platz, wo m\u00f6glichst viele Menschen vor\u00fcbergehen. Hier hat er noch die gr\u00f6\u00dften Chancen, dass irgendjemand ihm etwas gibt, damit er auch den n\u00e4chsten Tag noch \u00fcberleben kann.<\/p>\n<p>Erstaunlich, dass er den Mut aufbringt, sich bemerkbar zu machen. Vermutlich weil irgendjemand Jesus angeredet hat. Und weil er von diesem Jesus schon einmal geh\u00f6rt hat. Dass der Gottes Sohn sei. Dass der im Namen Gottes Menschen heilen k\u00f6nne. Ob er noch an Gott glaubt? Vielleicht weniger an Gott, aber dass dieser Jesus ihm helfen kann, daran glaubt er. Also schreit er aus vollem Hals: \u201eJesus, Sohn Davids, erbarme dich mein.\u201c Die anderen wollen ihn zum Schweigen bringen, aber er schreit nur noch lauter: \u201eJesus, Sohn Davids, erbarme dich mein.\u201c Und dann h\u00f6rt ihn Jesus. Und l\u00e4sst ihn zu sich bringen. Fragt ihn: \u201eWas willst du von mir?\u201c Und dann passiert, was alle erwarten: Jesus heilt ihn.<\/p>\n<p>Nein, man muss es noch ein wenig anders erz\u00e4hlen: Jesus <em>h\u00f6rt <\/em>den Blinden nicht nur; er <em>sieht <\/em>ihn auch. Und er sieht ihn anders als all die anderen, die mit ihm ziehen. Er sieht ihn nicht nur als Teil der Landschaft. Vermutlich sitzt er immer am gleichen Platz. Es ist der Platz, den der Zufall ihm bestimmt hat. Auch ein Blinder braucht einen Platz, wo er leben, essen, schlafen und auch betteln kann. Vermutlich wird er ihn nicht wechseln. Warum auch? Er sieht ihn ja nicht. Er nimmt nicht wahr, ob er sch\u00f6n oder h\u00e4sslich ist. Ein Platz ist f\u00fcr ihn wie der Andere. Wichtig ist nur, dass viele vorbeigehen. Und so wird er eben irgendwann Teil dieses Platzes. Man nimmt ihn nicht mehr wahr, allenfalls als Randfigur, der man etwas gibt oder auch nicht. Er ist ein Stein, ein altes unansehnliches M\u00f6belst\u00fcck, das man auf den Speicher stellt und vergisst.<\/p>\n<p>Und dann kommt Jesus und nimmt ihn wahr. Redet mit ihm. Stellt ihm eine Frage. Behandelt ihn als Mensch. Und er kann \u2013 vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben \u2013 einen eigenen Wunsch \u00e4u\u00dfern. \u201eHerr, ich m\u00f6chte sehen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Auf einer symbolischen Ebene k\u00f6nnte man sagen: Das Wunder ereignet sich, weil er angesehen wird. Weil er als Mensch wahrgenommen wird. Ich wei\u00df nicht, ob das als Erkl\u00e4rung gen\u00fcgt. Ich wei\u00df nur, dass wir eine andere nicht bekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Aber ich glaube, da ist noch mehr zu sagen. Es ist sicher kein Zufall, dass Lukas die Heilung des Blinden nach der dritten Leidensank\u00fcndigung erz\u00e4hlt, in der er so prononciert das Unverst\u00e4ndnis der J\u00fcnger zur Schau gestellt hat. Es ist als wollte er sagen: Seht her, wie blind diese J\u00fcnger sind. Sie, die doch so lange Zeit mit Jesus gegangen sind, verstehen ihn nicht, aber der Blinde versteht ihn. Dabei ist er doch angeblich blind.<\/p>\n<p>Aber das ist er doch wirklich, erwidern wir. W\u00e4re er es nicht, so br\u00e4uchte er doch nicht zu rufen.<\/p>\n<p>Und was ruft er?<\/p>\n<p>Sohn Davids, erbarme dich mein.<\/p>\n<p>Also hat er den Messias erkannt.<\/p>\n<p>Ja, sagen wir, du hast Recht. Er hat den Messias erkannt und nun folgt er ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Verstehen wir jetzt besser? Ich glaube nicht. Der Blinde ist geheilt worden und nun will er dem, der ihm geholfen hat, \u00fcberall hin folgen. Wohin er auch geht. Es ist fraglich, ob Lukas ihn nicht \u00fcberfordert, indem er ihm die Rolle des einzig Sehenden aufb\u00fcrdet. Immerhin: er hat erkannt, dass Jesus voller Liebe ist. Voller Liebe zu denen, die am Rand stehen. So wie er. So wie viele. Mit dieser Liebe eckt er an. Es gibt viele, die ihn nicht verstehen. Und einige, die ihn sterben sehen wollen.<\/p>\n<p>Dennoch hat Jesus sich von seiner Aufgabe nicht abbringen lassen.\u00a0 Er hat das damit begr\u00fcndet, dass er zu den verlorenen Schafen Israels gesandt ist. Dass er nun nach Jerusalem geht, ins Zentrum des Aufruhrs um seine Person, ist wohl nur zu verstehen, wenn man die Figur des leidenden Gottesknechts bem\u00fcht, mit der ja auch die Evangelisten sein Leiden und seinen Tod gedeutet haben. \u00a0\u201eEr war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn f\u00fcr nichts geachtet. F\u00fcrwahr, er trug unsere Schmerzen und lud auf sich unsere Krankheit. Wir aber hielten ihn f\u00fcr den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert w\u00e4re. Aber er ist um unsere Missetat willen verwundet und um unsere S\u00fcnde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden h\u00e4tten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.&#8220;<\/p>\n<p>Der Mann, der f\u00fcr Andere leidet. Der notfalls sogar f\u00fcr sie in den Tod geht, weil er seiner Aufgabe nicht untreu werden will. Jesus wird nach Jerusalem gehen, leiden und sterben und dann wird er auferstehen. Wir wissen es. Es ist uns bezeugt. Vielleicht verstehen wir es immer noch nicht ganz, so wie die J\u00fcnger es damals nicht verstanden haben. Aber eines Tages werden wir es verstehen.<\/p>\n<div id=\"fuss\">Bernd Giehl<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:giehl-bernd@t-online.de\">giehl-bernd@t-online.de<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Lukas 18,31-43, verfasst von Bernd Giehl | Wie schreiend ungerecht das Leben doch sein kann. Man muss nicht Hiob hei\u00dfen um das erfahren zu haben. Man kann auch ein ganz normaler Mensch sein, einer wie du und ich. 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