{"id":17885,"date":"2023-01-25T14:33:37","date_gmt":"2023-01-25T13:33:37","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=17885"},"modified":"2023-03-29T08:52:14","modified_gmt":"2023-03-29T06:52:14","slug":"johannes-3-1-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-3-1-12\/","title":{"rendered":"Johannes 3, 1-12"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<h3>Jesus und die Wissenschaft | Johannes 3, 1-12 | Simon Gloor |<\/h3>\n<p>Johannes 3, 1-12 (Zu\u0308rcher Bibel)<\/p>\n<p><em>1 Es war aber einer unter den Pharisa\u0308ern, sein Name war Nikodemus, einer vom Hohen Rat der Juden. 2 Dieser kam zu ihm in der Nacht und sagte: Rabbi, wir wissen, dass du als Lehrer von Gott gekommen bist, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist. 3 Jesus entgegnete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wer nicht von oben geboren wird,[1] kann das Reich Gottes nicht sehen. 4 Nikodemus sagt zu ihm: Wie kann denn ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Er kann doch nicht ein zweites Mal in den Schoss der Mutter gelangen und geboren werden? 5 Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wer nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann nicht in das Reich Gottes gelangen. 6 Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. 7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr mu\u0308sst von oben geboren werden. 8 Der Wind weht, wo er will, und du ho\u0308rst sein Sausen, weisst aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist. 9 Nikodemus entgegnete ihm: Wie kann das geschehen? 10 Jesus antwortete ihm: Du bist der Lehrer Israels und verstehst das nicht? 11 Amen, amen, ich sage dir: Was wir wissen, davon reden wir, und was wir gesehen haben, bezeugen wir, doch unser Zeugnis nehmt ihr nicht an. 12 Wenn ich vom Irdischen zu euch rede, und ihr glaubt nicht, wie werdet ihr da glauben, wenn ich vom Himmlischen zu euch rede?<\/em><\/p>\n<p>Ansprache<\/p>\n<p>Nikodemus, der in der Nacht zu Jesus kam, war ein Physiker. Ja, liebe Gemeinde, Sie haben richtig geho\u0308rt, ich habe tatsa\u0308chlich Physiker gesagt. Dabei steht im Text nichts u\u0308ber Physik und es gab in der Antike auch keine Physiker im heutigen Sinn. Es gab auch noch keine Teleskope oder Mikroskope, es gab keine Thermometer und Barometer, die Elektrizita\u0308t und der Magnetismus waren noch unbekannt und von der Relativita\u0308ts- und Quantentheorie hatte noch niemand etwas geho\u0308rt. Wenn wir aber den Text lesen fa\u0308llt auf, dass Nikodemus das Wissen wichtig ist. Er sagt: \u201eRabbi, wir wissen, dass du als Lehrer von Gott gekommen bist, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist.\u201c Er sagt nicht, wir glauben, sondern wir wissen. Nikodemus will mehr wissen u\u0308ber Jesus. Er will verstehen, was abla\u0308uft, wieso Jesus Vollmacht hat und Wunder tut. Das macht ihn zum Wissenschaftler.<br \/>\nWas zeichnet eigentlich einen Wissenschaftler aus? Es ist vielleicht eine Neugier, die etwas ausgepra\u0308gter ist als bei anderen Menschen. Wir alle machen von Kindesbeinen an Erfahrungen und entdecken so die Welt. Ich mag mich noch erinnern, wie meine Tochter ihre ersten Gravitationsexperimente durchgefu\u0308hrt hat. Sie war noch keine 2 Jahre alt, sass am Tisch, und ich lo\u0308ffelte ihr das Essen ein. Da fiel der Lo\u0308ffel auf den Boden, und ich hob den Lo\u0308ffel wieder auf. Was machte nun meine Tochter? Sie warf den Lo\u0308ffel nun mit Absicht wieder auf den Boden. Dieses Spiel wiederholte sich ein paar Mal, bis sich in ihr die Erfahrung festgesetzt hatte, dass Gegensta\u0308nde wie Lo\u0308ffel aber auch Gabeln, Messer, A\u0308pfel, Birnen und Steine auf den Boden fallen. Wir alle haben diese Erfahrung gemacht und denken uns mit der Zeit auch nichts mehr dabei. Es ist ganz normal, dass Gegensta\u0308nde auf den Boden fallen. Nun, als Wissenschaftler gibt man sich damit nicht zufrieden, sondern will mehr wissen und versucht, solchen Pha\u0308nomenen nochmals auf den Grund zu gehen. Und dazu muss man etwas eigenartige Fragen stellen wie z.B.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Wenn alle Gegensta\u0308nde auf den Boden fallen, wieso fallen die Wolken nicht auf den Boden? Oder die Sterne, der Mond und die Sonne?<br \/>\nDie Frage von Nikodemus ist auch eigenartig: \u201eWie kann denn ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Er kann doch nicht ein zweites Mal in den Schoss der Mutter gelangen und geboren werden?\u201c Dabei ist es ziemlich offensichtlich, dass Jesus seine Aussage, man mu\u0308sse von oben geboren werden, um das Reich Gottes zu sehen, nicht wo\u0308rtlich gemeint hat.<\/p>\n<p>Unkonventionelle Fragestellungen und Denkweisen ko\u0308nnen zu wichtigen wissenschaftlichen Entdeckungen fu\u0308hren und so zu den Errungenschaften der Menschheit beitragen. Trotzdem gibt es in der menschlichen Erfahrungswelt vieles, das sich wissenschaftlich nur schwer erfassen la\u0308sst, und wir finden nicht auf alle Fragen eine Antwort.<br \/>\nZ.B. auf die Frage u\u0308ber den Glauben. Wir ko\u0308nnen zwar Erhebungen erstellen und herausfinden, wie viele Menschen an Gott oder eine ho\u0308here Macht glauben und welcher Religionsgruppe sie angeho\u0308ren. Aber das Wesen des Glaubens und wieso jemand glaubt, das ist nicht exakt messbar. Jesus dru\u0308ckt es so aus: \u201eDer Wind weht, wo er will, und du ho\u0308rst sein Sausen, weisst aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.\u201c Wir ko\u0308nnen dieses Geboren sein von oben oder aus dem Geist als eine Art Glaubenserfahrung bezeichnen. Glaubenserfahrungen geschehen einfach. So wie Menschen einfach geboren werden. Niemand hat mich gefragt, wann und in welche Familie ich geboren werden wollte &#8211; nein, es ist einfach geschehen, ungefragt.<br \/>\nEs gibt ganz spektakula\u0308re Glaubenserfahrungen wie die vom Saulus, als er zum Paulus wurde. Manchmal berichten auch Mensch, die ein schweres Verbrechen auf dem Gewissen haben, von spektakula\u0308ren Glaubenserfahrungen. Die meisten Glaubenserfahrungen sind aber ganz unscheinbar, so dass wir sie nicht als solche bezeichnen wu\u0308rden. Z.B. befinden wir uns in einer misslichen Lage, vielleicht weil wir Mist gebaut haben und merken, dass wir es alleine nicht mehr heraus schaffen &#8211; und plo\u0308tzlich hilft uns jemand heraus. Oder wir sind niedergeschlagen, haben keine Hoffnung mehr &#8211; und plo\u0308tzlich sehen wir wieder klarer, der Nebel lichtet sich, die Sonne scheint wieder, obwohl unsere Sorgen immer noch da sind. Bei solchen Erfahrungen wird uns bewusst, dass der Glaube ein Geschenk ist, so wie auch das Leben ein Geschenk ist. Man kann den Glauben nicht erzwingen. Ich kann nicht sagen: \u201eDu musst einfach glauben!\u201c Das ist etwa gleich sinnvoll, wie wenn ich einem Kranken sage: \u201eDu musst einfach gesund werden!\u201c Ja, man kann zwar den Glauben nicht erzwingen, aber man versuchen, die Sehnsucht nach Gott zu wecken, a\u0308hnlich wie beim Spruch von Antoine de Saint-Exupe\u0301ry: &#8222;Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Ma\u0308nner zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen. Sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.\u201c<br \/>\nNikodemus ist ein religio\u0308ser Mensch. Er kennt die Heiligen Schriften, legt Wert darauf, die Gesetze einzuhalten und er weiss sehr viel. Diese Begegnung verla\u0308uft aber eindeutig anders als wenn Jesus auf einen Blinden, Lahmen oder Kranken trifft. Da ist Jesus jeweils ihre letzte Hoffnung und ihr Glaube hat sie schliesslich geheilt. Jesus wirft Nikodemus jedoch vor: \u201eWenn ich vom Irdischen zu euch rede, und ihr glaubt nicht, wie werdet ihr da<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 3\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>glauben, wenn ich vom Himmlischen zu euch rede?\u201c. Noch scheint Nikodemus in seinen religio\u0308sen Strukturen und Vorstellungen, ja in seinem Wissen gefangen zu sein.<br \/>\nWenn die Religion abgrenzt, ausgrenzt und unterdru\u0308ckt, dann stimmt etwas nicht. Nein, die Religion sollte aufrichten, in die Weite fu\u0308hren, die Augen o\u0308ffnen, und in eine gesunde, lebens-bejahende Spiritualita\u0308t fu\u0308hren.<\/p>\n<p>Vorla\u0308ufig hat Nikodemus aber noch kein Glaubenserlebnis, so dass es ihm wie Schuppen von den Augen fallen wu\u0308rde. Er befindet sich am Anfang eines Weges, der Zeit braucht und bleibt mit der Frage zuru\u0308ck: wie kann das geschehen? &#8211; wie kann das geschehen? Geht es uns nicht oft a\u0308hnlich? Gibt es nicht auch vieles im Leben, das wir nicht verstehen? Fehlt uns nicht auch oft der Glaube, wenn wir auf unsere perso\u0308nlichen Sorgen schauen oder das Weltgeschehen mit Kriegen und drohender Klimakatastrophe vor Augen haben?<\/p>\n<p>Wie geht es nun mit Nikodemus weiter? Es gibt noch zwei weitere Stellen im Johannes- evangelium, in denen Nikodemus vorkommt:<br \/>\nIm 7. Kapitel haben die Hohen Priester und Pharisa\u0308er entschieden, Jesus festzunehmen. In den Versen 50 und 51 lesen wir: \u201eNikodemus &#8211; der fru\u0308her einmal zu Jesus gekommen war -, einer der Ihren, sagte zu ihnen: Verurteilt denn unser Gesetz einen Menschen, ohne dass man ihn vorher angeho\u0308rt ha\u0308tte und wu\u0308sste, was er getan hat?\u201c<\/p>\n<p>Nikodemus wollte eine Festnahme Jesu verhindern. Er dachte, wenn seine Kollegen vom Hohen Rat Jesus mal begegnen wu\u0308rden, dann wu\u0308rden sie ebenfalls tief beeindruckt werden. Dann wu\u0308rden sie ihre Meinung a\u0308ndern. &#8211; Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass Jesus festgenommen und gekreuzigt wurde.<\/p>\n<p>Nach dem Tod Jesu finden wir die dritte und letzte Stelle: Ich lese aus Kapitel 19 die Verse 38 und 39: \u201eJosef von Arimata\u0308a, der ein Ju\u0308nger Jesu war &#8211; ein heimlicher zwar aus Furcht vor den Juden -, bat Pilatus, dass er den Leib Jesu herabnehmen du\u0308rfe; und Pilatus erlaubte es. Also ging er und nahm seinen Leib herab. Es kam auch Nikodemus, der fru\u0308her einmal nachts zu ihm gekommen war, und brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe mit.\u201c<\/p>\n<p>Ist das nicht ein beru\u0308hrendes Bild? Nikodemus, einer vom Hohen Rat, ein Pharisa\u0308er, ein Wissenschaftler ku\u0308mmert sich um den Leichnam Jesu! Somit hat es zwar Zeit gebraucht, aber diese Begegnungen in der Nacht mit Jesus hat ihn tief beeindruckt, ja sie hat sein Leben vera\u0308ndert. Der Wind weht, wo er will, und du ho\u0308rst sein Sausen, weisst aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>[1] Der griechische Ausdruck, der mit der Wendung &#8218;von oben geboren werden&#8216; u\u0308bersetzt ist, kann auch bedeuten: &#8218;von neuem geboren werden&#8216;. In diesem zweiten Sinn versteht ihn Nikodemus (siehe V.4).<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Simon Gloor<\/strong><\/p>\n<p><strong>Physiker<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jesus und die Wissenschaft | Johannes 3, 1-12 | Simon Gloor | Johannes 3, 1-12 (Zu\u0308rcher Bibel) 1 Es war aber einer unter den Pharisa\u0308ern, sein Name war Nikodemus, einer vom Hohen Rat der Juden. 2 Dieser kam zu ihm in der Nacht und sagte: Rabbi, wir wissen, dass du als Lehrer von Gott gekommen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":17888,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,1,157,120,853,114,223,3,109,1117,1432],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-17885","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-johannes","category-aktuelle","category-beitragende","category-bes_gelegenheiten","category-bibel","category-deut","category-kapitel-3-chapter-3-johannes","category-nt","category-predigten","category-predigten-in-besonderem-kontext","category-simon-gloor"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17885","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17885"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17885\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17887,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17885\/revisions\/17887"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17888"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17885"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17885"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17885"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=17885"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=17885"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=17885"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=17885"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}