{"id":17937,"date":"2023-04-02T06:08:27","date_gmt":"2023-04-02T04:08:27","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=17937"},"modified":"2023-04-03T16:40:59","modified_gmt":"2023-04-03T14:40:59","slug":"kolosser-213-20-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/kolosser-213-20-2\/","title":{"rendered":"Passionspredigt"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Karfreitag | 07.04.2023 | Mikkel Wold |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr die Anh\u00e4nger Jesu, die am ersten Karfreitag der Geschichte am Kreuze Jesu standen, muss die Situation eine totale Niederlage gewesen sein. Die Hoffnung, die mit Jesus als dem Erl\u00f6ser verbunden war, konnte der Konfrontation mit dem, was nun geschehen war, nicht standhalten. Jesus als hingerichteter Verbrecher. Der Jesus, der angeklagt war wegen Blasphemie und weil er sich Sohn Gottes nannte, ein Mensch ohne besondere Gestalt, arm und geliebt von den Ausgesto\u00dfenen, der war nun als Krimineller hingerichtet worden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber dieser Tag wurde f\u00fcr die Anh\u00e4nger Jesu nur eine kurze Zeit ein Tag der Niederlage. In der Alten Kirche wurde er bald der Tag des gro\u00dfen Sieges, weil der Gekreuzigte der siegreiche \u00dcberwinder des Todes wurde. F\u00fcr sie war deutlich, dass Jesus die M\u00e4chte des Chaos \u00fcberwunden hatte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nat\u00fcrlich wussten sie sehr wohl, dass diese Chaosm\u00e4chte weiter wirksam waren, das konnte jeder ja sehen, aber ein v\u00f6lliger und allesentscheidender Sieg war durch das Leiden und den Tod Jesu errungen. Ein vers\u00f6hnender Tod, sollte es sp\u00e4ter hei\u00dfen, und der Gedanke, dass der Tod Jesu eine Art Bezahlung f\u00fcr die menschlichen S\u00fcndenschuld sei, setzte sich immer mehr durch. Aber als eine Art Strafe, die den Zorn Gottes d\u00e4mpfen und in bes\u00e4nftigen sollte, macht das nicht sehr viel Sinn, wenn man die Verk\u00fcndigung der Alten Kirche betrachtet. F\u00fcr sie waren es die Chaosm\u00e4chte, die besiegt worden waren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 Zugleich jedoch liegt in den Ereignissen des Karfreitags ein Element der Vers\u00f6hnung. Die fr\u00fche Kirche verk\u00fcndigte den Kreuzestod als eine \u00dcberwindung der Liebe und als Vers\u00f6hnung in dem Sinne, dass Jesus die Last auf sich nahm, die wir nicht tragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paulus schrieb, dass der Tod der Lohn der S\u00fcnde sei, und er f\u00fcgte hinzu, dass die Gnadengabe Gottes ewiges Leben in Christus Jesus sei. Damit sagt er etwas ganz Grundlegendes zu den Bedingungen, die mit dem Menschsein verbunden sind. Dass die Gnadengabe Gottes ewiges Leben ist, bedeutet, dass der Mensch nicht mehr mit seiner Schuld oder seinem Tod allein ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Leiden Jesu ist ein Leiden, das dem Menschen den Weg zur Freiheit bahnt. Das ist dem Denken zuwider und eine der schwierigsten Aussagen des Christentums. Der Tod Jesu ist nicht ein Tod, den Gott verlangt, um sich vers\u00f6hnen oder die Rechnung aufgehen zu lassen, vielmehr vers\u00f6hnt Gott mit seinem Werk der Liebe die Menschheit mit sich selbst. Gott rettet uns aus etwas, von dem wir uns selbst nie h\u00e4tten befreien k\u00f6nnen. Mit der Kreuzigung nimmt Jesus den menschlichen Tod auf sich, der bedeutet, dass er an unsere Stelle tritt mit seinem Tod, der sp\u00e4ter zu seiner Auferstehung wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Deshalb ist der Tod von diesem Punkt her f\u00fcr uns nicht mehr das letzte Wort. Jesus stand nicht unter der S\u00fcnde, er war in seinem Tun ganz Liebe, und dieses Tun bedeutet, dass Jesus f\u00fcr uns den Weg zu Gott bereitet. Christus hat so jedem von uns seine Signatur gegeben. Jesus kommt zu seinem Eigentum, um sich in seiner Herrschaft die anzueignen, die ihm geh\u00f6ren. Eine Herrschaft, die mit dem Kreuz beginnt, die aber Christus auf den Thron hebt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In den Kirchen in D\u00e4nemark, wo man alte Kruzifixe finden kann, wird man beobachten, dass die \u00e4ltesten von ihnen Jesus nicht als den Leidenden zeigen, sondern als K\u00f6nig. Eines von diesen Kruzifixen h\u00e4ngt in der Kirche von \u00d8ster T\u00f8rslev bei Randers. Das ist nicht ein Kruzifix, das Jesus als den Leidenden zeigt. Seine Haltung ist aufrecht, um die Stirn hat er eine K\u00f6nigskrone statt einer Dornenkrone. Nat\u00fcrlich wusste der Bildhauer, dass man nicht so aussah, wenn man gekreuzigt wurde. Aber der Bildhauer hat wohl an die Worte gedacht, dass es vollbracht ist. Die K\u00f6nigsw\u00fcrde Jesu ist mit seiner Liebe verbunden, und deshalb ist die W\u00fcrde von einer anderen Art als die, die wir uns unmittelbar vorstellen k\u00f6nnen. Karfreitag ist die Kreuzigung und \u00dcberwindung in ein und derselben Handlung. Hier wird er Grund daf\u00fcr gelegt, dass Gericht und Barmherzigkeit zusammenfallen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit dem Begriff Gericht haben viele Schwierigkeiten. Im Bereich der Kirche hat man zuweilen versucht, die Schwierigkeiten dadurch zu beheben, dass man es vermeidet, vom Gericht zu reden. Ein etwas erb\u00e4rmlicher Zugang zum Problem, muss man sagen. Denn das Ph\u00e4nomen Gericht als solches l\u00e4sst sich ja nicht einfach beseitigen. In unserer eigenen Zeit halten wir dauernd Gericht \u2013 \u00fcber uns selbst und \u00fcber andere. Wir haben eine Kultur der Selbstbewertung entwickelt, die unser Handeln dauernd evaluiert. Und wir haben wohl auch erfahren, dass es ein kurzer Weg ist von Selbstbeurteilung zu Selbstverurteilung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was tut in dieser Situation die Person, deren Leben nicht ein Erfolg ist oder nicht die Erwartungen erf\u00fcllt, die man an das Dasein hat? Und was tut der, der sich mit der Schuld herumplagt, entweder \u00fcber etwas, was er getan hat, oder etwas, was er h\u00e4tte tun sollen, aber nie getan hat \u2013 die verspielten oder missbrauchten M\u00f6glichkeiten des Lebens. Einige verdr\u00e4ngen das, indem sie die Situation vermeiden, wo man mit den tieferen Schichten seines Daseins konfrontiert wird. Man umgibt sich vielleicht mit L\u00e4rm, Gesch\u00e4ftigkeit, das kann die Sinne bet\u00e4uben, so dass man nicht seine innere Stimme und das h\u00f6ren muss, was einen im Innersten bewegt. Vielen geht es wie dem Kaiser in dem M\u00e4rchen von der Nachtigall, wo er in seinem Fieber erwacht und darum bittet, dass die gro\u00dfe chinesische Trommel kommen soll, so dass er nicht h\u00f6ren muss, was ihm die Masken an der Wand zufl\u00fcstern, denn die Masken sind alle seine Taten, die guten wie die b\u00f6sen, und die sagen: \u201eErinnerst du dich an dies, erinnerst du dich an das?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Verdr\u00e4ngung geschieht nicht nur da, wo ich nicht mit meiner Schuld konfrontiert werden will. Sie ist auch dort, wo ich mit meiner Unzul\u00e4nglichkeit konfrontiert werde. Man kann es nicht ertragen, mit seiner Schuld oder mit seiner fehlenden F\u00e4higkeit, sein Dasein zu gestalten, allein zu sein. Zur\u00fcck bleiben f\u00fcr viele die Selbstverachtung, die Depression und die Selbstverurteilung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In Bezug auf diese Situation ist die Rede von Schuld und Gericht zu verstehen. Wenn vom Gericht Gottes die Rede ist, so bedeutet dies, dass ein Mensch in allen Zusammenh\u00e4ngen seines Lebens in einer Situation der besonderen Verantwortung steht, die alle anderen verantwortlichen Beziehungen \u00fcbertrifft. Der Mensch ist vor Gott verantwortlich, und deshalb l\u00e4sst man einen Menschen im Stich, wenn man nicht von Gericht spricht. Denn im Unterschied von dem Urteil, das der Mensch \u00fcber sich selbst f\u00e4llt, ist das Gericht Gottes mit der Barmherzigkeit verkn\u00fcpft. Wenn es um die Barmherzigkeit Gottes geht und nicht um eine selbstgemachte Nachsicht, so bedeutet das, dass ich die Befreiung erlebe, die es bedeutet, sich nicht selbst als gut darstellen zu m\u00fcssen. Ich brauche mich nicht selbst zu rechtfertigen, ich brauche nicht legitimierende Erz\u00e4hlungen von mir selbst zu erfinden. Denn das Gericht Gottes, das mich v\u00f6llig durchschaut, ist mit seiner Barmherzigkeit verbunden. Da das Gericht eben Gottes und nicht meine Sache ist, brauche ich mich weder f\u00fcr mich selbst oder meine Mitmenschen darum zu bem\u00fchen, Gericht zu halten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das zu h\u00f6ren ist eine enorme Befreiung f\u00fcr den, der sich um eine Grundlage bem\u00fchen m\u00f6chte, auf der die Selbstbeurteilung beruhen kann. Christus ist der, der das gerichtete Ich annimmt. Die christliche Verk\u00fcndigung vom Gericht sagt eben nicht, dass niemand schuld ist oder verantwortlich oder dass es kein Gericht gibt, sondern sie sagt, dass die Schuld da ist und dass der Mensch mit der Schuld nicht sich selbst \u00fcberlassen ist, weil Christus den Menschen angenommen hat. Die Vers\u00f6hnung ist somit total. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Pastor Mikkel Wold<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>1263 K\u00f8benhavn K<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>E-mail: mwo(at)km.dk<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag | 07.04.2023 | Mikkel Wold | F\u00fcr die Anh\u00e4nger Jesu, die am ersten Karfreitag der Geschichte am Kreuze Jesu standen, muss die Situation eine totale Niederlage gewesen sein. Die Hoffnung, die mit Jesus als dem Erl\u00f6ser verbunden war, konnte der Konfrontation mit dem, was nun geschehen war, nicht standhalten. Jesus als hingerichteter Verbrecher. 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