{"id":17944,"date":"2023-04-02T23:55:07","date_gmt":"2023-04-02T21:55:07","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=17944"},"modified":"2023-04-03T07:58:50","modified_gmt":"2023-04-03T05:58:50","slug":"o-haupt-voll-blut-und-wunden-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/o-haupt-voll-blut-und-wunden-2\/","title":{"rendered":"O Haupt voll Blut und Wunden"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">O Haupt voll Blut und Wunden | Karfreitag | 07.04.2023b | verfasst von Barbara Pfister |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Lied- und Bildpredigt zu \u00abO Haupt voll Blut und Wunden\u00bb und Isenheimer \u00abKreuzigungstafel\u00bb<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liturgischer Hinweis: Hinf\u00fchrung zur Predigt, Lied und Bild<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eingangsvers: Johannes 15,13<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Karfreitag \u2013 ein Tag voller Kummer, Klage und Trauer. Doch interessanterweise heisst er in den Sprachen unserer Nachbarn (Franz\u00f6sisch, Italienisch, Englisch) \u00abguter Freitag\u00bb. Den Tod Jesu, den wir zu beklagen haben, kommt uns zu Gut (siehe Eingangsvers).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Verquickung von Liebe und Leiden geh\u00f6rt zutiefst zu Karfreitag dazu, was uns auch der bekannte Liederdichter Paul Gerhard zeigt. Er nahm die mittelalterliche Tradition auf, in der man die K\u00f6rperteile des gekreuzigten Jesus meditierte: seine durchbohrten H\u00e4nde und F\u00fcsse, seine blutende Seite, sein gebrochenes Herz und sein mit Dornen gekr\u00f6ntes Haupt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als Paul Gerhard Mitte des 17. Jahrhunderts diese Meditationen auf Deutsch \u00fcbersetzte, war es sein Wunsch, dass unser erlebtes Leid einen Platz findet im Leiden Jesu. Denn dass Gott selbst in der Person von Jesus leidet und deshalb mit uns mitleiden kann, ist Ausdruck seiner unfassbaren Liebe zu uns Menschen. Dies dr\u00fcckte Paul Gerhard dadurch aus, dass er die liebliche Melodie eines popul\u00e4ren Liebesliedes seiner Zeit nahm und den schweren Text dazu f\u00fcgte: O Haupt voll Blut und Wunden. Dieses Lied wird uns durch diese Karfreitagspredigt begleiten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong><em>Lied: O Haupt voll Blut und Wunden (Strophe 1+2), \u00a0<\/em><\/strong><em>Paul Gerhard<\/em><\/p>\n<table style=\"font-weight: 400;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"307\">1.<br \/>\nO Haupt voll Blut und Wunden,<br \/>\nvoll Schmerz und voller Hohn,<br \/>\no Haupt, zum Spott gebunden<br \/>\nmit einer Dornenkron,<br \/>\no Haupt, sonst sch\u00f6n gekr\u00f6net<br \/>\nmit h\u00f6chster Ehr und Zier,<br \/>\njetzt aber frech verh\u00f6hnet:<br \/>\nGegr\u00fc\u00dfet seist du mir!<\/td>\n<td width=\"307\">2.<br \/>\nDu edles Angesichte,<br \/>\nvor dem einst alle Welt<br \/>\nerzittert im Gerichte:<br \/>\nwie bist du so entstellt,<br \/>\nwie bist du so erbleichet.<br \/>\nWer hat dein Augenlicht,<br \/>\ndem sonst kein Licht nicht gleichet,<br \/>\nso sch\u00e4ndlich zugericht\u2019?<em>\u00a0<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Lesung aus Johannes 19,17-30<\/strong> \u2013 dazu wird die Kreuzigungstafel vom Isenheimer Altarbild vom Maler Matthias Gr\u00fcnewald auf der Leinwand eingeblendet oder auf Papierdruck am Eingang allen Gottesdienstteilnehmenden verteilt.<a href=\"applewebdata:\/\/9FEBFF5A-C49D-46CF-8521-BD5AC34822CD#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-17952\" src=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/isenheimer-altar-300x267.jpg\" alt=\"\" width=\"852\" height=\"758\" srcset=\"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/isenheimer-altar-300x267.jpg 300w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/isenheimer-altar-13x12.jpg 13w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/isenheimer-altar.jpg 453w\" sizes=\"auto, (max-width: 852px) 100vw, 852px\" \/><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Predigt<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><strong>Care-Freitag und die Macht der Ohnmacht<\/strong><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor gut 510 Jahren (1512-1516) wurde der Maler Matthias Gr\u00fcnewald beauftragt ein Altarbild zu malen. Dies sollte die neu fertig gestellte Krankenhhauskapelle in Isenheim im Elsass zieren. An diesem Ort k\u00fcmmerten sich Antoniter M\u00f6nche mit gr\u00f6sster Hingabe f\u00fcr Kranke und Sterbende.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir machen einen Sprung in die Gegenwart:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor 7 Jahren setzten sich einige Aktivistinnen daf\u00fcr ein, dass k\u00fcnftig die Karwoche als Care-Woche begangen wird.<a href=\"applewebdata:\/\/9FEBFF5A-C49D-46CF-8521-BD5AC34822CD#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2] <\/a>Statt zu Trauern, sollten wir in dieser Woche besser die zwischenmenschliche F\u00fcrsorge feiern und wertsch\u00e4tzen. Zudem bestand die Hoffnung so diesen in einer s\u00e4kularen Gesellschaft immer unverst\u00e4ndlicher werdenden Feiertagen, einen neuen Sinn und eine Legitimation zu geben. Ich finde die bewusste Wertsch\u00e4tzung der Care-Arbeit in der Karwoche eine sehr gute Idee, jedoch im Sinne einer Erg\u00e4nzung und nicht damit Kummer und Trauer einfach durch F\u00fcrsorge ersetzt werden. Denn f\u00fcr mich geh\u00f6ren diese beiden Aspekte untrennbar zusammen und dies schien auch bei den Antoniter M\u00f6nchen in Isenheim, dem Maler Gr\u00fcnewald und dem Evangelist Johannes so zu sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Evangelientext haben wir von den vier Frauen geh\u00f6rt (Joh 19,25), die auf dem Altarbild durch die kniende Maria von Magdala, repr\u00e4sentiert werden. Diese Frauen leisten h\u00e4rteste Care-Arbeit an diesem ersten Karfreitag. W\u00e4hrend alle m\u00e4nnlichen J\u00fcnger gefl\u00fcchtet sind und Jesus verlassen haben, bis auf Einen. So harren diese Frauen neben dem Kreuz aus. Sie stehen ihrem Sohn, Neffen und Freund in seiner dunkelsten Todesstunde zur Seite. Auch Jesus selbst h\u00e4tte in diesem Moment allen Grund, sich voll und ganz auf seinen Schmerz zu konzentrieren. Aber mitten in seinem eigenen Todeskampf k\u00fcmmert er sich f\u00fcrsorglich um seine Mutter und seinen Freund Johannes. Wir sehen, wie die Mutter Jesu ohnm\u00e4chtig nach hinten sinkt. Ein eindr\u00fccklicher Ausdruck der Ohnmacht, ihren Sohn nicht vor dem Tod besch\u00fctzen zu k\u00f6nnen. Zum Gl\u00fcck wird sie aufgefangen vom Arm des J\u00fcnger Johannes. Auch er leistet mit schmerzgezeichnetem Gesicht Care-Arbeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Macht der Ohnmacht kommt uns auf erschreckende Weise entgegen in dieser Kreuzigungsszene.<br \/>\nSind wir bereit hinzuschauen, diese totale Menschlichkeit Jesu auszuhalten: Seine Abh\u00e4ngigkeit, Bed\u00fcrftigkeit und Schw\u00e4che? Sind wir bereit trotz eigener Ohnmacht den sterbenden Menschensohn mit unseren Armen und in unserem Schoss aufzufangen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dies dr\u00fcckt Paul Gerhard in der 5. Strophe seines Liedes aus.<br \/>\n<strong><em>Lied: O Haupt voll Blut und Wunden (Strophe 5), <\/em><\/strong><em>Paul Gerhard<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">5.<br \/>\nIch will hier bei dir stehen,<br \/>\nverachte mich doch nicht;<br \/>\nvon dir will ich nicht gehen,<br \/>\nwenn dir dein Herze bricht;<br \/>\nwenn dein Haupt wird erblassen<br \/>\nim letzten Todessto\u00df,<br \/>\nalsdann will ich dich fassen<br \/>\nin meinen Arm und Scho\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>ein hilfloses Lamm statt einem starken Hirten<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer steht denn da rechts neben dem Kreuz? Auch mithilfe des Bibeltextes (Joh 19) k\u00f6nnen wir dies nicht erraten. Denn der Maler Gr\u00fcnewald hat da eine Person ins Bild \u00abhineingeschmuggelt\u00bb, die zum Zeitpunkt von Jesu Tod selbst schon gar nicht mehr am Leben war.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist Johannes der T\u00e4ufer. Wie ein Wegweiser steht er da und zeigt mit seinem \u00fcbergrossen, ausgestreckten Zeigefinger auf Jesus. Denn er war einer der Ersten, die am Anfang des \u00f6ffentlichen Wirkens Jesu bereits erkannten, wer dieser Jesus wirklich ist. Damals sagte er zu den Umstehenden was er auch heute, auf diesem Bild zu sagen scheint:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Seht, das Lamm Gottes, das die S\u00fcnde der Welt hinwegnimmt.\u00a0 (Joh 1,29)<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sehen sie das Lamm, ganz unscheinbar, unten auf dem Bild?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn es im Rahmen der Kirche um Schafe geht, kommen den meisten Menschen sofort Bibelverse in den Sinn, wie z.B. <em>&#8222;Der Herr ist mein Hirte.\u00bb (Ps 23,1) <\/em>Oder Jesus, der von sich sagt:<em> &#8222;Ich bin der gute Hirte, der gute Hirte setzt sein Leben ein f\u00fcr die Schafe.&#8220; (Joh 10,11)<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus als Hirte, der uns als seine Schafe versorgt und durchs Leben f\u00fchrt \u2013 solche Bilder haben schon manchen von uns Trost gegeben in schweren Lebenslagen. Aber hier wird uns Jesus nicht als Hirte vorgestellt, sondern als Lamm \u2013 als Lamm Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So haben sich die Zeitgenossen Johannes des T\u00e4ufers den Messias, den von Gott geschickten Retter, nicht vorgestellt. Es war f\u00fcr sie klar: wir brauchen einen, der wie ein L\u00f6we auftreten kann, um uns aus der Herrschaftsmacht der R\u00f6mer zu befreien. Einen starken Retter erwarteten sie, sicher nicht ein hilfloses Lamm.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich denke, dass auch wir Jesus lieber als guter Hirte erleben wollen, so wie er uns im Psalm 23 beschrieben wird: Einer, der unserem Mangel Abhilfe verschafft. Einer, der uns aus dem Tal der Todesschatten heraus, wieder auf gr\u00fcne Auen f\u00fchrt; Einer, der uns erquickt, tr\u00f6stet und uns seine G\u00fcte erleben l\u00e4sst.<em><br \/>\n<\/em>Dass er Jesus als solch ein Hirte erlebt, besingt Paul Gerhard in der 4. Strophe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong><em>Lied: O Haupt voll Blut und Wunden (Strophe 4), <\/em><\/strong><em>Paul Gerhard<\/em><\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li style=\"font-weight: 400;\">Erkenne mich, mein H\u00fcter;<br \/>\nmein Hirte, nimm mich an.<br \/>\nVon dir, Quell aller G\u00fcter,<br \/>\nist mir viel Guts getan:<br \/>\nDein Mund hat mich gelabet,<br \/>\ndein Wort hat mich gespeist,<br \/>\nund reich hat mich begabet<br \/>\nmit Himmelslust dein Geist.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch auf dem Isenheimer Altarbild zeigt Johannes der T\u00e4ufer nicht auf solch einen Hirten und m\u00e4chtigen Retter. Er stellt uns Jesus viel mehr als Lamm vor, hilflos, verwundet und stumm sein Leiden am Kreuz ertragend. Wie kommt er darauf, in diesem Lamm den Messias zu sehen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Buch in seiner Hand gibt uns den Hinweis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong>Der leidende Diener Gottes und der S\u00fcndenbock<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes steht an der Schwelle vom ersten zum zweiten Testament. Er wiederholt das, was die alten Propheten vor langer Zeit vorausgesagt haben und zeigt, dass sich jetzt diese Versprechen Gottes erf\u00fcllen. Dies m\u00f6chte ich an 2 Beispielen aus dem ersten Testament zeigen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als erstes Beispiel h\u00f6ren wir einige Verse aus dem 53. Kapitel des Propheten Jesaja. Dort beschreibt er den Diener Gottes. Nirgends jedoch vermerkt er eindeutig, wer dieser Diener ist, ob es sich dabei um das Volk, eine bestimmte von Gott gesandte Propheten-Person oder gar den erwarteten Messias handelt. Doch bereits die ersten Christen bezogen diese zukunftsoffenen Verse im R\u00fcckblick eindeutig auf das Leben und Sterben des Messias Jesus Christus. (z.B. Apg 8,30-37)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was von dem im Text Beschriebenen k\u00f6nnen sie auf Gr\u00fcnewalds Bild angedeutet sehen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Lesung aus Jesaja 53,3-8<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">S\u00fcnde ist Abwendung von Gott. Oder wie es Jesaja beschrieben hat: Treuebruch Gott gegen\u00fcber.<a href=\"applewebdata:\/\/9FEBFF5A-C49D-46CF-8521-BD5AC34822CD#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Wir Menschen gehen alle unsere eigenen Wege und so kommt es, dass wir umherirren im Leben wie Schafe ohne einen Hirten. Statt Gott dem Hirten zu folgen, der uns auf rechter Strasse f\u00fchren m\u00f6chte, laufen wir ihm davon. Abwendung von Gott kann nur wieder in Ordnung kommen durch Hinwendung zu ihm. Doch umzukehren, ist teilweise nur schwer m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor allem mit dem \u00c4lterwerden wird uns bewusst, dass es Sachen gibt im Leben, die wir nicht mehr ungeschehen oder wieder gut machen k\u00f6nnen. B\u00f6se oder unwahre Worte, die ausgesprochen sind und sich verbreitet haben, k\u00f6nnen wir nicht mehr zur\u00fcckholen. Bei jemandem, der bereits verstorben ist, k\u00f6nnen wir nicht mehr um Entschuldigung bitten. Was wir in Beziehungen an Liebe, Wertsch\u00e4tzung oder Zeit vers\u00e4umt haben, ist nicht mehr nachzuholen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dort, wo wir so in Abwendung feststecken und uns eine Hinwendung nicht mehr gelingt, brauchen wir jemanden anders, der oder die uns hilft und uns aus dieser Festgefahrenheit heraus holt. Der in Jesaja 53 genannte Gedanke des Stellvertretung zieht sich wie ein roter Faden durch das erste Testament. Doch ich erw\u00e4hne als zweites Beispiel nur den grossen Vers\u00f6hnungstag (Lev 16):<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da legte der Priester seine Hand auf den Kopf eines Schafbocks. Dieses Tier steht stellvertretend f\u00fcr das gesamte Volk Israel. Durch seine Zeichenhandlung b\u00fcrdet der Priester diesem Schafsbock all das auf, was die Israeliten im vergangenen Jahr gegen Gottes Wille getan haben. Anstelle der Menschen, die sich etwas zuschulden kommen lassen haben, wird nun der S\u00fcndenbock in die W\u00fcste und somit in den sicheren Tod geschickt. Die Israeliten wussten wohl schon damals, dass kein Schafsbock die kaputte Beziehung zwischen Gott und Mensch und untereinander wieder in Ordnung bringen kann. Und trotzdem war es ein starkes und wirksames Zeichen daf\u00fcr, dass Gott ihnen zusagte: Eure Schuld habt ihr nun einem andern aufgeb\u00fcrdet. Sie ist weg von euch. Euch ist vergeben. Ihr k\u00f6nnt vers\u00f6hnt mit mir und untereinander weitergehen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch wir brauchen dort, wo wir in der Abwendung von Gott feststecken, an unseren Mitmenschen schuldig geworden sind und dort wo wir aus eigenem Willen und Kraft nichts daran \u00e4ndern k\u00f6nnen, solch einen \u00abS\u00fcndenbock\u00bb. Einer, der unsere Fehler, unseren Schmerz, unsere Krankheit, unsere Last und unsere Schuld, zu seiner eigenen macht, sie uns abnimmt, auf sich l\u00e4dt, an unserer Stelle wegtr\u00e4gt und vergibt. Genau das macht Gott in Jesus Christus am Kreuz, indem Johannes auf das Kreuz zeigt und uns zuruft:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Siehe, das Lamm Gottes, das [deine] S\u00fcnden hinwegnimmt. (Joh 1,29)<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diesen Gedanken des stellvertretenden Tausches am Kreuz nimmt Paul Gerhard ebenfalls in seinem Lied auf: Jesus, der meine Last nimmt, sie tr\u00e4gt, so, dass ich befreit weitergehen kann. Wir singen die 3. Strophe:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong><em>Lied: O Haupt voll Blut und Wunden (Strophe 3), <\/em><\/strong><em>Paul Gerhard<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">3.<br \/>\nWas du, Herr, hast erduldet,<br \/>\nist alles meine Last;<br \/>\nich hab es selbst verschuldet,<br \/>\nwas du getragen hast.<br \/>\nSchau her, hier steh ich Armer,<br \/>\nder Zorn verdienet hat.<br \/>\nGib mir, o mein Erbarmer,<br \/>\nden Anblick deiner Gnad.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li style=\"font-weight: 400;\"><strong> nicht nur f\u00fcr mich, sondern mit mir<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dank dem Erbarmen und der Gnade, die am Kreuz nebst dem Leid sichtbar werden, d\u00fcrfen wir immer wieder vertrauensvoll bitten: <em>Vergib uns unsere Schuld. (Vgl. Unser Vater, Mt 6,12) <\/em>Unsere Schuld zu tragen, hat Jesus sein Leben gekostet \u2013 doch er war freiwillig bereit dazu, aus Liebe zu uns. Dieser Tausch beinhaltet noch einiges mehr als nur Schuld gegen Vergebung. Jesus nimmt unsere Ohnmacht auf sich und tauscht sie gegen Auferstehungskraft ein, Krankheit gegen Heilung, Scham gegen W\u00fcrde, Fluch gegen Segen und sogar unseren Tod gegen sein Leben, damit wir ewig leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Daher glaube ich, dass wir, Dank dem, was am Karfreitag geschehen ist, die Verse aus Jesaja 53 auch ganz pers\u00f6nlich lesen d\u00fcrfen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Er hat [meine] Krankheiten getragen, und [meine] Schmerzen hat er auf sich genommen. \u2026 Er wurde gequ\u00e4lt, weil [ich] schuldig war und er wurde misshandelt, weil [ich mich] verfehlt habe.<br \/>\nEr ertrug die Schl\u00e4ge, damit [ich] Frieden habe und er wurde verwundet, damit [ich] geheilt werden kann. (Vgl. Jes 53,4+5)<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dass Kranke, Sterbende, von Schmerzen geplagte Menschen, die in einer Hoffnungslosen Lage stecken, genau dies erleben k\u00f6nnen, das war der Wunsch von Maler Matthias Gr\u00fcnewald, als er sein Altarbild f\u00fcr die Isenheimer Krankenhaus Kapelle malte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In dieser Zeit w\u00fctete in Mitteleuropa eine Seuche: die Mutterkornvergiftung. Ein Pilz, welcher den Roggen befallen hatte, gelang \u00fcber das Mehl ins Brot und verbreitete sich somit grossfl\u00e4chig unter der Bev\u00f6lkerung. Die Symptome dieser Krankheit nannte man \u00abAntonius Feuer\u00bb, weil ein wahnsinniges brennen und kribbeln die H\u00e4nde und F\u00fcsse befiel. Dieses Brennen l\u00f6ste Kr\u00e4mpfe aus, verursachte unglaublichen Durst und im fortgeschrittenen Stadium starben den Erkrankten Finger und Zehen ab. Das Schlimmste jedoch war, dass es gegen diese Krankheit kein wirksames Heilmittel gab.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Maler Gr\u00fcnewald zeichnete den leidenden Jesus genau mit diesen Krankheitssymptomen. Die Patienten:innen, die in der Krankenhauskappelle auf ihre Behandlung warteten, erkannten in diesem Jesus am Kreuz, einer von ihnen. Einen, der genau dieselben Schmerzen, dasselbe Brennen, die Kr\u00e4mpfe und den Durst durchleidet wie sie gerade jetzt. Das Lamm Gottes, das hier am Kreuz mit ihnen leidet, sie versteht und all das aus Liebe zu ihnen auf sich nimmt, das tr\u00f6stete diese schwerkranken Menschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieser Blick auf das Kreuz kann auch f\u00fcr uns ein Trost werden, weil Jesus dadurch zu uns sagt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich kenne deine Angst, deine Einsamkeit, deine Schmerzen. Ich weiss, wie es sich anf\u00fchlt von Gott und Menschen verlassen zu sein. Ich verstehe dich, ich leide mit dir und bleibe bei dir auch in deiner eigenen Todesstunde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der sterbende Jesus als Hoffnungsanken f\u00fcr unsere eigene Todesstunde, besingt Paul Gerhard in den letzten 3 Strophen seines Karfreitag Liedes, welche wir zum Abschluss der Predigt singen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong><em>Lied: O Haupt voll Blut und Wunden (Strophe 6-8), <\/em><\/strong><em>Paul Gerhard<\/em><\/p>\n<table style=\"font-weight: 400;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"307\">6.<br \/>\nIch danke dir von Herzen,<br \/>\no Jesu, liebster Freund,<br \/>\nf\u00fcr deines Todes Schmerzen,<br \/>\nda du\u2019s so gut gemeint.<br \/>\nAch gib, dass ich mich halte<br \/>\nzu dir und deiner Treu<br \/>\nund, wenn ich einst erkalte,<br \/>\nin dir mein Ende sei.<\/td>\n<td width=\"307\">7.<br \/>\nWenn ich einmal soll scheiden,<br \/>\nso scheide nicht von mir,<br \/>\nwenn ich den Tod soll leiden,<br \/>\nso tritt du dann herf\u00fcr;<br \/>\nwenn mir am allerb\u00e4ngsten<br \/>\nwird um das Herze sein,<br \/>\nso rei\u00df mich aus den \u00c4ngsten<br \/>\nkraft deiner Angst und Pein.<em>\u00a0<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"307\">8.<\/p>\n<p>Erscheine mir zum Schilde,<br \/>\nzum Trost in meinem Tod,<br \/>\nund lass mich sehn dein Bilde<br \/>\nin deiner Kreuzesnot.<br \/>\nDa will ich nach dir blicken,<br \/>\nda will ich glaubensvoll<br \/>\ndich fest an mein Herz dr\u00fccken.<br \/>\nWer so stirbt, der stirbt wohl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/td>\n<td width=\"307\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liturgischer Hinweis zum Abendmahl:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Besonders passt ein Agnus Dei Lied z.B. <strong>Christe, du Lamm Gottes <\/strong>(Text von Martin Luther)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als Gebet \u00abAnima Christi\u00bb aus dem 14. Jahrhundert, das evt. (nicht gesichert) auch Paul Gerhard als Inspiration f\u00fcr seine Passionslieder gedient hat:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seele Christi, heilige mich,<br \/>\nLeib Christi, rette mich,<br \/>\nBlut Christi, tr\u00e4nke mich,<br \/>\nWasser der Seite Christi, reinige mich,<br \/>\nLeiden Christi, st\u00e4rke mich,<br \/>\nO guter Jesus, erh\u00f6re mich.<br \/>\nBirg in deinen Wunden mich,<br \/>\nvon dir lass nimmer scheiden mich,<br \/>\nvor dem b\u00f6sen Feind besch\u00fctze mich.<br \/>\nIn meiner Todesstunde rufe mich,<br \/>\nzu dir kommen hei\u00dfe mich,<br \/>\nmit deinen Heiligen zu loben dich<br \/>\nin deinem Reiche ewiglich. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">VDM (Verbi Divini Ministra) Barbara Pfister, CH-Bubikon<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:barbara_pfister@gmx.ch\">barbara_pfister@gmx.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Barbara Pfister, geb. 1977, Pfarrerin in der ev. ref. Kirche Wetzikon (Z\u00fcrich).<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/9FEBFF5A-C49D-46CF-8521-BD5AC34822CD#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Mathis_Gothart_Gr%C3%BCnewald_022.jpg\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Mathis_Gothart_Gr%C3%BCnewald_022.jpg<\/a> (01.04.2023), gemeinfrei<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/9FEBFF5A-C49D-46CF-8521-BD5AC34822CD#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/wirtschaft-ist-care.org\/abgeschlossene-projekte\/\">https:\/\/wirtschaft-ist-care.org\/abgeschlossene-projekte\/<\/a> (01.04.2023)<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/9FEBFF5A-C49D-46CF-8521-BD5AC34822CD#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Jes 53,5a:andere m\u00f6gliche \u00dcbersetzung f\u00fcr S\u00fcnde (LUT) oder Vergehen (ZB)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>O Haupt voll Blut und Wunden | Karfreitag | 07.04.2023b | verfasst von Barbara Pfister | Lied- und Bildpredigt zu \u00abO Haupt voll Blut und Wunden\u00bb und Isenheimer \u00abKreuzigungstafel\u00bb Liturgischer Hinweis: Hinf\u00fchrung zur Predigt, Lied und Bild Eingangsvers: Johannes 15,13 Karfreitag \u2013 ein Tag voller Kummer, Klage und Trauer. Doch interessanterweise heisst er in den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":17929,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,812,157,120,114,702,349,1370,1108,909,109,1116,126],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-17944","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelle","category-barbara-pfister","category-beitragende","category-bes_gelegenheiten","category-deut","category-karfreitag","category-kasus","category-lieder-paul-gerhardts","category-liedpredigten","category-passion-im-lied","category-predigten","category-predigtformen","category-predigtreihen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17944","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17944"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17944\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17954,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17944\/revisions\/17954"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17929"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17944"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17944"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17944"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=17944"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=17944"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=17944"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=17944"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}