{"id":17949,"date":"2023-04-03T06:40:02","date_gmt":"2023-04-03T04:40:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=17949"},"modified":"2023-04-03T06:51:59","modified_gmt":"2023-04-03T04:51:59","slug":"johannes-1938-42","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1938-42\/","title":{"rendered":"Johannes 19,38-42"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">unfertig | Karsamstag | 08.04.2023 |Joh 19, 38-42 | Nadja Papis |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Karsamstag \u2013 so ein Tag dazwischen, zwischen den wirklich wichtigen Tagen, zwischen Karfreitag und Ostersonntag, zwischen Kreuz und Auferstehung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Am Karsamstag ist es bei uns in der Familie Tradition, die Osterdekoration aufzuh\u00e4ngen. Ja, wir warten wirklich bis zum Karsamstag, bevor wir die Zweige f\u00fcr den Osterbaum schneiden und ins Wasser stellen, farbige B\u00e4nder daran binden, Holzeier, kleine H\u00e4schen und Schafe aufstellen und Eier f\u00fcr den Osterbrunch f\u00e4rben. Am Karsamstag bereiten wir uns also vor \u2013 im Wissen darum, dass es noch nicht ganz Ostern ist, aber auch im Wissen darum, dass Ostern kommt nach dem Karfreitag, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Dieser Tag ist wie eine Zwischenzeit, schon, aber noch nicht ganz. Es ist nicht das Gef\u00fchl von \u00abmittendrin\u00bb, eher das von \u00abunfertig\u00bb.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der heutige Predigttext steht in Joh 19, 38-42: Josef von Arimat\u00e4a, der ein J\u00fcnger Jesu war \u2013 ein heimlicher zwar aus Furcht vor den Juden &#8211; , bat Pilatus, dass er denn Leib Jesu herabnehmen d\u00fcrfe; und Pilatus erlaubte es. Also ging er und nahm seinen Leib herab. Es kam auch Nikodemus, der fr\u00fcher einmal nachts zu ihm gekommen war, und brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe mit, etwa hundert Pfund. Sie nahmen nun den Leib Jesu und wickelten ihn zsuammen mit den wohlriechenden Salben in Leinenbinden ein, wie es bei einem j\u00fcdischen Begr\u00e4bnis Siite ist. Es war aber an dem Ort, wo er gekreuzigt worden war, ein Garten, und in dem Garten ein neues Grab in das noch niemand gelegt worden war. Dort nun legten sie Jesus hin, weil die Juden R\u00fcsttag hatten und das Grab in der N\u00e4he lag.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Begr\u00e4bnis Jesu\u2026 Ein sorgf\u00e4ltiges, w\u00fcrdiges Begr\u00e4bnis \u2013 gem\u00e4ss den damaligen j\u00fcdischen Sitten mit Duftstoffen, dem liebevollen Einbinden des Leichnams und einem ganz neuen, unbenutzten Grab in einem Garten. Die Sorgfalt und W\u00fcrde wird vom Evangelist Johannes betont, er beschreibt sie detailliert. Das neue, noch nie benutzte und somit ungeteilte Grab entspricht der Einzigartigkeit Jesu. Joseph und Nikodemus sind einflussreiche und wohlhabende B\u00fcrger mit Zugang zu Pilatus, die sich nun nicht mehr nur heimlich oder nachts zur Bewegung des Messias bekennen, sondern offen als J\u00fcnger auftreten und ihrem toten Meister Ehre erweisen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Alles ist erledigt, gut und w\u00fcrdig erledigt und doch noch nicht fertig. Diese Situation kennen viele Trauernde, auch heute. Eigentlich, so m\u00fcsste man meinen, ist mit dem Tod alles fertig, sp\u00e4testens nach der anst\u00e4ndigen Beerdigung geht doch das Leben weiter. Nein, das Gef\u00fchl vieler trauernder Menschen ist ein ganz anders. So vieles geht einfach weiter und ich bleib stehen, kann nicht, ja, nicht einen Schritt mitgehen. F\u00fcr mich ist noch gar nichts fertig und zu Ende, viel zu intensiv sind die Gef\u00fchle, die mich durchsch\u00fctteln, viel zu stark ist die Verbundenheit, die nun einfach so abgebrochen sein soll. Und doch weiss ich genau: Es ist nun anders. Dieser Mensch fehlt und wird immer fehlen. Die L\u00fccke macht sprachlos, hilflos, fast handlungsunf\u00e4hig, obwohl es so viel zu tun gibt. Zumindest ein anst\u00e4ndiges, w\u00fcrdiges Begr\u00e4bnis\u2026 Es ist nicht das Gef\u00fchl von \u00abmittendrin\u00bb, eher das von \u00abunfertig\u00bb.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf der Suche nach Inspiration habe ich mich der Kunstgeschichte zugewandt, all den vielen Darstellungen der Grablegung Christi. \u00dcberall dieser bleiche, geschundene Leichnam, sp\u00e4rlich bedeckt, Blut, Wunden, Dornenkrone, trauernde und huldigende Menschen rundherum. Beim Scrollen bin ich auf das unvollendete Altarbild von Michelangelo gestossen (Die Grablegung Christi, Michelangelo Buonarroti, National Gallery London). In der Mitte wie bei den meisten Gem\u00e4lden zur Grablegung der Leichnam Jesu, um ihn herum f\u00fcnf Gestalten, drei davon tragen ihn. Wer sind sie? Es wird angenommen, dass der Evangelist Johannes auf der linken Seite steht und hinten der im Bibeltext beschriebene Joseph von Arimat\u00e4a. Die dritte Figur, welche auf der rechten Seite des Leichnams die Binden h\u00e4lt, ist schwieriger zu identifizieren, nicht einmal sicher ist es, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Vielleicht Nikodemus, der ja ebenfalls in unserem Text vorkommt, vielleicht auch Maria aus Magdala oder eine andere der Frauen, die in der N\u00e4he waren. Zwei weitere Frauen sind da, eine untersucht die N\u00e4gel und die Dornenkrone. Und vorne rechts w\u00e4re Platz f\u00fcr eine weitere Figur. Warum hat Michelangelo das Bild nicht fertiggestellt. Es war eine Auftragsarbeit und er musste die erhaltene Zahlung daf\u00fcr zur\u00fcckerstatten. Hatte er einen attraktiveren Auftrag? Oder war er nicht zufrieden mit der Komposition? Mittendrin hat er aufgeh\u00f6rt. Aus dem Bild spricht nicht das Gef\u00fchl von \u00abmittendrin\u00bb, sondern das von \u00abunfertig\u00bb.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nicht nur die Grablegung, auch andere Szene haben sich in der Wirkungsgeschichte entwickelt: die Kreuzabnahme und nat\u00fcrlich die Pieta, die Beweinung. Es sind oft qualvolle Bilder oder Skulpturen, der ganze Schmerz, die ganze Trauer, die ganze Verzweiflung spricht aus ihnen. Ja, dieses unfertige Dazwischen bewegt uns Menschen, weil wir es alle kennen. So oft m\u00f6chte ich es \u00fcbergehen, auch gerade an Ostern. Als kirchlich orientierter Mensch gehe ich zwar meistens in den Karfreitagsgottesdienst, aber noch lieber habe ich die Osternacht, wo alles inklusive ist: Das Kreuz wird bedacht, aber am Schluss sind wir schon bei der Auferstehung angelangt. Ich brauche nicht zu verharren in diesem qualvollen, leidvollen \u00abunfertig\u00bb.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber es geh\u00f6rt zu unserem Leben, mehr oder weniger qualvoll. Ich erinnere mich an den Zustand bei der Abgabe einer grossen Arbeit: fertig geschrieben, aber noch mit den ausstehenden R\u00fcckmeldungen des Professors, welche zu weiteren Verbesserungen f\u00fchren w\u00fcrden. Unfertig. Ich erinnere mich an die Tage nach der Geburt meiner T\u00f6chter: die Schwangerschaft zu Ende, aber der Alltag mit Kind noch lange nicht eingerichtet. Unfertig. Ich denke an den von Krebs genesenden Mann: die Behandlungsphase \u00fcberstanden, aber banges Abwarten, ob eventuell ein R\u00fcckfall alles zunichtemacht oder Hoffnung auf Gesundheit wirklich wird. Unfertig. Ich denke an die Frau auf Arbeitssuche: die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, aber viel zu wenige Jobm\u00f6glichkeiten. Unfertig. Und nat\u00fcrlich eben die Situation der Trauernden, die nach der Beerdigung in diesem \u00abunfertig\u00bb stecken bleiben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So oft m\u00fcssen wir mit dem Unfertigen umgehen lernen. Gerade darum d\u00fcrfen wir es an Ostern nicht \u00fcbergehen, gerade darum hat die Wirkungsgeschichte ein Auge darauf geworfen, auf diese Szenen dazwischen, und das Wichtige in ihnen dargestellt. Ja, auch der Evangelist selber hat mit seiner Betonung des Begr\u00e4bnisses diese Wichtigkeit betont. Und mir damit auch Hinweise gegeben f\u00fcr den Umgang.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Joseph und Nikodemus halten sich beim Begr\u00e4bnis an die ihnen bekannten Traditionen. Sie geben ihnen Halt und Handlungsmacht. Ja, sie k\u00f6nnen etwas tun, obwohl sie sich in diesem Moment wahrscheinlich komplett handlungsunf\u00e4hig f\u00fchlen. Immer wieder erlebe ich das Wohltuende gewohnter Abl\u00e4ufe, vorgegebener Umgangsweisen. So macht f\u00fcr mich Tradition Sinn. So hilft Gewohnheit. In der Notfallseelsorge habe ich schon oft eine verzweifelte Person gebeten, mir einen Tee oder Kaffee zu kochen. Nicht weil mir mein eigenes Wohl so wichtig w\u00e4re, sondern um sie durch die gewohnte Handlung zur Einsicht zu begleiten, dass sie es schaffen kann. Meistens hat es sehr lange gedauert, bis der Tee oder Kaffee fertig war, aber es war geschafft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Joseph und Nikodemus stehen dazu, was sie bewegt. Beide waren vorher nur heimlich Sympathisanten von Jesus, nun bekennen sie sich zu ihm, sie beziehen Stellung, Joseph sogar vor h\u00f6chster Instanz bei Pilatus mit der Bitte um die Herausgabe des Leichnams. Gerade in den unfertigen Zeiten ist das eine Wahnsinnsleistung. Wenn ich selber nicht weiss, wo mir der Kopf steht, kann ich es auch anderen nicht sagen. Und doch erlebe ich immer wieder, wie Menschen in Not durchaus selber entscheiden k\u00f6nnen, was ihnen wichtig ist oder hilft und was nicht. Wer ihnen gut tut und wer nicht. Ihnen und auch mir in dieser Situation eigene Gedanken, Gef\u00fchle und Entscheidungen zuzutrauen, ist wertvoll.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Joseph und Nikodemus nehmen sich Zeit und sind sehr sorgf\u00e4ltig. Sorgfalt und Geduld mit sich und anderen geh\u00f6rt in die unfertigen Momente. Ich kann sie nicht durch Eile \u00fcberspielen oder verdr\u00e4ngen. Ich kann sie nur durchleben und dabei sorgf\u00e4ltig darauf achten, was in mir geschieht. Ich denke an die Pieta, die bewegende Darstellung der trauernden Mutter, die ihren toten Sohn sorgf\u00e4ltig, liebevoll und stark auf ihrem Schoss h\u00e4lt. Ja, sie ist stark und das muss sie auch sein. Es gibt nichts Schlimmeres, was Menschen erleben k\u00f6nnen, als ihr Kind beweinen zu m\u00fcssen. Sie ist stark und sorgf\u00e4ltig zugleich. Sorgf\u00e4ltig scheint auch die Hoffnung auf, die in uns angelegt ist. Sorgf\u00e4ltig leuchtet sie uns von Ostern her entgegen, vielleicht noch unbemerkt, vielleicht unscheinbar, aber sie ist da. Der g\u00f6ttliche Hoffnungsfunke ist bereits am Wirken, wenn wir das Unfertige aushalten und durchleben k\u00f6nnen. Das Begr\u00e4bnis findet in dem Garten statt, der sp\u00e4ter im Johannesevangelium der Ort der Erkenntnis wird. Maria aus Magdala legt das erste Zeugnis vor dem leeren Grab ab. Wir sind also schon an dem Ort, wo das Unfertige erl\u00f6st wird und neues Licht aufscheint. Bleiben wir am heutigen Karsamstag noch beim Unfertigen, im Garten des Begr\u00e4bnisses und halten es aus, wie so viele Menschen es auf dieser Welt aushalten m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Langnau am Albis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>unfertig | Karsamstag | 08.04.2023 |Joh 19, 38-42 | Nadja Papis | Der Karsamstag \u2013 so ein Tag dazwischen, zwischen den wirklich wichtigen Tagen, zwischen Karfreitag und Ostersonntag, zwischen Kreuz und Auferstehung. 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