{"id":1795,"date":"2020-02-09T12:57:53","date_gmt":"2020-02-09T11:57:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=1795"},"modified":"2020-02-22T11:03:47","modified_gmt":"2020-02-22T10:03:47","slug":"predigt-zu-matthaeus-2514-30","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-matthaeus-2514-30\/","title":{"rendered":"Predigt zu Matth\u00e4us 25,14-30"},"content":{"rendered":"<h3>verfasst von Margrethe Dahlerup Koch |aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>Wir haben heute gut begonnen. Mit einem Lied von der \u201eM\u00f6glichkeit dieses Morgens\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/CDF481A4-E7A3-4055-8546-2B2E1BBC2E1B#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Die lebendigen und frohen jungen Leute. Die Frucht der Freude, die wir ges\u00e4t haben, und alles, so steht da, freut sich munter. Bis wir dann die erste Lesung aus der Bibel geh\u00f6rt haben (Hiob 9,1-12), wo Hiob direkt mit unseren fr\u00f6hlichen Gesichtern konfrontiert wird. Hiob, der da in der Asche sitzt ohne all das: Seine Kinder leben nicht mehr und k\u00f6nne sich nicht mehr freuen, sie sind tot. Fr\u00fcchte der Freude, die er einmal gekannt hat, gibt es nicht mehr. Alles, was er ges\u00e4t hat, ist verwelkst und verloren. Sein K\u00f6rper ist zerst\u00f6rt. Da gibt es nichts zu lachen. Hiob hat alles verloren. Sein Lied hei\u00dft \u201eUnm\u00f6glichkeit dieses Morgens\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Und wie der da so sitzt, Hiob, das Holocaustopfer, der syrische Vater, der seine Familie nicht besch\u00fctzen konnte, der Rohingya-Mann, der vertrieben worden ist, oder der Geschiedene, der nie verstanden hat, warum es so enden musste \u2013 so wie er da sitzt \u2013 hier am Sonntagvormittag, zwingt er uns eben einmal kurz einzuhalten und noch einmal hinzusehen auf den drittem Knecht des Evangeliums. Ihn haben wir gerade zur\u00fcckgelassen drau\u00dfen in der Finsternis, drau\u00dfen wo Heulen und Z\u00e4hneklappern herrscht. Denn sie \u00e4hneln sich ja, die Hiobs aus aller Welt und der letzte Knecht, der auch alles verliert, was er bekommen hatte.<\/p>\n<p>\u201eDu b\u00f6ser und fauler Knecht\u201c, steht da, so nennt ihn sein Herr. Aber das ist sowohl eine falsche \u00dcbersetzung des griechischen Wortes als auch ein ungerechter Vorwurf. Ein Versuch, den guten Ruf des Herren zu retten. Denn faule Knechte sollen nat\u00fcrlich gefeuert werden. Das ist nur gerecht. Aber das stimmt ja nicht, dass der Knecht faul ist. Im Gegenteil. Er arbeitet ja wie wild mit der Schaufel. Es ist nicht Faulheit, die ihn dazu veranlasst, ein gro\u00dfes Loch zu graben und das ihm anvertraute Verm\u00f6gen darin zu verstecken. Unsere flei\u00dfigen Vorfahren haben ja dasselbe gemacht w\u00e4hrend der Kriege mit den Schweden, um ihr Silber vor den Feinden in Sicherheit zu bringen. Faulheit ist das nicht, was den Knecht antreibt. Es ist Furcht. Der Knecht hat Angst. Er sagt es selbst, als der Herr heimkehrt: Aus Furcht vor dir ging ich hin und vergrub dein Talent in der Erde. Und eine korrekte \u00dcbersetzung der Antwort des Herren ist denn auch eher: \u201eDu schlechter und furchtsamer Knecht\u201c.<\/p>\n<p>Also: Es ist die Furcht, die den Knecht treibt, und sie treibt ihn in die Finsternis und das Verderben.<\/p>\n<p>Er hat Angst vor seinem Herrn, sagt er. Ja, und deshalb hat er Angst, etwas zu verlieren. Angst davor, dass es ihm schlie\u00dflich so geht wie Hiob, dem alles genommen wurde. Deshalb passt er gut auf das, was er bekommen hat. Wie das in einem d\u00e4nischen Friedenslied aus den 70\u2019er Jahren hie\u00df \u00fcber die furchtsamen Erwachsenen, wo der Kehrreim hie\u00df: \u201eIch hab so viel, auf das ich achten muss, ich hab ja dich, auf den ich aufpassen muss\u201c.<\/p>\n<p>In Schweden haben sie einen Liedermacher, Oscar Danielson, der mit einem pr\u00e4zisen und sehr bildhaften Wort die Furchtsamkeit beschrieben hat, die den ergreifen kann, dem eine Verantwortung anvertraut ist. Er nennt es \u201eFahrradschutzhelmvortrefflichkeit\u201c, und er beschreibt da einen Mann, der eben wie der dritte Knecht furchtbare Angst hat, das mit dem anvertrauten Verm\u00f6gen \u2013 in dem Lied ist es die Familie des Mannes \u2013 etwas passieren k\u00f6nnte. Deshalb tut er alles um es zu sichern, zu besch\u00fctzen, auf es aufzupassen. Als verantwortungsvolle Eltern hier in unserem skandinavischen Wohlfahrtsstaat tun wir das ja auch. Der Mann sorgt f\u00fcr Sicherheitsgurte, Alarm, \u00f6kologisches Gem\u00fcse, Apps, Reflexe und Schutzhelme. Aber so wie er da steht in seiner \u201eFahrradschutzhelmvortrefflichkeit\u201c, wie Danielson das nennt, ist dennoch etwas verkehrt. Ganz verkehrt. Da kann nichts passieren. Nein es kann nichts passieren. Und eben das ist das Schreckliche. Nichts geschieht. Die Furcht hat die Macht ergriffen. L\u00e4hmende Furcht. Und Furcht, die blind macht.<\/p>\n<p>So wie sie nun den dritten Knecht blind gemacht hat. Die Furcht vor dem Herren, der \u201eerntet, wo er nicht ges\u00e4t hat, und einsammelt, wo er nicht ausgestreut hat\u201c, hat den Knecht daf\u00fcr blind gemacht, dass dieses Verhalten Ausdruck einer vollkommen ungeh\u00f6rigen <em>Gro\u00dfz\u00fcgigkeit<\/em> ist. Wer erntet, wo er nicht ges\u00e4t hat, und einsammelt, wo er nicht ausgestreut hat, ist ja sowohl ganz ungeh\u00f6rig anspruchsvoll als auch gro\u00dfz\u00fcgig in seinem Wunsch, alles haben zu wollen. Niemand und nichts darf verloren gehen. Alles will er sein eigen nennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und diese Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und diese Ungeh\u00f6rigkeit l\u00e4sst den Herren an den Gott des Ostermorgens erinnern. Denn am Ostermorgen handelt Gott an uns gegen alles, was recht und billig ist, und verlangt die ganze Ernte. Selbst den Teil, der eigentlich die Beute des Todes war, beansprucht Gott als sein rechtm\u00e4\u00dfiges Eigentum. Das eine verdammte und vergrabene und vertane Talent des obdachlosen Sohnes eines Zimmermannes nannte Gott seinen einzigen eingeborenen Sohn und nahm in zu sich, als w\u00e4re er Gott selbst.<\/p>\n<p>Da sind drei Knechte in dem Gleichnis. Zwei mutige und ein furchtsamer. Sie spiegeln Seiten in uns selbst wieder \u2013 wie wir uns verhalten. Und das ist wichtig. Die drei Knechte sind nicht verschiedene Menschen oder Typen von Menschen. Sie sind verschiedene Seiten von uns selbst. Denn Jesus spricht immer zu und von einem jeden einzelnen. Die Trennlinie, die er setzt, verl\u00e4uft nicht <em>zwischen <\/em>Menschen, sondern <em>mitten <\/em>durch uns hindurch, durch jeden von uns. Was uns interessieren soll, das ist nie, inwieweit jemand verloren geht, w\u00e4hrend sich andere in die \u201eFreude des Herrn\u201c retten. Das was wir h\u00f6ren und uns zu Herzen nehmen sollen, ist dies, dass da <em>etwas <\/em>ist \u2013 etwas in jedem Menschen, etwas in uns, das nur Heulen und Z\u00e4hneklappern wert ist. Heute ist es die Furcht, die zum Tode verurteilt wird und in die Finsternis und das Vergessen verweisen wird. \u201eF\u00fcrchtet euch nicht\u201c, sagte der Engel in der Weihnacht zu den Hirten. In zwei Monaten am Ostermorgen ist es dieselbe Botschaft, die die Frauen mit den Salben-Kr\u00fcgen empfangen. Und wie der dritte Knecht hier zwischen Weihnachten und Ostern da in der Finsternis steht ohne irgendetwas, steht er als Bild f\u00fcr die Furcht, die Kontrolle \u00fcber das zu verlieren, was uns anvertraut ist, eine Furcht, von der sich niemand von uns freisprechen kann, die aber dennoch niemals Recht bekommt.<\/p>\n<p>Denn der anspruchsvolle Herr vertraut seinen Knechten sein ganzes Verm\u00f6gen an. Alles. Nichts h\u00e4lt er zur\u00fcck in Sicherheit bei sich selbst. Man denke nur, dass er das wagt. Man denke nur, was er von den Knechten h\u00e4lt. Man denke nur, welche Macht er ihnen gibt. Vollmacht, mit dem zu handeln, was ihm geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wir haben nicht nur etwas, auf das wir aufpassen m\u00fcssen, als w\u00e4ren wir nur die Aufseher f\u00fcr die Welt und f\u00fcr einander. Wir haben vor allem etwas, was wir und weiterreichen k\u00f6nnen. Trotz unserer \u00e4ngstlichen \u201eFahrradschutzhelmvortrefflichkeit\u201c oder unserer entsetzliche Hiob-Erfahrungen ist dies das, was wir k\u00f6nnen: Das Leben, was uns gegeben ist.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen in dem leben, was uns gegeben ist: Der Trauer, den Ungerechtigkeiten, den fr\u00f6hlichen Kindern und denen, die wir vermissen, den Unm\u00f6glichkeiten des Tages und seinen M\u00f6glichkeiten, leben in dem, weinen und uns freuen, verstehen und nicht verstehen.<a href=\"applewebdata:\/\/CDF481A4-E7A3-4055-8546-2B2E1BBC2E1B#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Wir haben nicht etwas, auf das wir aufpassen m\u00fcssen. Wir haben etwas, das wir loslassen sollen und weggeben: Unsere Zeit, unsere aufmerksamen Ohren, unsere H\u00e4nde k\u00f6nnen die der anderen erreichen, und unsere Phantasie reicht aus, weiter zu denken als unsere eigene Haust\u00fcr.<\/p>\n<p>An der Wand in unserer Kirche h\u00e4ngt ein gro\u00dfes St\u00fcck Holz. Ein Kreuz. Gro\u00df wir das Moor, in dem das Holz gelegen hat. H\u00e4ngt da jemand an dem Kreuz? Da ist kein Gesicht, kein K\u00f6rper ist zu sehen. \u201eF\u00fcr einen unbekannten Gott\u201c, stand auf den Alt\u00e4ren auf dem Areopag im antiken Athen. Aber auch wenn das Kruzifix des d\u00e4nischen K\u00fcnstlers Erik Heide weder ein Gesicht hat noch die Erkennbarkeit eines K\u00f6rpers, besteht kein Zweifel. Das Kreuz ist nicht leer. Und wir erkennen ihn wieder und wissen, was er von uns will. Wir sp\u00fcren es deutlich. Die waagerechte Linie \u2013 die Arme, die ausgebreitet sind. Sie umarmen alles und jeden \u2013 und uns. Gro\u00dfz\u00fcgig. Segnend.<\/p>\n<p>Ob Kinder das immer so getan haben, wei\u00df ich nicht. Ich kann mich nicht erinnern, ich habe es neulich erst bemerkt. Aber wenn der Pastor die Arme ausbreitet zum Segen, dann tun die meisten Kinder, die das sehen, dasselbe. Sie erheben die Arme und segnen auch. Geben die Gro\u00dfmut und nat\u00fcrlich das weiter, was sie eben bekommen haben. Setzten furchtlos alles ein, so wie sie es eben bei unserem Herrn gesehen haben.<\/p>\n<p>Wir anderen, die wir nicht freim\u00fctig sind, k\u00f6nnen etwas anderes tun. Hinaufgehen und neuen Mut zum Leben empfangen, Wein und Brot empfangen, Brot, das die Form eine M\u00fcnze hat, des Talents, und uns das Beste antrinken und anessen: Auferstehung und die neuen Investitionsm\u00f6glichkeiten dieses Tages. Amen.<\/p>\n<p>____________<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/CDF481A4-E7A3-4055-8546-2B2E1BBC2E1B#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Neues Lied im d\u00e4nischen Gesangbuch von Johannes M\u00f8llehave: Denne morgens mulighed, Lied Nr. 814.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/CDF481A4-E7A3-4055-8546-2B2E1BBC2E1B#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Mogens Lindhardt hat in seinem Buch: \u201dTrinitatis\u201d, Kopenhagen 2015, auf den Unterschied zwischen leben \u201evon\u201d und leben \u201ein\u201d dem, was uns gegeben ist, aufmerksam gemacht.<\/p>\n<div id=\"fuss\">Pastorin Margrethe Dahlerup Koch<br \/>\nRingk\u00f8bing, D\u00e4nemark<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:mdkoch(at)mail.dk\">mdkoch(at)mail.dk<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>verfasst von Margrethe Dahlerup Koch |aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | Wir haben heute gut begonnen. Mit einem Lied von der \u201eM\u00f6glichkeit dieses Morgens\u201c[1]. 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