{"id":17962,"date":"2023-04-04T21:00:18","date_gmt":"2023-04-04T19:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=17962"},"modified":"2023-04-04T22:26:44","modified_gmt":"2023-04-04T20:26:44","slug":"markus-161-8-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-161-8-11\/","title":{"rendered":"Markus 16,1-8"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Ostersonntag | 09.04.2023 |\u00a0Mk 16,1-8 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Frank Larsen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als Hans Barr\u00f8y stirbt, verstummt seine Frau. In dem Buch des norwegischen Autors Roy Jacobsen \u201eDie Unsichtbaren\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/678A0056-1F07-470C-9573-8E4F1E00B76A#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> kehrt er zur\u00fcck zu seiner Insel am Ende des Tages nach einem Ausflug auf dem Festland. Er bringt seine Eink\u00e4ufe an Land und zieht das Boot herauf, und ehe er nachhause geht, setzt er sich auf die Stufe zum Bootshaus mit seiner Pfeife und raucht, w\u00e4hrend er nach Norden schaut in des hellrote Licht, das langsam blau wird. Dort finden sie ihn tot, seine Frau und sein gro\u00dfes M\u00e4dchen, seine behinderte Schwester und ihr Junge und die beiden kleinen unangepassten Pflegekinder, die sechs Menschen, die von ihm abh\u00e4ngig sind. In den Tagen nach der Beerdigung tun die Tochter und die Schwester und der Neffe alles, was sie k\u00f6nnen, um die Aufgaben zu bew\u00e4ltigen, die Hans ausgef\u00fchrt h\u00e4tte mit den Tieren und der Erde und dem Fisch, um das Dasein auf seiner Insel zusammenzuhalten. Maria nimmt daran nicht teil. Sie sitzt ganz still. Sie erz\u00e4hlen ihr, was sie machen, aber sie reagiert nicht. Sie erw\u00e4hnen, was sie machen wollen, aber sie \u00f6ffnet nicht den Mund. Sie fragen, ob Geld da ist zum Einkaufen und was sie vom Kaufmann brauchen, aber sie antwortet nicht. Schlie\u00dflich holen sie einen Arzt, der nach ihr sehen soll. Er nimmt Maria mit zum Krankenhaus. Als sie nach einigen Monaten auf die Insel zur\u00fcckkehrt, k\u00f6nnen sie sie nicht wiedererkennen. Ihr schwarzes Haar ist aschgrau geworden, schreibt der Dichter, und \u201eihre Haut sieht aus, als h\u00e4tte sie nie die Sonne gesehen, denn sie geh\u00f6rt einer Leiche im Grab\u201c, steht da. Das ist es, was der Verlust mit einem Menschen tun kann. Maria wird genauso stumm und grau wie Hans.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0 Der Philosoph Karl Jaspers kommt zu dem Schluss, dass wir uns in unserer Existenz immer in Situationen befinden, die etwas Verschiedenes von uns verlangen. Und in allen gew\u00f6hnlichen Situationen des Alltags tun wir so gut wie wir k\u00f6nnen das, was wir meinen, dass es die Situation von uns verlangt. Wir verwenden die Phantasie. die Gabe der Einf\u00fchlung und die W orte, \u00fcber die wir nun einmal verf\u00fcgen, um die Situationen zu bew\u00e4ltigen, in denen wir uns befinden., und da ist so viel, was wir tun k\u00f6nnen. Aber dann gibt es auch Situationen, sagt Jaspers, wo wir zu kurz kommen. Die nennen wir Grenzsituationen. Das sind die Situationen, wo unsere Worte und unsere Tatkraft an ihre Grenze gelangen, wo es keinen Sinn macht, davon zu reden, dass man irgendetwas bew\u00e4ltigt, denn da ist nichts zu bew\u00e4ltigen. Als sie an diesem Abend Hans Barr\u00f8y tot auf der Stufe zum Bootshaus finden, ist das eine Grenzsituation. Das Verstummen seiner Frau in den Tagen und Monaten danach ist der sichtbare Ausdruck daf\u00fcr, dass ihre Worte und ihre Handlungsf\u00e4higkeit ihre Grenze gefunden haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eben in dieser Grenzsituation befinden wir uns im Osterevangelium, wenn wir den Frauen hinaus zum Grab folgen, w\u00e4hren der Morgenhimmel rot ist. Ja, sie kommen mit duftenden \u00d6len, um die Leiche zu salben., das ist das einzige, was sie noch tun k\u00f6nnen. Das ist so, wie wenn wir mit Blumen zu unseren Gr\u00e4bern kommen, das macht eigentlich keinen Unterschied. Das \u00e4ndert nicht das Geringste an der Situation der Frauen. Sie haben ihn verloren, den sie nicht entbehren k\u00f6nnen, und sie k\u00f6nnen nichts dagegen tun. Als er starb und begraben wurde, war die Grenze ihrer Handlungsf\u00e4higkeit erreicht. Der Stein, von dem sie reden, w\u00e4hrend sie gehen, ist der sichtbare Ausdruck f\u00fcr diese Grenze. Ganz so wie die Steine auf unseren Gr\u00e4bern. Bis hierher und nicht weiter! Bis hierher ging dieses Leben \u2013 und nicht weiter. So nahe k\u00f6nnt ihr euren Toten kommen &#8211; und nicht weiter. Selbst wenn es den Frauen gelingt, Hilfe zu holen, um den Stein zu entfernen, \u00e4ndert das nicht das Geringste an der Lage. Die Grenze zwischen dem Toten und den Lebenden kann niemand \u00fcberwinden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als Maria mit aschgrauem Haar nach Barr\u00f8y zur\u00fcckkehrt, beginnt sie langsam zu sprechen. Erst sagt sie nur einzelne Worte, so als \u00fcbe sie sich, das <em>Boot, <\/em>\u00a0der <em>Leuchtturm<\/em>, das <em>Pferd<\/em>, aber dann allm\u00e4hlich erz\u00e4hlt sie z\u00f6gernd der Tochter, wie der Vater gekleidet war, als sich die beiden begegneten, was er sagte, welche Einf\u00e4lle er hatte, wie er mit dem Pferd arbeitete, mit dem Sand, dem R\u00e4ucherofen. Und sie erz\u00e4hlt das einzige, an das sie sich erinnerte, als sie im Krankenhaus war: Dass er darauf bestanden hatte, am Esstisch immer ihr gegen\u00fcber zu sitzen, um sie keinen Moment aus den Augen zu verlieren. Das hat hatte er noch vor einem Jahr gesagt. Und so ging es zu, dass Hans Barr\u00f8y in den Worten seiner Frau auferstand. Der Tote lebt in den Erinnerungen, die sie in Worte fasst. In denen ist all das Banale und Gleichg\u00fcltige verschwunden. Die Erz\u00e4hlung macht es ganz klar, dass Hans Barr\u00f8y f\u00fcr Maria unersetzlich war. Dass niemand jemals an seine Stelle treten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 Und wie merkw\u00fcrdig es auch klingen mag, das ist eine Erfahrung, die mitten in der Trauer Dankbarkeit aufkommen l\u00e4sst. Dass er f\u00fcr sie unersetzlich ist, und dass sie so unersetzlich f\u00fcr ihn wurde, dass er sie keine einzige Sekunde verlieren w\u00fcrde, dass erweckt Freude und weckt allm\u00e4hlich sowohl den Blick Marias als auch ihre Worte und ihre Handlungsf\u00e4higkeit. Trotz der Trauer ist die Erfahrung der Unersetzlichkeit eines anderen Menschen eine freudige Erfahrung, auch wenn es vorbei ist, denn das ist eine Erfahrung von der G\u00fcte des Daseins, vielleicht geradezu eine Erfahrung, die einen den anderen Menschen als eine Gabe sehen l\u00e4sst, die man von einer Macht bekommen hat , die gr\u00f6\u00dfer ist als die eigene Macht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mitten in der Verzweiflung machen die Frauen, die am Ostermorgen zum Grabe hinausgehen, dieselbe freudige Erfahrung. Auch sie haben erfahren, dass dieser bestimmte Mensch f\u00fcr sie unersetzbar geworden ist; auch sie sind sich dar\u00fcber klar, dass niemand jemals an seine Stelle treten k\u00f6nnte; auch in der Erz\u00e4hlung von ihren Erinnerungen aus Galil\u00e4a wird der Tote auferstehen, auch f\u00fcr sie wird es ganz klar werden, dass dieser Mensch als ein Geschenk in ihr Dasein gekommen ist. Einmal, wenn sie erst den Toten gesalbt h\u00e4tten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber dann ist es nicht so, wie sie geglaubt haben! Der Stein ist beiseite gew\u00e4lzt. Statt des toten Mannes finden sie einen lebendigen Engel. Seine Botschaft ist, dass nicht nur der Stein entfernt ist. Das ist die Grenze, an die die Frauen gelangt sind. Sie gilt nicht mehr, denn der Tote ist auferstanden. Ja, eigentlich sagt er Engel nach dem griechischen Text, dass er auferweckt ist. Im Passiv. Denn die Sache ist ja die, dass Tote nicht von selbst auferstehen. Wenn der Tote wirklich auferstanden ist, so kann das nur deshalb sein, weil ihn jemand auferweckt und ihm neues Leben gegeben hat, jemand hat die Grenze und das Grab ge\u00f6ffnet und ihn herausgelassen in die Morgenr\u00f6te. Und dieser Jemand kann nur derselbe Gott sein, der den Frauen den bestimmten unersetzbaren Menschen als ein kostbares Geschenk gegeben hat. Der Gott, der uns f\u00fcr einander schafft, w\u00e4hrend wir leben, ist derselbe, der nun nach dem Tode seine Sch\u00f6pfermacht eingesetzt hat, um seinen Menschen zu erwecken und ihm ein Leben zu geben, das keine Grenzen kennt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ostern hei\u00dft eigentlich Passah, das bedeutet Passage. Das bedeutet \u00dcbergang. Das ist der \u00dcbergang vom Tod zum Leben. Das ist der der \u00dcbergang von der Grenzsituation des Verlusts zur Hoffnung und zum Wiedersehen. W\u00e4hrend sich der Schreck der Frauen allm\u00e4hlich gelegt hat, kommt es auch zu dem \u00dcbergang vom Verstummen zum Reden und von Trauer zur Freude. Das Wort des Engels im Osterevangelium bietet uns auch eine Passage an. Es ist die Passage von Erfahrung zum Glauben. Der \u00dcbergang von der Erfahrung Marias und unserer Erfahrung, dass jemand f\u00fcr uns unersetzbar wird, zu dem Glauben daran, dass der Gott, der uns einander als kostbare Geschenke gibt, w\u00e4hrend wir leben, uns auch Leben miteinander geben wird, wenn wir tot sind, wie er das am ersten Ostertag tat. Weil wir und unsere Toten f\u00fcr ihn so unersetzbar sind, dass er keine einzige Sekunde ohne sie sein will. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Marianne Frank Larsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 8000 Aarhus C<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">mfl(at)km.dk<em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/678A0056-1F07-470C-9573-8E4F1E00B76A#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <em>Die Unsichtbaren.<\/em>\u00a0Osburg Verlag, Hamburg 2014.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ostersonntag | 09.04.2023 |\u00a0Mk 16,1-8 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Frank Larsen | Als Hans Barr\u00f8y stirbt, verstummt seine Frau. In dem Buch des norwegischen Autors Roy Jacobsen \u201eDie Unsichtbaren\u201c[1] kehrt er zur\u00fcck zu seiner Insel am Ende des Tages nach einem Ausflug auf dem Festland. 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