{"id":17999,"date":"2023-04-04T21:05:47","date_gmt":"2023-04-04T19:05:47","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=17999"},"modified":"2023-04-04T22:27:04","modified_gmt":"2023-04-04T20:27:04","slug":"1-korinther-151-11-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-151-11-2\/","title":{"rendered":"1. Korinther 15,1-11"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Vor-\u00f6sterliche Grabesgedanken | Ostersonntag | 09.04.2023 | 1. Kor 15, 1-11|\u00a0Thomas Schlag |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>1 Ich erinnere euch aber, Br\u00fcder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verk\u00fcndigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr\u2019s so festhaltet, wie ich es euch verk\u00fcndigt habe; es sei denn, dass ihr\u2019s umsonst geglaubt h\u00e4ttet. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>3 Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist f\u00fcr unsre S\u00fcnden nach der Schrift; 4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift; <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>5 und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zw\u00f6lfen. 6 Danach ist er gesehen worden von mehr als f\u00fcnfhundert Br\u00fcdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. 7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>8 Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. 9 Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel hei\u00dfe, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. 10 Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. 11 Ob nun ich oder jene: So predigen wir, und so habt ihr geglaubt.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun stehe ich wieder hier. Vor kurzem erst wurde die geliebte Person an diesem Ort zu Grabe getragen. Der Blumenschmuck der Bestattungsfeier ist noch nicht ganz und gar verwelkt. Aber die Trauerschleifen mit den letzten Worten des Abschieds sind bereits wegger\u00e4umt. Die harten Lehmbrocken des ausgehobenen Grabes sind auch schon nicht mehr zu sehen. Sie sind zugedeckt von frischer Erde, darauf ein neues, t\u00e4nzelndes Ensemble aus blauen, lilafarbenen und orangenen Stiefm\u00fctterchen, wei\u00dfen Narzissen, umgeben von keck dastehenden rosaroten G\u00e4nsebl\u00fcmchen. Hoffentlich werden die kleinen Bl\u00fcten die angek\u00fcndigten frostigen N\u00e4chte \u00fcberstehen. Denn einstweilen ist, so die Wetterlage, nicht mit w\u00e4rmenden Fr\u00fchlingstemperaturen zu rechnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das h\u00f6lzerne Kreuz mit dem vertrauten Namen und den Daten von Lebensbeginn und Lebensende ist leicht aus seiner neuen Erdfassung geraten und steht im Vergleich zu den vielen Grabsteinen in der n\u00e4heren Umgebung fast ein wenig schief da. So als ob hier noch Leben ist und sein will. Das frische Datum scheint gegen\u00fcber den in Bronze geschlagenen Jahreszahlen auf den wuchtigen Marmor- und Granitsteinen so zu wirken, als ob es nun an diesem Ort einen Neuank\u00f6mmling zu begr\u00fc\u00dfen g\u00e4lte, der sich mit der neuen Existenz erst noch allm\u00e4hlich vertraut machen muss.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Erst vor wenigen Wochen hat einen die schreckliche, unglaubliche Nachricht vom Tod erreicht. Wenn es nicht so banal kl\u00e4nge, w\u00fcrde man wohl formulieren, dass damit ein ganzer, gewohnter Teil des eigenen Lebens auf einmal und auf immer verschwunden ist. Wahrlich keine menschliche Ersterfahrung. Und doch eine pers\u00f6nliche Urerfahrung, die die eigene Lebensbahn ersch\u00fcttert, w\u00e4hrend zugleich das eigene Leben weitergeht und an einem zieht und zerrt. Jemand hat mir gesagt: \u201eWundere Dich nicht: Um Dich herum geht alles weiter, so als ob nichts geschehen w\u00e4re \u2013 Du wirst sehen, der Autoverkehr flie\u00dft weiter und die Gesch\u00e4fte bleiben alle ge\u00f6ffnet.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dunkle Gegenwartstrauer und helle, dankbare Erinnerungen an ein langes, gesegnetes Leben tragen ihren Kampf mit absehbarem Ergebnis aus. Jetzt hier am Grab tauschen wir Angeh\u00f6rige uns frierend und zugleich umarmend, Geschichten und Erinnerungen an letzte Momente aus. Wir sind uns schmunzelnd darin einig, dass dem Gartenfreund dieses Blumenensemble \u201e\u00fcber sich\u201c bestens gefallen w\u00fcrde und er jetzt wohl am liebsten selbst Hand anlegen w\u00fcrde, um f\u00fcr ein bestm\u00f6gliches Aufbl\u00fchen und Gedeihen zu sorgen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber ich merke schon, wie sich die vorherige selbstverst\u00e4ndliche Allt\u00e4glichkeit des Daseins und Zusammenlebens langsam und unaufhaltsam zu verfl\u00fcchtigen beginnt. Das ist auch \u201ediesseits\u201c des Grabes so: Noch kann ich mich wenigstens etwas an den typischen Ger\u00fcchen der letzten Wohnung des Verstorbenen festhalten. Und die Bilder in den Fotoalben werfen noch blasses Licht zur\u00fcck. Aber der Tod wird gewinnen \u2013 und hat schon gesiegt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nur f\u00fcr wenige Tage ist in diesem \u201euntragischen\u201c Fall Trauer erlaubt. Man w\u00fcrde wohl jetzt schon als sonderbar wirken, wenn man immer wieder \u201edavon anfangen\u201c w\u00fcrde oder wom\u00f6glich gar bekunden w\u00fcrde, dass man damit \u201egar nicht zurecht k\u00e4me\u201c. Aber zugleich merke ich, dass es den nahen Angeh\u00f6rigen nicht viel anders geht als mir. Jeder tr\u00e4gt es irgendwie f\u00fcr sich aus und k\u00e4mpft still mit dem ganz pers\u00f6nlichen Erinnerungsverlust.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber einige Kolleginnen und Kollegen sch\u00fctten angesichts der Todesnachricht auf einmal ihr Herz aus und teilen ihre Tr\u00e4nen \u00fcber eigene Verluste, selbst wenn diese teilweise Jahrzehnte und damit schrecklich weit zur\u00fcckliegen. Offenbar braucht es erst einen solchen Anlass, damit der akademische Austausch pers\u00f6nliche, existenzielle Gestalt annehmen darf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zugleich r\u00fcckt mir die Frage der eigenen zuk\u00fcnftigen Lebensgestaltung auf einmal wieder so intensiv nahe wie seit der Geburt der eigenen Kinder nicht mehr. Manche Kreise schlie\u00dfen sich auf wundersame und staunenswerte Weise \u2013 und \u00f6ffnen sich zugleich zum weiteren eigenen Leben hin \u2013 wie lange auch immer.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier am Grab suche ich nach Pr\u00e4senz \u2013 wo ist der Verstorbene? Einfach drunten im Erdreich, schon jetzt oder alsbald den physikalisch erwartbaren Verfallsprozessen ausgesetzt? Oder ist er \u201ejenseits\u201c auf dem Weg, wom\u00f6glich schon am Ort der erw\u00fcnschten R\u00fcckkehr ins Heimatliche? Wo ist der Verstorbene \u201ef\u00fcr mich\u201c? Wom\u00f6glich ja mir n\u00e4her als je zuvor? Ein Freund hat zum Abschied formuliert: \u201eNun ist alle r\u00e4umliche Trennung aufgehoben\u201c. Dieser nur im ersten Moment paradox erscheinende Trost begleitet mich seit Tagen und gibt mir zu denken. Wieviel Hoffnung darf ich mir einbilden? Und welche Hoffnung \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In diesen Tagen komme ich in der Z\u00fcrcher Altstadt an einem gro\u00dfen Brunnen vorbei. Erst traue ich meinen Augen nicht. Aber tats\u00e4chlich: die Wasseroberfl\u00e4che ist bedeckt mit unz\u00e4hligen, gro\u00dfbl\u00e4ttrigen Rosenbl\u00fcten unterschiedlichster Couleur \u2013 und der steinern eingefasste Wassertrog daneben auch. Gez\u00e4hlt habe ich die Rosen nicht, aber vermutlich ist eine Zahl von mehreren Hundert nicht \u00fcbertrieben. Die auf dem oberen Brunnenring positionierten orangenen Stiefm\u00fctterchen und orangenen Tulpen gehen demgegen\u00fcber \u2013 visuell gesehen \u2013 geradezu unter und fallen zahlenm\u00e4\u00dfig gesehen ohnehin \u00fcberaus bescheiden aus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was ich erst f\u00fcr einen Marketingtrick der \u00f6rtlichen Gesch\u00e4ftswelt halte, kl\u00e4rt sich durch das in tiefes Lila gehaltene, mit einem Bild von Dornenzweigen unterlegte Plakat auf, das neben dem Brunnen positioniert ist: Auf diesem hei\u00dft es: \u201eOhne Dornen keine Rosen. 1.-10. April 2023\u201c. Die Z\u00fcrcher reformierten Altstadtkirchen laden ein zu \u201e\u00dcberraschungen\u201c an verschiedenen Brunnen der Stadt an unterschiedlichen Tagen der Woche, zu einem \u201eStadtsegen als urbaner Betruf \u00fcber die Stadt\u201c, zu Konzerten und Gottesdiensten in der Karwoche und zur Osterzeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist nicht nur \u00e4sthetisch anschaulich und \u201everm\u00f6gend\u201c inszeniert. Sondern ich wundere mich auch ein wenig \u00fcber die vor\u00f6sterliche Opulenz. Vielleicht bin ich einfach nicht in der angemessenen Stimmung f\u00fcr ein solches passionsbedeckendes Bl\u00fctenmeer. Und nat\u00fcrlich sorgt diese Blumeninszenierung f\u00fcr erhebliche Aufmerksamkeit unter den Passantinnen und Passanten. Ich freue mich dar\u00fcber, dass Kinder staunend die auf dem Wasser schwimmenden Rosen ber\u00fchren. Ihre Eltern scheinen ihnen aber nicht zu erkl\u00e4ren, worum es hier gehen soll, sondern achten vor allem darauf, dass die Kleinen nicht ins Dornige fassen oder wom\u00f6glich gar ins Wasser fallen. Der eine oder andere Erwachsene greift mutig ins Nass, um vermutlich die eine oder andere Bl\u00fcte alsbald einem anderen, romantischeren Zweck zuzuf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich bin froh, dass ich in den Bl\u00fcten des Familiengrabes eine andere, kleinere und wirkm\u00e4chtigere Form \u00f6sterlicher Lebendigkeit habe. Und auf einmal meine ich zu begreifen, wie Paulus den Tod und den Neubeginn des Lebens verstanden hat, wenn er von \u201e<em>Gottes Gnade, die mit mir ist\u201c<\/em> spricht; wenn er ganz unverbl\u00fcmt, aber eben nicht unverbl\u00fcht daran erinnert, was mitten im Tod \u00fcber den Tod hinaus bleibt, was ins Dunkle hinab vergangen ist und was ins Helle hinein neu zu leben beginnt: <em>\u201eSelig werdet, wenn ihr\u2019s so festhaltet, wie ich es euch verk\u00fcndigt habe\u201c<\/em>, bezeugt der Apostel. Man mag das als entschiedene Aufforderung lesen, sich nun im Angesicht des Kreuzestodes ultimativ zu entscheiden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich h\u00f6re es einfach als tr\u00f6stendes Wort, dem von meiner Seite aus nichts hinzugef\u00fcgt werden muss, weil alles Wesentliche und Neue schon gesagt ist. Viel mehr brauche ich im Moment nicht f\u00fcr meinen n\u00e4chsten Gang ans Grab und zum Grab \u2013 und f\u00fcr meine tagt\u00e4glichen vor\u00f6sterlichen Erinnerungs- und Hoffnungsgedanken auch nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor-\u00f6sterliche Grabesgedanken | Ostersonntag | 09.04.2023 | 1. 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