{"id":1802,"date":"2020-02-21T13:04:10","date_gmt":"2020-02-21T12:04:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=1802"},"modified":"2020-02-22T11:01:38","modified_gmt":"2020-02-22T10:01:38","slug":"die-liebe-gottes-sehen-und-gesehen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-liebe-gottes-sehen-und-gesehen-werden\/","title":{"rendered":"Die Liebe Gottes: Sehen&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Die Liebe Gottes: Sehen und gesehen werden |\u00a0Predigt zu Lukas 18,31-43, verfasst von Marianne Frank Larsen |aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>Die meisten Bilder sind gemalt, damit wir sie sehen sollen. Die Farben sind gew\u00e4hlt und das Bild ist komponiert, so dass unsere Blicke gefangen werden und wir in die Landschaft oder das Stadtbild oder das Ereignis einbezogen werden, die das Bild schildert. Wenn ich eines der Bilder des d\u00e4nischen Malers Eckersberg von Rom sehe und von ihm beeindruckt bin, dann ist es als setze ich selbst meinen Fu\u00df auf die Treppen zum Kapitol zwischen sch\u00f6nen italienischen Frauen und rauschenden Springbrunnen. So als tr\u00e4te ich an einem sch\u00f6nen Augenblick heraus aus dem Regen im Februar hinein in den Sonnenschein an am einem Fr\u00fchlingstag in Rom. Und das eben war ja der Sinn des Bildes. Aber dann gibt es da auch andere Bilder. Das sind die griechischen, russischen und byzantinischen Ikonen, und die \u00e4ltesten von ihnen sind viele hundert Jahre \u00e4lter als Eckersberg. Auf einigen von ihnen sieht man keine Landschaft, kein Stadtbild, vielleicht nicht einmal ein Ereignis. Da ist vielleicht nur eine Person, und sie ist auf einem ganz glatten, goldenen Hintergrund dargestellt. Kein Springbrunnen, kein Sonnenlicht, keine sch\u00f6nen italienischen Frauen, die den Blick auf sich ziehen. Diese Bilder sind nicht gemalt, damit wir sie ansehen. Doch, das sind sie nat\u00fcrlich, aber Christus oder Maria auf den Ikonen sind vor allem gemalt, damit sie uns ansehen. Ganz gleich wo im Raum wir uns befinden, wir k\u00f6nnen uns diesem Blick nicht entziehen. Dieser Blick richtet sich direkt an uns und das, womit wir kommen. Auch das Regenwetter im Februar wird durch den Blick der Ikone erfasst.<\/p>\n<p>Im Evangelium dieses Sonntags geht es auf den ersten Blick darum, dass man sehen kann. Das kann der blinde Bettler. Obwohl er blind ist, kann er sehen, dass nun jemand vorbeikommt, den er aufhalten kann und muss. Trotz seiner blinden Augen kann der blinde Bettler offenbar sehen, dass es die Liebe Gottes ist, die an diesem Tag in Jericho einzieht. Selbst diejenigen, die Augen im Kopf haben, k\u00f6nnen nur einen gew\u00f6hnlichen Mann von Fleisch und Blut, mit K\u00f6rper und Gesicht, Armen und Beinen, Haut und Haaren sehen. Dass dieser Mann die Liebe Gottes ist \u2013 das ist vor den Blicken aller verborgen. Das zu sehen, ist f\u00fcr die Sehenden nicht leichter als f\u00fcr den Blinden. Und es wird auch nicht leichter f\u00fcr den Blinden, als er sein Augenlicht wieder bekommt. Denn das kann man nicht mit blo\u00dfem Auge sehen. Das kann man nur mit den Augen des Glaubens sehen, die offenen Augen im Herzen des Bettlers, sie veranlassen ihn, nicht nur beherrscht und still zu rufen, sondern zu schreien und darauf zu bestehen, geh\u00f6rt zu werden. Mit den Augen des Glaubens sieht der blinde Bettler, dass ihm alles daran liegt, von ihm gesehen zu werden, von ihm, der mit der Liebe Gottes kommt.<\/p>\n<p>Der Blinde kann sehen, wer da kommt. Im Unterschied zu den Sehenden. Das ist die ironische Pointe in der Erz\u00e4hlung des Lukas, und es ist der Blinde, der sehen kann, und es sind die Sehenden, die hier im Evangelium vor der Fastenzeit blind sind. \u201eSie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen\u201c, berichtet der Evangelist mit einer Sorgfalt, die fast diejenigen blo\u00dfstellt, die es nicht begreifen k\u00f6nnen, und er erz\u00e4hlt dies wohlgemerkt von denen, die in der ersten Reihe stehen, seinen J\u00fcngern, die Jesus eng gefolgt waren, jedes Wort geh\u00f6rt und jede Handbewegung gesehen hatten. Man sollte meinen, wenn jemand imstande sein sollte zu sehen, wer er ist, dann sie. Aber sie k\u00f6nnen es nicht sehen.<\/p>\n<p>Und das k\u00f6nnen wir ihnen so gesehen nicht verdenken. Denn auf dem ganzen Weg von Galil\u00e4a nach Jericho haben sie gesehen, wie er Menschen mit seinen guten Kr\u00e4ften heilte und Menschen mit seinen guten Worten in den Bann zog. Vielleicht haben sie auch einen Schimmer von der Liebe Gottes in seinen Taten gesehen und in seinen Worten geh\u00f6rt, und nun sind sie bereit, zusammen mit ihm die Hauptstadt zu erobern. Und dann sagt er, dass er verh\u00f6hnt und misshandelt und ausgepeitscht und get\u00f6tet werden wird. Dass dies in Jerusalem geschehen wird. Und er kehrt nicht um und geht zur\u00fcck, um dem zu entgehen. Kein Wunder, dass die J\u00fcnger nichts begreifen und nichts verstehen. Mit gew\u00f6hnlichen Augen betrachtet ist das ungeheuerlich. Sie haben sich offenbar geirrt. Er ist doch nicht die Liebe Gottes. Nicht wenn es so endet. Das macht keinen Sinn.<\/p>\n<p>Das kann man nur mit den Augen des Glaubens sehen, dass das einen Sinn macht. Dass da ein Zusammenhang besteht zwischen der Liebe, die sie in seinen Taten und seinen Worten gesehen haben \u2013 und dem, wie das in Jerusalem enden sollte. Dass da eine direkte Verbindung besteht zwischen der Heilung des Blinden vor den Toren Jerichos heute bis zum Tode in knapp sieben Wochen. Dass er weitergeht hinauf nach Jerusalem und es sich gefallen l\u00e4sst, dass er verh\u00f6hnt wird, ausgepeitscht und geschlagen, aus Barmherzigkeit, weil es ihm nicht um sich selbst geht, sondern weil er den Weg geht, den wir gehen sollen. Er nimmt unsere Fehler und Vergehen von unseren Schultern und tr\u00e4gt sie f\u00fcr uns den ganzen Weg bis zum Ende. Teilt nicht allein die Geburt und das Leben mit uns, sondern auch den Tod und das Grab, damit wir nie mehr uns selbst \u00fcberlassen sein sollen. Das ist also der Preis f\u00fcr die Liebe, den er am Karfreitag bezahlt, und das ist die Liebe, die siegt, w\u00e4hrend sie ihn verh\u00f6hnen und bespucken und ihm das Leben nehmen. Seine eigene Liebe und die Liebe Gottes. Denn auf sie verl\u00e4sst er sich, ihr gibt er sich hin, als er nach Jerusalem zieht. Die Liebe Gottes, der ihn am dritten Tag auferwecken wird von den Toten, wie er sagt. Erst dann k\u00f6nnen die J\u00fcnger und wir andere sehen, dass der ungeheuerliche Schluss ein Siegt ist.<\/p>\n<p>Der blinde Bettler am Weg sieht, wof\u00fcr die Sehenden blind sind: In dem Mann aus Nazareth kommt die Liebe Gottes vorbei. Von nun an geht er nicht mehr hier und dort hin, wo die Leute ihn brauchen. Von nun an ist er auf dem Weg, \u201eseht, wir gehen hinauf nach Jerusalem\u201c, von nun an hat er das Ziel vor Augen: Zielgerichtet, vorw\u00e4rts, Schritt f\u00fcr Schritt dem Karfreitag entgegen. Die J\u00fcnger wollen den Blinden vertreiben und ihn zum Schweigen bringen. Sie sehen in ihm ein \u00c4rgernis, ein Hindernis auf der Reise, an der sie teilnehmen. So sei doch still, wir haben wichtigere Dinge vor! Aber im selben Moment, wo Jesus die Rufe des Blinden h\u00f6rt, bleibt er stehen und sieht den Mann an. Er sieht offenbar etwas anderes in dem schreienden Bettler die J\u00fcnger. Keine St\u00f6rung, die man ignorieren kann. Sondern einen Menschen, der sich auf seine Liebe verl\u00e4sst.<\/p>\n<p>An diesem Tag wurde der Bettler sehend. Aber vielleicht ist das nicht das Wichtigste, was ihm widerf\u00e4hrt. Viellicht ist das allerwichtigste, dass er gesehen wird. Dass da einer ist, der ihn nicht \u00fcbersieht und wegl\u00e4uft. Einer, der sein Gebet h\u00f6rt und stehen bleibt und in ihm etwas anderes sieht als einen blinden Bettler. Ihn sieht mit den Augen der Barmherzigkeit &#8211; als einen Menschen, der von Gott geschaffen und geliebt ist. Denn man kann wohl damit leben, dass man blind ist, aber man kann nicht damit leben, dass man \u00fcbersehen wird. Der Blinde wird gesehen und anerkannt als der, der er ist, mit der Vorgeschichte und den M\u00e4ngeln und dem Vertrauen, die er hat \u2013 und von der Liebe Gottes umfasst. \u201eSei sehend. Dein Glaube hat dir geholfen\u201c. Mit diesen Worten \u00f6ffnet Jesus nicht allein seine Augen, sondern sein ganzes Leben. Als dem Bettler erst die Augen aufgegangen sind, kann er sich nichts anderes vorstellen, als dem Mann zu folgen, der ihn sah, ihm zu folgen bis zum bitteren Ende. Mit seinen offenen Augen wird er sehen, welchen Preis der Sohn Davids f\u00fcr die Liebe bezahlt.<\/p>\n<p>Wir kommen in die Kirche, um zu sehen, w\u00e4hrend wir h\u00f6ren. Hineinzusehen in eine Erz\u00e4hlung, eine Landschaft zu sehen, ein Stadtbild, ein Ereignis vor unserem inneren Blick, den Weg nach Jericho zu sehen<\/p>\n<p>und den blinden Bettler \u2013 und Jesus, wie er vorbeikommt. Vielleicht k\u00f6nnen wir auch die Liebe Gottes sehen, die sich in dem Mann verbirgt, der stehenbleibt, wenn man ihn ruft. Und sieht, wo der Weg endet \u2013 eben hier bei uns. Aber es geht nicht nur darum, dass wir sehen sollen. Vielleicht verstehen wir im Laufe des Gottesdienstes, dass es vor allem wir sind, die gesehen werden. Gesehen von einem Blick wie dem, der uns in den Ikonen begegnet. Ein Blick, dem wir uns nicht entziehen k\u00f6nnen. Ein Blick, der uns ansieht \u2013 und der zu gleich etwas an uns vorbeiblickt, \u00fcber uns hinweg auf das was hinter uns liegt. Denn so sind die Ikonen ganz bewusst gemalt. Und das ist die Pointe: Wenn wir Gott hier drin sehen, sollen wir die Wirklichkeit nicht hinter uns lassen. Denn er sieht uns und all das, was hinter uns liegt, so wie er den Blinden sah an diesem Tag auf dem Wege nach Jericho, er sieht unsere M\u00e4ngel und Niederlagen und unsere Liebe, sieht die, mit denen wir zusammengeh\u00f6ren, und die, die wir verloren haben, die ganze Geschichte, die vorausgeht, und all das, woher wir kommen. Aber auch den Himmel, der sich \u00fcber uns w\u00f6lbt. All das sieht er, wenn er uns sieht. Unser Leben, wie es nun einmal geworden ist und wie es nun im Regen im Februar ist. In seinen Augen ist es umschlungen von der Ewigkeit. In diesen Augen werden wir gesehen und umschlungen von der Liebe, die alles ertr\u00e4gt, alles glaubt, alles hofft und alles ertr\u00e4gt mit uns. Amen.<\/p>\n<div id=\"fuss\">Pastorin Marianne Frank Larsen<br \/>\nDK 8000 Aarhus C<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:mfl(at)km.dk\">mfl(at)km.dk<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Liebe Gottes: Sehen und gesehen werden |\u00a0Predigt zu Lukas 18,31-43, verfasst von Marianne Frank Larsen |aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | Die meisten Bilder sind gemalt, damit wir sie sehen sollen. 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