{"id":18046,"date":"2023-04-12T08:16:28","date_gmt":"2023-04-12T06:16:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18046"},"modified":"2023-04-12T08:16:28","modified_gmt":"2023-04-12T06:16:28","slug":"genesis-3223-32-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-3223-32-2\/","title":{"rendered":"Genesis 32,23-32"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Kampfansage | Quasimodogeniti | 16.04.2023 | 1. Mose 32,23-32 | Nadja Papis |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">K\u00e4mpfen Sie mit Gott? K\u00e4mpfen Sie um Gott?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Puh, Glauben und Kampf miteinander zu verbinden, ist verp\u00f6nt. Das schmeckt zu sehr nach heiligem Krieg, nach instrumentalisierter Religion. Nein, Kampf, Gewalt, Krieg hat nichts mit dem Glauben zu tun. Oder?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Biblische Geschichte sind Proviant f\u00fcr unsere Leben und f\u00fcr unseren Glauben, Schl\u00fcsselerfahrungen von Menschen f\u00fcr Menschen. Sie geben Zeugnis von Gotteserfahrungen, ohne theologischen Exkurs, vielleicht nicht einmal tief reflektiert. Da hat einer etwas erlebt und erz\u00e4hlt davon. Eine andere kann ankn\u00fcpfen an ihre eigenen Erlebnisse und erz\u00e4hlt es weiter. Die, welche es h\u00f6ren, sp\u00fcren die Wahrheit in der Erz\u00e4hlung und geben sie den n\u00e4chsten weiter. So stelle ich es mir vor, so erkl\u00e4re ich mir auch, warum uns diese uralten, manchmal doch auch befremdlichen Geschichten noch immer ber\u00fchren und zu Ankn\u00fcpfungspunkten f\u00fcr unser eigenes Leben werden. Nicht alle, nein, aber doch so viele, dass dieses alte Buch weiterhin seine Berechtigung und seine besondere Bedeutung verdient.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unser heutiger Predigttext ist f\u00fcr mich so eine Proviantgeschichte, sie wurde zu einem wichtigen Schl\u00fcssel f\u00fcr meinen Glauben, der im \u00dcbrigen immer wieder mal in einen Kampf ausartet \u2013 nicht mit F\u00e4usten und Schl\u00e4gen, aber mit einem unvorstellbar erm\u00fcdenden Ringen. Ich nehme sie gern mit in meine Erlebnisse mit dem Text, den wir nun aber zuerst einmal h\u00f6ren:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lesung des Predigttextes Gen 32,23-32 (Jakobs Kampf am Jabbok)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unfassbar: Hier streitet ein Mensch mit Gott!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Darf der das denn?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Also, in der religi\u00f6sen Erziehung, die ich genossen habe, war davon nie die Rede: mit Gott streiten\u2026 Das ist doch unvorstellbar. Ich meine, Gott ist so eine andere Dimension, da gibt\u2019s nichts zu streiten. Das G\u00f6ttliche ist mir doch komplett \u00fcberlegen. Das lohnt sich auch gar nicht. Es ist ja klar, wer gewinnt. Und es steht mir als Mensch doch gar nicht zu, mit dem G\u00f6ttlichen zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der Bibel wird immer mal wieder von Menschen erz\u00e4hlt, die mit Gott gestritten haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier auch: Jakob k\u00e4mpft die ganze Nacht hindurch mit dieser Schattengestalt, ein gewaltiger Hieb verletzt seine H\u00fcfte f\u00fcr immer und doch gibt er nicht auf, sondern k\u00e4mpft um den Segen und eine neue Identit\u00e4t: Aus dem Betr\u00fcger, dem Fersenschleicher &#8211; das bedeutet der Name Jakob \u2013 wird der Gottesstreiter Israel. Und da begreift Jakob dann auch, dass diese Schattengestalt nicht irgendein D\u00e4mon oder Feind ist, sondern das G\u00f6ttliche selbst. Und er staunt: Er hat nicht nur die Begegnung, sondern den Kampf mit dem G\u00f6ttlichen \u00fcberlebt. Er bekommt den Segen, ja, es heisst im Text sogar, Jakob habe gewonnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Menschen k\u00e4mpfen mit dem G\u00f6ttlichen und geben nicht auf, ja, sie gewinnen sogar am Schluss. Kann ein Mensch gewinnen gegen Gott? Wie soll das gehen? So handgreiflich wie bei Jakob kann ich mir das nicht vorstellen. Wie k\u00e4mpfe ich mit Gott?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schnell komme ich darauf: Das K\u00e4mpfen geh\u00f6rt zu meinem Glauben, nicht erst seit ich mich mit dieser Geschichte befasst habe. Sie hat mich nur von den Zweifeln erleichtert, die mich immer wieder wegen meinem Ringen um Gott und mit Gott befallen. Glaube ist f\u00fcr mich nichts Selbstverst\u00e4ndliches, ich ringe oft darum, um den Glauben selbst, aber auch um das Woher und Wohin und Wie und An-Was.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zu glauben ist f\u00fcr mich \u00e4hnlich wie jemanden zu lieben, egal ob meinen Mann, meine beste Freundin, meine T\u00f6chter oder meine Eltern: Glaube hat f\u00fcr mich sehr viel gemeinsam mit menschlichen Beziehungen. Ich entscheide mich, in meinem Leben mit Gott zu rechnen. Ich entscheide mich, auf eine andere, die g\u00f6ttliche Dimension in meinem Leben zu vertrauen. Als Mensch sage ich Ja zu Gott \u2013 so wie ich Ja zu andere Menschen sage. Und ich bin auf das Ja meines Gegen\u00fcbers angewiesen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie beim Verliebtsein f\u00e4llt das Ja anfangs ganz leicht, es ist selbstverst\u00e4ndlich. F\u00fcr viele ist es anfangs ganz leicht zu glauben, entweder weil es eine Gewohnheit ist, in die sie als Kinder hineinwachsen, oder weil der Glaube durch eine so bewegende Erfahrung ausgel\u00f6st wird, dass es keine Gedanken dazu braucht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Irgendwann kommt dann die Zeit der bewussten Entscheidungen: Bleibe ich bei meinem Ja zu dir? Hat es Zukunft? Und wie sieht die aus? Das Ja geht in den Alltag \u00fcber und braucht dort auch eine entsprechende Lebensf\u00fchrung. Im Blick auf den Glauben heisst das f\u00fcr mich: Ich brauche in meinem Alltagsleben eine Glaubenspraxis. Ich baue das Ja zum Glauben und zum G\u00f6ttlichen bewusst ein in mein Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann kommen immer wieder diese Zeiten, wo das Ja nicht mehr so einfach ist, ja, wo es fast vergessen geht oder wo ich es kaum \u00fcber die Lippen bringe. Die Menschen, die ich am meisten liebe, k\u00f6nnen mich am meisten verletzen oder \u00e4rgern. Ich ringe um das Ja zu ihnen, k\u00e4mpfe, streite, tobe, schweige, teile aus, verzweifle, um durch das Ringen hindurch in eine neue Verbundenheit zu finden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jakob steht da am Jabbok. Der Fluss ist eine Grenze. Seine Familie, sein Hab und Gut, alles ist schon am andern Ufer. Er steht hier allein. Er muss diese Nacht allein sein, f\u00fcr sich, mit sich, mit allem, was hinter ihm und vor ihm liegt. Ja, er erinnert sich: An die Emp\u00f6rung, die er seit Geburt in sich tr\u00e4gt \u2013 ungerecht ist ihm alles vorgekommen, ungerecht erschien ihm seine Stellung als zweiter Sohn hinter Esau, der doch viel weniger geeignet ist als Erbe des Vaters. Fersenschleicher, Betr\u00fcger nannten sie ihn, weil er betrogen hat, ja, er hat gelogen, Esau ausgetrickst, ihn bestohlen, sich den Segen des Vaters erschlichen. Esau wurde so w\u00fctend, er wollte ihn umbringen und er musste fliehen. Jakob atmet tief ein und aus. Alles kommt wieder \u00fcber ihn. Dabei dachte er, das sei weit weg, vergangen. Aber es liess ihn nie in Ruhe. Das Leben bei seinem Onkel Laban war ja gut, er war erfolgreich, er hatte eine grosse Familie, lebte mit seiner geliebten Rahel ein sch\u00f6nes Leben. Warum liess es ihn nie los? Warum ist er aufgebrochen? Warum steht er jetzt da, an diesem Fluss, dem einzigen, was ihn noch von seinem Bruder und der Heimat trennt? Angst hat er \u2013 vor Esau. Stolz ist er auch, was er erreicht hat! Soll der Esau nur kommen! Aber wie wird es sein, ihm wieder zu begegnen? Will er ihn immer noch umbringen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jakob steht da am Jabbok, dem Fluss, allein. Da wird er angegriffen, eine Schattengestalt k\u00e4mpft mit ihm. Er ringt und ringt, die ganze Nacht hindurch. Erst im Morgenrot l\u00e4sst die Gestalt los, aber Jakob nicht, nicht einmal nach dem heftigen Hieb auf seine H\u00fcfte, nein, er l\u00e4sst nicht los, er gibt nicht auf. \u00abIch lasse dich nicht, bis du mich segnest!\u00bb schreit Jakob. Ja, das muss ein Schrei sein, ein Kampfschrei. Aber es reicht noch nicht, zuerst muss Jakob sich noch stellen. Wer bist du? Ja, Jakob muss hinsehen, sich selber anschauen, den Betr\u00fcger, den Gefl\u00fcchteten, den Geliebten, den Verlorenen, den Verletzten. Ja, ein Betr\u00fcger, das warst du, aber jetzt, jetzt bekommst du eine neue Identit\u00e4t: Gottesstreiter sollst du heisst. Und immer noch bleibt Jakob dran, k\u00e4mpft weiter um den Segen. Und gewinnt. Er wird gesegnet. Der Kampf ist zu Ende, die Sonne aufgegangen. Jakob ist bereit, seinem Bruder Esau gegen\u00fcberzutreten und sich mit ihm zu vers\u00f6hnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist eine eindr\u00fcckliche Geschichte. Eine Proviantgeschichte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich kenne viele Menschen, die immer wieder k\u00e4mpfen m\u00fcssen, die eingeholt werden von Vergangenem, l\u00e4ngst Verdr\u00e4ngtem. Menschen, die unter gr\u00f6ssten Anstrengungen hinschauen, sich anschauen, sich dem stellen m\u00fcssen, was ihnen das Leben angetan hat. Wenn sie es schaffen, sind sie Gesegnete, sogar dann wenn ein Hinken, eine Verletzung, ein Schaden bleibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich selber kenne den Kampf mit Gott. Ich bin kein Mensch, der einfach so selbstverst\u00e4ndlich glaubt, im Gegenteil, die Zeiten, in denen ich um den Glauben ringe, an allem zweifle, verunsichert bin, sind genauso h\u00e4ufig wie die des wohltuenden Vertrauens und der Gotteserfahrungen. Die Zeiten, in denen ich \u00abwarum\u00bb schreie oder auch einfach vor Angst vergehe und mir w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte eine andere Entscheidung getroffen, nein statt ja gesagt. W\u00fcstenzeiten, Durststrecken sind das f\u00fcr mich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jakob hat gek\u00e4mpft und gerungen. Ich tue es auch. Jakob hat nicht aufgegeben. Das gibt mir die Kraft, gleichfalls weiterzumachen. Jakob durfte eine tiefgreifende Ver\u00e4nderung erleben und wurde gesegnet. Das weckt die Hoffnung in mir, ebenfalls gesegnet zu sein, trotz oder vielleicht gerade in meinen K\u00e4mpfen. Tief in meinem Herzen sp\u00fcre ich: Das G\u00f6ttliche ist da. Und wenn es hart auf hart kommt, bleibt mir Jakobs Schrei als Gebet: Ich lasse dich nicht, bis du mich segnest!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Langnau am Albis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kampfansage | Quasimodogeniti | 16.04.2023 | 1. Mose 32,23-32 | Nadja Papis | K\u00e4mpfen Sie mit Gott? K\u00e4mpfen Sie um Gott? Puh, Glauben und Kampf miteinander zu verbinden, ist verp\u00f6nt. Das schmeckt zu sehr nach heiligem Krieg, nach instrumentalisierter Religion. Nein, Kampf, Gewalt, Krieg hat nichts mit dem Glauben zu tun. Oder? 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