{"id":18048,"date":"2023-04-12T07:16:38","date_gmt":"2023-04-12T05:16:38","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18048"},"modified":"2023-04-12T08:48:15","modified_gmt":"2023-04-12T06:48:15","slug":"johannes-2019-31-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-2019-31-2\/","title":{"rendered":"Johannes 20,19-31"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Quasimodogeniti | 16.04.2023 |\u00a0Joh 20,19-31 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Anne-Marie Nybo Mehlsen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Ich will es glauben, ehe ich es sehe<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">K\u00fchlschrank-Aufkleber sind f\u00fcr mich ein Sammlerobjekt, auch wenn die Sammlung nicht besonders gro\u00df ist, ist sie etwas ganz Besonderes und erinnert mich an Augenblicke, Orte, Ereignisse, die mir Freude bereiten und mit etwas von dem t\u00e4glichen Lebensmut geben, wenn ich die Katze f\u00fcttere und auf das Teewasser warte und mich in der Morgensonne ausstrecke.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Darunter sind auch Bibelzitate: \u201eF\u00fcrchtet nicht, glaubt nur\u201c z.B., aber meistens sind es nur Bilder, die etwas Besonderes f\u00fcr mich bedeuten. Sie sind kleine T\u00fcren in die Vergangenheit und auch in die Zukunft, in Tr\u00e4ume und Pl\u00e4ne und gl\u00fcckliche Wiedereroberungen. Die K\u00fchlschrank-Aufkleber sind wie eine Sammlung von Ikonen, eine andere Art von \u201esehenden Bildern\u201c, die ihren Betrachter sowohl verwandeln als auch in einem verschlossene T\u00fcren \u00f6ffnen,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Thomas ist keineswegs der einzige, der etwas Konkretes haben will, an das er sich halten kann, er fragt nach der pers\u00f6nlichen Erfahrung, die T\u00fcr zu dem, was neu ist, die Niederlage des Todes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man nennt Thomas den Zweifler. Im Laufe der Zeiten ist viel mehr oder weniger Kluges \u00fcber den Zweifel von Thomas gepredigt worden, \u00fcber den Zweifel als unumg\u00e4ngliche Begleiterscheinung von Glauben, Hoffnung und Liebe. Wir werden vom Zweifel dazu getrieben, nach Gewissheit zu suchen, Best\u00e4tigung, als w\u00e4ren wir Konfirmanden. Zweifel l\u00e4sst einige von uns die Kirche suchen, oder die Natur oder die Musik und B\u00fccher, oder das Gebet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einige kritisieren Thomas \u2013 sie h\u00f6ren hier auch die Worte so, dass Jesus Thomas kritisiert oder ermahnt. W\u00e4hrend sie Thomas schelten, schweifen meine Gedanken ins Weite \u2013 wo war Thomas in der letzten Woche? Wessen Zwillingsbruder ist er? Und leben seine Br\u00fcder und Schwestern noch immer? Vielleicht stand Thomas dem Judas nahe, der sich das Leben nahm wegen dem, was er verschuldet hatte. Vielleicht war Thomas derjenige, der sich der Untr\u00f6stlichen annahm, oder war er einfach nachhause gegangen, nach Galil\u00e4a? War er den Weg nach Emmaus gegangen, ohne zur\u00fcckzukehren, wartete er vielleicht woanders auf Jesus?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer wei\u00df das? Vielleicht ist es so, dass Thomas wissen wollte, dass es der <em>gekreuzigte<\/em> Jesus ist, dem sie begegnet waren \u2013 denn man kommt um das Leiden, die Trauer und den Tod nicht herum als ein Mensch, der ein Zeuge des Grauens gewesen war. Thomas wollte vielleicht eben nichts h\u00f6ren von M\u00e4nnern in leuchtenden Gew\u00e4ndern, Engeln und Erlebnissen auf hohen Bergen, wo er selbst nicht dabei war?\u00a0 War Thomas einer von denen, die den Kampf mit einem D\u00e4monen aufnahmen und ihn verloren, die dar\u00fcber verzweifelten, dass sie dem kranken Jungen und seinem Vater nicht helfen konnten, wo nun Jesus sagte, dass sie das konnten und sollten?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ihr k\u00f6nnt h\u00f6ren, meine Gedanken schweifen ab, wenn Thomas als jemand dargestellt wir, der zurechtgewiesen und korrigiert werden muss, um zum rechten Glauben zu kommen. Glaube ist nicht Mathematik oder Grammatik. Man kann nicht auf Seite f\u00fcnf in der Bibel oder Seite vier in der Dogmatik nachschlagen oder in den ersten drei Liedern des Gesangbuchs und sagen: \u201eHier steht es! Hier ist die Antwort!\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn es so w\u00e4re, h\u00e4tten wir es nicht mit dem lebendigen Gott zu tun, der uns Leib, Gef\u00fchle und Vernunft gegeben hat. Glaube ist eine Beziehung, ein Verh\u00e4ltnis zwischen uns und Gott. Gott \u00fcberl\u00e4sst uns niemals einem Ger\u00fccht von ihm, wo wir von ihm h\u00f6ren und von ihm reden. Gott gibt sich uns zu erkennen, kann erfahren werden, uns begegnen in allem, mit dem wir zu tun haben. Deshalb wurde er Mensch in Jesus, deshalb machte er sich die schmerzliche M\u00fche, deshalb besteht er darauf, mit uns alle Tage zu gehen hier mitten in unserem Leben, Festtagen und chaotischen Alltagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Glaube ist eine lebendige Gr\u00f6\u00dfe, so wie der Atem ist er etwas, was sich bewegt. Deshalb sind Glaube und Zweifel eng miteinander verbunden. Glauben hei\u00dft auch so zu sein wie Thomas \u2013 jemand, der \u00fcberzeugt werden will, \u00fcberredet werden will, der merken und f\u00fchlen will und wissen will, dass Christus da ist, nicht zuletzt: dass er f\u00fcr mich da ist! F\u00fcr mich! Dass er mit mir zu tun haben will &#8211; denn hier nagt der Zweifel am tiefsten. Man wei\u00df nicht, was in Thomas vor sich geht, als er so scheinbar hartn\u00e4ckig darauf besteht, selbst Hand anzulegen. Aber das k\u00f6nnte eine Furcht davor sein, dass die Begegnung mit dem auferstandenen Christus nur etwas war f\u00fcr die Auserw\u00e4hlten, die wenigen, die dem w\u00fcrdig waren. Vielleicht f\u00fcr die wenigen, die mit ihm auf den hohen Berg gingen und ihn verkl\u00e4rt sahen, vielleicht f\u00fcr die, die M\u00e4nner mit leuchtenden Gew\u00e4ndern gesehen haben und so wirken, als seien sie bereit, Kreuz, D\u00e4monen und kranke Menschen zu vergessen, die leiden? Was soll Thomas machen, wenn er den Auferstandenen nicht sehen kann, ihm nicht begegnen kann, weil er nicht auserw\u00e4hlt oder w\u00fcrdig ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was nun, wenn Thomas von allen derjenige ist, der bei dem zur\u00fcckgelassen ist, was vorher war? Nun ohne Jesus, ohne Hoffnung, ohne das Licht von ihm, der alles im Lichte der Liebe sah?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zur\u00fcckgelassen werden, sich selbst \u00fcberlassen sein \u2013 da trifft der Zweifel am tiefsten. Da schlie\u00dfen sich T\u00fcren \u2013 und man kann das Gef\u00fchl haben, als gehe man in eine Grabkammer und h\u00f6rte die schwere Pforte hinter sich zuschlagen, schwer und unwiderstehlich, verurteilt zu Einsamkeit und Finsternis.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn man erst einmal dort gewesen ist \u2013 in der Grabkammer des Zweifels, dann wei\u00df man, dass die Tore nicht von innen aufgemacht werden <em>k\u00f6nnen<\/em>. Sie lassen sich nur von au\u00dfen \u00f6ffnen., von einem, der st\u00e4rker ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Punkt, Pause \u2013 bin ich versucht zu sagen. Denn es ist eine tiefe Glaubenserfahrung, in der Nacht gewesen zu sein: Das ist auch eine Begegnung mit der Wirklichkeit der Auferstehung. In einem gewissen Sinne ist das banal. Banal und fundamental. Thomas, sei nicht ungl\u00e4ubig, sondern gl\u00e4ubig! Thomas war tats\u00e4chlich dabei, als Jesus Lazarus aus dem Grabe rief. W\u00e4re es denkbar, dass Jesus nun Thomas herausrief? \u201eThomas, komm heraus!\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus sagte Unglaube, also Nicht-Glaube!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus tr\u00f6stet nicht, er befiehlt eigentlich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da liegt ein kolossaler Ernst darin, dass Thomas darauf besteht, dass er Jesus wieder begegnen und sp\u00fcren will als den vom Kreuz Gezeichneten! Thomas will die Auferstehung jetzt, in dieser Welt, in diesem Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Deshalb ist es eine Befreiung, das Christus, der Auferstandene, dasteht und Thomas <em>befiehlt<\/em> zu glauben. Es ist fast so als w\u00fcrden Unglaube und Zweifel aus ihm ausgetrieben wie D\u00e4monen ausgetrieben werden. Thomas wird gereinigt, befreit, aus der Grabkammer befreit hinein in die Gemeinschaft mit dem Jesus, den er kennt. Thomas ist nicht allein gelassen in einer Welt, wo das Leiden und die Finsternis nicht verschwunden sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Mein Herr und mein Gott!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Deshalb besteht ein guter Grund daf\u00fcr, darauf zu bestehen, es am eigenen Leib, dem eigenen Herzen zu sp\u00fcren, zu sp\u00fcren, dass es wahr ist!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist nicht unm\u00f6glich, und es bleibt nicht denen vorbehalten, die g\u00f6ttliche Visionen haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist ganz wie mit den K\u00fchlschrank-Aufklebern und meinen Morgen eine Frage darum, erinnert zu werden. Die Welt mit neuen Augen sehen, mit neuer Erfahrung davon, dass Jesus uns nicht verlassen und aufgegeben hat. Das hei\u00dft sich aus den Grabkammern des Zweifels herausholen lassen und zuweilen dazu aufgefordert zu werden, die Furcht davor fahren zu lassen, verlassen zu sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lass dich das nur zu Tr\u00e4nen r\u00fchren \u2013 das ist ein Zeichen f\u00fcr Leben. Der Schmerz und das Leben gehen Hand in Hand &#8211; so ist es. Deshalb sind da Tr\u00e4nen, wo Leben ist. Zweifel und Verzweiflung und Tr\u00e4nen und Schmerz braucht man nicht zu f\u00fcrchten \u2013 denn die Freude, die Freude der Auferstehung ist vor der T\u00fcr. Der Glaube verl\u00e4sst die Welt und die Erfahrung nicht. Das ist nicht nur etwas f\u00fcr die, die ihre Augen vor Leiden, Einsamkeit und Trauer verschlie\u00dfen. Der Glaube ist die Gewissheit, dass der auferstandene Christus noch immer der Jesus ist, den wir kennen, der Menschensohn mit den Malen des Kreuzes, er, der das\u00a0Grauen von innen kennt und sich ihm entgegenstellt. Nur er kann beanspruchen, <em>Mein Herr und mein Gott<\/em> genannt zu werden. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Anne-Marie Nybo Mehlsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 4930 Maribo<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: amnm(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quasimodogeniti | 16.04.2023 |\u00a0Joh 20,19-31 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Anne-Marie Nybo Mehlsen | Ich will es glauben, ehe ich es sehe K\u00fchlschrank-Aufkleber sind f\u00fcr mich ein Sammlerobjekt, auch wenn die Sammlung nicht besonders gro\u00df ist, ist sie etwas ganz Besonderes und erinnert mich an Augenblicke, Orte, Ereignisse, die mir Freude bereiten und mit etwas von dem t\u00e4glichen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":18041,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,1,423,185,157,114,299,349,3,109,718],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-18048","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-johannes","category-aktuelle","category-anne-marie-nybo-mehlsen","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-deut","category-kapitel-20-chapter-20-johannes","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-quasimodogeniti"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18048","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18048"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18048\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18055,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18048\/revisions\/18055"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18048"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18048"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18048"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=18048"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=18048"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=18048"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=18048"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}