{"id":18094,"date":"2023-04-25T17:03:28","date_gmt":"2023-04-25T15:03:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18094"},"modified":"2023-04-25T17:15:43","modified_gmt":"2023-04-25T15:15:43","slug":"johannes-1616-22-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1616-22-2\/","title":{"rendered":"Johannes 16,16-22"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Jubilate | 30.04.2023 |\u00a0Joh 16,16-22 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Anders Kj\u00e6rsig |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Einen Augenblick<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als ich noch ein Kind war, eilten wir von der Schule nachhause am letzten Tag vor den Pfingstferien. Hier war Chaos zu erwarten, w\u00e4hrend alles aufger\u00e4umt und am Eingang bereitgestellt wurde, bis mein Vater mit seiner Arbeit fertig war und das Auto gepackt werden konnte. Dann ging es darum, Spiele und Spielzeugautos mit einzuschmuggeln, die mit harter Hand aussortiert waren, weil daf\u00fcr kein Platz mehr war. Und dann setzte man sich an seinen Platz. Denn die Reise war unendlich lang, und da mir meistens beim Fahren schlecht wurde, habe ich das nicht in besonders guter Erinnerung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich kannte jedes Haus und alle Orte auf dem Wege. Die Fabrik, den Dom von Viborg, die Reise durch einen Wald., die T\u00fcrme von \u00c5lborg, die alte Kirche von M\u00e5rup, die seit langem ins Meer zu st\u00fcrzen drohte, und schlie\u00dflich kamen wir zum Sommerhaus meiner Gro\u00dfmutter in L\u00f8nstrup. Nahe bei der alten M\u00fchle umgeben von Glasbl\u00e4sern, die ihre Gebrauchskunst verkauften, und die schweren Holzboote am Strand \u2013 bereit zum Fischfang.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sind wir bald da? So fragten wir immer wieder. Geduldig erz\u00e4hlte unsere Mutter von der Geschichte D\u00e4nemarks. Von Absalon, dem Reformator Hans Tausen, von dem Pionier Dalgas, der die Heide in J\u00fctland urbar machte. Von dem Dichter I.P. Jakobsen und von der Dichterin Thit Jensen, von letzterer vor allem aus eigenem Interesse. Wenn wir erst in der D\u00e4mmerung angekommen waren, verschwanden alle Unannehmlichkeiten und alle Langeweile mit einem Mal. Dann empfing uns n\u00e4mlich Gro\u00dfmutter mit Eierlik\u00f6r und frischgemachten Betten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Am n\u00e4chsten Morgen wurde ich durch Fliegen geweckt, die hinter den braungelben Papiergardinen summten. Da musste man so fr\u00fch wie m\u00f6glich aufstehen und zu Onkel J\u00f8rgen laufen, der in der Garage auf uns wartete, um mit uns einen Morgenspaziergang am Strand zu gehen \u2013 \u00fcber die D\u00fcnen und zur\u00fcck durch den kleinen Wald. Die Sonne kam langsam zum Vorschein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn ich da mit meinem Onkel ging, waren alle Unannehmlichkeiten vergessen. Die lange Reise, die kurvenreichen Stra\u00dfen, die \u00dcbelkeit und die Langeweile. In der Erinnerung standen nicht einmal die Geschichten, die meine Mutter erz\u00e4hlt hatte. Sie tauchten erst wieder auf bei der R\u00fcckreise. Bis dahin sollte ich jedoch drei Tage hier im Sommerhaus von Gro\u00dfmutter verbringen. Eine Zeit, die ich jetzt \u00fcberhaut nicht ermessen kann. Wie lange dauerte damals das Pfingstfest? Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir erinnern uns n\u00e4mlich nicht an den Gang der Zeit, wir erinnern uns an das, was da geschah.\u00a0 Die Kirchen, an denen wir vorbeifuhren, und die Landschaften, die wir sahen, einschlie\u00dflich dessen, was uns erz\u00e4hlt wurde. Aber nicht die Zeit, die das dauerte. Die verschwand ja blo\u00df und wurde zu nichts. Es die die Ereignisse, die die Zeit f\u00fcllen. Das gilt f\u00fcr all das, was wir liebhaben, die Freude, die Sch\u00f6nheit \u2013 nicht die Zeit selbst an sich bedeutet etwas, sondern das, was die Zeit ausf\u00fcllt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eNoch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen\u201c. So sagt Jesus seinen J\u00fcngern. Das griechische Wort f\u00fcr \u201eeine kleine Weile\u201c ist \u201eMikron\u201c. Das ist dasselbe Wort, das wir in Worten wie Mikrochip, Mikrokosmos usw. finden, im Deutschen k\u00f6nnte man es einen Augenblick nennen, eine Art Qualit\u00e4tszeit ohne Ausdehnung \u2013 oder vielleicht eine Erinnerung, etwas was war, aber nicht mehr ist und doch bleibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Mikron ist etwas, was verschwunden ist aber noch immer lebt, weil nichts f\u00fcr ewig verschwinden wird. Hier ein paar Aphorismen, die sich in diese Richtung bewegen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch vermisse alle die, die ich verloren habe. Ich vermisse auch alle die, die ich nicht verloren habe und die nioch da sind. Ich vermisse meine Freunde, vermisse meine Familie und vermisse eine Zeit, die einmal war. Ich vermisse die d\u00e4nischen W\u00e4lder, wo wir Wange an Wange tanzten in aller Unschuld, vermisse die sch\u00f6ne wunderbare Frau, die nur die Doors h\u00f6ren wollte und mich k\u00fcsste auf Abstand freiwillig auf meinen Mund\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eMusik ist eine Stimme, die man schon geh\u00f6rt hat. Der Klang kommt wie ein Akkord, der an eine Erfahrung erinnert von einer Zeit, die nicht mehr ist. Ich erinnere mich nicht an die Toten, aber ich denke an ihr Leben. Sie sind bei mir als Tote und dennoch: Lebendige Kl\u00e4nge\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch liebe Ruhe und richtige Augenblicke. Vor allem wenn man nicht zu viel erwartet und einem das gegeben wird, was man sich nicht selbst geben konnte, Wenn eine M\u00f6we auf das Wasser trifft mit einem zielgerichteten Taucher und einen Fisch bis zur Unkenntlichkeit ver\u00e4ndert, dann ist man gl\u00fccklich\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch sehne mich nach dem K\u00f6rper, seinen Zusammensto\u00df und die Wechselwirkung mit anderen; seine Gegenwart von kleinen Gunstbeweisen, \u00fcber die man nicht nachdenkt. Nach der Schrift, die von jeder Reise zur\u00fcckkehrt. Mir fehlt die M\u00f6glichkeit, Sprache und K\u00f6rper verschwinden zu lassen in eine Passage von Dunkelheit; mir fehlt die Stimme des Lichts, die \u00fcber den Himmel schreitet an einem Novemberabend; mir fehlen Pflaumen, die ungeduldig schwer an den Zweigen h\u00e4ngen ohne Vorwarnung; mir fehlt eine rote Rose in einem gr\u00fcnen Garten aus Erde und Gras; mir fehlt die M\u00f6glichkeit von N\u00fcssen, die auf einen Verfall mit Gnade warten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Anders Kj\u00e6rsig<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 5881 Sk\u00e5rup<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: ankj(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jubilate | 30.04.2023 |\u00a0Joh 16,16-22 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Anders Kj\u00e6rsig | Einen Augenblick Als ich noch ein Kind war, eilten wir von der Schule nachhause am letzten Tag vor den Pfingstferien. 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