{"id":18098,"date":"2023-04-25T17:08:30","date_gmt":"2023-04-25T15:08:30","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18098"},"modified":"2023-04-25T17:08:30","modified_gmt":"2023-04-25T15:08:30","slug":"johannes-1616-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1616-23\/","title":{"rendered":"Johannes 16,16-23"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Abschiede leben | Jubilate |\u00a030.04.2023 | Joh 16,16-23 | Luise Stribrny de Estrada |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">es hat Hoffnung und Zukunft gebracht;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">es gibt Trost, es gibt Halt<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">in Bedr\u00e4ngnis, Not und \u00c4ngsten<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">ist wie ein Stern in der Dunkelheit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Schwestern und Br\u00fcder!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Klar und einfach ist nicht alles nach Ostern. Es braucht Zeit, um zu verstehen und wirklich zu glauben, was geschehen ist. Der J\u00fcnger Thomas, der \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, ist nicht der einzelne, der zweifelt und noch nicht begreifen kann, was geschehen ist. Die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger suchen die N\u00e4he der anderen, sie brauchen Gespr\u00e4chspartner, um zu kl\u00e4ren, was das bedeutet: Jesus ist auferstanden. Vor Augen steht ihnen noch zu deutlich, wie Jesus am Kreuz hing und starb, da k\u00f6nnen sie nicht einfach umschalten und sich freuen, dass er lebt. Sie fragen einander, was das bedeutet, auch f\u00fcr sie bedeutet, dass der Tod Jesus nicht hat halten k\u00f6nnen. Und zwischendurch wischen sie sich die Augen und fragen sich, ob sie nicht alles nur getr\u00e4umt haben, ob ihnen die Sehnsucht nach ihrem Meister nicht einen Streich spielt und sie sich nur einbilden, ihn gesehen zu haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In dem Text, der heute zu uns sprechen will, fragen die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger sich nicht nur gegenseitig, sondern auch Jesus, der ihr Anliegen aufnimmt: Ihr fragt euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen? (V.19) Ostern braucht Zeit, eine kleine oder auch gr\u00f6\u00dfere Weile, es lebt davon, dass wir zun\u00e4chst nicht sehen, nicht verstehen, und dann doch etwas sehen und sich unsere Augen kl\u00e4ren. So ging es auch den J\u00fcngern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Beim genauen Hinschauen stellen wir fest: Unser Abschnitt aus dem 16. Kapitel des Johannesevangeliums geh\u00f6rt in die Zeit vor Ostern. Er ist Teil der Abschiedsreden Jesu an seine J\u00fcnger, bald darauf wird er gefangen genommen. Jesus k\u00fcndigt hier an, dass er sterben wird und dass ihn seine J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger eine kleine Weile nicht sehen werden. Aber das wird vor\u00fcber gehen. F\u00fcr die Zwischenzeit wird er ihnen den Tr\u00f6ster, den Heiligen Geist, schicken. Und eines Tages werden sie sich wiedersehen, und, so verspricht Jesus: Euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen (V.22).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir lesen und h\u00f6ren das heute am Sonntag Jubilate, am dritten Sonntag nach Ostern. Wohin nun geh\u00f6rt diese Rede Jesu: in die Zeit vor Ostern oder nach Ostern? Vor die Kreuzigung oder hinter die Auferstehung? Das Spannende ist: Beides geht und beides ergibt Sinn. Die Zeiten verwirbeln sich. Die Trauer, die jetzt herrscht, kann die Trauer des Abschieds sein \u2013 oder die Trauer nach Jesu Tod. Die angek\u00fcndigte Freude kann die Freude \u00fcber die Auferstehung sein \u2013 oder die Freude, wenn Jesus am Ende der Zeit wiederkommt. Die Zeitebenen schieben sich ineinander und werden durchscheinend. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft flie\u00dfen ineinander.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Abschiedsreden Jesu erinnern mich daran, dass es in meinem, in unserem Leben immer wieder Abschiede gibt. Einige sind schmerzhaft, andere sorgen f\u00fcr Befreiung. Abschiede geh\u00f6ren zu unserem Menschsein dazu, so sehr, dass sie so etwas wie eine Urszene des Menschseins sind. Ich denke bei Abschied an einen Mann, der mir von der Beziehung zu seinem Bruder erz\u00e4hlt. \u201eIch bin immer wieder auf ihn zugegangen\u201c, sagt er mir, \u201eaber mein Bruder hat nie reagiert. Er hat meine ausgestreckte Hand nicht ergriffen. Das geht nun schon viele Jahre so. Er ist noch nicht einmal, als unsere Mutter gestorben ist, zu Beerdigung gekommen. Ich wei\u00df, dass er auf mich und meine Frau herabschaut, weil wir nicht so angesehene Berufe haben wie er und meine Schw\u00e4gerin. Aber wir haben uns die ganze Zeit um unsere Mutter gek\u00fcmmert, und er \u00fcberhaupt nicht.\u201c \u201eIch glaube, sie m\u00fcssen auf Distanz gehen, um sich nicht immer wieder von neuem zu verletzen. Sie m\u00fcssen das Kapitel \u201amein Bruder und ich\u2018 abschlie\u00dfen\u201c, sage ich. \u201eDas probiere ich\u201c, antwortet er, \u201eaber es ist so verdammt schwer. Wir sind doch zusammen aufgewachsen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Abschied kann auch so aussehen, dass das erwachsene Kind das Haus der Familie verl\u00e4sst und f\u00fcr eine Ausbildung oder ein Studium in eine andere Stadt zieht. Freunde erz\u00e4hlen mir, wie sich das anf\u00fchlt: \u201eAls unser Sohn auszog, waren wir traurig: Die Familienzeit war zu Ende, eine ganze Lebensphase, denn 20 Jahre lang hatte sich unser Leben um unseren Sohn gedreht. Wir w\u00fcrden ihn nicht mehr jeden Tag sehen und deutlich weniger von dem mitbekommen, was ihn besch\u00e4ftigte. &#8211; Und gleichzeitig freuten wir uns: Wir hatten es geschafft, er war fl\u00fcgge, und wollte selbst\u00e4ndig leben. Das hatten wir uns doch immer gew\u00fcnscht, darauf hingelebt, ihn dazu erzogen. Wir waren stolz, dass wir das geschafft hatten. Und eines Tages w\u00fcrde sich vielleicht eine neue N\u00e4he einstellen, wenn er eine Partnerin findet und sie Kinder bekommen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein anderer Abschied ist es, wenn ein Paar sich nach vielen Jahren trennt. Trauer, Wut und Entt\u00e4uschung mischen sich. Ich begleite eine Freundin in dem Prozess der Trennung und h\u00f6re die Trauer, dass sie es nicht geschafft haben, zusammen zu bleiben. Sie haben sich nicht gutgetan, sondern immer von neuem verletzt. Ja, die Kinder haben sie zusammen gro\u00dfgezogen, aber als die aus dem Haus waren, blieb nicht mehr genug Gemeinsames f\u00fcr sie als Paar. \u201eWir hatten uns das anders vorgestellt, als wir vor 28 Jahren geheiratet haben\u201c, sagt meine Freundin wehm\u00fctig. Und gleichzeitig bricht sich mit der Zeit so etwas wie Erleichterung Bahn: \u201eIch muss nicht mehr alles mit ihm abstimmen. Ich bin keinem Rechenschaft schuldig. Ich kann mein eigenes Leben leben.\u201c Freude ist vielleicht zu viel gesagt, aber Erleichterung und Befreiung sp\u00fcre ich in dem, was sie mir erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unser Bibeltext findet ein sch\u00f6nes Bild f\u00fcr dieses Leben mit Trauer und Freude, die sich mischen: Eine Frau, wenn sie gebiert, hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist (V.21). Angst und Schmerzen geh\u00f6ren dazu, wenn etwas Neues in die Welt kommt. Wir kommen nicht schmerzfrei durchs Leben. Aber die Schmerzen bringen etwas Neues hervor, sie sind kreativ. Ohne Angst und ohne Geburtsschmerz gibt es keine neue Sch\u00f6pfung. Ohne Trauer ist die Freude nicht tief gegr\u00fcndet, ohne den Durchgang durch den Tod hat die Freude keinen Grund.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir haben immer wieder mit Abschieden zu tun. Neben den genannten Abschieden gibt es andere wie den Verlust der Arbeit, den Wegzug in eine andere Stadt, Krankheit, eine lange Reise und als Extremfall den Tod. Abschiede sind Ver\u00e4nderungen und haben mit Verlust zu tun. Es nutzt nichts, wenn ich mich davor bewahren will. Abschiede ragen immer wieder in mein Leben hinein. Gut ist es, sich darauf einzustellen, dass sich unser Leben st\u00e4ndig ver\u00e4ndert. Gut ist es, auf den Wandel einzugehen, mit ihm mitzugehen, anstatt sich ihm entgegenzustellen. \u201eAbschiedlich leben\u201c hei\u00dft das in der Psychotherapie: Zu wissen, dass nicht alles ewig bleibt, sondern der stetigen Ver\u00e4nderung unterworfen ist. Das annehmen und mit den Abschieden leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das wird leichter, wenn wir uns an dem ausrichten, was Jesus sagt: Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen (V.22). Die Trauer hat nicht das letzte Wort, auch nicht der Abschied, sondern das Wiedersehen. Am Ende steht f\u00fcr die, die an Jesus glauben, die Freude. Es bleibt unklar, ob die Freue schon in dieser Welt sein wird oder erst bei Gott in seinem Reich. Vielleicht ist das Wann und Wo nicht so wichtig, wichtiger ist das Dass. Am Ende wird Freude sein. Die Freude wird die Trauer und die Schmerzen \u00fcberwiegen. Der Tod wird zu Ende sein, das Leben wird ihn besiegt haben. Die Freude wird \u00fcberschw\u00e4nglich sein. Und sie wird nicht mehr aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dann k\u00f6nnen wir singen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Weicht, ihr Trauergeister,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">denn mein Freudenmeister,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus tritt herein. (EG 396,6)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liedvorschl\u00e4ge:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesu, meine Freude, EG 396<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In dir ist Freude, EG 398<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf, auf mein Herz mit Freuden, EG112<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus lebt, mit ihm auch ich, EG115<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, EG.E 34<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da wohnt ein Sehnen tief in uns, EG.E 46<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Luise Stribrny de Estrada<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">L\u00fcbeck<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: <a href=\"mailto:pastorin.stribrny@gmx.de\">pastorin.stribrny@gmx.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Luise Stribrny de Estrada, geb. 1965, ist Pastorin der Nordkirche. Nach einer Zeit als Auslandspfarrerin in Mexiko ist sie seit 2009 Pastorin in L\u00fcbeck, zun\u00e4chst in der Gemeinde St.Philippus, seit einem Jahr in der fusionierten Gemeinde Marli-Brandenbaum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abschiede leben | Jubilate |\u00a030.04.2023 | Joh 16,16-23 | Luise Stribrny de Estrada | Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht; es hat Hoffnung und Zukunft gebracht; es gibt Trost, es gibt Halt in Bedr\u00e4ngnis, Not und \u00c4ngsten ist wie ein Stern in der Dunkelheit. Amen.\u00a0 Liebe Schwestern und Br\u00fcder! 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