{"id":18182,"date":"2023-05-16T16:20:36","date_gmt":"2023-05-16T14:20:36","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18182"},"modified":"2023-05-16T16:51:36","modified_gmt":"2023-05-16T14:51:36","slug":"johannes-1516-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1516-26\/","title":{"rendered":"Johannes 15,16-26"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\">Exaudi | 21.05.2023 | Joh 15,26-16,4 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Frank Larsen |<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die erste hat nur einen Pelz an, nichts darunter. Abgesehen von den langen Stiefeln. Die n\u00e4chste ist in einem strammen Minikleid. Die dritte in einem neongr\u00fcnen Badeanzug und Stiletten. Eine nach der anderen str\u00f6men sie hinein in die T\u00fcr in Corrigans Wohnung in the Bronx in New York, um die Toilette zu benutzen und die Lippen neu mit dem Lippenstift zu schminken. Corrigans Bruder, der auf Besuch ist aus Irland, ist geschockt dar\u00fcber, was da in der Wohnung seines Bruders geschieht in dem Roman von Column McCann: <em>Lass die gro\u00dfe Welt sich drehen<a href=\"applewebdata:\/\/9BC2BB52-F761-44F5-AB85-24FA76853B7F#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em>. Dass der Bruder die T\u00fcr offenstehen l\u00e4sst, so dass alle M\u00e4dchen von der Stra\u00dfe kommen und gehen k\u00f6nnen, wie sie wollen. Sie reden h\u00e4sslich und leben roh, findet er, sie sind geschmacklos anzuschauen, aufgemacht in Silberglanz und Hotpants, elende M\u00e4dchen mit Nadeln in der Haut, die es nie zu etwas bringen. Es ist naiv zu glauben, dass man in ihrem Leben etwas ver\u00e4ndern kann. Corrigan sollte seine T\u00fcr schlie\u00dfen. Aber das tut Corrigan nicht. Er l\u00e4sst die T\u00fcr offen, und dies ist das einzige, was er seinem Bruder sagt, wenn er angegriffen wird: \u201eNur die T\u00fcr offenstehen lassen, nicht wahr?\u201c Unten auf der Stra\u00dfe macht er seinen Lieferwagen auf und versorgt die M\u00e4dchen mit Eiskaffee aus einer gro\u00dfen Thermoskanne. Und wenn die Polizei mit ihren Fragen nervt, wenn die M\u00e4dchen weggefahren werden, dann kann er sie wiederfinden. Und kauft kalte Colas f\u00fcr sie. Und als zwei der M\u00e4dchen wegen Raub angeklagt werden, zieht er sich ein feines Hemd an und f\u00e4hrt hinab zum Gerichtsgeb\u00e4ude und braucht einen ganzen Tag, um sie da wieder rauszuholen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Verborgen unter dem Hemd tr\u00e4gt Corrigan ein Kreuz. Und sichtbar an der Wand h\u00e4ngt ein Kruzifix. Davon abgesehen ist da in seiner Wohnung nichts anderes als ein Sofa. Denn Corrigan ist ein M\u00f6nch, Mitglied eines irischen M\u00f6nchsordens, wo man nicht in einem Kloster wohnen muss. Das tut er ja wahrlich nicht mitten im M\u00fcll und dem Abfall in the Bronx. \u201eIch glaube, ich muss meine Worte Fleisch werden lassen\u201c, sagt er, als sein Bruder fragt, was in aller Welt er da im Gange hat. Corrigan geht es nicht darum, die M\u00e4dchen zu retten oder ihr Leben zu ver\u00e4ndern. Er redet fast nie \u00fcber Gott mit ihnen. Er will nur, dass da ein Ort sein soll, wo sie hinkommen k\u00f6nnen, eine Pause machen und etwas Wasser ans Gesicht bekommen k\u00f6nnen. Ihnen einen Augenblick Erleichterung geben mit einem kalten Getr\u00e4nk. So kommt Fleisch zu den Worten, an die er glaubt. Oder so werden die Worte Wirklichkeit, umgesetzt in Handlung. Mit der offenen T\u00fcr und der kalten Cola und dem Gang zum Gericht sagt er indirekt, dass die M\u00e4dchen etwas anderes und mehr sind als Verlierer, das einzige, was der Bruder in ihnen sehen kann. Trotz hellroten Sonnenbrillen und Pin-Markierungen an den Kniescheiben sind sie wertvolle Menschen, denen Corrigan Zeit und Kr\u00e4fte widmet. So legt er ohne Worte Zeugnis ab von ihm, an den er glaubt. Von ihm wei\u00df er, was die M\u00e4dchen sind \u2013 und was er selbst zu tun hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann tut er eben das, was Jesus den J\u00fcngern und uns anderen im heutigen Evangelium auferlegt. Von ihm zu zeugen. Damit die Welt ihn kennen soll. Darum geht es n\u00e4mlich \u2013 f\u00fcr die Welt selbst. Aber von ihm zeugen k\u00f6nnen wir auf viele Weisen. Bezeugen, das ist nat\u00fcrlich erz\u00e4hlen, was man geh\u00f6rt und gesehen hat, aber das hei\u00dft auch, die Worte Fleisch werden lassen, wie Corrigan mit der offenen T\u00fcr in the Bronx, zu handeln, so dass das, was man tut, von ihm zeugt, den man kennengelernt hat, und von der Liebe, die unser Leben tr\u00e4gt. Aber ob man nun in Worten oder Taten zeugt, die Pointe ist dieselbe. Man zeugt von etwas, was man nicht sehen kann. Als Corrigan das neue Hemd anzieht und sich rasiert, um zum Gericht zu gehen, zeugt er davon, dass Tillie und Jazzlyn wertvolle Menschen sind, dass ihr Leben etwas bedeutet und dass es Vergebung gibt. Da ist einer, der bezahlt hat. Das k\u00f6nnen andere nicht sehen, die den schlimmen Alltag in the Bronx sehen. Aber das ist so. Corrigan glaubt daran, und diesen Glauben benutzt er nicht, um sich selbst zu best\u00e4tigen, von dem zeugt er mit Wort und Tat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das tut man nicht ungestraft. Corrigan st\u00f6\u00dft auf bittere und herablassende Worte von seinem Bruder, der weder den Sinn sehen noch die M\u00e4dchen ertragen kann. Und Corrigan wird von den Polizisten bedroht, die er mit seinen Fragen \u00e4rgert, wenn die M\u00e4dchen verhaftet werden. Und Corrigan bekommt Pr\u00fcgel von den M\u00e4nnern, die die M\u00e4dchen f\u00fchren, denn er soll nicht ihre Zeit beanspruchen, indem er sie in die Wohnung l\u00e4sst. Das Zeugnis in seiner Art zu handeln st\u00f6\u00dft auf heftigen Widerstand in der Welt, und dieser und jener versucht ihn dazu zu bewegen aufzugeben und aufzuh\u00f6ren. Das Gericht \u00fcber die und \u00fcber uns, wenn wir uns so verhalten, ist klar im heutigen Evangelium. Wenn man den Mund h\u00e4lt und die behindert, die von der Barmherzigkeit Gottes in Wort und Tat zeugen, dann deshalb, weil man Gott nicht kennt als den barmherzigen Gott, und seinen Sohn nicht kennt, der alles bezahlt hat, was wir schuldig sind. Und dann ist man einfach gen\u00f6tigt, dass einem das noch einmal gesagt wird. Dass es nicht so ist, wie es zu sein scheint. Dass die Beschwerten frei sind. Dass die Unbrauchbaren wertvoll sind. Dass die Unreinen rein sin. Dass die Toten leben. Dass Gott unser Vater ist und sein Sohn unser Bruder, ganz nah bei uns, wo wir gehen und stehen. Das macht einen Riesenunterschied, ob wir diesen Gott kennen und uns selbst in diesem Licht sehen \u2013 oder nicht. Das ruft neue Seiten in unserem Dasein und in uns hervor.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die M\u00e4dchen selbst, die schmei\u00dfen die Colas weg, die Corrigan f\u00fcr sie kauft, wenn das n\u00e4chste Auto an der Stra\u00dfe anh\u00e4lt. Aber Corrigan macht weiter, auch wenn er so ersch\u00f6pft und m\u00fcde ist, dass er kaum noch bei sich ist. Er ist also nicht im Zweifel, dass er dies tun soll. So zeugt er von dem, an den er glaubt. Und dann geschieht ja das Wunderbare, dass die Art, wie er sie behandelt, auch eine unerwartete Milde hervorruft. Sie schicken ihm Fingerk\u00fcsse, wenn sie gehen, und geben ihm nette Namen. Denn wenn man gesehen wird in seinem Wert und mit Freundlichkeit, dann kann es auch geschehen, dass dies eine Freundlichkeit in einem selbst weckt, die vorher nicht da war.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist unsere Aufgabe zu zeugen wie Corrigan, in Wort und Tat, in unserer Weise, an unserem Ort, gegen\u00fcber den Menschen, die uns begegnen. Von ihm zeugen, an den wir glauben. Wenn unser Zeugnis auf Widerstand st\u00f6\u00dft in unserer eigenen Bequemlichkeit und wenn wir auf Widerstand bei anderen sto\u00dfen, k\u00f6nnen wir darauf vertrauen, dass wir nicht die ganze Aufgabe wahrnehmen sollen. Da ist einer, der f\u00fcr uns zeugt, und dort beginnt es. Nicht mit unserem Zeugnis. Der Tr\u00f6ster kommt, sagt Jesus, der gute Geist, der sein Tr\u00f6ster ist, kommt in den Worten, die wir h\u00f6ren und lesen und sagen und singen, und zeugt davon, dass Jesus der ist, der Gott kennt, und der Gott, den er kennt, ist nicht der Gott des Todes und des Gerichts, sondern der Gott des Lebens und unser Vater. Der Tr\u00f6ster vertritt die Sache Jesu und macht, dass er uns nah ist und lebt, dass er auch in unseren Ohren und unserem Sinn aufersteht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Des halb spricht Corrigan seine Gebete und streift das Kruzifix mit seinem Finger an jedem Tag, ehe er aus der T\u00fcr geht. Und deshalb sagen wir in unseren Gebeten und singen in unseren Liedern und h\u00f6ren auf sein Wort an jedem Sonntag, ehe wir aus der T\u00fcr gehen. Damit der Tr\u00f6ster kommen kann und f\u00fcr uns zeugen kann von ihm, der Gott kennt als Gott des Lebens und unseren Vater. So dass wir auf das vertrauen k\u00f6nnen, was wir nicht sehen k\u00f6nnen: Dass wir rein sind und frei und wertvoll f\u00fcr ihn, und das sind auch alle andere, denen wir begegnen. Und dass er bei uns ist, wenn wir von ihm zeugen sollen in dem Leben, in das wir gehen, wenn wir nach Hause kommen. Unser Zeugnis f\u00fcr einander ruht in dem Zeugnis des Tr\u00f6sters f\u00fcr uns, wer Gott ist und wer wir und alle anderen in seinen Augen sind. \u201eMacht euch an die Arbeit, denn ich bin bei euch\u201c, sagt er. Wenn wir ihn beim Wort nehmen, wenn wir den Worten Fleisch geben, k\u00f6nnen wir vielleicht auch einen unerwarteten Glanz von Freundlichkeit bei einander sehen. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Marianne Frank Larsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 8000 Aarhus C<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">mfl(at)km.dk<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/9BC2BB52-F761-44F5-AB85-24FA76853B7F#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Let the great World spin, dt. Die gro\u00dfe Welt, 2009.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exaudi | 21.05.2023 | Joh 15,26-16,4 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Frank Larsen | Die erste hat nur einen Pelz an, nichts darunter. Abgesehen von den langen Stiefeln. Die n\u00e4chste ist in einem strammen Minikleid. Die dritte in einem neongr\u00fcnen Badeanzug und Stiletten. 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