{"id":18211,"date":"2023-05-24T12:41:19","date_gmt":"2023-05-24T10:41:19","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18211"},"modified":"2023-05-24T12:40:44","modified_gmt":"2023-05-24T10:40:44","slug":"johannes-419-26-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-419-26-4\/","title":{"rendered":"Johannes 4,19-26"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">\u201eEs ist kommt die Zeit und ist schon jetzt&#8230;\u201c| Pfingstmontag | 29.05.2023 | Joh 4,19\u201326 | Felix St\u00fctz |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bald ist wieder Weihnachten. Zumindest fast.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn das letzte Christfest liegt hinter uns. Karfreitag und Ostern ist auch vorbei. Pfingsten, das war gestern. Und Pfingstmontag, das ist doch nur der Abschied in die Trinitatiszeit. Erst kommt Trinitatis und dann wird durchgez\u00e4hlt. 1. Sonntag nach Trinitatis. 2. Sontag nach Trinitatis etc. So viele Sonntag bis es eben wieder spannend wird mit dem Reformationstag oder schlie\u00dflich den Adventssonntagen. Heute werden wir gewisserma\u00dfen entlassen in den kirchenjahreszeitlichen Alltag, die kirchliche Belanglosigkeit im Sommer. Spannend wird es erst wieder in einiger Zeit. Jetzt kommt erstmal eine Weile nichts mehr.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eAber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit&#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist schon jetzt, dass Gott mitten unter uns ist. Es ist schon jetzt, dass Gott da ist. Nicht in der Ferne, nicht in der Zukunft. Schon jetzt und hier. Der Text schleudert meiner Lethargie und Beh\u00e4bigkeit einen energischen Widerspruch entgegen. Meine Erwartungslosigkeit wird entt\u00e4uscht. Pfingstmontag, das ist mehr als ein Appendix an ein wichtiges christliches Fest, um schlicht einen Feiertag mehr zu erhalten. Pfingstmontag, das ist das Fest, des \u201ees kommt die Zeit und ist schon jetzt\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, f\u00fcr den christlichen Glauben steht noch Einiges aus. Der christliche Glaube lebt in der Hoffnung. Der christliche Glaube, h\u00e4lt sich an dieser Verhei\u00dfung fest, dass da noch eine Zeit kommt. Eine Zeit der Gerechtigkeit. Eine friedvolle Zeit. Eine Zeit der Liebe und Begegnung. F\u00fcr den christlichen Glauben gibt es noch Zeit. Er hofft auf eine Zeit des Miteinanders, der Vers\u00f6hnung. Es kommt die Zeit, in der Vorurteile abgebaut werden, Kompromisse in Win-Win-Situationen \u00fcberf\u00fchrt werden. Es kommt die Zeit, in der Waffen zur Seite gelegt werden und die geballte Faust sich \u00f6ffnet. Es kommt die Zeit, in der Tr\u00e4nen abgewischt werden und Zweifel sich aufl\u00f6st. Es kommt die Zeit: Daran entz\u00fcndet sich stets der Glaube, darauf hofft der Glaube.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und gleichzeitig ist diese Zeit schon jetzt. Diese Zeit ist bereits angebrochen. Pfingstmontag vertr\u00f6stet nicht auf ein Jenseits oder ein \u00dcbermorgen. Pfingstmontag ermahnt, erinnert, jubiliert, feiert, ermutigt, denn: \u201ees kommt die Zeit und ist schon jetzt\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es soll also nicht doch erstmal vorbei sein? Es steht also doch keine Sommerpause bevor? Keineswegs!<br \/>\nIch bin\u2019s, der mit dir redet, spricht Jesus in dem Text. Die Frau wartet noch auf den Messias. Sie meint sogar, Zeichen seines Kommens zu kennen. Ja, wenn er kommt, dann wird sie ihn identifizieren k\u00f6nnen. Jesus gilt ihr als ein Prophet. Er aber spricht in Worten mit ihr, die an Gottes Selbstoffenbarung in der Mosegeschichte erinnern. In ihrem Warten auf das Kommende Jesus sie. In ihrem gewohnten Leben, der allt\u00e4glichen Routine begegnet er ihr am Brunnen. Er spricht sie unmittelbar an. Er spricht mit ihr. Er teilt seine Zeit mit dieser Frau. Jesus verweist nicht einfach auf Gottes heilsame Gegenwart, sondern vermittelt sie im Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und in dieses finde auch ich mich verwickelt. Mit meinen Sorgen, Zweifeln, meinem Glauben, meiner Angst, der Hoffnung, meiner Freude und meinem Suchen. Dabei entgegnet der Text meinem sehns\u00fcchtigen Warten mit einem: Ich bin schon hier. Meinem verzweifelten Suchen antwortet der Text mit dem Verweis auf Gottes gewissmachende Pr\u00e4senz. Zweifel begegnet der Text mit dem Hinweis auf die Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen, die mich umgeben. Meinem Z\u00f6gern h\u00e4lt der Text Jesu \u201aIch bin da\u2018 entgegen. Weder steht eine kirchliche Sommerpause bevor, die nichts Spannendes mehr enth\u00e4lt. Noch warte ich nur auf die Zeit, die irgendwann eintreten wird. Vielmehr lebe ich in der Zeit, die schon ist, der Gegenwart Gottes, die Jesus mir vermittelt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, aber&#8230; Was ist mit meiner konkreten Lebensrealit\u00e4t? Das ist alles so gro\u00df und fern. Lauter schwerwiegende Begriffe. Gottes Gegenwart \u2013 was bedeutet das? Und von welcher Zeit spricht der Text \u00fcberhaupt? Ich habe eher viel zu wenig Zeit und w\u00e4re recht dankbar, wenn mal etwas mehr Zeit hinzuk\u00e4me. Von allen Seiten dr\u00e4ngen Anforderungen an mich. Meine To-Do Liste wird von Tag zu Tag l\u00e4nger statt k\u00fcrzer. Ich glaube ja. Ja, ich hoffe auch, dass das die Zeit kommt. Aber jetzt noch etwas Zus\u00e4tzliches? Wei\u00df Gott eigentlich, was ich alles zu tun habe? Ich kann dar\u00fcber jetzt nicht nachdenken. Au\u00dferdem f\u00fchle ich mich nicht bereit. Ich bin doch noch gar nicht bei mir angekommen. Ich m\u00fcsste mich doch erst vorbereiten \u2013 so mental und geistlich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jetzt ist die Zeit, dringt es an mein Ohr. Gleich der Frau im Text darf ich meine Anfragen \u00e4u\u00dfern. Wie die Frau darf ich in das Gespr\u00e4ch eintreten, mich in das Gespr\u00e4ch verwickeln lassen. Ich muss nicht alles hinnehmen, sondern darf nachfragen, z\u00f6gern, innehalten. Und ich muss nicht alleine bleiben mit meiner Situation. Ich darf mich ermutigen lassen von diesem Text, dem wertsch\u00e4tzenden Umgang Jesu mit der Frau.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Leben der Frau verlief vermutlich nicht ganz so, wie sie sich das vorgestellt hat. Vorallem lief es aber nicht so, wie die Gesellschaft sich das Leben einer Frau vorgestellt hat. Mehrere gescheitere Beziehungen hatte sie hinter sich. Als Samaritanerin geh\u00f6rte sie au\u00dferdem zu einer religi\u00f6s benachteiligten Gruppe. Es ist nicht untertrieben, wenn man festh\u00e4lt: Ihr soziales Kapital ging gegen Null. Und dennoch hielt das alles Jesus nicht ab, mit ihr ein Gespr\u00e4ch zu beginnen. Er arbeitet mit ihr ihre Geschichte auf, verwebt ihre Geschichte in seine. Er spricht sie an, weil er sie kennt. Er wendet sich dieser Frau zu, der sich so viele vermutlich abgewendet haben. Er w\u00fcrdigt diese Frau, geht wertsch\u00e4tzend mit ihr um. Er z\u00e4hlt sie ebenfalls zu den Kindern des Vaters, von dem er so oft erz\u00e4hlt. Und am Ende des Gespr\u00e4chs zeigt er sich und sagt, wer er ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Zeit, ist schon jetzt. Und in dieser Zeit zu leben, sich Gottes Gegenwart bereits im Hier und Jetzt bewusst zu sein, das ist durchaus auch ein Anspruch. Es ist durchaus eine Zumutung. Aber mehr noch ist es ein Zuspruch Gottes, denn ehe ich auf gro\u00dfe theologische Begriffe sto\u00dfe, befinde ich mich bereits in das Gespr\u00e4ch und die Geschichte mit Gott verwickelt. Die Zeit ist schon jetzt, das hei\u00dft auch, dass ich in dieser Zeit Gottes lebe. Gott ist mir einen Schritt voraus. Nicht der Ort ist relevant, sondern bereits in meinem Hier-Sein trifft mich der Gott, der immer an der Seite Israels steht. Im Text steht, dass sie Gott in Wahrheit und im Geist anbeten werden. Das bedeutet ungef\u00e4hr: Frei Schnautze alles rauszulassen, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Kein Klagepsalm ist Gott zu derb, kein Lobpsalm zu kitschig. Gott hat sich Israel erw\u00e4hlt, von dort kommt das Heil. Gott hat sich ein Baby im Vorderen Orient auserw\u00e4hlt, um Mensch zu werden. Gott blieb bei seinem Volk in der W\u00fcste und im Exil. Gott h\u00e4lt an seiner Sch\u00f6pfung fest und f\u00fchrt sie durch die Zeiten in seine Zeit. Kein Glaube ist ihm zu klein und kein Vertrauen zu gering. Die Zeit ist jetzt, fordert er mich heraus. Die Zeit ist jetzt, in das Gespr\u00e4ch einzutreten. Die Zeit ist jetzt, das \u201eIch bin\u2019s\u201c zu h\u00f6ren. Die Zeit ist jetzt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Zeit ist jetzt, klingt es in mir nach. Gott, hole mich aus dem Ruhemodus! Lass mich nicht im Warteraum sitzen. Nenn mich beim Namen und sprich mich an, wie du die Frau angesprochen hast. Du kennst meine Geschichte. Du wei\u00dft, wo du mich antriffst. Mach mich voller Hoffnung und Glaube. Lass du mich im Geist dich anbeten. Schenke mir Mut und Worte daf\u00fcr. Lass mich dich treffen, wo ich dich nicht vermute. Und lass mich dich vermuten, wo man dich angeblich nicht trifft. Lass du mich erwarten, dass dein Geist mich bewegt. Lass du mich dich in Wahrheit anbeten. Mache deine Freiheit in meinem Leben sichtbar. Bewege du mich. Lass mich sehen, wo du mit anderen sprichst. Lass mich die Geschichten sehen, die in deine Geschichte verwoben sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nun: Bald ist Weihnachten. Zumindest fast.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber statt auf die gro\u00dfen kirchlichen Feste zu warten, will ich in der Zeit leben, die noch aussteht und zugleich bereits angebrochen ist. Ich will leben, in der Zeit, die Gott mir geschenkt hat. Das hei\u00dft \u00fcbrigens, Gott von ganzen Herzen anzubeten. Deshalb ist die Zeit bis zu den gro\u00dfen kirchlichen Festen nach Pfingsten vielleicht auch so lange. Weil mir das in dieser Zeit zu leben, h\u00e4ufig so schwerf\u00e4llt. Ich muss es geradezu \u00fcben. Jetzt ist die Zeit, wenn ich mal wieder eilig zur Bahn flitze. Jetzt ist die Zeit, wenn ich meine Arbeitskolleg:innen treffe. Jetzt ist die Zeit, wenn ich morgens mein M\u00fcsli esse. Jetzt ist die Zeit, wenn ich die W\u00e4sche zusammenfalte. Jetzt ist die Zeit, wenn ich Essen koche. Jetzt ist die Zeit, wenn ich zum Sport fahre. Jetzt ist die Zeit, weil Gott mich anspricht und mir Heiligen Geist gibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jetzt&#8230;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8230; ist die Zeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Felix St\u00fctz<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Halle\/Saale<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: <a href=\"mailto:felix.stuetz@theologie.uni-halle.de\">felix.stuetz@theologie.uni-halle.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Felix St\u00fctz ist Doktorand und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Systematische Theologie der Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle-Wittenberg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs ist kommt die Zeit und ist schon jetzt&#8230;\u201c| Pfingstmontag | 29.05.2023 | Joh 4,19\u201326 | Felix St\u00fctz | Bald ist wieder Weihnachten. Zumindest fast. Denn das letzte Christfest liegt hinter uns. 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