{"id":18275,"date":"2023-06-06T08:31:41","date_gmt":"2023-06-06T06:31:41","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18275"},"modified":"2023-06-06T08:33:50","modified_gmt":"2023-06-06T06:33:50","slug":"1-johannes-411-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-411-21\/","title":{"rendered":"1. Johannes 4,11-21"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">You\u2019ve got mail | 1. Sonntag nach Trinitatis | 11.6.2023 | 1.Joh 4,11-21 | Nadja Papis |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Erhalten Sie auch so gerne Briefe? Also nicht diese Gesch\u00e4ftsbriefe, Rechnungen oder Bettelschreiben, nein, die anderen. Heute Morgen finde ich im Briefkasten eines dieser seltenen Exemplare \u2013 von Hand angeschrieben in einem sch\u00f6n farbigen Couvert. Verheissungsvoll! Eine pers\u00f6nliche Mitteilung! Was wohl darin steht? Ist es eine Geburtsanzeige oder eine pers\u00f6nliche Einladung zum Fest? Oder gar ein richtiger Brief, so wie in alten Zeiten, wo jemand mir \u00fcber das Leben oder die momentane Gef\u00fchlslage schreibt? Die Neugierde ist fast nicht auszuhalten, aber ich z\u00fcgle sie, schliesslich will ich die Vorfreude geniessen, so selten ist solche Post heutzutage.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich finde die digitalen Kommunikationsm\u00f6glichkeiten enorm praktisch, vor allem da ich nicht gerne telefoniere. Da schreib ich lieber kurz oder schick schnell was oder h\u00e4ng auch einfach ein Emoji an. Werbung kann schnell gepostet werden, der R\u00fcckblick auf ein tolles Projekt auch, auf dem gemeinsamen Server ist alles f\u00fcr alle zug\u00e4nglich, da braucht\u2019s nicht mal mehr viele Emails. Und auch die News hole ich mir lieber online statt aus der Post.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber ich liebe den altmodischen Brauch handgeschriebener Briefe und Postkarten im privaten Bereich. So w\u00fcnsche ich mir seit Jahren zum Geburtstag keine Geschenke mehr, sondern liebe Worte auf einer passend ausgesuchten Karte oder gar einen langen Brief. Oft bringe ich meine Liebsten damit in gr\u00f6ssere Schwierigkeiten als mit der Auswahl eines sinnvollen Geschenkes. Was schreibt man denn in so einem Brief heute noch? Bisher bin ich immer sehr beschenkt worden durch die Worte, welche Familienmitglieder und Freundinnen gefunden haben, jedes auf seine Art, im je individuellen Stil.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pers\u00f6nliche Briefe und handbeschriebene Karten sind f\u00fcr mich ein Ausdruck der Verbundenheit, ein Zeichen der Liebe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und um die geht es auch im heutigen Predigttext:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lesung 1Joh 4,11 \u2013 21<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00abIhr Lieben\u2026\u00bb, so k\u00f6nnte ein Brief anfangen, aber der 1. Johannesbrief ist mehr ein Traktat, er wirkt gar wie ein Auszug aus einem Gespr\u00e4ch \u00fcber den gemeinschaftlichen Glauben. Wie glauben wir? Was glauben wir? Das Thema wird umkreist ohne den Anspruch, es abschliessend zu behandeln. Das finde ich inspirierend und motivierend: Ich darf Teil dieses weitergehenden Gespr\u00e4chs werden und mich mit meinen Erfahrungen und Gedanken einreihen. So stelle ich mir grunds\u00e4tzlich die Glaubensgemeinschaft in der Kirche vor: ein fortlaufendes Gespr\u00e4ch \u00fcber den gemeinsamen Glauben, manchmal harmonisch, manchmal ringend, manchmal heftig diskutierend, manchmal freudig sprudelnd. Das ist ein Kirchenbild, das mir gef\u00e4llt. Und Ihnen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist ja nicht selbstverst\u00e4ndlich, dieses Kirchenbild. Viele Menschen w\u00fcnschen sich eine profiliertere Kirche, die sagt, wo\u2019s lang geht, die fest in ihren Glaubensgrunds\u00e4tzen steht und ein Bekenntnis f\u00fcr alle vorgibt. Einer meiner Professoren meinte einmal in der Diskussion \u00fcber Sekten: Nicht alle k\u00f6nnen mit der Freiheit umgehen, die heute in unseren Kirchen herrscht; manche brauchen klare Leitf\u00e4den und moralische Wegweiser.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir entspricht diese Freiheit und Selbstverantwortung, die ich in meiner Kirche finde, mir gef\u00e4llt es, im Gespr\u00e4ch mit anderen zum Beispiel in der Seelsorge oder auch in Hauskreisen oder mit Kindern und Jugendlichen im Unterricht meinen Glauben zu reflektieren und zu entwickeln. Religi\u00f6s sein heisst f\u00fcr mich zuerst einmal zu fragen, ja, sich den grossen Fragen des Lebens zu stellen und sich auf die Suche nach m\u00f6glichen Antworten f\u00fcr mein Hier und Jetzt zu begeben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00abIhr Lieben\u2026\u00bb &#8211; zur\u00fcck zum Text!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er kreist um die Liebe \u2013 die Liebe als M\u00f6glichkeit, das G\u00f6ttliche zu erfahren, ja, noch mehr, mit dem G\u00f6ttlichen verbunden zu sein, in ihm zu leben, zu wirken und zu vertrauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Spannend \u2013 die Liebe als Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr den Glauben, als Ort der Gotteserfahrung, als M\u00f6glichkeit, Menschliches und G\u00f6ttliches zu verbinden. Das k\u00f6nnen wir doch auch heute nachvollziehen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebeserfahrungen sind etwas sehr Tiefgehendes, etwas Elementares, eine Urerfahrung und auch etwas sehr Ersch\u00fctterndes, im positiven wie auch negativen Sinn.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als Kind w\u00e4chst das Urvertrauen im Geliebtsein durch die Eltern und andere Bezugspersonen. Fehlt die Zuwendung, fehlt auch dieser feste Boden f\u00fcrs Leben. Geliebt-Werden und Lieben sind auch im sp\u00e4teren Leben enorm wichtige Faktoren f\u00fcr Zufriedenheit und Erf\u00fcllung, vielleicht sogar die wichtigsten. Und das Alleinsein ist heute zwar ein Megatrend, aber auch eine der gr\u00f6ssten Herausforderungen. Beziehungen, die brechen, ersch\u00fcttern nachhaltig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott ist Liebe; und wer in der Liebe lebt, ist mit dem G\u00f6ttlichen verbunden und das G\u00f6ttliche mit ihm\/ihr.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist mein absoluter Lieblingsvers in der ganzen Bibel! Mein Herz geht auf, wenn ich ihn h\u00f6re oder lese. Unz\u00e4hlige Gedanken und Gef\u00fchle schiessen durch mich hindurch, Momentaufnahmen, Gesichter, Liebesbegegnungen meines Lebens. Er kommt mir vor wie ein pers\u00f6nlich an mich geschriebener Brief. Denn ich glaube an die Liebe, ja, ich glaube an die Urkraft der Verbundenheit zwischen Menschen. Und ich erlebe immer wieder, wie mich das G\u00f6ttliche ber\u00fchrt, wenn ich liebe, wenn ich mit anderen verbunden bin, wenn ich mich einlasse auf andere.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">K\u00fcrzlich fragte mich jemand, wie sich das denn anf\u00fchle, diese Gotteserfahrungen. Ich fand keine Worte und ich finde sie wohl auch jetzt nicht ann\u00e4hernd. Es ist, wie wenn in der menschlichen Ber\u00fchrung eine andere Ber\u00fchrung mitschwingt. Es ist, wie wenn mir in den geliebten Augen noch etwas anderes entgegenschaut. Es ist, wie wenn in der Hand, die segnet, noch eine andere Kraft mitwirkt. Es ist, wie wenn im Gesang des Chores noch eine andere Stimme mitsingt. Die Verbundenheit bekommt einen besonderen Glanz, eine besondere Tiefe, eine andere Dimension. Ich scheitere an den Worten und ich scheitere am Nachempfinden, denn solche Erfahrungen lassen sich nicht festhalten, bei mir jedenfalls nicht. Und darum brauche ich diese alten und doch aktuellen Worte: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe lebt, ist mit dem G\u00f6ttlichen verbunden und das G\u00f6ttliche mit ihm\/ihr.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In unserem Text ist die Liebe universal gemeint, sie umfasst die ganze Sch\u00f6pfung, alles Lebende. Jesus Christus wurde zur Vers\u00f6hnung der ganzen Welt gesandt, nicht nur der Menschen oder einiger weniger Auserw\u00e4hlter. Liebe ist die Macht, welche alles einbindet, alles ber\u00fchrt und bewegt. Auch das eine moderner und sehr aktueller Gedanke: Im Lieben geht es nicht nur um die, die mir grad am n\u00e4chsten sind, sondern um alles Leben. Mit allem Lebenden bin ich verbunden, weil alles Lebende geliebt ist von der einen Kraft, die das Leben erschaffen hat. F\u00fcr mich ist das eine wichtige Glaubenserkenntnis, die mich immer wieder neu motiviert, das Leben in dieser Welt zu sch\u00fctzen, meinen Anteil an der Arbeit f\u00fcr Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Sch\u00f6pfung zu leisten, obwohl es manchmal so viel bequemer w\u00e4re auf dem Sofa die restliche Welt zu vergessen. Und es f\u00fchrt mich an einen anderen Ort der Gotteserfahrung, den viele Menschen heute teilen: in die Natur. Von vielen weiss ich, dass sie eher auf einem Berggipfel oder in einem stillen Wald ihre Religiosit\u00e4t erleben als in der Kirche. Ich kann es nachvollziehen, auch wenn ich das \u00abentweder-oder\u00bb bedauere. Es schliesst sich doch nicht aus, so wie die Liebe nicht nur an einem Ort zu finden ist, nicht einmal nur an einen Menschen gebunden ist, so muss es doch die Gotteserfahrung auch nicht sein. Ich glaube, die g\u00f6ttliche Stimme sucht sich verschiedene T\u00f6ne, die g\u00f6ttliche Botschaft verschiedene Kan\u00e4le und die g\u00f6ttliche Wirkkraft verschiedene Orte aus, um uns zu erreichen, uns alle, alles Lebende, ob Kirche oder Wald, Einsamkeit oder Gemeinschaft, Worte oder Ber\u00fchrungen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Heute, am ersten Sonntag nach Trinitatis, ist ja genau das Thema: Die g\u00f6ttliche Stimme in der Welt. Wie h\u00f6ren wir sie inmitten all der anderen Stimmen? Wie und wo erfahren wir heute die g\u00f6ttliche Botschaft, die Frohe Botschaft, christlich gesprochen? Ich kann nur wiederholen, was die Verfassenden des 1. Johannesbriefes wohl auch erfahren haben: in der Liebe und durch die Liebe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Langnau am Albis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>You\u2019ve got mail | 1. Sonntag nach Trinitatis | 11.6.2023 | 1.Joh 4,11-21 | Nadja Papis | Erhalten Sie auch so gerne Briefe? 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