{"id":18279,"date":"2023-06-06T08:30:01","date_gmt":"2023-06-06T06:30:01","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18279"},"modified":"2023-06-06T08:35:51","modified_gmt":"2023-06-06T06:35:51","slug":"lukas-1619-31-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1619-31-4\/","title":{"rendered":"Lukas 16,19-31"},"content":{"rendered":"<h3>1.Sonntag nach Trinitatis | 11.06.2023 | Lk 16,19-31(d\u00e4nische Perikopenordnung) | Lasse R\u00f8dsgaard Lauesen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Die Geschichte von den beiden Verlorenen und dem Befreier<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Freitag-Abend ist so ein Abend, an dem man sich ins Sofa niederfallen l\u00e4sst. Die letzte Arbeit muss noch getan werden, und dann landet man vor einem Film. Kennt Ihr das, oder bin das nur ich? Der Film hat in der Regel schon begonnen, und es fehlen einem sowohl der Titel als auch die ersten zehn Minuten. All das, was einen Hinweis darauf gibt, wo das ganze endet. Die L\u00fccke muss man selbst ausf\u00fcllen, und langsam entdeckt man Neben- und Hauptpersonen und worum es in der Geschichte geht. Die Regel ist ja, dass alles, was geschieht, mit dem Ganzen zu tun hat und mit dem Schluss, der das alles zusammenbindet. Man kann fast nicht vermeiden zu glauben, dass es im Leben ist wie in einem Film mit einem klaren Plot. Alle Einzelheiten f\u00fchren zum endlichen Ziel, das ist ein sch\u00f6ner Gedanke, aber ist er wahr? Nicht f\u00fcr die beiden Personen im Evangelium und vielleicht auch nicht f\u00fcr uns andere. Darauf werden wir jetzt eingehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sehen wir das Evangelium als einen Film, geht es da um die Hauptperson, den reichen Mann, ja ich wei\u00df nicht, wie er hei\u00dft, vielleicht weil das Evangelium haben will, dass ich denke, dass ich das bin. Der reiche Mann ist die Person, dessen Leben ein Fest ist und der sich in Purpur und feinem Leinen kleiden kann. Er hat ein Fest und er wei\u00df vielleicht nicht, wer da vor seiner T\u00fcr liegt. N\u00e4mlich der andere, der Arme, dessen Namen wir aber sehr wohl kennen, n\u00e4mlich Lazarus, durchn\u00e4sst und schmutzig, er isst Essensreste und l\u00e4sst Hunde seine Wunden lecken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Evangelium f\u00fchrt uns mitten hinein in das Geschehen, wie das mit einem Freitagsfilm geschieht. Wir m\u00fcssen also selbst erraten, was zu den Schicksalen der beiden M\u00e4nner gef\u00fchrt hat. Vielleicht ist Lazarus selbst schuld an seinem Ungl\u00fcck, w\u00e4hrend der reiche Mann den Wohlstand verdient hat, der sein Leben vers\u00fc\u00dft. Ganz gleich was der reiche Mann getan hat, da muss ja jemand sein, der das hoch gesch\u00e4tzt hat, was er getan hat, sie haben ihn also reich gemacht, auch wenn er Katzenfutter auf seinem eigenen TV-Kanal getestet hat, oder wovon man heutzutage reich werden kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das einzige, was diese beiden M\u00e4nner gemeinsam haben, ist dies, dass sie Menschen sind, die wahrlich sterben m\u00fcssen, und das tun sie auch. Erst nat\u00fcrlich Lazarus, der von einem Engel in Abrahams Scho\u00df gehoben wird, und dann der reiche Mann, der im Totenreich landet. Da ist keine richtige Logik darin, dass sie auf dieses Weise im Himmel den Platz tauschen, und das kann uns vielleicht daran denken lassen, ob da in ihrem Status auf Erden eine Logik war. Alles Irdische will nat\u00fcrlich daran festhalten, dass es Unterschiede gibt zwischen den Leuten und dass einige mehr erreichen als andere. Die himmlische Logik h\u00e4lt dagegen daran fest, dass da eigentlich kein Unterschied ist zwischen den Leuten, und vielleicht deshalb kommt es zu einem Ausgleich mit dem guten Teil, den Lazarus nun erh\u00e4lt. Sie haben keine Wahl, nicht einmal die Br\u00fcder des reichen Mannes d\u00fcrfen w\u00e4hlen, wann sie den guten Teil haben wollen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">W\u00e4ren wir zu Anfang gefragt worden, wo du sein willst, h\u00e4tten die meisten ja wohl den reichen Mann gew\u00e4hlt, aber jetzt, wo alles auf den Kopf gestellt ist, h\u00e4tten sich die meisten wohl f\u00fcr Lazarus entschieden. F\u00fcr seine Perspektive von unten ist Reichtum suspekt. Und lasst mich deshalb nur fragen: Bis du nie angefochten von der Ungerechtigkeit der Welt, der Verschwendung oder nur dem, dass einige so viel Geld verdienen k\u00f6nnen, indem sie Katzenfutter auf ihrem eigenen TV-Kanal testen? Ist das klug oder \u00fcberhaupt gerecht? Das ist eine moderne Frage, denn die Juden zur Zeit Jesu sehen Wohlstand als einen Segen Gottes, w\u00e4hrend wir heute denken, dass sich die Reichen ihren Wohlstand ergaunert haben. Dieser Gedanke kommt vielleicht von hier und den anderen Geschichten, die die Evangelien bringen von Reichen, die nicht teilen wollen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn ihr mich fragt: <em>Wer von den beiden willst du am liebsten sein?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dann ist meine Antwort: Keiner von beiden, weder der reiche Mann, der keinen Blick hat f\u00fcr die Welt um ihm, noch Lazarus, der allen Anstand und alle Kontrolle verloren hat und es nicht einmal wagt, die Hunde wegzujagen. Das einzige, was Lazarus wohl kann, ist das Unm\u00f6gliche, am Boden zu liegen und auf alles um sich herabzuschauen. Beide sind unsympathisch und von sich selbst eingenommen. Ich glaube nicht einmal,\u00a0 dass ich mich mehr mit ihnen in meiner Predigt besch\u00e4ftigen will. Sie k\u00f6nnen in ihrer ausweglosen Lage bleiben, dann m\u00fcssen wir sehen, wer am Todesreich vorbeikommt und die beiden sieht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn da ist in der Tat nur einer, der mir da einf\u00e4llt, der sich um dieses beiden armen Menschen k\u00fcmmert. Die Tradition sagt, dass Jesus im Reich der Toten predigte, eben um die ausweglose Situation zu l\u00f6sen, das gilt tats\u00e4chlich auch f\u00fcr die beiden selbstgef\u00e4lligen M\u00e4nner.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein guter Film endet damit, dass wir noch immer im Sofa sitzen und nur Zeuge waren von etwas, und so hinterl\u00e4sst uns das Evangelium auch, n\u00e4mlich mit der M\u00f6glichkeit, etwas anderes zu tun als die beiden. Das Evangelium sagt zu denen von euch, die sich f\u00fcr den reichen Mann entschieden haben, der sie sein wollen: Lazarus liegt verdammt noch mal vor deiner T\u00fcr, du musst etwas tut anstatt in deinem Haus zu feiern. Und zu denen von euch, die Lazarus waren: Sieh wenigstens zu, dass du den Hund wegjagst, steh auf und rei\u00df dich zusammen<a href=\"applewebdata:\/\/12C8F2B9-3085-4F50-9236-C7581A7A90D6#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Tats\u00e4chlich k\u00f6nnen die Charakterz\u00fcge der beiden M\u00e4nner in demselben Menschen sein, denn wenn es uns gut geht, glauben wir, dass wir unseren Wohlstand verdient haben und dass es nur so bleibt, weil wir so phantastisch sind. Und wenn es uns schlecht geht, werden wir passiv und denken, dass alles egal ist, es liegt sowieso nicht an mir. Beide Positionen machen uns selbstgen\u00fcgsam und bringen uns nicht dazu, nach dem zu streben, was uns das Evangelium geben will.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Predigt begann damit, dass wir im Sofa landen zu einem Film, dessen Plot wir langsam fanden. Alles wird langsam auf den Plot bezogen, und wir stellten uns selbst die Frage, ob wir f\u00e4lschlicherweise das Leben in derselben Weise sehen wie einen urs\u00e4chlichen Zusammenhang. So ist das nicht im eigentlichen Leben oder in der Gnade, die Jesus uns reicht. Auch wenn wir wie die beiden im Evangelium sind, wird uns die Gnade dennoch angeboten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir kommen zum Abschluss, und wir k\u00f6nnen vielleicht damit beginnen, den Titel des Evangeliums zu erraten. Men Vorschlag ist: <em>Die Geschichte von den beiden Verlorenen und dem Befreier<\/em>. Denn die Gnade geh\u00f6rt uns nicht und ist deshalb kein Teil des Plots, sondern die M\u00f6glichkeit, die die Br\u00fcder nicht von dem bekamen, der aus dem Reich der Toten zur\u00fcckkehrte, nachdem er mit den beiden gesprochen hatte. Unser Glaube ist deshalb nicht ein Glaube an uns selbst und unseren Plot, sondern an Jesus, der au\u00dferhalb des Plots steht, und deshalb glaube ich, dass es gut ausgeht f\u00fcr die beiden und f\u00fcr uns. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sognepr\u00e6st Lasse R\u00f8dsgaard Lauesen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paarup kirke<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">lrl(at)km.dk<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/12C8F2B9-3085-4F50-9236-C7581A7A90D6#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Siehe Baudelaire: Der Spleen von Paris<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1.Sonntag nach Trinitatis | 11.06.2023 | Lk 16,19-31(d\u00e4nische Perikopenordnung) | Lasse R\u00f8dsgaard Lauesen | Die Geschichte von den beiden Verlorenen und dem Befreier Der Freitag-Abend ist so ein Abend, an dem man sich ins Sofa niederfallen l\u00e4sst. 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