{"id":18340,"date":"2023-06-21T21:57:53","date_gmt":"2023-06-21T19:57:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18340"},"modified":"2023-08-08T09:08:28","modified_gmt":"2023-08-08T07:08:28","slug":"jona-310-411","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jona-310-411\/","title":{"rendered":"Jona 3,10-4,11"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Beipackzettel f\u00fcr Rizinus | 3.So. n. Trinitatis | 25.06.2023 | Jona 3,10-4,11 | Wolfgang V\u00f6gele |<\/h3>\n<div class=\"elementToProof\"><span class=\"ContentPasted0\"><i>Stellungnahme der GPI-Herausgeberschaft zur Predigt \u00fcber Jona 3,10-4,15 von Prof. Dr. Wolfgang V\u00f6gele zum 3. Sonntag nach Trinitatis:<\/i><\/span><\/div>\n<div class=\"elementToProof\">\n<div><i>\u00a0<\/i><\/div>\n<div class=\"ContentPasted0 elementToProof\"><i>Die von uns eingestellte Predigt unseres GPI-Beitragenden Prof. Dr. Wolfgang V\u00f6gele hat im Lauf dieser Woche eine Reihe von R\u00fcckmeldungen und Kontroversen hervorgerufen. Die ausgel\u00f6ste Debatte steht erkennbar in engem Zusammenhang der Diskussionen \u00fcber die Kirchentagspredigt des Kollegen Quinton Ceasar, die uns in ihrer \u00f6ffentlichen Vehemenz best\u00fcrzt haben.<span class=\"ContentPasted0\">\u00a0<\/span><span class=\"ContentPasted0\">Wir sind als Herausgeberschaft der GPI verantwortlich f\u00fcr die zur Verf\u00fcgung gestellten Predigten, respektieren zugleich aber auch die pers\u00f6nliche Positionierung unserer Autor*innen.\u00a0<span class=\"ContentPasted2 ContentPasted0\">Wir stellen uns in unserer redaktionellen T\u00e4tigkeit sehr entschieden gegen Hass, Sexismus, Diskriminierung und Rassismus gegen\u00fcber jedweden Einzelpersonen und Gruppen und f\u00fchlen uns den Standards\u00a0<\/span><\/span><span class=\"ContentPasted0\">homiletischer Redlichkeit und des \u00f6ffentlichen Meinungsaustausches verpflichtet.\u00a0<\/span><\/i><\/div>\n<div><i><span class=\"ContentPasted0\">Wir sehen uns deshalb in der Pflicht, den \u00f6ffentlichen Polarisierungen und Verletzungen im Zusammenhang der Kirchentagspredigt keine weitere Dimension hinzuzuf\u00fcgen.\u00a0<\/span><span class=\"ContentPasted0\">Deshalb haben wir Koll. V\u00f6gele als Autor darum gebeten, die ge\u00e4usserte Kritik f\u00fcr eine \u00dcberarbeitung seiner Predigt zu ber\u00fccksichtigen. Ob die von uns an ihn ergangenen Hinweise und Bitten in seiner Revision ausreichend ber\u00fccksichtigt worden sind, mag man zur\u00fcckfragen. Gleichwohl haben wir uns bewusst gegen die Option, die jetzige Form seiner Predigt zur\u00fcckzuweisen, aufgrund der Komplexit\u00e4t des Sachverhalts und eines etwaigen Zensurverdachts, entschieden. Zugleich behalten wir uns vor, zeitnah differenzierte Einsch\u00e4tzungen zu dieser Textauslegung auf unserer GPI-Seite zu ver\u00f6ffentlichen.<\/span><\/i><\/div>\n<div>&#8212;<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Segensgru\u00df<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Predigttext f\u00fcr den dritten Sonntag nach Trinitatis, steht Jona 3,10-4,11:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eAls aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem b\u00f6sen Wege, reute ihn das \u00dcbel, das er ihnen angek\u00fcndigt hatte, und tat\u2019s nicht. Das aber verdross Jona sehr, und er ward zornig und betete zum Herrn und sprach: Ach, Herr, das ist\u2019s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war. Deshalb wollte ich ja nach Tarsis fliehen; denn ich wusste, dass du gn\u00e4dig, barmherzig, langm\u00fctig und von gro\u00dfer G\u00fcte bist und l\u00e4sst dich des \u00dcbels gereuen. So nimm nun, Herr, meine Seele von mir; denn ich m\u00f6chte lieber tot sein als leben. Aber der Herr sprach: Meinst du, dass du mit Recht z\u00fcrnst? Und Jona ging zur Stadt hinaus und lie\u00df sich \u00f6stlich der Stadt nieder und machte sich dort eine H\u00fctte; darunter setzte er sich in den Schatten, bis er s\u00e4he, was der Stadt widerfahren w\u00fcrde. Gott der Herr aber lie\u00df einen Rizinus wachsen; der wuchs \u00fcber Jona, dass er Schatten gab seinem Haupt und ihn errettete von seinem \u00dcbel. Und Jona freute sich sehr \u00fcber den Rizinus. Aber am Morgen, als die Morgenr\u00f6te anbrach, lie\u00df Gott einen Wurm kommen; der stach den Rizinus, dass er verdorrte. Als aber die Sonne aufgegangen war, lie\u00df Gott einen hei\u00dfen Ostwind kommen, und die Sonne stach Jona auf den Kopf, dass er matt wurde. Da w\u00fcnschte er sich den Tod und sprach: Ich m\u00f6chte lieber tot sein als leben. Da sprach Gott zu Jona: Meinst du, dass du mit Recht z\u00fcrnst um des Rizinus willen? Und er sprach: Mit Recht z\u00fcrne ich bis an den Tod. Und der Herr sprach: Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gem\u00fcht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so gro\u00dfe Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">wer sich am Sonntagmorgen unbefangen und zu Fu\u00df auf den Weg zum Gottesdienst macht, der macht in Neubaugebieten, Reihenhaussiedlungen und Vorstadtstra\u00dfen schreckliche Entdeckungen. Aus vielen Vorg\u00e4rten ist alles Gr\u00fcn von Laub, Bl\u00fctenstengeln und Buschwerk verschwunden. Statt dessen herrschen Grau- und Anthrazitt\u00f6ne sowie Abschattungen von Wei\u00df vor. Blumenrabatten, Hochbeete mit K\u00fcchenkr\u00e4utern, Buchsbaumhecken und Spalierobstb\u00e4ume sind durch graue, abwechslungsarme Fl\u00e4chen von Kies und Schotter ersetzt worden. In ihnen verlieren sich wenige Findlinge aus Granit oder Basalt. Und im Mittelpunkt steht ein gro\u00dfer, grauer K\u00fcbel, in dem ein einsamer immergr\u00fcner Wacholder in sonnige H\u00f6hen steigt. Diese Art von \u00f6dem Kiesel-Lego, die den Boden versiegelt, hat unter Haus- und Grundbesitzern viele Anh\u00e4nger gefunden. Die vorbeikommenden Spazierg\u00e4nger k\u00f6nnen sich des Gedankens nicht erwehren: Bei so viel Grau k\u00f6nnten sich Hobbyg\u00e4rtner mit der Bewahrung der Sch\u00f6pfung etwas mehr gr\u00fcne M\u00fche geben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was mich auf einen der wenigen Witze bringt, die ich in Predigten gerne erz\u00e4hle: Kommt ein Spazierg\u00e4nger in einer Vorstadt an einem gro\u00dfen Haus vorbei. Um das Haus herum breitet sich \u00fcppig wuchernd ein gro\u00dfer Garten aus, mit bl\u00fchenden Clematis, Pfingstrosen, mehreren duftenden Lavendelbeeten und Schatten spendenden Obstb\u00e4umen. Dazwischen sauber gerechte Kieswege und weiter hinten eine Holzterrasse mit einem Grillplatz. Der Spazierg\u00e4nger bewundert den Garten und spricht den Besitzer des Hauses an, der gerade dabei ist, die Hecken zu schneiden: \u201eDa haben Sie ja mit Gottes Hilfe ein wundersch\u00f6nes Paradies errichtet. Das gef\u00e4llt mir sehr.\u201c Und der Hausbesitzer, in Strohhut und mit von der Gartenarbeit schmutzigen Fingern\u00e4geln, grummelt: \u201eDa h\u00e4tten Sie das Gel\u00e4nde einmal sehen sollen, als der liebe Gott hier noch allein gearbeitet hat.\u201c Lachen Sie nur, liebe Schwestern und Br\u00fcder!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Womit ich beim Propheten Jona w\u00e4re: Denn Jona, der gerade als Unheilsprophet in der Gro\u00dfstadt Ninive aktiv war, m\u00f6chte sich gerne ausruhen. Daf\u00fcr nutzt er den Schatten spendenden Rizinusstrauch, der \u00fcber Nacht gewachsen ist. Und dar\u00fcber verwickeln sich Gott und der Prophet nun in ein theologisches Streitgespr\u00e4ch. Thema ist nicht das gro\u00dfe Ganze, Garten- und Landschaftsarchitektur oder Weltregierung, sondern eine einzige Pflanze: der Rizinus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ob das hebr\u00e4ische Wort im Jonabuch wirklich den Rizinus meint, ist nicht ganz sicher. Eine andere \u00dcbersetzung legt nahe, da\u00df es sich um einen K\u00fcrbis gehandelt haben k\u00f6nnte. Aber das ist nicht so wichtig. Ich bleibe bei Rizinus. Das \u00d6l des Strauchs kennen die \u00c4lteren als Abf\u00fchrmittel, es wird aktuell in vielen Kosmetika zur Pflege von Haaren und Lippen verwendet. Man schrieb dem Rizinus\u00f6l schon fr\u00fch heilende und pflegende Wirkung zu. Bl\u00e4tter des Strauchs erinnern an eine menschliche Hand mit f\u00fcnf Fingern. Deswegen nannte man den Rizinus sp\u00e4ter auch Christuspalme, lateinisch palma Christi. Palme, genauer palma ist hier nicht der tropische Baum, sondern das lateinische Wort f\u00fcr Hand. Seine sanften H\u00e4nde hat Christus schmerzverzerrten, lahmen und blinden Menschen aufgelegt und sie damit gesund gemacht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Den Propheten Jona interessieren am Rizinus nicht Kosmetik, Pflege- oder Abf\u00fchrmittel, sondern der Schatten. Wenige Pflanzen wachsen so schnell wie der Rizinus, und seine fingrigen Bl\u00e4tter werden so gro\u00df, da\u00df er wahrhaft Schatten spenden kann. Der ersch\u00f6pfte Prophet will ein ruhiges, k\u00fchles Pl\u00e4tzchen f\u00fcr seine Siesta finden. Um so mehr emp\u00f6rt er sich, als ihm der Schatten pl\u00f6tzlich fehlt. Der Rizinus ist infolge Wurmbefalls verdorrt ist. Jona hat den Verursacher schnell ausgemacht und f\u00e4ngt Jona sein Streitgespr\u00e4ch mit Gott an. Aber, liebe Schwestern und Br\u00fcder, hier geht es keineswegs nur um eine Schatten spendende Heilpflanze. Es stecken Gottes Eigenschaften dahinter. Die kindliche Seele des Propheten macht ihrer Ver\u00e4rgerung Luft. Zuerst blickt der Prophet auf die ber\u00fchmte, von Kindern so oft gemalte Walfischepisode zur\u00fcck. Ich bin geflohen, sagt Jona, weil ich von Anfang wu\u00dfte, da\u00df du, lieber Gott, nach meinen warnenden Worten die Leute aus Ninive davonkommen lassen w\u00fcrdest, wenn sie Reue zeigen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In Jonas Sicht sollte Gott eine \u00fcbermenschliche Macht sein, die vor allen Dingen gerecht ist und treu und unnachgiebig zu ihren Prinzipien steht. Wenn also die Leute aus Ninive Unrecht getan haben, dann sollte Gott sie f\u00fcr dieses Unrecht konsequent bestrafen und nicht Hintert\u00fcrchen \u00f6ffnen, durch die sie sich doch noch von ihrer Strafe davonstehlen k\u00f6nnen. Und ich kenne dich, sagt Jona. Du bist gn\u00e4dig, barmherzig, g\u00fctig, langm\u00fctig und offen f\u00fcr die Reue von Menschen. Wer so ist, der wird auch den b\u00f6sen Ninivitern ihre Schandtaten nachsehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott war eher der gn\u00e4dige Typ, um es popkulturell zu sagen. Weil wir in diesem Streit<em>gespr\u00e4ch<\/em> sehr Wichtiges \u00fcber Gott erfahren, will ich hier einschalten, da\u00df dieses Streitgespr\u00e4ch auch ein neues Licht auf die Diskussion \u00fcber Gott wirft, die in Nachrichten, Fernsehen und Radio gef\u00fchrt wurde.\u00a0 Auf dem Kirchentag in N\u00fcrnberg hat ein junger Pfarrer aus Niedersachsen einen Satz gesagt, an dem sich viele Menschen, auch ich, erheblich st\u00f6ren: Gott ist queer.<a href=\"applewebdata:\/\/AAB46EE3-AEF7-4ABD-91F0-65AD5C4F14B5#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Ich will vier Einw\u00e4nde formulieren. Und auch ich will dabei nicht l\u00fcgen, wie der N\u00fcrnberger Prediger es seinen Kolleginnen und Kollegen so vollmundig unterstellt hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich will mich nicht verstecken: Wenn Sie diese Predigt nachlesen, liebe Schwestern und Br\u00fcder, dann werden Sie wie ich feststellen, da\u00df das eine sehr bescheidene Predigt ist. Sie erz\u00e4hlt keine Geschichte, sie argumentiert nicht, sie reiht nur staccatoartig Schlagworte aneinander, auch wenn manche sich das als \u201ePopkultur\u201c sch\u00f6nreden. Diese Predigt ist ein liebloser Schottergarten aus Parolen. Daraus kann nichts Gutes wachsen. In den Schlie\u00dff\u00e4chern von plattf\u00fc\u00dfigen Parolen kann die Wahrheit des Evangeliums nicht wirksam werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zweitens: Diese Predigt betrachtet Worte im Grunde nur noch Glasperlenspielerei, die sich nun wirklich jeder Deutung entziehen. Immer kann sich der Prediger falsch verstanden f\u00fchlen. Er will nicht mit den anderen reden, sondern inszeniert nur noch sich selbst, vor Kirchentagskulisse und Fernsehkameras \u2013 das finde ich billig und plakativ.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich st\u00f6re mich drittens daran, da\u00df das Verh\u00e4ltnis zwischen Gott und den Menschen in der Gegenwart \u2013 und auch in der Predigt &#8211; aus durchsichtigen Gr\u00fcnden so penetrant sexualisiert wird. In dieser Einseitigkeit ist das weder n\u00f6tig noch richtig. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin daf\u00fcr, da\u00df Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung in den Gemeinden ihr sicheres Zuhause finden. Und ich finde es abscheulich, wenn Menschen, die sich daf\u00fcr einsetzen \u2013 wie der N\u00fcrnberger Prediger \u2013 mit Ha\u00dfmails und Morddrohungen \u00fcberzogen werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Trotzdem mu\u00df die inhaltliche Auseinandersetzung \u00fcber diesen Satz gef\u00fchrt werden. Denn viertens legt dieser Satz (\u201aGott ist queer.\u2018) Gott auf einen festen Zustand oder einen nicht verhandelbaren Habitus fest. Jona dagegen interessiert sich nicht f\u00fcr Zust\u00e4nde, Gott \u00fcbrigens auch nicht. Gott und Jona sprechen miteinander, und die Verh\u00e4ltnisse geraten in Bewegung. Wer mit anderen spricht, kann verstehen und Einsichten gewinnen. Und im <em>Gespr\u00e4ch<\/em> gewinnen Jona <em>und<\/em> Gott Erkenntnisse.\u00a0 <em>Beide<\/em> ver\u00e4ndern sich in diesem Dialog.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Also, liebe Schwestern und Br\u00fcder, schalten wir wieder um von Sexualit\u00e4t auf \u00d6kologie und Gartenbau. Wie steht es mit dem Rizinus? Im Jona-Garten arbeitet Gott ohne G\u00e4rtner und D\u00fcnger an schattenspendenden Pflanzen. Und dar\u00fcber hinaus: Gott erkl\u00e4rt sein Handeln im Gespr\u00e4ch. Gott sorgt selbst f\u00fcr die Bewahrung der Sch\u00f6pfung. Er l\u00e4\u00dft den Rizinus wachsen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und er sorgt daf\u00fcr, da\u00df Menschen, St\u00e4dte, L\u00e4nder wachsen und gedeihen, miteinander leben k\u00f6nnen. Die nichtj\u00fcdische Gro\u00dfstadt Ninive ist daf\u00fcr nur ein Beispiel. Nicht umsonst wohnen dort <em>120<\/em> 000 Menschen, wie <em>zw\u00f6lf<\/em>St\u00e4mme Israel und <em>zw\u00f6lf<\/em> J\u00fcnger Jesu. Die Menschen in Ninive k\u00f6nnen, so sagt es die Geschichte, rechts und links nicht voneinander unterscheiden. Das k\u00f6nnte auf einen Vers aus dem Prediger\u00a0 Salomos verweisen: \u201eDes Weisen Herz ist zu seiner Rechten, aber des Toren Herz ist zu seiner Linken.\u201c (PredSal 10,2) Deswegen haben wir Menschen noch heute das Herz am rechten Fleck.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kann Gott Gerechtigkeit stiften und gleichzeitig gn\u00e4dig sein gegen\u00fcber den Menschen, die getan haben, was seinen Geboten widerspricht? Es ist sehr wichtig, da\u00df das Streitgespr\u00e4ch zwischen Jona und Gott mit einer <em>offenen<\/em> Frage endet. Das gesamte Prophetenbuch Jona endet genau mit dieser unentschiedenen Frage. Will sagen: Die Auseinandersetzung \u00fcber die L\u00f6sung dieser Problems, die Alternative zwischen Gerechtigkeits- oder Gnadenl\u00fccke ist noch immer offen. Wenn es Jona und Gott gemeinsam nicht l\u00f6sen konnten, dann sind wir als Zuh\u00f6rerinnen und Leser dieser Geschichte gefragt, uns theologisch mit diesem Problem zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Noch einmal: Die Bibel, nicht nur beim Propheten Jona, gibt uns keine feststehenden Antworten. Diese Geschichte aus dem Jonabuch l\u00e4\u00dft sich nicht als moralische Rechthaberei lesen, die dann doch nur aus dem Bekr\u00e4ftigen leerer Parolen besteht und in klerikalem Populismus endet. Diese Geschichte ist eine zutiefst offene \u2013 und darin freie Geschichte. Das Verh\u00e4ltnis zwischen Gott und den Menschen darf nicht als statisches, sondern mu\u00df als flie\u00dfendes, offenes, freies Verh\u00e4ltnis beschrieben werden. Wie man sich das denken mu\u00df, das bleibt den Zuh\u00f6rern \u2013 und Gott &#8211; \u00fcberlassen. Jona k\u00f6nnte sagen: Gerechtigkeit ist mir wichtiger als Gnade gegen\u00fcber den S\u00fcnderinnen und S\u00fcndern. Und Jona k\u00f6nnte auch sagen: Lieber Gott, Du hast recht. Den Menschen steht nicht das Recht zu, \u00fcber ihre Mitmenschen zu urteilen, \u00fcber Menschen, die Du geschaffen hast und liebst. Gott l\u00e4\u00dft sich nicht in Schubladen stecken und fixieren. Aus dem Jonagespr\u00e4ch ist zu lernen, da\u00df genau in dieser Offenheit die nicht enden wollende Gnade und Langmut Gottes besteht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott freut sich \u00fcber jeden, der in seinem Schottergarten einen Rizinusstrauch pflanzt. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nachbemerkungen: Bilder der Rizinuspflanze sind zu finden im Art. Ricinus communis, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ricinus_communis\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ricinus_communis<\/a>. Exegetisch sehr hilfreich fand ich Meik Gerhards, Art. Jona\/Jonabuch, April 2008, <a href=\"https:\/\/www.bibelwissenschaft.de\/filead%1fmin\/buh_bibelmo%1fdul\/me%1fdia\/wibi\/pdf\/Jona_Jonabuch__2018-12-03_22_10.pdf\">https:\/\/www.bibelwissenschaft.de\/filead\u00admin\/buh_bibelmo\u00addul\/me\u00addia\/wibi\/pdf\/Jona_Jonabuch__2018-12-03_22_10.pdf<\/a>.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die in der Predigt kritisierte Kirchentagsabschlu\u00dfpredigt von Quinton Ceasar findet sich im Internet an verschiedenen Stellen, z.B. hier <a href=\"https:\/\/www.kirchentag.de\/index.php?id=186&amp;ses%1fsionId=380092101&amp;ma%1fnu%1fscriptId=92||1\">https:\/\/www.kirchentag.de\/index.php?id=186&amp;ses\u00adsionId=380092101&amp;ma\u00adnu\u00adscriptId=92%7C%7C1<\/a>. Nach meinem Urteil ist diese merkw\u00fcrdige Predigt Teil von tieferen und Besorgnis erregenden Entwicklungen in der evangelischen Kirche. Damit habe ich mich in zwei Aufs\u00e4tzen besch\u00e4ftigt: Wolfgang V\u00f6gele, Das Abendmahl der Aktenordner. Bemerkungen zum Verh\u00e4ltnis von Theologie und Kirchenleitung, t\u00e0 katoptriz\u00f3mena, H.90, 2014, <a href=\"http:\/\/www.theomag.de\/90\/wv12.htm\">http:\/\/www.theomag.de\/90\/wv12.htm<\/a> sowie ders., Kritik der aufblasbaren Kirche. \u00dcber Klerikalismus, Banalit\u00e4t und Gleichheit, t\u00e0 katoptriz\u00f3mena, Heft 115, Oktober 2018, <a href=\"https:\/\/www.theomag.de\/115\/wv046.htm\">https:\/\/www.theomag.de\/115\/wv046.htm<\/a>. Die Kirchentagsbewegung betont immer wieder, da\u00df sie eine Laienbewegung sei und mit der offiziellen Kirche nichts zu tun habe. Das stimmt jedoch nur in einem sehr formalen Sinn. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es finanzielle, personelle, informelle Verkn\u00fcpfungen zwischen \u201eGottes geliebte[r] Gurkentruppe\u201c (Sandra Bils \u00fcber Kirchentagsfunktion\u00e4re) und der klerikalen B\u00fcrokratie.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Predigten \u00fcber Jona sind oft in Familiengottesdiensten zu h\u00f6ren. Ich habe kurze, f\u00fcr kleine Kinder verst\u00e4ndliche Meditationen \u00fcber das Jonabuch hier ver\u00f6ffentlicht: Wolfgang V\u00f6gele, Meditationen zum Jonabuch 22.-25.Februar, in: Margot K\u00e4\u00dfmann (Hg.), F\u00fcnf Minuten mit dem lieben Gott. 365 Andachten f\u00fcr Kinder und die ganze Familie, Neukirchen\/Vluyn 2008, ohne Paginierung und leider nicht online abrufbar.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. Dr. Wolfgang V\u00f6gele<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Karlsruhe<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">wolfgangvoegele1@googlemail.com<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wolfgang V\u00f6gele, geboren 1962. Apl. Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Ethik an der Universit\u00e4t Heidelberg. Er schreibt \u00fcber Theologie, Gemeinde und Predigt in seinem Blog \u201eGlauben und Verstehen\u201c (<a href=\"http:\/\/www.wolfgangvoegele.wordpress.com\/\">www.wolfgangvoegele.wordpress.com<\/a>).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/AAB46EE3-AEF7-4ABD-91F0-65AD5C4F14B5#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Sehr wohl bin ich mir bewu\u00dft, da\u00df ich nur eine vereinzelte Aussage aus dem Gesamttext herausl\u00f6se. Das ist aus Gr\u00fcnden der K\u00fcrze geschehen, ein Gottesdienst ist kein homiletisches Seminar. Aber ich bin gern bereit, auf Anfrage jedem Kritiker meiner Kritik ausf\u00fchrlich die Gr\u00fcnde daf\u00fcr darzulegen, wieso es dieser Predigt in erheblicher Weise an Qualit\u00e4t mangelt. Au\u00dferdem wird Andreas Mertin unter dem Arbeitstitel \u201eSollen wir das Eschaton immanentisieren? F\u00fcr alles gibt es eine Zeit. Eine notwendige Collage nicht nur zur Popkultur\u201c in der Augustnummer des Magazins \u201et\u00e0 katoptriz\u00f3mena\u201c (<a href=\"http:\/\/www.theomag\/\">www.theomag<\/a>.de) eine theologische und religionssoziologische Analyse des Kirchentags-Gottesdienstes und der Predigt vorlegen. <a href=\"https:\/\/theomag.de\/144\/PDF\/am801.pdf\">(https:\/\/theomag.de\/144\/PDF\/am801.pdf)<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beipackzettel f\u00fcr Rizinus | 3.So. n. Trinitatis | 25.06.2023 | Jona 3,10-4,11 | Wolfgang V\u00f6gele | Stellungnahme der GPI-Herausgeberschaft zur Predigt \u00fcber Jona 3,10-4,15 von Prof. Dr. Wolfgang V\u00f6gele zum 3. Sonntag nach Trinitatis: \u00a0 Die von uns eingestellte Predigt unseres GPI-Beitragenden Prof. Dr. Wolfgang V\u00f6gele hat im Lauf dieser Woche eine Reihe von R\u00fcckmeldungen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":18335,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[417,29,1,2,157,853,114,1444,1445,349,109,267],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-18340","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-3-so-n-trinitatis","category-jona","category-aktuelle","category-at","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-03-chapter-03-jona","category-kapitel-04-chapter-04-jona","category-kasus","category-predigten","category-wolfgang-voegele"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18340","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18340"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18340\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18690,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18340\/revisions\/18690"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/18335"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18340"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18340"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18340"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=18340"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=18340"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=18340"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=18340"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}