{"id":18399,"date":"2023-07-03T08:46:04","date_gmt":"2023-07-03T06:46:04","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18399"},"modified":"2023-07-05T18:29:12","modified_gmt":"2023-07-05T16:29:12","slug":"lukas-51-11-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-51-11-4\/","title":{"rendered":"Lukas 5,1-11"},"content":{"rendered":"<h3>5. Sonntag nach Trinitatis |\u00a09. Juli 2023 | Lu 5,1-11 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Anna Jensen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>F\u00fcrchte dich nicht, Gott ist mit dir in deiner Aufgabe<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt Menschen, f\u00fcr die die Arbeit eine Berufung ist, eine Berufung in dem Sinne, dass sie sich moralisch verpflichtet f\u00fchlen. Der Ingenieur Bob Ebeling arbeitete 1986 bei der NASA und f\u00fchlte sich in dem Ma\u00dfe moralisch verpflichtet, dass er Stress bekam. Fr\u00fcher waren es nicht nur Geistliche, die berufen waren, auch Krankenschwestern, \u00c4rzte, Lehrer, Haush\u00e4lterinnen, ja alle, die mir F\u00fcrsorge und Verantwortung f\u00fcr Menschen besch\u00e4ftigt waren. Heute sprechen wir nicht so viel davon, dass Gott einen Menschen zu einer bestimmten Aufgabe berufen hat, aber auch wenn wir nicht das Gef\u00fchl haben, dass Gott uns eine Aufgabe anvertraut hat, k\u00f6nnen wir eine moralische Verpflichtung f\u00fchlen. Darin liegt vielleicht der Grund f\u00fcr viel Unbehagen und Stress.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bob Ebeling war Ingenieur f\u00fcr die NASA, 1986 sollte die Raumf\u00e4hre Challanger in den Weltraum geschickt werden, Bob hatte die Verantwortung f\u00fcr die Hilfsraketen, die die Raumf\u00e4hre von der Erde abheben sollten. Am Tage vor dem Start herrschte klirrender Frost. Bob Ebeling war ernsthaft besorgt. Fr\u00fcher hatte es Probleme gegeben mit der Dichtung des Gummiringes zum Brennstofftank, es war zu bef\u00fcrchten, dass der Gummiring seine Elastizit\u00e4t bei Frostgraden verlor, aber man konnte es noch nicht beweisen. Bob Ebeling machte deshalb seinen Chef auf das Problem aufmerksam und wollte den Start der Rakete verschieben. Aber die Leitung der NASA wollte nicht darauf h\u00f6ren. Der Start war wichtig f\u00fcr die NASA, und der Direktor Morton Thiokol sagte: \u201eWeg mit dem Technik-Hut, auf mit dem Leitungs-Hut\u201c, und er schickte die Raumf\u00e4hre los. 73 Sekunden sp\u00e4ter explodierte die Raumf\u00e4hre, und sieben Menschen verloren ihr Leben. Die NASA lehnte die Verantwortung ab, indem man der \u00d6ffentlichkeit erz\u00e4hlte, dass man keine Ahnung habe, was die Ursache des Ungl\u00fccks sei, und das der Verlust von Menschenleben ein Teil des Lernprozesses sei. Mehrere Wochen danach bekam Bob Ebeling Stress und eine tiefe Depression. Er k\u00fcndigte seinen Job und versuchte, die Sache in den Medien darzustellen, die aber nicht richtig darauf h\u00f6ren wollten. Er war w\u00fctend, dass niemand die Verantwortung \u00fcbernehmen wollte. 30 Jahre sp\u00e4ter im Januar 2016 wurde Bob Ebeling von dem amerikanischen Medium NPR interviewt. Danach wandte sich sein alter Chef an ihn und gab eine vorbehaltlose Entschuldigung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Branche der Pflege ist daf\u00fcr bekannt, dass es ernsthafte Probleme gibt. Krankmeldungen und Stress pr\u00e4gen das Bild der Branche in den Medien. Das Personal im Gesundheitswesen, P\u00e4dagogen und Lehrer m\u00fcssen immer mehr arbeiten, um ihre vielen Aufgaben zu erf\u00fcllen. Viele f\u00fchlen sich machtlos, weil sie unter den gegebenen Bedingungen nicht die Pflege oder den Service bieten k\u00f6nnen, auf die die B\u00fcrger einen Anspruch haben. Um die st\u00e4ndig steigende Arbeitslast zu bew\u00e4ltigen, reagieren die Mitarbeiter unterschiedlich. Einige arbeiten in Teilzeit, um sich erholen zu k\u00f6nnen. Andre machen \u201eSchattenarbeit\u201c, d.h. sie arbeiten mehr, ohne es dem Chef zu sagen. Andere melden sich krank mit Stress, und wiederum andere reagieren, indem sie die Verantwortung von sich weisen und mit Zynismus reagieren. Als Lehrer muss man mit Teflon bekleidet sein, um die vielen besorgten Mails von Eltern ertragen zu k\u00f6nnen, an einigen Arbeitspl\u00e4tzen hat man sogar einen \u201eEgal-Knopf\u201c, den die Mitarbeiten dr\u00fccken k\u00f6nnen, wenn ihnen etwas nicht gelingt wegen der \u00e4u\u00dferen Bedingungen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr die moralisch Verpflichteten gen\u00fcgt es nicht, dass der Arbeitgeber dem Mitarbeiter erkl\u00e4rt, was au\u00dferhalb seiner Verantwortung liegt, oder dass der Arbeitgeber schon die Verantwortung \u00fcbernimmt, wenn es sich z.B. um einen Lehrer am Gymnasium handelt, der keine M\u00f6glichkeit hat, sich um Sch\u00fcler mit Legasthenie zu k\u00fcmmern. Es entlastet den Lehrer nicht zu wissen, dass es an fehlenden Geldmitteln liegt, wenn ein Sch\u00fcler nicht die Hilfe bekommt, die er braucht, und dass dies seinen Lebenslauf bestimmen wird. Wie erkl\u00e4rt man einem Krebspatienten, dass das Krankenhaus nicht genug Mittel hat, um sich rechtzeitig um den Patienten zu k\u00fcmmern? Wo gehen wir hin mit unseren moralischen Skrupeln, wenn wir selbst es sind, die die Aufgaben wahrnehmen m\u00fcssen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der J\u00fcnger Petrus erh\u00e4lt in dem heutigen Bibeltext eine Lebensaufgabe. \u201eF\u00fcrchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen\u201c. Petrus wurde Leiter der J\u00fcnger und der ersten christlichen Kirche, einige nennen ihn den ersten Papst. Wie konnte er, ein Fischer aus Galil\u00e4a, eine solche Aufgabe \u00fcbernehmen, die ihm anvertraut wurde? Was wenn Petrus versagt h\u00e4tte? Dann h\u00e4tten die J\u00fcnger keine Mission betrieben, das Christentum h\u00e4tte sich nicht in Europa ausgebreitet, und wir w\u00fcrden hier heute nicht in der Kirche sitzen. Das war f\u00fcr Petrus eine Riesenaufgabe, die er mit einer gewissen Ehrfurcht in Angriff nehmen musste, wohl deshalb beginnt Jesus seinen Satz mit einem: \u201eF\u00fcrchte dich nicht\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Petrus erhielt seinen Ruf direkt aus dem Munde Jesu, er sollte Menschenfischer werden. Luther redet vom Beruf in einem breiteren Sinne. Luther war der Auffassung, dass der Mensch nicht selbst herausfinden soll, war er zu tun hat, sondern dass er stets dem Ruf folgen soll, der in jedem Stand ergeht. D.h. ganz gleich, ob man Pastor, Schuster oder Hausfrau ist, man soll seine Arbeit tun, so dass sie dem N\u00e4chsten zugutekommt. Petrus nahm seine Aufgabe in Demut wahr. Als Simon Petrus und die anderen Fischer an Land kamen mit dem Boot voller Fisch, fiel Petrus auf die Knie vor Jesus und sagte: \u201eHerr, geh weg von mir! Ich bin ein s\u00fcndiger Mensch\u201c. Eine andere m\u00f6gliche \u00dcbersetzung ist: \u201eIch lebe nicht so, wie Gott es haben will\u201c.\u00a0 Petrus gab also zu, dass er kein Vertrauen hatte zu Jesu Wort und dass er die hohen Forderungen Jesu, stets seinen Mitmenschen wie sich selbst zu lieben, nicht erf\u00fcllen konnte. Er f\u00fchlte sich deshalb nicht der Gegenwart Jesu w\u00fcrdig, aber Jesus wollte es anders. Er ist eben zu Petrus gekommen, weil gerade Petrus zum Menschenfischer erw\u00e4hlt ist. Jesus ist nicht irgendwer, nein Jesus selbst ist es, der sp\u00e4ter im Evangelium sein eigenes Leben hingeben sollte f\u00fcr die Aufgabe, die Gott ihm anvertraut hatte. Aber der, der Petrus mit seiner Aufgabe betraute, ist auch der, den Gott am dritten Tage auferweckte, er, der im Abendmahl gegenw\u00e4rtig ist, seinen Bund schloss zur Vergebung unserer S\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Heute gibt es nicht viele Leute, die sagen w\u00fcrden, dass sie von Gott zu ihrer Arbeit berufen sind. Dennoch f\u00fchlen sich viele moralisch ihren Mitmenschen gegen\u00fcber verpflichtet. Das Unbehagen tritt ein, wenn wir nicht unterscheiden k\u00f6nnen, wann etwas unsere Verpflichtung ist und wann etwas nicht unsere Verantwortung ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seht einmal auf das Bild des deutschen Graphikers Herbert Seidels vom Fischzug. Auf dem Bild sieht man ein gro\u00dfes Boot und wie die Fischer damit k\u00e4mpfen, die schweren Netze ins Boot zu holen. Ihre Arme sind d\u00fcnn, und die Fische sind riesengro\u00df. Davon kann man Stress kriegen, aber dann ist da auch etwas anderes auf dem Bild. Denn hinter dem Boot, oder im Boot, ist eine enorme Gestalt. Ihre Arme sind lang und stark, sie zieht die Netze hinauf zu den Fischern. Gott hilft. Wir sind nie allein mit unserer Aufgabe oder unserem Beruf. Gott zieht mit. Wenn wir mutlos sind, ohne Kr\u00e4fte, wenn wir versucht sind aufzugeben, dann ist da einer, der hinter uns steht. Er ist der starke, er sorgt f\u00fcr seine Menschen. Ohne ihn w\u00e4re unsere Arbeit vergebens. \u201eF\u00fcrchte dich nicht\u201c, das sind die Worte zu Petrus, \u201eF\u00fcrchte dich nicht, von nun an wirst du Menschen fangen\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Worte an Petrus und an uns sind ein Riesengeschenk, denn wir sind nie allein mit unseren Aufgaben, wir sind nie allein in unserem Leben. Gott ist mit im Boot. Keiner ist zu mehr verpflichtet als er kann, aber wir <em>sollen<\/em> das tun, was wir k\u00f6nnen. Wir k\u00f6nnen uns nicht dazu entscheiden, nur auf uns selbst zu achten, aus Furcht vor Arbeits\u00fcberlastung und Stress. Da sind Aufgaben im Leben, die gel\u00f6st werden m\u00fcssen, wir sind einander verpflichtet, das bedeutet Gemeinschaft. Aber jeder soll das tun, was er kann, um anderes bittet Gott uns nicht. Manchmal versagen wir, manchmal verfallen wir in Mutlosigkeit. Aber Gott, der uns die Aufgabe gibt, reicht uns auch eine Gabe, seine Vergebung und Gnade. Wenn wir am Altar niederknien d\u00fcrfen, dem\u00fctig empfangen d\u00fcrfen, was uns gereicht wird, dann erfahren wir, dass es Jesus selbst ist, der uns gereicht wird. Mit seinem Fleisch und Blut im Magen k\u00f6nnen wir von hier gehen in der getrosten Gewissheit, dass er uns vergeben und unser Unverm\u00f6gen ertragen wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wenn du deinen Tag vollbracht hast, bis zum letzten Atemzug, dann stillt Gott deine Tr\u00e4nen und deine Klage, nimmt einen missbrauchten Tag zur\u00fcck, gn\u00e4dig verborgen in Ewigkeit. Jeden Morgen wird uns ein neuer Tag geschenkt, ein neuer Tag, Gutes zu tun, ein neuer Tag, der gelebt werden soll in Liebe zu Gott und unseren Mitmenschen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Pastorin Anna Jensen<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>5230 Odense M<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>E-mail: <a href=\"mailto:ansj@km.dk\">ansj(at)km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>5. Sonntag nach Trinitatis |\u00a09. Juli 2023 | Lu 5,1-11 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Anna Jensen | F\u00fcrchte dich nicht, Gott ist mit dir in deiner Aufgabe Es gibt Menschen, f\u00fcr die die Arbeit eine Berufung ist, eine Berufung in dem Sinne, dass sie sich moralisch verpflichtet f\u00fchlen. 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