{"id":18439,"date":"2023-07-11T10:32:25","date_gmt":"2023-07-11T08:32:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18439"},"modified":"2023-07-12T10:34:09","modified_gmt":"2023-07-12T08:34:09","slug":"matthaeus-520-26-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-520-26-3\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 5,20-26"},"content":{"rendered":"<h3>6.Sonntag nach Trinitatis | 16.07.2023 | Mt 5,20-26 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Leise Christensen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Was ist S\u00fcnde?<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Neulich war ich bei einem Geburtstag von einer 83 Jahre alten Frau. Es war richtig gem\u00fctlich, der Kaffee wurde getrunken bei viel Gespr\u00e4ch und vielem Lachen, und die verschiedenen Themen des Tages wurden aufgenommen und diskutiert. Wir kamen denn auch zu dem Thema, das viele Menschen zurzeit besch\u00e4ftigt, n\u00e4mlich ob ihre Kinder die Ausbildung bekommen, die sie gerne m\u00f6chten, all das, was in diesen Tagen entschieden wird, wo die jungen Leute an ihrem Computer sitzen bis Mitternacht, um die Mail zu sehen, die dar\u00fcber entscheidet, ob sie f\u00fcr die gew\u00fcnschte Ausbildung aufgenommen werden oder nicht. Jemand hatte einen Sohn, der gerne an der Handelshochschule studieren wollte, und das fand der betreffende, war eine gute Idee, denn da war er selbst ausgebildet vor etwa 35 Jahren. \u201eJa\u201c, sagte er, \u201edann kann mein Sohn meine Aufzeichnungen benutzen\u201c. Dar\u00fcber wurde am Kaffeetisch sehr gelacht \u2013 30 Jahre alte Aufzeichnungen?? Ehrlich gesagt. Da muss man ja lachen. Da ist seitdem viel geschehen in der Forschung, darin waren sich alle einig. Der Elektriker sah l\u00e4chelnd zur\u00fcck auf seine fr\u00fchere Zeit als Elektriker, wo man das Internetz noch nicht kannte. Er konnte auch nicht den Nutzen von 35 Jahre alten Zensuren sehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich selbst sa\u00df da und schwieg bei den Diskussionen, den ehrlich gesagt, wie das mein Lehrer Professor Johannes Sl\u00f8k ausdr\u00fcckte: \u201eIn Bezug auf die Lehre von der Erbs\u00fcnde hat sich in den letzten 30 Jahren nicht viel getan\u201c. Ich konnte hier mit meinem Fach nicht viel beitragen. Ich w\u00fcrde sogar meinen, dass ein junger Theologiestudent alle meine Aufzeichnungen, wenn sie noch immer existierten, v\u00f6llig veraltet finden w\u00fcrde und ohne Relevanz f\u00fcr die moderne Theologie, oder dass er sie als ungeeignet f\u00fcr heutige Anliegen betrachten w\u00fcrde. Schon gar nicht, was die Sprache angeht, also all das was mit Lateinisch, Griechisch und Hebr\u00e4isch zu tun hat. Die Theologie ist zwar ein Fach, wo sich die Auffassungen in vieler Hinsicht im Laufe der Jahre ver\u00e4ndern und wo sich die Methoden unterscheiden und wo die Einstellung der Menschen zu theologischen Fragen anders sein kann als fr\u00fcher, aber das Anliegen bleibt grundlegend in etwa dasselbe, also die Lehre von Gott, das Verh\u00e4ltnis des Menschen zu Gott in der Welt und \u00fcberhaupt die Frage nach der Existenz Gottes. Die <em>Antworten<\/em> auf diese Fragen sind nat\u00fcrlich nicht dieselben, ob man ein mittelalterlicher oder ein sp\u00e4tmoderner Mensch ist, aber die alten Antworten aus der Alten Kirche oder sp\u00e4ter sind dennoch die Grundlage, von der aus man heute Antworten findet und diskutiert, auch wenn die Antworten anders ausfallen m\u00f6gen. Was meinten die Kirchenv\u00e4ter zu diesem und jenem? Was Luther? Was meinte Kant oder Kierkegaard oder Sl\u00f8k oder der Papst oder wer auch immer? Auch wenn Sl\u00f8k sagt, dass sich im Hinblick auf die Lehre von der Erbs\u00fcnde in den letzten 30 Jahren nicht viel getan hat, ist das in der Tat eine zentrale Einsicht, auch wenn das an unserem Kaffeetisch wohl nur zum Spa\u00df gesagt wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die S\u00fcnde ist in der Welt in unver\u00e4nderter Form seit dem Beginn der Menschheit, aber unsere Auffassung von der S\u00fcnde hat sich wohl ver\u00e4ndert, werden viele wohl sagen. Existiert sie \u00fcberhaupt als etwas, was in der modernen Welt relevant ist? Ich sehe oft m\u00fcde Blicke, wenn von der S\u00fcnde die Rede ist: \u201eIst das wirklich etwas, von dem ihr noch immer dort in der Kirche redet? Ich das nicht eine \u00fcberstandene Stufe auf der Leiter der Evolution?\u201c Nein, das ist die S\u00fcnde so gesehen nicht, kann man sagen. Man braucht nur den Fernseher einschalten und die Nachrichten des Abends zu sehen um zu entdecken, dass die S\u00fcnde die Welt wohl noch nicht verlassen hat. Die Fr\u00fcchte der S\u00fcnde rollen uns entgegen aus dem Fernseher mit Krieg, Tod, Not und Katastrophen verschiedener Art \u2013 direkt am Sofa. Oft hat man den Begriff der S\u00fcnde mit der zu jeder Zeit geltenden Moral verwechselt. Z.B. war es vor nicht mehr als 60 Jahren ganz entsetzlich, wenn ein Paar geschieden wurde oder zusammenlebte ohne Trauschein \u2013 S\u00fcnde schlimmster Art, meinten viele einschlie\u00dflich von Pastoren der Volkskirche \u2013 w\u00e4hrend man heute nicht geneigt sein w\u00fcrde, solche Leute in irgendeiner Weise mit dem Begriff der S\u00fcnde in Verbindung zu bringen. Das <em>ist<\/em> ja nicht gerade etwas, was Menschen ehrlos macht in der Gesellschaft, wo man auf der Stra\u00dfe mit den Fingern auf die Leute zeigen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im biblischen Sinn jedoch ist es nicht dieser Typ von \u201eS\u00fcnde\u201c, von der Jesus spricht. Er w\u00fcrde vielmehr sagen, dass die Menschen S\u00fcnder sind, die den Geschiedenen verurteilen, den Homosexuellen, die Menschen, die ein Leben au\u00dferhalb der guten b\u00fcrgerlichen Gesellschaft f\u00fchren. Die S\u00fcnde hat sich seit der Zeit Jesu nicht ver\u00e4ndert, das hat aber also die menschliche Auffassung von dem, was S\u00fcnde ist. Die Sunde ist und wird nie das, was wir an anderen auszusetzen haben und damit als besonderen Ausdruck der S\u00fcnde brandmarken k\u00f6nnen. Die S\u00fcnde ist eine Grundgegebenheit. Die S\u00fcnde ist das, was bewirkt, dass wir <em>alle<\/em> immer in einem gewissen Sinne im Konflikt mit der Welt sind. Dass die Welt nie so ist wie sie sein soll, wenn man so sagen darf, dass die Welt nie ganz und sch\u00f6n und rund und ordentlich ist. Da ist immer etwas, was abweicht und was anders sein sollte, damit alles gut werden kann. Das ist die S\u00fcnde. Der Ausdruck der S\u00fcnde in der Welt findet sich \u00fcberall dort, wo wir einander Idioten nennen oder <em>Raka<\/em>, was eigentlich \u201eleer\u201c bedeutet (meine ich jedenfalls von meinen 30 Jahre alten Aufzeichnungen her). Wo wir direkt Mitmenschen angreifen, ohne daran zu denken, was die Menschen durch unsere Angriffe zu erleiden haben. Da, wo die Beziehung zwischen Menschen zerst\u00f6rt wird. Dort wo wir der Wut freien lauf lassen, auch wenn wir Verletzungen verursachen \u2013 ganz banal ausgedr\u00fcckt wie in der Schlange an der Kasse, im Wartezimmer, bei dem Elterntreffen in einer Schule, mit dem Auto beim \u00dcberholen, auf Facebook \u2013 oder wo wir nun losschlagen mit unserer unb\u00e4ndigen Wut und unserem Drang, jeden einzelnen Menschen einen Idioten zu nennen, der sich nicht ordentlich benimmt so wie ich meine, dass man sich ordentlich auff\u00fchrt. Alle die, die mir und den Meinen im Wege stehen. In Bezug auf die S\u00fcnde, an der wir in anderen Menschen gegen\u00fcber beteiligt sind, macht Jesus keinen Unterschied. Wenn wir einem anderen Menschen wehtun. Ist das verkehrt, es ist abartig, es ist S\u00fcnde. Sagt also Jesus. Und wir sollen uns vers\u00f6hnen. Wie das! Naja, um das zu h\u00f6ren kommen wir heute in die Kirche. Teils, dass wir alle S\u00fcnder sind ganz gleich, was wir tun, und teils, dass wir verurteilt werden zu den Flammen der H\u00f6lle, allein will wird schlecht \u00fcber unseren Mitmenschen gedacht haben. Man erinnert sich ja wohl im Inneren an alle die Male, wo man im Inneren zu sich gerufen hat: \u201eHalte dich zur\u00fcck, du Idiot\u201c. Es ist ja ehrlich gesagt nicht sehr trost- und gnadenreich, dies hier. Und wenn man sich sicher wei\u00df, in der H\u00e4ngematte der S\u00fcnde festzusitzen, ja dann endet das leicht in Verzweiflung. Ist das an einem Tag wie heute der Sinn? Dass wir da im Schlamassel sitzen und in der Leere festsitzen, in Verzweiflung und Angst? Leere im Leben, Angst vor dem Gericht, Verzweiflung dar\u00fcber, dass man nicht das \u00e4ndern kann, was man getan hat, wenn man dem anderen Mensch en wehgetan hat. Sollen wir so nachhause gehen? Nein, das ist es ja nicht, denn darin w\u00e4re ja kein richtiges Evangelium, d.h. frohe Botschaft. Denn Gott l\u00e4sst n\u00e4mlich Gnade vor Recht ergehen und beantwortet unseren Mangel an Liebe zueinander eben mit Liebe. Liebe ist das Einzige, was die Not \u00fcberwinden kann, die innere und die \u00e4u\u00dfere Not. In unserer Taufe ist uns verhei\u00dfen, dass wir mit der Zukunft der Gnade leben ganz gleich, was uns widerf\u00e4hrt. Das bedeutet, dass wir da sein k\u00f6nnen jetzt und hier, wo wir sind, und die Liebe und die Freude empfangen d\u00fcrfen. Das bedeutet, dass wir in die Welt hinausgehen k\u00f6nnen in Freiheit und das Leben leben d\u00fcrfen zusammen mit denen, mit denen wir das Leben nun einmal teilen. Das bedeutet nicht, das die S\u00fcnde verschwunden ist, sie ist hier wie vor 2000 Jahren, wie vor 30 Jahren. Das bedeutet, dass wir nicht hingehen und uns selbst und andere verurteilen sollen, denn das ist schon geschehen. Von Gott, einem Gott voller Gnade. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Leise Christensen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 8200 Aarhus N<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: lec(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>6.Sonntag nach Trinitatis | 16.07.2023 | Mt 5,20-26 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Leise Christensen | Was ist S\u00fcnde? Neulich war ich bei einem Geburtstag von einer 83 Jahre alten Frau. 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