{"id":18462,"date":"2023-07-18T09:05:29","date_gmt":"2023-07-18T07:05:29","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18462"},"modified":"2023-07-18T09:05:29","modified_gmt":"2023-07-18T07:05:29","slug":"apostelgeschichte-2-41-47","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-2-41-47\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 2, 41-47"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Einer teilt, die anderen suchen aus! |\u00a07. So. n. Trinitatis | 23. Juli 2023 |\u00a0Apg 2, 41-47 |\u00a0Gert-Axel Reu\u00df |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">ich musste erst erwachsen werden, um zu begreifen, dass man eine Orange auch anders teilen kann, als sie zu vierteln. Ich selbst bin das \u00c4lteste von vier Geschwistern, und mir fiel h\u00e4ufig die Aufgabe zu, eine Tafel Schokolade \u201egerecht\u201c aufzuteilen. Dabei galt der Grundsatz: Einer teilt, die anderen suchen aus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Meine Frau \u2013 sie ist die j\u00fcngste von f\u00fcnf Geschwistern \u2013 am\u00fcsiert sich dar\u00fcber, dass die Portionen auf dem Teller auch heute noch ann\u00e4hernd gleich aussehen, wenn ich schon in der K\u00fcche aufgef\u00fcllt habe. \u201eF\u00fcr alle das Gleiche\u201c habe ich tief verinnerlicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nur das das manchmal nicht funktioniert, weil in der T\u00fcte mit den Gummib\u00e4ren mehr rote als gr\u00fcne vorhanden waren. Teilen Sie mal 51 Gummib\u00e4ren durch vier Kinder.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn Sie mich fragen: dann muss es gerecht zugehen im Reich Gottes. Vielleicht nicht so, dass alle das Gleiche bekommen, aber doch so, dass alle zufrieden sind und niemand \u00fcbervorteilt wird (nicht nach der Methode: Tausche Glaskugeln gegen Gold).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ungerechte Wirtschaftsbeziehungen haben mich schon als jungen Erwachsenen besch\u00e4ftigt. \u201eWer mit 20 Jahren kein Kommunist ist, hat kein Herz.\u201c soll der fr\u00fchere britische Premierminister Winston Churchill einmal gesagt haben. Er soll allerdings hinzugef\u00fcgt haben: \u201eUnd wer mit 40 immer noch Kommunist ist, hat keinen Verstand.\u201c Ob er damit recht hat?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der christlichen Urgemeinde, der ersten Gemeinde, die nach Jesu Tod und Auferstehung in Jerusalem entstand, soll es nach dem Bericht der Apostelgeschichte eine Art \u201eLiebes-Kommunismus\u201c gegeben haben, denn \u201ealle, die gl\u00e4ubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften G\u00fcter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer n\u00f6tig hatte.&#8220; (Apostelgeschichte 2, 44.45)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist nat\u00fcrlich eine Utopie \u2013 einige Kapitel sp\u00e4ter schildert Lukas in seiner Apostelgeschichte, dass es mit dem Teilen irgendwie schon immer schwierig war. Aber ist mit dem Einbruch der Realit\u00e4t auch das Leitbild diskreditiert? Sind die Aufrufe zur Bu\u00dfe, die es in den Kirchen immer gegeben hat, vergebliche Liebesm\u00fch? Ich erinnere mich noch an die Kampagne \u201eErlassjahr 2000\u201c, die sich vor etwas mehr als 25 Jahren daf\u00fcr einsetzte, die Schulden der weniger entwickelten L\u00e4nder zu streichen. \u201eEntwicklung braucht Entschuldung\u201c \u2013 so der damalige Slogan. Was ist seitdem passiert?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Immerhin: Einige L\u00e4nder haben es seitdem geschafft, dem Schuldturm exponentiell wachsender Schulden zu entkommen. Und in den reichen L\u00e4ndern des Nordens w\u00e4chst die Einsicht, dass der Kolonialismus vergangener Jahrhunderte anderen L\u00e4ndern und Nationen schweres Unrecht zugef\u00fcgt hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eWir haben alle G\u00fcter dieser Welt nur gemeinsam und teilen sie so auf, wie es n\u00f6tig ist.\u201c Auch wenn wir uns oft anders verhalten \u2013 als Einzelne, als L\u00e4nder bzw. Regierungen, als Organisationen und auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtete Unternehmen \u2013 in Zeiten des Klimawandels setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass wir nur gemeinsam \u00fcberleben werden. Auch wenn wir uns nicht immer so verhalten \u2013 der Ma\u00dfstab dieser Utopie bewahrt uns ein St\u00fcck Menschlichkeit und schenkt uns letztendlich Gl\u00fcck. Denn im Grunde wissen wir doch, dass ein gutes Gesch\u00e4ft auf Gegenseitigkeit beruht. Im Grunde wissen wir, dass man Gl\u00fcck nicht kaufen aber jemand anderen gl\u00fccklich machen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Erfahrungsraum, in dem die meisten von uns solches gelernt haben, ist die Familie. Ja \u2013 auch in den Familien geht es nicht immer gerecht zu. Manche haben ihr Leben lang das Gef\u00fchl, ein Geschwisterkind sei ihnen vorgezogen worden. M\u00f6glicherweise war das auch tats\u00e4chlich der Fall. Selbst dann, wenn es in materiellen Dingen gerecht zuging. Weil sich emotionale Bindungen dem Verstand eben nicht unterordnen lassen. \u2013 Allerdings k\u00f6nnte es auch ganz anders gewesen sein, als wir selbst es empfunden haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eSie verkauften G\u00fcter und Habe und teilten sie aus unter allen, je nachdem es eine(r) n\u00f6tig hatte.\u201c (Vers 45)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das eine Kind spielt Fu\u00dfball, das andere spielt Cello. Wie schaffe ich da einen vern\u00fcnftigen Ausgleich? Dar\u00fcber haben sich gewiss schon manche Eltern den Kopf zerbrochen. Die eine braucht Lob, um zu besseren Leistungen zu kommen, der andere Tadel. Ist das gerecht? Was hat eine(r) n\u00f6tig?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die eigentliche T\u00fccke besteht wohl in der Frage, wer dar\u00fcber entscheidet, was n\u00f6tig ist. In den Ordensgemeinschaften ist es die \u00c4btissin oder der Abt. In den Kibbuzim \u2013 den zionistischen D\u00f6rfern in Israel, die vor etwa 100 Jahren gegr\u00fcndet wurden \u2013 ist es die Gemeinschaft. Das vermeidet zwar keine Konflikte, aber m\u00f6glicherweise werden Kompromisse so leichter gefunden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch wenn sich die genossenschaftlich organisierten j\u00fcdischen D\u00f6rfer in Israel in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt haben, zeigt ihr Beispiel doch, dass ein Zusammenleben \u201ewie in einer Familie\u201c m\u00f6glich ist durch die Kraft einer Idee. Ohne verwandtschaftliche Bindungen. Nicht bluts- sondern seelenverwandt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So \u00e4hnlich stellt sich Lukas die Ursprungsgemeinde vor, aus der die weltweite Kirche entstanden ist: \u201eAlle haben alle Dinge gemeinsam.\u201c Einw\u00e4nde dagegen gibt es genug \u2013 auch mit Blick auf den Zustand der Kirchen, in denen es oft ganz sch\u00f6n weltlich zugeht. Der schon zitierte Churchill meinte: \u201eWer mit 40 immer noch Kommunist ist, hat keinen Verstand.\u201c Aber was ist dann aus dem Herz geworden? (\u201eWer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz.\u201c)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht gibt es sie doch: Gro\u00dfz\u00fcgigkeit um ihrer selbst willen. Freigiebigkeit ohne Hintergedanken. Menschenfreundlichkeit aus lauter Freude. Es k\u00f6nnte sein, dass all das mitten unter uns lebendig ist, nur dass wir es nicht wahrnehmen und w\u00fcrdigen. Dass wir dar\u00fcber hinweg gehen, weil wir dar\u00fcber hinwegsehen. Es k\u00f6nnte sogar sein, dass wir davon abh\u00e4ngiger sind, als wir uns bewusst machen. Davon, dass andere uns freundlich begegnen. Dass Kleinlichkeit und Geiz \u00fcberwunden werden. Auch in unseren Herzen und unserem Denken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was f\u00fcr eine attraktive Gemeinschaft k\u00f6nnte unsere Kirche sein, so dass man sich um ihren Fortbestand keine Sorgen zu machen br\u00e4uchte: \u201eUnd der Herr f\u00fcgte t\u00e4glich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.\u201c (Vers 47)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lukas \u2013 so denke ich \u2013 w\u00fcrde sagen: \u201eAber sie ist es doch! Der Geist Gottes ist lebendig, er ist auch unter euch lebendig. Vor allem aber: Er macht lebendig!\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Trau Dich was, liebe Kirche!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Traut Euch was, liebe Kirchen-menschen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Macht Eure Augen auf, dann entdeckt Ihr an allen m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Ecken, dass Gott rettet. Und mit uns anf\u00e4ngt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">ein Letztes. Die Sache mit der Orange. M\u00f6glichweise kennen Sie die Pointe schon. Weil Sie sie im Leben beherzigen. Dann \u2013 da bin ich sicher \u2013 hat Gott Ihre Phantasie l\u00e4ngst aufgeweckt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich selbst esse leidenschaftlich gerne Marzipan und verschenke es auch gerne weiter. Jedes Weihnachtsfest muss ich mir in Erinnerung rufen, dass meine inzwischen erwachsene Tochter kein Marzipan mag (Mandeln in feiner Sahne-Schokolade aber schon).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es k\u00f6nnte sein, dass die eine gerne Orangensaft trinkt \u2013 und eine andere die Schale braucht. F\u00fcr eine leckere Marmelade. Oder einen Kuchen. \u2013 Guten Appetit!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Gert-Axel Reu\u00df<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Domprobst<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Domhof 35<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>23909 Ratzeburg<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Mail: reuss@ratzeburgerdom.de<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gert-Axel Reu\u00df, geb. 1958, Pastor der Nordkirche, seit 2001 Domprobst zu Ratzeburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer teilt, die anderen suchen aus! |\u00a07. So. n. Trinitatis | 23. Juli 2023 |\u00a0Apg 2, 41-47 |\u00a0Gert-Axel Reu\u00df | Liebe Gemeinde, ich musste erst erwachsen werden, um zu begreifen, dass man eine Orange auch anders teilen kann, als sie zu vierteln. 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