{"id":18593,"date":"2023-07-18T14:43:42","date_gmt":"2023-07-18T12:43:42","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18593"},"modified":"2023-07-18T14:46:51","modified_gmt":"2023-07-18T12:46:51","slug":"apostelgeschichte-241-47","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-241-47\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 2,41-47"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Update eines geistlichen Gemeindemodells | 7.\u00a0So. n. Trinitatis | 23.07.2023 | Acta 2,41-47 | Rudolf Rengstorf |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Die die Predigt des Petrus annahmen, lie\u00dfen sich taufen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong><em>Sie blieben aber best\u00e4ndig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im<\/em><\/strong> <strong><em>Brotbrechen und im Gebet. <\/em><\/strong><em>Es kam aber Furcht \u00fcber alle Seelen und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Alle aber, die gl\u00e4ubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Sie verkauften G\u00fcter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer n\u00f6tig hatte. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Und sie waren t\u00e4glich einm\u00fctig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den H\u00e4usern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber f\u00fcgte t\u00e4glich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">(Apostelgeschichte 2, 41a.42-47)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Leserin, lieber Leser!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Gemeinde, von der oben die Rede ist, entstand unmittelbar nach der Pfingstpredigt des Apostel Petrus \u2013 also als Folge der Ausgie\u00dfung des Heiligen Geistes. Damit ist sie eine Gemeinde, wie Gott sie haben will, so etwas wie eine Modell-Gemeinde. \u00a0Alle nachfolgenden Gemeinden sollen sich an ihr orientieren und messen lassen. Danach hat die christliche Gemeinde f\u00fcnf Kennzeichen:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\">Sie bleibt best\u00e4ndig in der Lehre der Apostel,<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\">Sie h\u00e4lt Gemeinschaft untereinander.<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\">Einm\u00fctig \u00fcbt sie sich im Abendmahl und im Teilen der Habe.<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\">Sie praktiziert das gemeinsame Gebet.<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\">Sie w\u00e4chst kontinuierlich.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hm, mit dem Wachsen ist es bei uns offenbar genau umgekehrt. So ist die Gemeinde, zu der ich geh\u00f6re, in der ich in den letzten Jahrzehnten war, etwa um die H\u00e4lfte geschrumpft. Eine der beiden Pfarrstellen wurde gestrichen, und eines der beiden Zentren der Gemeinde musste aufgegeben werden. In Ihrer Gemeinde sieht es vielleicht nicht so dramatisch aus. Aber auch Sie werden mehr Beerdigungen als Taufen, mehr Austritte als Eintritte zu verzeichnen haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und bei den vier anderen Merkmalen von Kirche sieht es ebenfalls nach Verlust und R\u00fcckgang aus. Das best\u00e4ndige Bleiben in der Lehre der Apostel scheint sich zu verfl\u00fcchtigen in st\u00e4ndigen Diskussionen und nicht endenwollenden Neuerungen und Experimenten. Die verbindliche Gemeinschaft der Christen scheint zerfallen in die einzelnen Individuen, f\u00fcr die Kirche meist nur noch bei Gelegenheit vorkommt. Die Einheit des Abendmahls ist l\u00e4ngst im Zwist und am Eigensinn der Konfessionen zerbrochen. Statt Teilen scheint \u00fcberall Besitzstandswahrung angesagt. Und das gemeinsame Gebet hat sich au\u00dfer den liturgischen Resten im Gottesdienst inzwischen aus fast allen H\u00e4usern selbst von Pastoren verabschiedet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch Sie brauchen nicht zu bef\u00fcrchten, dass es in der Predigt jetzt so weitergeht und in den allzu gut bekannten Tenor m\u00fcndet: Also bitte, Kameraden, es muss etwas getan werden, damit wir uns den guten alten Zeiten der Kirche wieder ann\u00e4hern. T\u00e4te ich das, w\u00fcrde ich den entscheidenden Unterschied zwischen damals und heute \u00fcbersehen. Denn anders als bei den ersten Christen und allen, die nach ihnen kamen, leben wir in einer Zeit, die ganz und gar von der Autonomie, der M\u00fcndigkeit und Freiheit des Menschen gepr\u00e4gt ist. Ob ich glaube, was ich glaube, was ich mit meiner Freizeit anfange, mit wem ich zusammen bin, wo ich mich engagiere und wo nicht \u2013 das und noch viel mehr ist alles mir selbst \u00fcberlassen, und bei Ihnen ist das nicht anders. Was fr\u00fcher durch Herkunft, Tradition und Sitte vorgegeben, ja festgelegt war, unterliegt heute dem Belieben und der Wahl der Einzelnen. Mit Anordnungen, normativen Erwartungen, moralischem Druck ist nichts mehr zu machen. Es geht nur noch mit dem, was gut gemacht ist, was anzieht und was Freude macht. Und das auf einem Markt, auf dem viele andere sich tummeln. Das ist die Herausforderung, der die Kirche sich heute stellen muss, ohne dabei auf fr\u00fchere Erfahrungen zur\u00fcckgreifen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und ich vermag es nur mit dem Wirken des Heiligen Geistes zu erkl\u00e4ren, dass Kirche noch da ist. Dass sie diesen wirklich umst\u00fcrzenden Wandel von einer obrigkeitlich-hierarchischen zu einer demokratischen Gesellschaft und Kultur \u00fcberlebt hat. Oft genug zun\u00e4chst widerstrebend. Aber es waren auch viele da, die diesen Prozess als Gottes Gabe und Aufgabe begr\u00fc\u00dft und sogar vorangetrieben haben. Nach den Ma\u00dfst\u00e4ben einer Staats- und Gewohnheitskirche: sieht vieles nach Verlust und R\u00fcckgang aus. Doch demgegen\u00fcber sorgt der Heilige Geist auch heute f\u00fcr kontinuierliches Wachsen. F\u00fcr das Wachsen in eine Kirche der Freiheit und Freiwilligkeit. Jede Gemeinde lebt von Frauen und M\u00e4nnern, die sich aus freien St\u00fccken mit ihren Gaben einbringen. Und mit jeder Taufe wird ein Menschenkind aus freien St\u00fccken zu dieser Kirche hinzugebracht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und unter dem Horizont von Freiheit und Autonomie ist Kirche nach wie vor mit dem besch\u00e4ftigt, was der Heilige Geist ihr von Anfang an eingegeben hat: Nat\u00fcrlich bleibt sie best\u00e4ndig in der Lehre der Apostel. Wo denn sonst? Aber diese Lehre ist keine Formel-Sammlung, die von allen gelernt und wiedergegeben werden muss. Vielstimmig und bunt haben die Apostel von Anfang an das Bild Jesu weitergegeben. Eine Lehre, die das Suchen und Lernen erfordert. Und Lernen hat damit zu tun, dass wir die Lehren aus verh\u00e4ngnisvollen Irrwegen ziehen und uns von neuem an der Heiligen Schrift orientieren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0So haben wir in unserer Zeit entdeckt und gelernt, wie tief Jesus verwurzelt war im Glauben seines Volkes und wie eng Christen und Juden zusammengeh\u00f6ren. Wir haben entdeckt und gelernt, dass Frauen in der Gesellschaft Jesu und den ersten Gemeinden ebenso mitsprachen und entschieden wie M\u00e4nner. Und wir haben entdeckt und gelernt, dass man Leib und Seele nicht trennen und unterschiedlich bewerten darf. Der Mensch ist eine gottgewollte Einheit von Leib und Seele, von Bauch und Kopf, ganz und gar in, aber doch nicht nur von dieser Welt. Was f\u00fcr ein Segen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, und wie ist das mit dem Gemeinschaft- Halten? Auch hier hat uns der Heilige Geist nicht verlassen. Gewiss, Gemeinschaft kann in einer freien und mobilen Gesellschaft nicht auf den Wohnbereich und nicht auf eine bestimmte Gemeinde festgelegt und verordnet werden. Jeder hat so seine eigenen Netz- und Beziehungswerke, in denen er und sie leben. Und doch stiftet Kirche im Verbund mit Vereinen und Verb\u00e4nden auf vielf\u00e4ltige Weise dazu an, dass Alleinlebende nicht vereinsamen. Und dass wir in einem Gemeinwesen leben, in dem Menschenrechte und Solidarit\u00e4t gro\u00dfgeschrieben werden, ein Gemeinwesen, in dem das h\u00f6chste Gericht dar\u00fcber wacht, dass keiner auf der Strecke bleibt und alle bekommen, was sie zum Leben brauchen: Ohne das Wirken des Heiligen Geistes w\u00e4re das kaum m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und denken Sie an die vielen Initiativen, oft angesiedelt in Kirchengemeinden, die eine Willkommens-Kultur f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge entwickelt haben und durchhalten, und andere Gruppen, die sich f\u00fcr Arbeitslose, Suchtkranke oder Suizidgef\u00e4hrdete und f\u00fcr andere M\u00fchselige und Beladene einsetzen. \u00dcberall sind Christen oft sogar ma\u00dfgeblich beteiligt und das immer in \u00f6kumenischer Eintracht. Was f\u00fcr ein Segen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das mag etwas vers\u00f6hnen damit, dass wir beim Abendmahl noch nicht zur Einheit gefunden haben. Doch hier ist etwas in Bewegung. Uns Protestanten ist das Abendmahl viel wichtiger geworden als in fr\u00fcheren Zeiten. Da wurde es \u2013 ich erinnere mich noch sehr genau \u2013 gerade zweimal im Jahr \u2013 am Bu\u00dftag und am Karfreitag \u2013 gefeiert. Je selbstverst\u00e4ndlicher das Abendmahl im Gottesdienst wird, desto n\u00e4her wird uns das der gemeinsamen Feier mit den Katholiken bringen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und das Teilen unserer Habe, wie ist es damit bestellt? \u00a0Leicht ist das den Menschen noch nie gefallen. Hier bed\u00fcrfen wir kr\u00e4ftiger Anst\u00f6\u00dfe des Heiligen Geistes, dass wir kreativer, phantasievoller werden, um das heute gebotene globale Teilen, den Lastenausgleich von Nord nach S\u00fcd voranzutreiben und uns gro\u00dfherziger zu l\u00f6sen von dem, was wir sowieso nicht festhalten und nicht mitnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wie stehts mit dem gemeinsamen Beten? Da ist die sehr zu achtende Scheu, die eigene Gottesbeziehung zu zeigen. Beim Beten mit Kindern aber ist das anders. Und da geschieht vieles zwischen Eltern, Kindern und Gro\u00dfeltern. Das pers\u00f6nliche Gebet ist ohnehin lebendiger als oft angenommen. Und in Gottesdiensten und Amtshandlungen erlebe ich statt agendarischer Formeln \u00fcberall Gebete, die der Gemeinde aus dem Herzen sprechen und sie vor Gott versammeln.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Also, in allem, was Kirche von Anfang an ausmacht, sind wir auf dem Wege, vor Holzwegen und Sackgassen nicht gefeit, aber beharrlich und behutsam begleitet vom Heiligen Geist,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der bleibe bei uns und komme immer von neuem. \u00a0Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Rudolf Rengstorf war Gemeindepastor\u00a0in G\u00f6ttingen, Celle und Hildesheim, Rundfunkbeauftragter der norddeutschen Kirchen beim NDR und Superintendent in Stade.\u00a0Seit seiner Pensionierung lebt er in Hildesheim<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Update eines geistlichen Gemeindemodells | 7.\u00a0So. n. Trinitatis | 23.07.2023 | Acta 2,41-47 | Rudolf Rengstorf | Die die Predigt des Petrus annahmen, lie\u00dfen sich taufen. Sie blieben aber best\u00e4ndig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Es kam aber Furcht \u00fcber alle Seelen und es geschahen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":18463,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[40,454,1,157,853,114,340,349,3,109,200],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-18593","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-apostelgeschichte","category-7-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-02-chapter-02-apostelgeschichte","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-rudolf-rengstorf"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18593","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18593"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18593\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18596,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18593\/revisions\/18596"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/18463"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18593"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18593"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18593"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=18593"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=18593"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=18593"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=18593"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}