{"id":18668,"date":"2023-08-01T14:52:30","date_gmt":"2023-08-01T12:52:30","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18668"},"modified":"2023-08-01T14:52:30","modified_gmt":"2023-08-01T12:52:30","slug":"1-koenige-35-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-koenige-35-15\/","title":{"rendered":"1. K\u00f6nige 3,5-15"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Das \u00b4h\u00f6rende Herz`\u00a0 wei\u00df, was gut ist | 9. So. n. Trin. | 6. 8. 2023 | 1 K\u00f6n 3, 5 \u2013 15 | Michael Plathow |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">EG 195, 1 &#8211; 3<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch wei\u00df nicht aus noch ein\u201c &#8211; bei der Begegnung auf der Stra\u00dfe bricht es pl\u00f6tzlich heraus aus der \u00e4lteren Frau, einem fr\u00fcheren Gemeindeglied: ihr Enkel &#8211; ich kenne ihn, er liegt ihr sehr am Herzen &#8211;\u00a0 lehnt momentan ab alles, was mit Kirche, Glaube und Gott zusammenh\u00e4ngt. Nun will er sich auch nicht konfirmieren lassen. Als Oma habe sie mit ihm gesprochen, mehrmals, liebevoll und dr\u00e4ngend. Hilflos f\u00fchlt sie sich. &#8211; Ich h\u00f6re und h\u00f6re zu.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nicht aus noch ein zu wissen \u2013 so mancher kann das nachvollziehen, \u00e4hnlich oder anders: die Entscheidung bei unterschiedlichen Ausk\u00fcnften und Ratschl\u00e4gen vor einer Operation; die Wegkreuzung beruflicher Karriere im Stimmgewirr der Angebote usw. Und da sind mit den Zeitenwechseln die Dissonanzen, die Widerspr\u00fcche und Dilemmata, die Ungerechtigkeit und Unfrieden resonierenden T\u00f6ne gegen einander in gesellschaftlichen und politischen Spannungsfeldern und auch in mir, in meiner Gemeinde und Kirche.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nicht aus noch ein wei\u00df Salomo in der geh\u00f6rten Geschichte des Alten Testaments. Er war \u2013 wie kurz vorher berichtet \u2013 durch feindselige Intrige und blutige Auseinandersetzung an die Macht gekommen.\u00a0 Schuldig geworden ist er. Zugleich lebt er noch ganz im Schatten seines Vaters David, aus dem frei zu werden ist, um selbst sein zu k\u00f6nnen. Er sucht Orientierung in \u00fcberkommener Religiosit\u00e4t und auch bei der neuen Religion auf dem Berg Gibeon.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als junger K\u00f6nig steht er vor der gewaltigen Aufgabe, das Volk weise und gerecht zu regieren. Er sp\u00fcrt, unerfahren und unsicher wie er ist, die eigene Unzul\u00e4nglichkeit. Die Probleme von Ungerechtigkeit und Torheit um ihn; das eigene Erleben, nicht aus noch ein wissen, qu\u00e4len ihn und dr\u00fccken ihn wie Sorgenberge, verfolgen ihn des nachts bis in den ruhelosen Schlaf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da tr\u00e4umt ihm. Er tr\u00e4umt. Wohl entschwinden die erdenschweren \u201eTagesreste\u201c nicht, aber sie werden ver\u00e4ndert. Im Traum er\u00f6ffnet sich etwas Anderes, Neues.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Himmel \u00f6ffnet sich. Eine Stimme spricht, ja, sie verspricht: \u201eWas immer du bittest, will ich dir geben\u201c. Es ist die Stimme dessen, der Bitten erh\u00f6ren, Versprechen erf\u00fcllen kann. Ihm gegen\u00fcber darf der junge K\u00f6nig Salomo an der Schnittstelle seines Lebens einen, nein, den Herzenswunsch \u00e4u\u00dfern, pers\u00f6nlich und frei.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Tr\u00e4ume als\u00a0 unbewusste Wirkung menschlicher Sehns\u00fcchte sind in Geschichten unseres kollektiven Ged\u00e4chtnis tief verankert. Virgils Metamorphose berichtet \u00fcber Midas\u00b4 von Gier bestimmten Wunsch mit tragisch-komischer Folge: alles, was Midas ber\u00fchrt, m\u00f6ge zu Gold werden; sein Wunsch l\u00e4sst ihn verhungern und erb\u00e4rmlich zugrunde gehen. Entsprechend mahnt das Grimmsche M\u00e4rchen vom \u201eFischer und seiner Frau\u201c. J. P. Hebel erz\u00e4hlt, die menschliche Schw\u00e4che humorvoll widerspiegelnd, von den \u201eDrei W\u00fcnschen\u201c, die aus dem Egoismus des Herzens hervorgehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie anders Martin Luther Kings \u201eI have a dream\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und der junge K\u00f6nig Salomo?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Salomo bittet: \u201eDu wollest deinem Knecht ein h\u00f6rendes Herz geben, damit er dein Volk richten k\u00f6nne und verstehen, was gut und b\u00f6se ist\u201c. Verstehen \u201ewas gut und b\u00f6se ist\u201c jenseits von Eden (Gen 2, 17). Denn mit der Korrumpierung von \u201egut und b\u00f6se\u201c durch die Selbstverschlie\u00dfung des Menschen gegen den guten Willen Gottes, wie die V\u00e4tergeschichten von Kain und Abel, vom den Himmel st\u00fcrmenden Babelbau der Menschen, von Jakobs b\u00f6sartigen Betrug an Esau\u00a0 berichten, da tut Weisheit Not: die von Gott gegebene Weisheit. Verdorben ist das menschliche Herz durch Egoismus, Wille zur Macht und den Widerspruch von Wollen und Vollbringen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gewiss haben auch die Klugen und Weisen der Stoa, die Denker der praktischen Vernunft und der ethischen Urteilsbildung viel zu \u201egut und b\u00f6se\u201c gesagt. Regeln f\u00fcr gutes Verhalten und Lebenshilfen f\u00fcr gutes Leben haben sie gegeben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch etwas Besonderes, Einzigartiges ist dem Wunsch Salomos eigen. Er \u00e4u\u00dfert als Gebet die Bitte: gib mir ein \u201eh\u00f6rendes Herz\u201c. Ein \u201eh\u00f6rendes Herz\u201c auf Gottes Willen w\u00fcnscht er sich, damit er \u201edein Volk \u2013 Gottes Volk \u2013 richten k\u00f6nne und verstehe, was gut und b\u00f6se ist\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer \u2013 im \u201enicht ein noch aus wissen\u201c der\u00a0 pers\u00f6nlichen Widerspr\u00fcche von Wollen und Vollbringen, der kirchlichen Neuerungen und politischen Dilemmata \u2013\u00a0 wer f\u00fchlt sich nicht ber\u00fchrt von dieser Bitte, und hineingenommen in den \u201eGottruf\u201c: schenk mir ein \u201eh\u00f6rendes Herz\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dem\u00fctig stellt sich Salomo im Traum in Gottes Verhei\u00dfungsgeschichte mit seinem Volk: nicht eigene Vorstellungen und eigenes Wollen sollen \u00fcber \u201egut und b\u00f6se\u201c entscheiden.\u00a0 Nein, das H\u00f6ren auf Gottes Wort und Willen, das Wissen um die eigenen Grenzen verbindet sich mit der \u201eFurcht Gottes als aller menschlichen Weisheit Anfang\u201c (Spr 1, 7).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein \u201eh\u00f6rendes Herz\u201c meint das Zentrum der ganzen Person. F\u00fchlen, Denken, Wollen verbinden sich im H\u00f6ren auf das von au\u00dfen anredende Wort: \u201eSo spricht der Herr\u201c (Am 5, 4), \u201eH\u00f6re, Israel \u2026\u201c (Deut 6, 4f). H\u00f6ren, weil angesprochen, Erfahren, weil widerfahren, Sehen, weil ersehen, Lieben, weil geliebt &#8211; die unverf\u00fcgbare Begegnung des h\u00f6renden und sich verwandeln lassenden Herzens vor und mit Gott, ein Geschehen an und mit uns ist es Im Wunschtraum Salomos findet Gottes Wort und Wille im \u201eh\u00f6renden Herzen\u201c Resonanz, indem der H\u00f6rende der Anrede folgt: \u201eden Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzen Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft\u201c (Deut 6, 5). Weise ist er.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus Christus, in dem sich Gott als der Liebende und als Kraft und Kriterium der Weisheit offenbart, f\u00fcgt vollm\u00e4chtig dazu, \u201cden N\u00e4chsten lieben wie sich selbst\u201c (Mk 12, 31). Denn \u2013 so der Apostel \u2013 \u201eGott hat Christus gemacht f\u00fcr uns zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erl\u00f6sung\u201c (1 Kor 1, 30); in ihm liegen verborgen und offen \u201ealle Sch\u00e4tze der Weisheit und der Erkenntnis\u201c (Kol 2, 3) f\u00fcr weises Urteilen und Unterscheiden, \u201ewas gut und b\u00f6se ist\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Menschliche Weisheit als Gabe Gottes, das ist der cantus firmus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und Salomos Traum\u00a0 wurde und wird Wirklichkeit: \u201eI have a dream\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eSchenk mir ein h\u00f6rendes Herz\u201c, um zu erkennen, zu verstehen und zu urteilen , \u201ewas gut und b\u00f6se ist\u201c nach dem Willen Gottes. Das ist auch meine Bitte in pers\u00f6nlichen Zweifeln, in spannungsvollen Konflikten und gesellschaftlichen Dilemmata.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Angesichts von Un\u00fcbersichtlichkeit, Ungleichzeitigkeit, Unklarheit von Verstehen und Urteilen geht ein Sehnen nach Weisheit und Mut f\u00fcr das Gute durch uns.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es erweist sich jedoch als nicht unterschiedslos.\u00a0 Heute entbergen in unguter Weise die Dissonanzen als schrillen Ton das Sehnen nach der perfekten L\u00f6sung, nach der eindeutigen Antwort, die alle anderen zum Schweigen bringen will.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Weisheitliches Erkennen, Verstehen, Urteilen jedoch ist nicht unterschiedslos. Erm\u00e4chtigt durch die Liebe Gottes in Jesus Christus erweist sich das, \u201ewas gut ist\u201c als freie Selbstzur\u00fccknahme in Liebe um des Anderen und der Anderen willen. Denn die Gabe der Weisheit kennt die Freiheit in der Liebe zu Gott und dem N\u00e4chsten. Sie h\u00e4lt aus, was nicht perfekt, nicht absolut ist,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0&#8211; gerade dann, wenn man nicht aus noch ein findet. Sie wei\u00df um Schuldigbleiben und Schuldigwerden und ist auch da gewiss der Vergebung\u00a0 mit hoffnungsvollem Anfangen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eSchenk mir ein h\u00f6rendes Herz\u201c, das Gottes Wort vernehmen und sich ver\u00e4ndern l\u00e4sst, ist meine und auch unsere Bitte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Salomos Traum wurde Wirklichkeit. Und als er erwachte, da wurde ihm bewusst, dass es nicht gut war, in Gibeon anderen G\u00f6ttern Geh\u00f6r zu schenken. Er bricht auf nach Jerusalem und gibt Gott allein die Ehre und leitet das Volk als weiser Richter und K\u00f6nig, wie das \u201esalomonische Urteil\u201c gleich anschlie\u00dfend erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00dcbrigens das anfangs erw\u00e4hnte Gespr\u00e4ch mit \u201eh\u00f6rendem Herzen\u201c f\u00fchrte nicht zum einfachen Ratschlag und zur eindeutigen Antwort, vielmehr zum Rat, dann zu reden, wenn die Enkel uns \u00c4ltere fragen, und glaubw\u00fcrdig zu leben, dass sie uns fragen, auch t\u00e4glich f\u00fcr sie zu beten etwa um gute Freunde und Vorbilder, die besser als ich, als wir von Glaube, Gott und Kirche zu sprechen verm\u00f6gen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als unser Erkennen, Verstehen und Urteilen, der bewahre euer Herz im H\u00f6ren auf Gottes Wort und Willen in Jesus Christus. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">EG 662, 1 \u2013 4<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfarrer i. R. Prof. Dr. Michael Plathow<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">michael@plathow.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das \u00b4h\u00f6rende Herz`\u00a0 wei\u00df, was gut ist | 9. So. n. 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