{"id":18682,"date":"2023-08-01T15:05:05","date_gmt":"2023-08-01T13:05:05","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18682"},"modified":"2023-08-01T15:05:05","modified_gmt":"2023-08-01T13:05:05","slug":"genesis-11-2-4a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-11-2-4a\/","title":{"rendered":"Genesis 1,1-2.4a"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Sch\u00f6pfungsglaube, Naturwissenschaft, Weltverantwortung | <\/strong>9.Sonntag nach Trinitatis | 06.08.2023 |<strong>\u00a0<\/strong>Genesis (1.\u00a0 Mose) 1,1-2,4a | Johannes L\u00e4hnemann |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sch\u00f6pfungsglaube, Naturwissenschaft, Weltverantwortung: Das sind drei Bereiche, die in Spannung miteinander stehen. Sie betreffen mich als Christ, als denkenden Menschen und verantwortlichen B\u00fcrger unseres Landes, ja, unserer Welt \u00fcberhaupt. Ich muss mich mit damit auseinandersetzen! F\u00fcr viele Menschen unserer Zeit bilden Sch\u00f6pfungsglaube und Naturwissenschaften immer noch einen Gegensatz, bis dahin, dass die Entwicklung der modernen Naturwissenschaft als <strong>der<\/strong> Be\u00adweis daf\u00fcr vorgebracht wird, dass die biblisch\u2011christliche Botschaft \u00fcber\u00adhaupt veraltet sei. Und was die Weltverantwortung angeht, wird der biblischen Sch\u00f6pfungsdarstellung nicht selten vorgeworfen, dass der Herrschaftsauftrag, der in ihr dem Menschen gegeben wird, mit verantwortlich sei f\u00fcr die Ausbeutung der Tierwelt und der Umwelt und somit f\u00fcr die \u00f6kologische Krise, die das Leben auf der Erde bedroht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was ich heute zeigen m\u00f6chte, ist das Umgekehrte: dass n\u00e4mlich Sch\u00f6pfungsglaube, Naturwissenschaft und Weltverantwortung zusammengeh\u00f6ren, dass sie einander st\u00e4rken und inspirieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber wie lassen sich die Bereiche miteinander verbinden?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Feststellen m\u00fcssen wir zun\u00e4chst: Die biblische Sch\u00f6pfungsdarstel\u00adlung ist in vielen Einzelheiten nicht mit neueren naturwissenschaftlichen Er\u00adkenntnissen in Einklang zu bringen, auch wenn man hierzu einige gedankli\u00adche Akrobatik aufbringt: Man mag angesichts der Sch\u00f6pfung in 6 Tagen darauf hinweisen, dass bei Gott andere Zeit\u00adma\u00dfst\u00e4be gelten als bei den Menschen \u00ad\u2013 1000 Jahre wie ein Tag (PS 90,4) \u2013; der Intention des Sch\u00f6pfungsberichts entspricht diese Deutung gerade nicht, weil das Wochenschema in ihm ganz bewusst gew\u00e4hlt ist. Man mag darauf hinweisen, dass die Pflanzen vor den Tieren geschaffen werden; warum aber werden Sonne, Mond und Sterne erst <em>nach <\/em>den Pflanzen eingesetzt?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor allem aber herrscht in der ganzen biblischen Darstellung das alte Weltbild, nach dem die Erde eine Scheibe ist, die auf der Urflut schwimmt und \u00fcber der sich das Firmament des Himmels wie eine Halbkugel w\u00f6lbt, an der sich Sonne, Mond und Sterne in festen Bahnen bewegen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und was die Weltverantwortung angeht, so habe ich aus der Begegnung mit anderen Religionen, vor allem mit den Stammesreligionen, aber auch mit Hinduismus und Buddhismus, eine viel tiefere Verbundenheit mit allem, was lebt und existiert, kennengelernt, als sie die biblische Sch\u00f6pfungsdarstellung, vor allem die erste der beiden Sch\u00f6pfungsdarstellungen, die sich am Anfang der Bibel befinden, nahelegt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ist diese Vorstellung also nicht restlos veraltet?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich m\u00f6chte das Gegenteil behaupten und dazu <strong>zwei Thesen<\/strong> aufstellen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">(1) Richtig verstanden, schr\u00e4nkt der biblische Sch\u00f6pfungsglaube die naturwissen\u00adschaftliche Forschung nicht ein; umgekehrt: er setzt sie gerade frei!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">(2) Dar\u00fcber hinaus gibt der biblische Sch\u00f6pfungsglaube dem Le\u00adben und der Arbeit der Menschen, aber auch der naturwissenschaft\u00adlichen Forschung Ma\u00dfst\u00e4be, die gegenw\u00e4rtig wie vor 2500 Jahren aktuell sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Um dieses beides zu verstehen \u2013 die Freigabe des forschenden Denkens und dar\u00fcber hinaus die Vermittlung wesentlicher Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr den Umgang mit unserer Welt und Umwelt \u2013, m\u00fcssen wir uns einmal hineinversetzen in die Zeit und die Welt, in der die erste der beiden Sch\u00f6pfungserz\u00e4hlung \u00ad\u2013 sie wird wegen ihrer Entstehung in Priesterkreisen der priesterschriftliche Sch\u00f6pfungsbericht genannt \u2013 \u00a0am Anfang des 1.\u00a0 Mosebuches verfasst wurde:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es war keine Zeit, in der Israel auf Erfolge, auf staatliche Eigenst\u00e4ndigkeit und Souver\u00e4nit\u00e4t blicken konnte. Es ist wohl die Zeit der Verbannung, des babylonischen Exils, in der die Sch\u00f6p\u00adfungs\u00adgeschichte ihre Gestalt erhielt, die wir am Anfang der Bibel vorfinden.\u00a0 Sie bietet damit auch eine Antwort auf die notvollen Fragen, die sich den Israeliten in der Verbannung aufdr\u00e4ngten. J\u00f6rg Zink hat das in seinem schon 1971 erschienenen Buch \u201eDie Wahrheit l\u00e4sst sich finden\u201c plastisch geschildert:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Ein selbstbewusster Staat hatte sie im Griff. Der m\u00e4chtigste der damali\u00adgen Welt. Eine reiche Kultur umgab sie. Ungeheure Bauwerke, Pal\u00e4ste, Tem\u00adpel, T\u00fcrme, wohin das Auge sah. Prachtvolle Feste wurden gefeiert, vor allem zu Ehren des Gottes der G\u00f6tter, Marduks, des Stadtgottes von Baby\u00adlon.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Priester dieses Gottes wussten auch zu erz\u00e4hlen, wie die Welt entstan\u00adden sei. Etwa so erz\u00e4hlten sie:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Marduk, der oberste der G\u00f6tter, k\u00e4mpfte in der \u00e4ltesten Urzeit einen Kampf gegen Tiamat. Tiamat war eine G\u00f6ttin oder besser ein schauriges Unget\u00fcm, drachenartig, im Meer zu Hause und die Beherrscherin aller dunklen chaotischen M\u00e4chte.\u00a0 Die Nacht war ihre Heimat und die finstere, alles bedrohende Tiefe des Meeres.\u00a0 Hoch \u00fcber der finsteren Tiefe lebten die lichten G\u00f6tter, aber sie waren in Gefahr, Tiamat zu erliegen. Da k\u00e4mpfte nun Marduk gegen Tiamat, besiegte sie, spaltete sie in zwei Teile und bildete aus der einen H\u00e4lfte ihres Leibes das Himmelsgew\u00f6lbe, aus der anderen den Erdkreis. Ihren Trabanten, den d\u00e4monischen Zwischenm\u00e4chten zwischen Finsternis und Licht, wies er Pl\u00e4tze am Himmel zu und machte sie zu G\u00f6ttern der Sterne.&#8220;<a href=\"applewebdata:\/\/11B56958-2307-46C8-869C-31D696BB9134#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Menschen aber wurden geschaffen, um den G\u00f6ttern zu dienen und ihnen Nahrung zu verschaffen, die vor den G\u00f6tterbildern darzubringen war. Sie waren ein Spielball der unbest\u00e4ndigen G\u00f6tter. Es war ihre Aufgabe, die \u00c4nderungen in den W\u00fcnschen und Absichten der G\u00f6tter unabl\u00e4ssig voraus\u00adzuberechnen oder aber sie hinzunehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Den Willen der oberen und der unteren G\u00f6tter konnte man erkennen: Der Lauf der Sterne zeigte, was die G\u00f6tter wollten.\u00a0 Was auf Erden geschah, war am Himmel vorausbestimmt, und der politische Erfolg lieferte den Be\u00adweis, dass Babylon nach dem Willen der G\u00f6tter alle Menschen dieser Erde beherrschte &#8230; Wenn eine Stadt, wie zum Beispiel Jerusalem, von Babylon zerst\u00f6rt wurde, dann war damit bewiesen, dass es eben in Jerusalem keinen Gott gab, der Marduk gewachsen war.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In dieser Lage fingen die geistigen K\u00f6pfe der Juden an, ihren Glauben neu zu formulieren, und zwar so, dass sie dabei zugleich ihre innere Freiheit wiederfanden. \u2026: Sie \u00fcbernehmen zun\u00e4chst das naturwissenschaftliche Weltbild ihrer Zeit, dass die Erde eine Scheibe sei, die auf dem Urmeer schwimme, dass sie \u00fcberw\u00f6lbt sei von einer schim\u00admernden Kuppel. \u2026 Aber dann machen sich ihre Gedanken unabh\u00e4ngig. Sie sprechen nicht mehr vom Leib der G\u00f6ttin, sondern von Wasser und Erde. Sie sagen, die Welt sei nicht durch einen G\u00f6tterkampf entstanden, sondern durch ein souver\u00e4nes, einfaches Wort Gottes. Der Gott, von dem schon die Urv\u00e4ter der Israeliten gewusst hatten, hat diese Welt, einfach dadurch, dass er sie gewollt habe, geschaffen, und der Mensch erscheint als sein freies Gesch\u00f6pf.\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/11B56958-2307-46C8-869C-31D696BB9134#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was hier vor sich geht, ist eine unerh\u00f6rte Entg\u00f6tterung der Welt. \u2013 Wenn wir diesen Vorgang erkannt haben, k\u00f6nnen wir St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck wahrnehmen, wie diese Sch\u00f6pfungsdarstellung menschliches Denken und For\u00adschen nicht einschr\u00e4nkt, sondern freigibt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Mensch ist nicht ein Nebenprodukt im G\u00f6tterdrama, den Schicksals\u00adm\u00e4chten unter\u00adworfen, sondern die ganze Sch\u00f6pfung ist planm\u00e4\u00dfig auf ihn hin aufgebaut.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sonne, Mond und Sterne sind Leuchten, die ihm Tag und Nacht den Weg weisen, keinesfalls aber schicksalsm\u00e4chtige Gottheiten. Die Tiere und B\u00e4ume sind f\u00fcr ihn da, dem Menschen zu Hilfe und zur Ern\u00e4hrung \u2013 sie sind nicht Naturgottheiten, wie sie in vielen V\u00f6lkern verehrt wurden und z. T. noch heute verehrt werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00dcberhaupt spielen die guten Ordnungen \u2013 dass etwa Pflanzen und Lebewesen &#8222;nach ihren Arten&#8220; geschaffen werden \u2013 eine besondere Rolle.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So wie die Welt ist auch die Zeit gegliedert: Die Sch\u00f6pfung in sechs Tagen bedeutet, dass die Weltentstehung und \u2011entwicklung kein unendlicher G\u00f6tterkampf ist, dem der Mensch ausgeliefert ist, sondern Gott ist auch Herr und Sch\u00f6pfer der Zeit, des Rhythmus, in dem der Mensch leben und sich entfalten und auch die Erde gestalten kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ganze Sch\u00f6pfungsgeschehen spielt sich allein zwischen dem souver\u00e4nen Gott, der durch sein blo\u00dfes Wort alles hervor\u00adbringt, ab und dem Menschen, dem H\u00f6hepunkt der Sch\u00f6pfung \u2013 als \u201eEbenbild Gottes&#8220; geschaffen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eEbenbild\u201c, d. h. nicht, dass der Mensch in seinem Aussehen Gott gleicht, von dem man sich kein Bild machen kann, sondern, dass er von Gott mit der Verantwortung \u00fcber die Erde beauftragt ist, dass er stellvertretend f\u00fcr ihn das ganze Sch\u00f6pfungswerk verwaltet, dass er es denkend und forschend erfassen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Radikaler konnten die G\u00f6tterwelt, die Israel umgab, und die ihr verpflichteten politischen M\u00e4chte nicht in Frage gestellt werden. Deutlicher konnte den Israeliten das Wirken ihres Gottes, der sie ins Exil gef\u00fchrt hat, der sie aber auch im Exil nicht verl\u00e4sst, nicht gezeigt werden. Dort, wo Israel entwurzelt erscheint, gewinnt sein Glaube neue, universale Dimensionen. Oder, wie J\u00f6rg Zink es ausdr\u00fcckt: \u201eMit der Sch\u00f6pfungs\u00adgeschichte behauptet sich der Glaube und beginnt die Naturwissenschaft.\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/11B56958-2307-46C8-869C-31D696BB9134#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun k\u00f6nnte der andere Einwand gegen diese Sch\u00f6pfungsdarstellung kommen, der Einwand, der auf die Ma\u00dfst\u00e4be abhebt, die in dieser Geschichte enthalten sind:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn der Mensch mit fast g\u00f6ttlicher Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber die Sch\u00f6pfung ausgestattet ist, tritt dann nicht die Gefahr des Machtmissbrauchs ein, dass der Mensch sich n\u00e4mlich unbeschr\u00e4nkt der Herrschaft hingibt? Und in der Tat stehen wir gegenw\u00e4rtig vor Gefahren der Zerst\u00f6rung der Erde und des Lebens, wie sie in fr\u00fcheren Zeiten noch nie vom Menschen ausgegangen sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich brauche sie hier nicht aufzuz\u00e4hlen, weil sie uns t\u00e4glich in den Nachrichten aufgetischt werden: von der Erh\u00f6hung des Meeresspiegels, die Inseln verschwinden l\u00e4sst, \u00fcber die extremen Wetterph\u00e4nomene, Trockenperioden, die Menschen zu Fl\u00fcchtlingen werden lassen, die Bedrohung der Artenvielfalt \u2013 bis hin zu kriegerischem Missbrauch von Massenvernichtungswaffen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor den hier angedeuteten Gefahren k\u00f6nnen wir die Augen nicht verschlie\u00dfen. Sie aber zur\u00fcckzuf\u00fchren auf den biblischen Sch\u00f6pfungs\u00adglauben, w\u00fcrde ein vollkommenes Verdrehen dessen bedeuten, was mit diesem Glauben gemeint ist. Denn die Darstellung der Sch\u00f6pfung in 6 Tagen zielt nicht auf die Selbstherrlichkeit des Menschen, auf dessen unbeschr\u00e4nkte Willk\u00fcr hin. Vielmehr ist die W\u00fcrde, die dem Menschen gegeben ist, ihm <strong>von Gott<\/strong> verliehen; die Herrschaft, die er stellvertretend wahrnimmt, soll er in Verantwortung vor Gott aus\u00fcben. Das wird vor allem in der zweiten, noch \u00e4lteren Sch\u00f6pfungserz\u00e4hlung, ausgedr\u00fcckt, die sich im 2. Kapitel des 1. Mosebuches befindet. Dort wird dem Menschen der Auftrag gegeben, die Erde zu bebauen und zu bewahren (1. Mose 2,15).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir kommen hier zu der <strong>zweiten These<\/strong>, die ich zu Beginn schon nannte: dass n\u00e4mlich der biblische Sch\u00f6pfungsglaube nicht nur das forschende Denken der Menschen freisetzt, sondern dass er dar\u00fcber hinaus dem Leben und der Arbeit des Menschen und auch der naturwissenschaftlichen Forschung Ma\u00dfst\u00e4be setzt, die die Menschen nicht ungestraft au\u00dfer Acht lassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir den priesterschriftlichen Sch\u00f6pfungsbericht genauer ansehen, dann k\u00f6nnen wir beobachten, wie in ihm die F\u00fclle des Wissens der damaligen Zeit zusammengetra\u00adgen ist, um zu zeigen, wie planvoll, wie sorgf\u00e4ltig, wie gut das ganze Sch\u00f6pfungswerk aufgebaut ist: der Kosmos im gro\u00dfen \u2013 mit Licht und Finsternis, Himmel und Erde, Land und Wasser \u2013 wie auch der Kosmos im kleinen \u2013 mit Gras und Kraut, V\u00f6geln und Fischen, B\u00e4umen und samentragenden Fr\u00fcchten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott \u00fcbergibt dem Menschen sein sorgsam, planvoll aufgebautes, gutes Werk. Wie d\u00fcrfte der Mensch diesem Werk gegen\u00fcber zerst\u00f6rerische Willk\u00fcr walten lassen? Wohin d\u00fcrfte sein Bestreben anders gehen als dahin, dass er die gute Sch\u00f6p\u00adfung hegt und pflegt, zum Nutzen der menschlichen Gemeinschaft bebaut und gestaltet, \u2013 dass er mitwirkt am Wachsen und Gedeihen des Lebens zur Ehre dessen, der ihm das alles anvertraut hat?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wenn wir einmal die Impulse des priesterschriftlichen Sch\u00f6pfungs\u00adberichts in unsere Zeit \u00fcbertragen: M\u00fcsste das Staunen und Wundern \u00fcber die gesamte Sch\u00f6pfung nicht noch viel gr\u00f6\u00dfer sein als damals, da auch das Wissen dar\u00fcber, wie unvorstellbar gro\u00df und gro\u00dfartig der Kosmos aufgebaut ist, so ungeheuer gewachsen ist?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber wir wissen noch mehr: wie unvorstellbar viele Bedin\u00adgungen erf\u00fcllt sein mussten, damit auf dem einen, kleinen Planeten Erde die Pflanzen, die Luft, die Tiere und schlie\u00dflich menschliches Leben entstehen konnte; wie jeder K\u00e4fer und Wurm schon ein Wunderwerk ist; und wie schlie\u00dflich der Mensch mit seinem Den\u00adken, Planen und Hoffen in der Lage ist, die gesamten Sch\u00f6pfungs\u00advorg\u00e4nge nicht nur zu sehen und zu erfahren, sondern an ihnen gestaltend mitzuwirken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Ma\u00dfstab, den die Sch\u00f6pfungsgeschichte auch gegenw\u00e4rtigem Denken und Planen gibt, ist der Auftrag zum liebevollen, verant\u00adwortungsbewussten Umgang mit der Sch\u00f6pfung als einem uns Menschen anvertrauten Geschenk, zum Nachdenken dar\u00fcber, welche Folgen unser Pflanzen und Bauen, unser Umgang miteinander ha\u00adben kann \u2011 so, dass die Erde nicht zerst\u00f6rt, die Menschen auf ihr nicht bedr\u00fcckt werden, sondern sich des Lebens und der Welt freuen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In Jesus haben wir das Bild dessen vor Augen, der den Sch\u00f6p\u00adfungsauftrag im Kleinen wie im Gro\u00dfen erf\u00fcllt hat, der aus der Liebe Gottes heraus neues Leben geschaffen hat f\u00fcr die, die nicht mehr wagten, sich als gute Gesch\u00f6pfe Gottes zu sehen. \u2013 Durch Jesus k\u00f6nnen und sollen wir Mut gewinnen, unseren Auftrag als \u201eEbenbilder Gottes\u201c nicht aus dem Blick zu verlieren; sondern aus der Freude am Werk Gottes heraus k\u00f6nnen und sollen wir an der Bewahrung und Entfaltung der Sch\u00f6pfung mitwirken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Worum es geht, hat in ganz besonderem Ma\u00dfe Papst Franziskus im Jahr 2015 zum Ausdruck gebracht, und zwar im Schlussgebet seiner Enzyklika \u201eLaudato si\u201c, in der er die gro\u00dfen Herausforderungen der Gegenwart konzentriert er\u00f6rtert hat:<a href=\"applewebdata:\/\/11B56958-2307-46C8-869C-31D696BB9134#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Allm\u00e4chtiger Gott, der du in der Weite des Alls gegenw\u00e4rtig bist<br \/>\nund im kleinsten deiner Gesch\u00f6pfe,<br \/>\nder du alles, was existiert, mit deiner Z\u00e4rtlichkeit umschlie\u00dft,<br \/>\ngie\u00dfe uns die Kraft deiner Liebe ein, damit wir das Leben und die Sch\u00f6nheit h\u00fcten.<br \/>\n\u00dcberflute uns mit Frieden, damit wir als Br\u00fcder und Schwestern leben<br \/>\nund niemandem schaden.<br \/>\nGott der Armen, hilf uns, die Verlassenen und Vergessenen dieser Erde,<br \/>\ndie so wertvoll sind in deinen Augen, zu retten.<br \/>\nHeile unser Leben, damit wir Besch\u00fctzer der Welt sind und nicht R\u00e4uber,<br \/>\ndamit wir Sch\u00f6nheit s\u00e4en und nicht Verseuchung und Zerst\u00f6rung.<br \/>\nR\u00fchre die Herzen derer an, die nur Gewinn suchen auf Kosten der Armen und der Erde.<br \/>\nLehre uns, den Wert von allen Dingen zu entdecken und voll Bewunderung zu betrachten;<br \/>\nzu erkennen, dass wir zutiefst verbunden sind mit allen Gesch\u00f6pfen<br \/>\nauf unserem Weg zu deinem unendlichen Licht.<br \/>\nDanke, dass du alle Tage bei uns bist. Ermutige uns bitte in unserem Kampf<br \/>\nf\u00fcr Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.<\/em><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. em. Dr. Johannes L\u00e4hnemann, Goslar, <a href=\"mailto:johannes@laehnemann.de\">johannes@laehnemann.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes L\u00e4hnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligi\u00f6ser Dialog, Interreligi\u00f6ses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Mitglied am Runden Tisch der Religionen in Deutschland und Mitglied der internationalen Kommission <em>Interreligious Education <\/em>der internationalen Bewegung <em>Religions for Peace <\/em>(RfP).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel \u201eLernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosit\u00e4t.\u201c G\u00f6ttingen (Vandenhoeck &amp; Ruprecht) 2017.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Predigt wird in der romanischen Neuwerkkirche in Goslar gehalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liedempfehlungen: 455 (Morgenlicht leuchtet), 510 (Freuet euch der sch\u00f6nen Erde),<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">456 (Kanon: Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/11B56958-2307-46C8-869C-31D696BB9134#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> J. Zink: Die Wahrheit l\u00e4sst sich finden, Stuttgart 1971, S. 8.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/11B56958-2307-46C8-869C-31D696BB9134#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/11B56958-2307-46C8-869C-31D696BB9134#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/11B56958-2307-46C8-869C-31D696BB9134#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Papst Franziskus: Laudato si \u2013 \u00dcber die Sorge f\u00fcr das gemeinsame Haus (Mai 2015)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sch\u00f6pfungsglaube, Naturwissenschaft, Weltverantwortung | 9.Sonntag nach Trinitatis | 06.08.2023 |\u00a0Genesis (1.\u00a0 Mose) 1,1-2,4a | Johannes L\u00e4hnemann | Liebe Gemeinde! Sch\u00f6pfungsglaube, Naturwissenschaft, Weltverantwortung: Das sind drei Bereiche, die in Spannung miteinander stehen. Sie betreffen mich als Christ, als denkenden Menschen und verantwortlichen B\u00fcrger unseres Landes, ja, unserer Welt \u00fcberhaupt. Ich muss mich mit damit auseinandersetzen! F\u00fcr [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":18669,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,468,1,2,157,853,114,225,100,349,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-18682","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-genesis","category-9-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-at","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-johannes-laehnemann","category-kapitel-1","category-kasus","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18682","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18682"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18682\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18684,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18682\/revisions\/18684"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/18669"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18682"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18682"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18682"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=18682"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=18682"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=18682"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=18682"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}