{"id":18701,"date":"2023-08-08T09:58:04","date_gmt":"2023-08-08T07:58:04","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18701"},"modified":"2023-08-08T09:58:04","modified_gmt":"2023-08-08T07:58:04","slug":"deuteronomium-45-20-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/deuteronomium-45-20-2\/","title":{"rendered":"Deuteronomium 4,5-20"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Das j\u00fcdische Verm\u00e4chtnis unseres Glaubens: Leben, Menschlichkeit, Mitgef\u00fchl | 10. So. n. Trinitatis | 13.08.23 | 5. Mose 4, 5-20 | Gert-Axel Reu\u00df |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">nach dem unvorstellbaren Grauen, das in deutschem Namen, mit Duldung, Billigung und T\u00e4terschaft \u00fcber J\u00fcdinnen und Juden in unserem Land und sp\u00e4ter in ganz Europa hereingebrochen ist, war die Gr\u00fcndung des Staates Israel vor 75 Jahren bei nicht wenigen mit der Hoffnung verbunden, dass sich hier etwas verwirklicht, was Mose seinem Volk sozusagen ins Stammbuch geschrieben hat: \u201eDarin zeigt sich den V\u00f6lkern eure Weisheit und euer Verstand. \u2026 Wo ist so ein gro\u00dfes Volk, das so gerechte Ordnungen und Gebote hat wie dies ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege?\u201c (5. Mose 4, 6ab+8)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zugegeben: Es sind unsere (deutschen) Schuldgef\u00fchle, die einen solchen unrealistischen Blick auf ein Land richten, das sich seit seiner Gr\u00fcndung im Krieg befindet. Welches unter der st\u00e4ndigen Drohung des Untergangs eine Demokratie aufgebaut hat, die sich der Charta der Vereinten Nationen verpflichtet wei\u00df, w\u00e4hrend in den meisten Nachbarstaaten ganz andere Verh\u00e4ltnisse herrschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So verfolge ich mit besonderer Aufmerksamkeit die Nachrichten \u00fcber die Justizreform in Israel in der Hoffnung, dass sich die Dinge zum Besseren wenden m\u00f6gen \u2013 w\u00e4hrend ich mich mit der st\u00e4ndigen Verletzung rechtsstaatlicher Grunds\u00e4tze in einigen unserer osteurop\u00e4ischen Nachbarl\u00e4nder irgendwie abgefunden habe. Und nat\u00fcrlich sollte, m\u00fcsste man fragen: Wie ist das bei uns?<a href=\"applewebdata:\/\/D207697B-5BD5-4B28-8B0E-4CF17030322A#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie ist das bei uns? \u2013 Ich spreche an dieser Stelle nicht \u00fcber die Politik sondern \u00fcber die Kirche. \u201eDas gr\u00f6\u00dfte Risiko ist der Glaube an die eigene \u00dcberlegenheit.\u201c schrieb Evelyn Finger in der Wochenzeitung <em>DIE ZEIT<a href=\"applewebdata:\/\/D207697B-5BD5-4B28-8B0E-4CF17030322A#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><strong>[2]<\/strong><\/a> <\/em>und zielte damit auf die Evangelische Kirche in Deutschland und deren \u2013 nach Meinung der Autorin \u2013 mangelhafte Bereitschaft zur Aufarbeitung des Missbrauchskandals: \u201eSie ist nicht heiliger\u201c \u2013 so die Schlagzeile auf Seite <em>eins<\/em>.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man mag das als ungerecht empfinden. Zugleich aber spricht aus den Vorw\u00fcrfen, die hier ausgebreitet werden, eine Sehnsucht, dass es doch Institutionen g\u00e4be (oder doch wenigstens Menschen), denen man vertrauen kann. Die den Willen Gottes leben, und damit meine ich keine besondere Form der Fr\u00f6mmigkeit sondern praktische N\u00e4chstenliebe. Eine Kirche, die den Menschen dient, die Barmherzigkeit lebt, die Schwachen sch\u00fctzt, die Traurigen tr\u00f6stet, Unrecht beim Namen nennt und selbst mit gutem Beispiel vorangeht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun k\u00f6nnte man sagen: \u201eAll das tun wir ja!\u201c In unseren Gemeinden und durch unsere diakonischen Dienste. In den Familien und Gemeinschaften, in denen wir leben und uns bem\u00fchen, gute Menschen zu sein, nett und hilfsbereit. Ist das denn nicht genug?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit einer solchen Frage sind wir einem Denken sozusagen in die Falle gegangen, das gerade unter religi\u00f6sen Menschen verbreitet ist. Einem Missverst\u00e4ndnis, das in vergangene Zeiten besonders Menschen mit j\u00fcdischer Religion als \u201eGesetzlichkeit\u201c zum Vorwurf gemacht worden ist. \u201eMan muss doch auch einmal F\u00fcnfe gerade sein lassen.\u201c So die entschuldigende etwas legere Position derer, die sich um die Einhaltung von Geboten nicht unbedingt hervortun.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nein! Liebe Gemeinde, darin zeigt sich keine Weisheit, denn es geht hier nicht um f\u00fcnf oder vier, drei oder zwei. Und auch nicht um die entsprechenden 10 Gebote. Das Verm\u00e4chtnis des Mose sind nicht die beiden steinernen Tafeln, so n\u00fctzlich es gelegentlich auch sein kann aufzuschreiben, was unter uns gilt. Beinahe h\u00e4tte ich gesagt: \u201eEs geht darum, die 10 Gebote mit Leben zu f\u00fcllen.\u201c aber das ist nicht unsere Aufgabe, denn sie erm\u00f6glichen Leben. Aus sich selbst heraus, auch \u2013 oder sollte ich sagen: gerade \u2013 f\u00fcr uns.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das j\u00fcdische Verm\u00e4chtnis unseres Glaubens hei\u00dft: Leben, Menschlichkeit, Mitgef\u00fchl. Es hei\u00dft: Liebe, Hoffnung, Glaube. All das, was die Evangelien \u00fcber Jesus zu berichten wissen \u2013 nicht, um Regeln daraus abzuleiten, sondern um uns anzuleiten, eine Haltung zu verinnerlichen, die nicht von Ungen\u00fcgen gepr\u00e4gt ist sondern von Freude: \u201eDu sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gem\u00fct und mit all deiner Kraft.\u201c (Mk 12, 30 vgl. 5. Mose 6, 5)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist eine Lust zu leben! Es ist eine Lust, nach dem Willen Gottes zu leben!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eDenn wo ist so ein herrliches Volk, dem G\u00f6tter (!) so nahe sind wie uns der HERR, unser Gott, sooft wir ihn anrufen?\u201c (V 7)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">was w\u00e4re das f\u00fcr eine Kirche, wenn solches \u00fcber sie geschrieben w\u00fcrde?! Wir k\u00f6nnen uns das ausmalen \u2013 und vielleicht sollen wir das auch, wenn wir einander davon erz\u00e4hlen, wie menschenfreundlich Gott ist. Wenn wir in der Bibel lesen, aus ihr vorlesen. Geschichten wie die vom barmherzigen Samariter. Gleichnisse, die Bergpredigt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was andere davon halten? Was in der Zeitung steht? Nein, es kommt nicht darauf an, dass andere sagen: \u201eWas f\u00fcr weise und verst\u00e4ndige Leute sind das.\u201c (vgl. V 6b) Es kommt darauf an, dass wir solches leben. Nicht aus uns selbst heraus, sondern als von Gott Begabte. Nicht alleine, sondern indem wir dem Beispiel Jesu folgen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In diesem Sinn kann auch die Geschichte der Kirche erz\u00e4hlt werden. Vielleicht muss sie dies sogar. Als eine Geschichte von Sternstunden und von Versagen. Auch das macht die j\u00fcdische Bibel so wertvoll, dass sie nicht nur Heldengeschichten verbreitet, sondern auch das Versagen. Die Propheten haben darum gerungen, wie unverst\u00e4ndig und gottvergessen Menschen sein k\u00f6nnen, die es doch eigentlich besser wissen. Wer die Geschichte der Kirche erz\u00e4hlen will, kann daran unmittelbar anschlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber es gibt auch einen anderen Erz\u00e4hlfaden, und der lautet: \u201eGott ist treu!\u201c \u201eEr hat das Schreien seines Volkes geh\u00f6rt!\u201c \u201eDer HERR hat sein Volk aus dem Schmelzofen, aus der Sklaverei in \u00c4gypten gef\u00fchrt, dass es sein Erbvolk sein soll, wie es es jetzt ist!\u201c (vgl. V. 20)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wir geh\u00f6ren dazu. Als die durch Jesus Hinzugekommenen, der uns mit dem Glauben an Gott vertraut gemacht hat, der den Willen Gottes gelebt hat, der die Gesetze und Gebote erf\u00fcllt hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">auch heute geht mein Blick nach Israel: Meine Hoffnung ist nicht erloschen, dass die Menschen in diesem Land Frieden finden. Alle Menschen in diesem Land! Allerdings sollten wir dabei keine h\u00f6heren Ma\u00dfst\u00e4be anlegen als die, die wir f\u00fcr uns selbst und f\u00fcr die Politik in unserem Land gelten lassen. Die im j\u00fcdischen Glauben wurzelnden Menschenrechte beinhalten einen universalen Geltungsanspruch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So sind wir nun nicht mehr Au\u00dfenstehende, sondern die Worte des Mose sprechen auch zu uns: \u201eIch habe euch gelehrt Gebote und Rechte, wie mir der HERR, mein Gott, geboten hat \u2026 So haltet sie nun und tut sie! Denn darin zeigt sich den V\u00f6lkern eure Weisheit und euer Verstand.\u201c (V. 5+6)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gert-Axel Reu\u00df<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Domprobst<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Domhof 35<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">23909 Ratzeburg<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mail: reuss@ratzeburgerdom.de<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gert-Axel Reu\u00df, geb. 1958, Pastor der Nordkirche, seit 2001 Domprobst zu Ratzeburg<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D207697B-5BD5-4B28-8B0E-4CF17030322A#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Am 3. August 2023 ist eine Tunesierin, die sich wegen eines Suizidversuchs zur Behandlung in einem Krankenhaus des Landesvereins f\u00fcr Innere Mission in Rickling (Schleswig-Holstein) befand, abgeholt und nach Schweden abgeschoben worden. Dort hatte sie einen Asylantrag gestellt, der abgelehnt worden war. Nun droht ihr die Folge-Abschiebung nach Tunesien.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D207697B-5BD5-4B28-8B0E-4CF17030322A#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> DIE ZEIT, 2. August 2023, S. 1, \u201eSie ist auch nicht heiliger\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das j\u00fcdische Verm\u00e4chtnis unseres Glaubens: Leben, Menschlichkeit, Mitgef\u00fchl | 10. So. n. Trinitatis | 13.08.23 | 5. 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