{"id":18797,"date":"2023-09-05T21:02:37","date_gmt":"2023-09-05T19:02:37","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18797"},"modified":"2023-09-06T18:22:42","modified_gmt":"2023-09-06T16:22:42","slug":"lukas-1711-19-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1711-19-2\/","title":{"rendered":"Lukas 17,11-19"},"content":{"rendered":"<h3>14.Sonntag nach Trinitatis | 10.09.23 | Lk 17,11-19 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Frank Larsen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Viel zu sch\u00f6n f\u00fcr meine alten Augen<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es geht dem Herbst entgegen, so dunkel am Abend, dass es wieder Sinn macht, eine Kerze auf dem Tisch anzuz\u00fcnden. In dem Buch von Merilynne Robinson mit dem Titel <em>Gilead<a href=\"applewebdata:\/\/DBD5DA22-4E16-4FA7-B659-E4257CC369B7#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em> wird von einem Vater erz\u00e4hlt, der an der Erinnerung daran festh\u00e4lt, wie er das erlebte, wenn sein siebenj\u00e4hriger Sohn zum Abendbrot kommt. \u201eDu kommst herein in einem Duft von Abendluft mit strahlenden Augen und roten, kalten Backen und Fingern\u201c, schreibt er, \u201eallzu sch\u00f6n im Licht der Kerzen f\u00fcr meine alten Augen\u201c. Ja, denn der Vater, der schreibt, ist siebenundsiebzig Jahre alt. Deshalb sagt er, dass er alte Augen hat. Aber es ist auch deshalb, dass der siebenj\u00e4hrige Junge allzu sch\u00f6n ist f\u00fcr seine Augen. Der Anblick des Jungen mit den strahlenden Augen und den roten Backen im Licht der Kerzen \u00fcberw\u00e4ltigt ihn einfach. Er erz\u00e4hlt, wie sehr er sich nach einem Kind gesehnt hat und wie sehr er sich nun fast sieben Jahre lang \u00fcber den Jungen gefreut hat. \u201eDurch die gro\u00dfe Liebe und F\u00fcrsorge Gottes haben die meisten von uns jemanden, die wir ehren k\u00f6nnen, Kinder ihre Eltern, Eltern ihr Kind\u201c, schreibt er. Der alte Mann ist Pastor, und das kann man gut h\u00f6ren. \u201eSo wie Gott liebt dich deine Mutter f\u00fcr alles was du bist und tust\u201c, schreibt er, \u201eso ist es, ein Kind zu ehren. Du verstehst, wie g\u00f6ttlich es ist, das Sein von jemandem zu lieben. Wie erfreuen uns einfach an deiner Existenz\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der alte Pastor, der schreibt, verlor seine erste Frau und sein erstes Kind bei der Geburt, als er ganz jung war. Er hat nie geglaubt, wieder Liebe zu erfahren, und schon gar nicht, Vater zu werden.\u00a0 Der Sohn ist ja ein ganz gew\u00f6hnlicher Junge von sieben Jahren. Aber in den Augen des Vaters ist der gew\u00f6hnliche Junge nichts weniger als ein Wunder. Das ist er auch f\u00fcr seine Mutter. Eine unerwartete und \u00fcberw\u00e4ltigende Freude, die die Eltern nicht sich selbst zu verdanken haben. Das macht gar keinen Sinn. Sie k\u00f6nnen ihre Freude nur als eine Gabe des guten Gottes deuten, ein Ausdruck seiner Liebe und F\u00fcrsorge. Gemeinsam freuen sie sich \u00fcber die Existenz des Jungen, allein dar\u00fcber, dass er existiert. So ehren sie ihr Kind. Ihn hereinkommen sehen an einem Herbstabend in einem Duft von Abendluft mir strahlenden Augen und roten, kalten Backen und Fingern weckt einfach eine Dankbarkeit, die die Augen feucht werden l\u00e4sst. Auch wenn das jeden Abend geschieht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So wie ich das verstehe, ist dies der Unterschied zwischen den neun Auss\u00e4tzigen im heutigen Evangelium und dem einen, der zur\u00fcckkehrte. Dass der eine seine Heilung als eine unerwartete und \u00fcberw\u00e4ltigende Freude sieht, die er nicht sich selber verdankt. So wie der alte Pastor in Gilead ist er gen\u00f6tigt, dem guten Gott zu danken. Warum die anderen neun, die geheilt wurden, nicht zur\u00fcckkehrten, dar\u00fcber steht in der Geschichte nichts. Vielleicht waren sie zu sehr damit besch\u00e4ftigt, in das Leben zur\u00fcckzukehren, das ihnen verwehrt gewesen war, als sie auss\u00e4tzig waren. Das w\u00e4re so gesehen ganz verst\u00e4ndlich und sehr menschlich, auch dass man ganz schnell vergisst, wie krank und elend man war, wenn man einmal wieder gesund ist. Aber wenn die neun allzu viel zu tun haben, um umzukehren und zu danken, so besteht die Gefahr, dass sie gar nicht merken, was sie bekommen haben und von wem sie es bekommen haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie merken nat\u00fcrlich, dass sie gesund geworden sind. Sie haben ihre reine, glatte Haut wiederbekommen. Aber vielleicht ist es nur der zehnte, der einen Blick daf\u00fcr hat, dass er anderes und mehr bekommen hat als die reine glatte Haut. Befreiung von Isolation, Schmerz und Unreinheit, ganz neue M\u00f6glichkeiten, ein strahlend neues Leben, das offen vor ihm liegt. Das ist eine Befreiung, die er nur als eine Gabe des guten Gottes deuten kann, der offenbar mitten in seiner Welt gegenw\u00e4rtig ist, wo sonst niemand kommt, drau\u00dfen im Grenzland zwischen Leben und Tod, wo die Auss\u00e4tzigen leben. Dort ist der gute Gott gegenw\u00e4rtig in dem Mann, der sich seiner und der anderen erbarmt. Ihm muss er seien Dank bringen. Und das ver\u00e4ndert die Heilung. Denn ohne Dank ist dies nur eine Heilung. Aber mit dem dank des Samariters wird die Heilung auch als die g\u00f6ttliche Gabe gesehen und empfangen, die sie ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dein Glaube hat dich geheilt, sagt Jesus, und das ist es, was er offenbar Glaube nennt, die Dankbarkeit des Samariters. Sein Blick daf\u00fcr, was er bekommen hat und von wem er es bekommen hat. Dass die Heilung mehr ist als eine Heilung, sie ist eine Freude und eine Gabe des guten Gottes. Wie der Junge in dem Buch Gilead mehr ist als ein Junge f\u00fcr den der mit dankbaren Augen sieht. Das ist ein Blick auf unser Dasein, der es gr\u00f6\u00dfer und sch\u00f6ner macht. Und ohne diesen Blick besteht die Gefahr, dass unser Leben arm und freudlos wird. Wie der alte Pastor am Ende der Aufzeichnungen sagt, die er f\u00fcr seinen Jungen geschrieben hat, weil er wei\u00df, dass er ihm nicht so lange folgen kann, wie er gerne wollte: \u201eWo man auch hinschaut, kann die Welt leuchten im Licht der Verkl\u00e4rung. Man braucht ihr nichts anderes beizugeben als ein wenig Wunsch zu sehen\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist dieser kleine Wunsch, der uns veranlasst, heute und an allen anderen Tagen in die Kirche zu gehen. Und auch der Wunsch, dass wir die kostbaren kleinen Kinder mitbringen. Der Wunsch, dass sie und wir Augen bekommen, die die Welt hell im Licht der Verkl\u00e4rung sehen k\u00f6nnen. Augen, die auch dann, wenn es um uns herum finster wird, noch immer sehen k\u00f6nnen, was wir bekommen haben. Die kleinen und gro\u00dfen Menschen sehen, die im Laufe unseres Lebens durch unsere T\u00fcren kommen in einem Duft von roter Abendluft. Mit roten Backen als Gabe des guten Gottes, sie ehren, indem wir ihr Wesen lieben. Uns freuen \u00fcber ihre Existenz, einfach dar\u00fcber, dass sie da sind. Und sehen, dass der gute Gott noch immer mitten in unserer Welt zugegen ist, gegenw\u00e4rtig als der, der sich \u00fcber uns erbarmt und uns aus Isolation und Qual und Unreinheit befreit zu neuen M\u00f6glichkeiten und einem gl\u00e4nzenden neuen Leben. Auch im Grenzland zwischen Leben und Tod. Auch wenn alles vorbei ist. Wir vergessen es. Und wir geraten in Zweifel. Aber dann geschieht es, dass wir Hilfe bekommen f\u00fcr eine neue Sicht mit den Worten, die wir hier sagen und singen. Sie sind eine Ein\u00fcbung in Dankbarkeit, augen\u00f6ffnende Worte, die unser Dasein ausweiten und uns das Licht der Welt im Glanz der Verkl\u00e4rung sehen lassen. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Marianne Frank Larsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 8000 Aarhus C<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">mfl(at)km.dk<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/DBD5DA22-4E16-4FA7-B659-E4257CC369B7#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> 2004, deutsch 2006 und 2016.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14.Sonntag nach Trinitatis | 10.09.23 | Lk 17,11-19 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Frank Larsen | Viel zu sch\u00f6n f\u00fcr meine alten Augen Es geht dem Herbst entgegen, so dunkel am Abend, dass es wieder Sinn macht, eine Kerze auf dem Tisch anzuz\u00fcnden. 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