{"id":18808,"date":"2023-09-09T10:43:09","date_gmt":"2023-09-09T08:43:09","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18808"},"modified":"2023-09-09T10:43:09","modified_gmt":"2023-09-09T08:43:09","slug":"lukas-1711-19-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1711-19-5\/","title":{"rendered":"Lukas 17,11-19"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\">Geschichten, die das Leben schrieb | 14. So. nach Trinitatis | 17.09.23 | Lk 17,11-19 | Nadja Papis |<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es war einmal\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schon als Kind habe ich Geschichten geliebt und auch heute noch erz\u00e4hle ich nicht nur gerne, sondern h\u00f6re auch gerne Geschichten. Dabei spielt es mir nicht so eine Rolle, ob die Erz\u00e4hlerin sehr eloquent ist, der Erz\u00e4hler das Gesprochene mit lebhafter Gestik inszeniert oder die Erz\u00e4hlung mit br\u00fcchiger Stimme am Krankenbett erfolgt. Eine Geschichte ist f\u00fcr mich immer eine Begegnung \u2013 mit dem Menschen, der sie erlebt hat oder dem sie etwas bedeutet, und mit dem Leben selbst. Nat\u00fcrlich ist der Bericht einer spektakul\u00e4ren Begebenheit, eines aussergew\u00f6hnlichen Abenteuers oder eines historischen Momentes spannend. Ich habe f\u00fcr mich aber schon bald herausgefunden, dass mich allt\u00e4gliche Ereignisse, unauff\u00e4llige Momente und ganz normale Lebensgeschichten genauso faszinieren. Wohl ein Erbe meines Geschichtslehrers, der uns in der ersten Lektion auf die Fragen eines lesenden Arbeiters von Berthold Brecht hinwies: \u00abWer baute das siebentorige Theben? In den B\u00fcchern stehen die Namen von K\u00f6nigen. Haben die K\u00f6nige die Felsbrocken herbeigeschleppt?\u00bb (ganzer Text in der Sammlung \u00abSvendborger Gedichte\u00bb, 1939)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Derselbe Lehrer er\u00f6ffnete mir auch einen Zugang zum Historischen, der f\u00fcr mich damals als Jugendliche und auch heute noch als Erwachsene Sinn macht: Aus der Geschichte muss und kann man lernen.\u00a0 H\u00f6re ich Geschichten aus dem Leben, begegne ich darin nicht nur der erz\u00e4hlenden Person, ich begegne darin dem Leben \u2013 so wie es nun mal ist, manchmal spannend, manchmal auch langweilig und unspektakul\u00e4r. Lernen kann ich aus allen Geschichten und auch aus den damit verbundenen Begegnungen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die heutige Bibelstelle ist f\u00fcr mich eine solche Geschichte, aus der ich lernen kann, ja, sie ist eine eigentliche Lehrerz\u00e4hlung \u00fcber den Glauben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was will sie uns denn lehren?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ganz einfach: Jesus heilt 10 Personen, nur einer kehrt zur\u00fcck und sagt ihm Danke. Und es ist uns allen klar \u2013 schliesslich sind wir auch gut erzogen: Es geh\u00f6rt sich, Danke zu sagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nein, das ist mir jetzt zu platt. Darum wurde die Geschichte nicht \u00fcberliefert, obwohl ich als Mutter selbst Wert daraufgelegt habe, dass meine Kinder sich anst\u00e4ndig bedankten. Sie sollen ja nicht alles f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich halten! Aber nein, wirklich, das w\u00e4re doch zu wenig. Schauen wir genauer hin!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Bibeltext hat eigentlich zwei Teile: der erste beschreibt die Wunderheilung \u2013 an sich schon ein ziemliches Ereignis \u2013 und der zweite dann die Umkehr des einen Geheilten und seinen Dank an Jesus. Beide Teile enthalten wahre Sch\u00e4tze an Gedanken und Botschaften, ich nehme ein paar heraus und \u00fcberlasse es Ihnen, was Sie davon mitnehmen in Ihr Leben\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus geht entlang der Grenze zwischen Galil\u00e4a und Samaria, also einer bedeutenden Grenze damals. W\u00e4hrend Galil\u00e4a Heimat, Gewohnheit und Sicherheit bedeutete, war Samaria f\u00fcr die damalige Bev\u00f6lkerung von Israel fremdes Terrain, ja sogar feindliches oder zumindest suspekt. Es gab zwar keinen Krieg zwischen den beiden V\u00f6lkern, aber viele Vorurteile, Misstrauen und Abgrenzung. Eine andere Sprache, ein anderer Glaube, andere Sitten, wir kennen das \u2013 pl\u00f6tzlich schleichen sich Abneigung und Befremden ein, obwohl wir gar niemanden kennen, dort dr\u00fcben. Gehen wir dem lieber aus dem Weg. Nun, Jesus macht das nicht: Er geht auf der Grenze, offen auf beide Seiten. Und wenn wir ein wenig vorausschauen, spielt das eine Rolle, denn der umkehrende Geheilte ist aus Samarien. Der Fremde oder Ausl\u00e4nder, wie er im Text bezeichnet ist, wird zum Beispiel f\u00fcr den wahren Glauben, der rettet. Was uns heute selbstverst\u00e4ndlich scheint, war damals h\u00f6chst bemerkenswert: Jesus scheut weder die Offenheit diesem fremden Land gegen\u00fcber noch die Begegnung mit als \u00abFremde\u00bb gestempelten Menschen, im Gegenteil, seine Botschaft erreicht auch sie und sie nehmen sie an. Und seien wir mal ehrlich: Wie selbstverst\u00e4ndlich ist das heute wirklich?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zur\u00fcck zum Anfang: Am Eingang zu einem Dorf kommen Jesus zehn Auss\u00e4tzige entgegen. Die Angst vor Ansteckung war bei Hautkrankheiten so gross, dass die Kranken aus der Gemeinschaft ausgesondert wurden. Sie verloren also nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch ihren Status als Teil des Dorfes, ihre Familien und ihr Zuhause. Begegnungen sind verboten, sie m\u00fcssen Abstand halten, den Gesunden aus dem Weg gehen. Sie verstummen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kranke und Leidgepr\u00fcfte verstummen. Das kenne ich auch heute. Wie viele, denen Unrecht geschehen ist, k\u00f6nnen nichts sagen \u2013 vor Entsetzen, vor Not, vor Hilflosigkeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die zehn bleiben stehen \u2013 und zwar auf Distanz. Das ist ihnen vorgeschrieben. Es brauchte sie wahrscheinlich schon allen Mut, sich Jesus so weit zu n\u00e4hern und in sein Blickfeld zu treten. Ich stelle mir diesen Moment in meiner Fantasie vor: Stumm stehen sie da, die zehn mit ihren zerrissenen Gew\u00e4ndern, ihrer zerfetzten Haut, grau sehe ich sie, geb\u00fcckt, undeutlich. Und Jesus blickt sie an. Ja, so sehe ich das: Er schaut nicht weg wie viele andere, er schaut sie an. Direkt auf sie ist sein Blick gerichtet. Seine Augen offen. Seine Haltung auch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dieser Blick bewirkt etwas: Sie finden ihre Stimme wieder. F\u00fcr mich ist das schon ein Wunder. In der Seelsorge begegne ich ab und zu Menschen, die verstummt sind. Menschen, denen so Gr\u00e4ssliches und Entsetzliches geschehen ist oder angetan wurde, dass sie nicht reden k\u00f6nnen. Um auch nur irgendwie zu \u00fcberleben, mussten sie selber wegschauen, tief in sich vergraben, was unaussprechbar ist. Oder das Reden wurde ihnen manipulativ verboten. Manchmal gelingt es diesen Verstummten nach Jahren in einer sicheren Umgebung sorgf\u00e4ltig hinzuschauen und ganz langsam ihre Stimme wiederzufinden, ja, W\u00f6rter, Sprache zu finden, um das Unfassbare auszudr\u00fccken. Es ist immer ein verzweifelter Kampf, eine elend anstrengende Arbeit. Viel Mut und Kraft braucht es, zumal das erst der Anfang einer oft schmerzhaften und schwierigen Verarbeitung ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch an anderen Orten dieser Welt begegnen wir ihnen: Den Verstummten, die sich nicht f\u00fcr ihr Recht einsetzen k\u00f6nnen \u2013 weil sie nicht darum wissen, weil das t\u00e4gliche \u00dcberleben zu viel abverlangt, weil niemand zuh\u00f6rt. Es sind die vielen Namenlosen, die hungern, sich unter schlimmsten Bedingungen abarbeiten, als reine statistische Zahlen in den Nachrichten auftauchen \u2013 wenn \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch diese zehn verstummten Menschen stehen da. Und werden wohl zum ersten Mal seit langem wahrgenommen. Jesus bewirkt allein mit seinem Blick, dass Verstummte ihre Stimme wiederfinden und um Mitleid bitten k\u00f6nnen. Wieviel doch das Wahrnehmen ver\u00e4ndern kann. Kein Wort, keine Geste, keine Hilfeleistung, einfach nur: da sein und wahrnehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Verstummten erheben ihre Stimme und bitten um Mitleid. Warum bitten sie ihn eigentlich nicht um die Heilung von ihrer Krankheit? Ist es so offensichtlich, was sie brauchen, dass sie das gar nicht ansprechen? Oder erwarten sie die Heilung gar nicht? \u00a0Was soll denn dieses Mitleid n\u00fctzen? Ist es f\u00fcr sie vielleicht die Voraussetzung f\u00fcr die Heilung? Oder das Beste, was sie sich erhoffen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Spannend ist ihre Anrede: Jesus, Meister! Ein Ehrentitel, den der Evangelist Lukas gerne verwendet. Es ist ihnen von Anfang an klar: Jesus ist nicht wie du und ich, nicht irgendein Wanderprediger oder Wunderheiler, sie erkennen das G\u00f6ttliche in ihm. Und in seinem Blick begegnet ihnen der g\u00f6ttliche Blick und der ist voll Mitleid, voll Anteilnahme, voll Zuwendung. Gott hat sich in Jesus laut den Evangelien mitf\u00fchlend, nahe und heilsam gezeigt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und in absoluter Vollmacht \u2013 denn als n\u00e4chstes folgt kein Gespr\u00e4ch, keine Hilfe zur Selbsthilfe, sondern ein Auftrag, ja vielleicht sogar ein Befehl: Geht, zeigt euch den Priestern! Es ist eine einseitige Sache: Sie bringen ihm ihr Vertrauen entgegen und er erf\u00fcllt es. Mehr als einen kurzen Augenblick teilen sie nicht. Schon sind die zehn auf dem Weg zur\u00fcck zum Dorf. Beschwingt stelle ich mir ihre Schritte vor, vielleicht vorfreudig, vielleicht auch noch leicht zweifelnd. Und dann geheilt!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier schwenkt unsere Geschichte auf den einen, der umkehrt, aber ich m\u00f6chte noch kurz bei den neun bleiben, die weitergehen. Stellen Sie sich das mal vor: Nach Wochen, vielleicht Monaten oder Jahren ohne Zugang zur Dorfgemeinschaft, zur Familie und dem normalen Leben kommt pl\u00f6tzlich diese Heilung. Also, ich w\u00fcrde schnellstens beim Priester antanzen, die Formalia erledigen, die notwendig sind, und dann endlich diejenigen in die Arme schliessen, die ich so vermisst habe. W\u00fcrde mich umschauen nach dem Gewohnten und nach dem Ver\u00e4nderten. W\u00fcrde das Leben voll auskosten, das ich entbehrt habe. Irgendwann nach der ersten Euphorie k\u00e4me mir wohl schon wieder in den Sinn, wer mich geheilt und das alles m\u00f6glich gemacht hat. Und ich w\u00e4re wohl auch dankbar dann. Nur ist Jesus dann nicht mehr da. Der Moment verpasst. Wie oft habe ich im Leben schon Gutes erfahren und vergessen, Gott daf\u00fcr zu danken? Wie oft ging die dankbare Haltung im Alltagstrubel unter, obwohl sie angebracht gewesen w\u00e4re? Und auch in den erl\u00f6senden Augenblicken kommt mir zuerst die Umarmung meiner Liebsten in den Sinn und dann erst das Dankgebet ans G\u00f6ttliche.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einer ist zur\u00fcckgekehrt, ja, mitten auf dem Weg ist er umgekehrt und zur\u00fcck zu Jesus gegangen. Noch vor der erneuten Begegnung richtet er seinen Lobpreis an Gott. Dann wirft er sich vor Jesus zu Boden und dankt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist der H\u00f6hepunkt dieser Geschichte. Hier passiert etwas. Etwas, das in die Tiefe geht, etwas, das ber\u00fchrt. Es hat nichts mit der moralischen Botschaft vom Danken zu tun. Es hat auch nichts mit Demut oder Unterwerfung zu tun. Dieser Mann hat gemerkt, dass die Heilung nicht nur k\u00f6rperlich ist. Sie hat sein Leben tiefgehend ver\u00e4ndert. Aus dem Vertrauen ist Glaube geworden. Aus der Wunderheilung ist Heil entstanden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Unterscheidung zwischen Heilung und Heil ist mir sehr wichtig. Nicht alle Menschen erfahren Heilung, egal wie fest sie glauben, aber ich bin \u00fcberzeugt davon, dass Jesus uns den Weg zum Heil \u00f6ffnet. Heil ist etwas Umfassendes, der erl\u00f6ste Zustand, eine Unversehrtheit, die auch mit k\u00f6rperlichen Gebrechen wirkt. Mit Worten l\u00e4sst sich das kaum beschreiben, es ist ein inneres Erleben. F\u00fcr mich beschreibe ich es so: die Erfahrung der totalen Annahme durch das G\u00f6ttliche \u2013 in Verbundenheit mit mir und allem Lebenden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieser eine hat das in diesem kurzen Augenblick der Begegnung mit Jesus erkannt: Hier ist viel mehr als die Heilung, hier ist Heil. Und Jesus best\u00e4tigt es ihm: Dein Glaube hat dich gerettet!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann geht\u00b4s nicht weiter. Das \u00e4rgert mich an guten Geschichten immer am meisten: Ich muss von ihnen Abschied nehmen, von den Figuren darin, die mir ans Herz gewachsen sind, von den Enden, die offen gelassen wurden, von den Fragen, die ich noch gerne beantwortet h\u00e4tte. Die Geschichte ist zu Ende, das Buch ist fertiggelesen. Und ich bleibe einen Moment trauernd zur\u00fcck. Manchmal gibt es ja noch eine Fortsetzung, auf die ich sehns\u00fcchtig warte, manchmal spinne ich die Geschichte selber weiter, aber seien wir ehrlich: Oft wurde gesagt, was gesagt werden musste. Und es ist Zeit, in die eigene Lebensgeschichte zur\u00fcckzukehren. Dabei kann ich Erkenntnisse und Fragen, Botschaften und Auftr\u00e4ge mitnehmen und mal schauen, was ich damit anfangen in meinem ganz normalen Alltag.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Langnau am Albis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschichten, die das Leben schrieb | 14. So. nach Trinitatis | 17.09.23 | Lk 17,11-19 | Nadja Papis | Es war einmal\u2026 Schon als Kind habe ich Geschichten geliebt und auch heute noch erz\u00e4hle ich nicht nur gerne, sondern h\u00f6re auch gerne Geschichten. 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