{"id":18858,"date":"2023-09-20T07:32:17","date_gmt":"2023-09-20T05:32:17","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18858"},"modified":"2023-09-20T08:34:23","modified_gmt":"2023-09-20T06:34:23","slug":"lukas-711-17-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-711-17-3\/","title":{"rendered":"Lukas 7,11-17"},"content":{"rendered":"<h3>16. Sonntag nach Trinitatis | 24.09.23 |Lukas 7,11-17 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Christiansen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Auferstehung \u2013 nicht unsere, sondern der anderen<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das geschieht ja jeden Tag. Das sollte uns nicht verwundern. \u201eSiehe, da trug man einen Toten heraus\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Siehe \u2013<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja. \u201eEin Mensch ist in seinem Leben wie Gras,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">er bl\u00fcht wie eine Blume auf dem Felde;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">wenn der Wind dar\u00fcber geht, so ist sie nimmer da\u201c. (Psalm 103,15-16)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Siehe \u2013 was ist da zu sehen? Der tote K\u00f6rper, und all die Stellen, wo der Tote nun nicht mehr zu sehen ist. Siehe den Verlust. Siehe die Leere.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber der Herr sieht mehr. Er sieht den, der weint.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Am letzten Sonntag h\u00f6rten im Evangelium (Matth\u00e4us 6,24-34), dass Jesus sagte: Sorgt euch nicht oder f\u00fcrchtet den morgigen Tag. Seht auf die Blumen des Feldes und die V\u00f6gel im Himmel. \u201eSie s\u00e4en nicht, sie enten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ern\u00e4hrt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sind wir das? Wie wagen wir es zu sagen, dass wir mehr wert sind als die Blumen des Feldes und die V\u00f6gel des Himmels?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wagen wir es eigentlich zu sehen, wie sehr wir ihnen gleichen? Jesus verwies auf sie als Vorbild f\u00fcr sorgenfreies Leben. Aber in seinen Worten klingt ja auch das Echo des alten Psalms vom Menschen, der wirklich ist wie die Blumen des Feldes, ob wir das wollen oder nicht, wir verdorren und sterben in derselben Weise. Wenn der Wind \u00fcber uns bl\u00e4st, sind wir nicht mehr. Dort wo wir standen, sieht man uns nicht mehr. Und da ist vielleicht nicht einmal ein leerer Platz.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist es, womit man sich nur schwer vers\u00f6hnt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir k\u00f6nnen uns darin \u00fcben, und mit dem Gedanken daran zu vers\u00f6hnen, dass wir <em>selbst<\/em> sterben m\u00fcssen. Und es macht sehr wohl Sinn, sich mit dem Gedanken zu vers\u00f6hnen, denn das m\u00fcssen wir. Viel Zeit wird damit verschwendet, dass man den Gedanken an den Tod \u00fcbert\u00f6nt mit hochfliegenden Gedanken von Unsterblichkeit und technischen L\u00f6sungen, die die Auserw\u00e4hlten vor dem Tod sch\u00fctzen, oder mit hektischen Verdr\u00e4ngungen: \u201eDas ist nicht auszudenken, wir sollen nur das Leben so lange wie m\u00f6glich genie\u00dfen\u201c. Je mehr wir das Bewusstsein davon verdr\u00e4ngen, dass wir sterben m\u00fcssen, desto mehr w\u00e4chst die heimliche Angst. Die Furcht vor dem Tode wird einsam, obwohl sie ja gerade allen gemeinsam ist. Die Furcht vor dem Tod macht uns zu Menschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn wir gleichen zwar den V\u00f6geln des Himmels und den Blumen des Feldes, aber wir gleichen ihnen nur. Wir sind es nicht. Wir sind gerade darin Menschen, dass wir wissen, dass wir sterben m\u00fcssen. Wir entdecken das in der Regel, wenn wir vier Jahre alt sind, und f\u00fcr den Rest unseres Lebens m\u00fcssen wir mit diesem Bewusstsein leben sowohl als Furcht als auch als einen Reichtum.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir den Gedanken an den Tod nicht von uns schieben, dann ist es eben dieser Gedanke, der uns Weisheit, Aufmerksamkeit und Wachsamkeit angesichts der Sch\u00f6nheit des Lebens und dem Geschenk der Zeit verleiht. \u201eLehre uns bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen, auf dass wir klug werden\u201c (Ps. 90,12), hei\u00dft es in einem anderen alttestamentlichen Psalm. Lehre mich der Tatsache ins Auge zu sehen, dass meine Tage gez\u00e4hlt sind, meine Tage begrenzt sind \u2013 sie ist kostbar und soll nicht vergeudet werden mit Gleichg\u00fcltigkeit und Leere und \u00fcberfl\u00fcssigen Sorgen. Deshalb m\u00fcssen wir an die Blumen des Feldes und die V\u00f6gel des Himmels erinnert werden und uns darin \u00fcben, uns mutig mit unserem eigenen Tod zu vers\u00f6hnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber der Tod des anderen. K\u00f6nnen wir uns auch mit ihm vers\u00f6hnen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Witwe, die hinter der Bahre ihres Sohnes durch das Stadttor von Nain ging, hat wohl tausend Mal gew\u00fcnscht und gebetet, dass sie selbst sterben sollte und nicht ihr Sohn. Sie h\u00e4tte sich wohl gerne zur Ruhe des Todes begeben, wenn ihr Sohn daf\u00fcr leben d\u00fcrfte? Ach ja, und nun geht sie da mit einem leeren Leben und einer Verzweiflung, die viel gr\u00f6\u00dfer ist als die Furcht vor dem eigenen Tod.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Keiner, der um jemanden trauert, den er liebt, kann sich damit vers\u00f6hnen, dass er sagt: \u201eJa, ja, das Leben des Menschen ist wir das Gras, es bl\u00fcht wie die Blume des Feldes, wenn der Wind dar\u00fcber geht, ist sie nicht mehr da, und ihre St\u00e4tte kennt sie nicht mehr\u201c. Denn ganz gleich, wo die Witwe hinschaut, so wird sie sehen, wo er fehlt, die Erinnerung an ihn, die Sehnsucht nach ihm. Der Verlust wird alles sein, was sie seht. Sie gew\u00f6hnt sich daran \u2013 das muss sie ja. Sie muss die Trauer tragen, aber der Verlust des Sohnes verschwindet nie aus ihrem Leben. Sie Trauer wird ein Teil ihres Lebens, so wie der Sohn ein Teil ihres Lebens war.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Mensch ist das Wesen, das wei\u00df, dass wir sterben m\u00fcssen. Aber der Mensch ist auch das Wesen, das sich nicht mit dem Tod vers\u00f6hnen kann. Weil wir lieben. Weil das Leben nie allein uns geh\u00f6rt. Wir geh\u00f6ren einander. Wir geh\u00f6ren zusammen. Wenn ein Mensch stirbt, ist das nicht nur wir die Blumen des Feldes, wo die anderen Blumen \u2013 soweit wir wissen \u2013 weiter bl\u00fchen, davon unber\u00fchrt. Wenn ein Mensch stirbt, zerbricht das Leben f\u00fcr die Menschen, die ihn oder sie geleibt haben. Der Tod des Geliebten ist eine weit gr\u00f6\u00dfere Furcht und Trauer als der eigene.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist die Tauer, die Jesus an diesem Tage in Nain sieht. Und das Wunder, die Auferweckung des Sohnes der Witwe, ist ein Zeichen daf\u00fcr, dass Gott sieht. \u201eSeid ihr nicht viel mehr wert als die Blumen des Feldes?\u201c fragt Jesus, und wenn wir in Bezug auf eine Antwort auf diese Frage zweifeln, so wissen wir dennoch, wenn wir den oder die sehen, die wir lieben: Er oder sie ist f\u00fcr mich weit mehr wert als tausend Blumen. In der Liebe liegt der Wert des Menschen. Und Gott sieht jeden Menschen als den von ihm geliebten mit dem Wert, den die Liebe schenkt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus sah die Trauer der Witwe und heilte den Schmerz. Es gibt Trauer, die nur geheilt werden kann, indem man das wiederbekommt, was man verloren hat. Es hilft nicht, dass man sagt: Die Zeit heilt alle Wunden, und du findest sicher jemand anderes, den du liebst. Denn wir sind das Leben f\u00fcr einander. Niemand kann den ersetzen, der das Leben f\u00fcr mich war.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Auferweckung des Sohnes der Witwe geschieht nicht so sehr f\u00fcr den Jungen, sondern f\u00fcr die Mutter. Jesus \u201egab ihn seiner Mutter\u201c. So ist es &#8211; wir sind einander gegeben, und wir leben von einander.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir uns daran machen, uns Gedanken zu machen \u00fcber das ewige Leben und die Auferstehung von den Toten \u2013 die phantastische Hoffnung, die Jesus in die Welt gesetzt hat und die die Auferweckung des Sohnes der Witwe zu Nain ank\u00fcndigt \u2013 dann denken wir auch an die, die wir lieben. Bekommen wir einander wieder? Was sind Auferstehung und ewiges Leben wert ohne die, die wir lieben? Da k\u00f6nnen wir noch so viel spekulieren \u00fcber Seligkeit und Verwandlung und Wiedergeburt und dass alles ganz anders sein wird als unsere Phantasie das erfasst \u2013 und das tut es sicher, denn wir verstehen weder die Ewigkeit noch die Auferstehung. Aber die eigentliche Hoffnung f\u00fcr den, der liebt, liegt darin, den wiederzusehen, den man liebt. Nur dann ist die Trauer geheilt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Hoffnung auf die Auferstehung des Fleisches ist die Hoffnung darauf, dass die G\u00fcte und Liebe dieses Lebens aus dem Tode und der Leere herausgerissen werden. Und ich bin nur ich selbst in Gemeinschaft mit denen, die ich liebe. Deshalb kann es bei der Auferstehung niemals allein um meine Auferstehung gehen \u2013 die ist ganz gleichg\u00fcltig. Nein, es ist die Hoffnung auf die Auferstehung des Geliebten, der anderen \u2013 die Auferstehung f\u00fcr das gute Leben, die Blumen des Feldes und die V\u00f6gel des Himmels, all die Freude und Sch\u00f6nheit und Liebe, die dieses verletzliche Leben enth\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus gibt sowohl der Trauer als auch der Hoffnung Recht. Er gibt der trauernden Liebe Recht. Da hast das Recht auf Sehnsucht, Schmerz des Verlustes, Trauer, denn der Mensch ist das wert. Und einmal, auf dem Wege aus der Stadt zum Nichts, bekommen wir einander wieder. Wo und wie, das wei\u00df nur Gott, aber wir d\u00fcrfen denken, dass wir in der Ewigkeit auch die seins, die wir f\u00fcr einander hier waren, auch wenn wir nicht ahnen, was das bedeutet. Jesus gibt der Liebe Recht, und die l\u00e4sst sich nur tr\u00f6sten, wenn die den Geliebten wiedersieht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M\u00f6gen wir mit der Hoffnung leben k\u00f6nnen, so als w\u00e4ren wir jeden Tag einander gegeben, als w\u00e4re das Leben neu gegeben. So als h\u00e4tten wir alles wiederbekommen wie die Witwe am Stadttor. Nit der Aufmerksamkeit und der Weisheit, die uns das Bewusstsein von der Auferstehung der Toten schenken, und mit der Freude und der Hoffnung des ewigen Lebens, die Jesus in die Welt gebracht hat. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bisch\u00f6fin Marianne Christiansen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ribe Landevej 37<br \/>\n6100 Haderslev<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: mch(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. Sonntag nach Trinitatis | 24.09.23 |Lukas 7,11-17 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Christiansen | Auferstehung \u2013 nicht unsere, sondern der anderen Das geschieht ja jeden Tag. Das sollte uns nicht verwundern. \u201eSiehe, da trug man einen Toten heraus\u201c. Siehe \u2013 Ja. \u201eEin Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er bl\u00fcht wie eine Blume auf [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":18848,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,514,1,185,157,853,114,484,349,611,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-18858","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-16-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-07-chapter-07-lukas","category-kasus","category-marianne-christiansen","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18858","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18858"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18858\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18859,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18858\/revisions\/18859"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/18848"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18858"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18858"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18858"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=18858"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=18858"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=18858"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=18858"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}