{"id":18874,"date":"2023-09-26T16:30:25","date_gmt":"2023-09-26T14:30:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18874"},"modified":"2023-09-26T16:55:11","modified_gmt":"2023-09-26T14:55:11","slug":"lukas-141-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-141-11\/","title":{"rendered":"Lukas 14,1-11"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">17. Sonntag nach Trinitatis | 01.10.23 | Lk 14,1-11 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Jan Sievert Asmussen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>\u201dIch habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer\u201d (Hos 6,6).<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Wort \u201eSabbat\u201c taucht auf in diesem Predigttext. Im Kontext der j\u00fcdischen Kultur war und ist dies der Tag der Woche, wo man versucht, zwischen dem, was <em>wesentlich<\/em> ist, und dem, was <em>unwesentlich<\/em> ist, zu unterscheiden. Das w\u00f6chentliche \u201esimple living\u201c-Programm, mit dem man seinen Sinn f\u00fcr Arbeit und Verantwortung reinigen kann. Nicht schuften und rennen, sondern endlich nach <em>sechs Tagen<\/em> in der Tretm\u00fchle des Alltags wieder ein <em>ganzer Mensch<\/em>werden. Ein ganzer Tag von 24 Stunden vom Sonnenuntergang am Freitag bis zum Sonnenuntergang am Sonnabend, wo das <em>Jammertal<\/em> zum Paradies wird und Stress zu unbedingter Ruhe. Zeit f\u00fcr die Familie, Zeit zum Meditieren und Kr\u00e4ftesammeln. Der Sabbat bedeutet einen Spaziergang zur Synagoge und Zeit, mit sich selbst und mit Gott zu sein in dem vertrauten Raum und Ritual. Alle Sorgen hinter sich lassen und nur <em>zwei Fragen<\/em> im Kopf: Was soll ich mit meinem Leben? Was sagt Gott zu mir?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0 In unserer Gesellschaft, wo die Online-Gesellschaft und die immer ge\u00f6ffneten Gesch\u00e4fte uns eine gemeinsame w\u00f6chentliche Atempause genommen haben, ist der Sonntagvormittag in der Kirche \u2013 also das, was wir jetzt gerade erleben \u2013 ein letzter Rest des Sabbats: Die Christen verlegten ja den Ruhetag auf den Sonntag, den Tag der Auferstehung unseres Herrn. Der Gedanke daran, was du mit deinem Leben willst und was Gott dir sagt, h\u00e4tte den Frieden und die Freude eines ganzen langen Sonntages verdient. Aber alle Einkaufszentren, IKEA und die Superm\u00e4rkte haben ge\u00f6ffnet. Du brauchst den Sonntag nicht zu etwas Besonderem zu machen. \u201eGott heiligte den siebenten Tag und ruhte\u201c, hei\u00dft es im Sch\u00f6pfungsbericht der Bibel. Wenn wir also Beispiele daf\u00fcr finden wollen, was Ruhetag bedeutet, m\u00fcssen wir nach etwas ganz anderem suchen als dem sonnt\u00e4glichen Gottesdienst. Vielleicht ist es eher das Bild vollkommener Ruhe und Harmonie aus euren Sommerferien vor drei Monaten, von dem Kaffeetisch unter schattigen B\u00e4umen, Fotos von einem selbst am Strand, auf dem Liegestuhl mit Strohhut und einem Drink in Reichweite.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0 Wie gerne m\u00f6chte ich Euch mitnehmen auf eine Phantasiereise oder Meditations\u00fcbung zur\u00fcck zu einem solchen sch\u00f6nen friedvollen Ort, einer Oase in der Zeit. Sonntag, Ferien, Sommer. Wie sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn wir gemeinsam ein goldenes inneres Licht in uns an diesem Sonntagvormittag schaffen k\u00f6nnten, das bis in den Nachmittag bis hin in einen goldenen Sonntagabend hinein strahlen k\u00f6nnte. Es w\u00e4re sch\u00f6n, euren Atem tief und ruhig zu machen, so dass ihr merken w\u00fcrdet, dass ihr wirklich <em>lebt<\/em>. Wie sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn die eine Stunde, die wir gerade zusammen sind, dazu f\u00fchrt, dass ihr euch wohlf\u00fchlt wie ein kleines Kind. Es k\u00f6nnte sch\u00f6n sein, sich das als Ziel zu setzen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 Aber das funktioniert nicht, und wisst ihr warum? Mitten im Christentum gibt es nicht einen <em>feel-good-Guru<\/em>, einen best\u00e4tigenden und anerkennenden Lebensstil-Experten, der seine <em>Feng Shui<\/em> mit uns teilt. Mitten im Christentum ist ein flatternder, kratzender, emp\u00f6rter, Unruhe stiftender, unbequemer Jesus. Er, f\u00fcr den N\u00e4chstenliebe erst voll ausgelebt ist, wenn sie auch Feindesliebe einschlie\u00dft. Er, f\u00fcr den der Ersten die Letzten werden und die Letzen die ersten. Er, der \u00fcber die K\u00f6pfe aller selbstverst\u00e4ndlichen Kandidaten den kleinen Kindern verspricht, dass ihnen das Reich Gottes geh\u00f6rt. Er, der schlie\u00dflich seinem eigenen Verr\u00e4ter Judas vergibt. Er, der allen Ernstes ein Dutzend einfache Fischer und Bauern zu seinen Boten macht und der zudem allen getauften Menschen die Verantwortung anvertraut, sein verl\u00e4ngerter Arm hier in der Welt zu sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 Das ist allzu beunruhigend, als dass wir uns der Sonntagsmeditation hingeben k\u00f6nnten. Denn mitten in all dem steht die Frage Jesu: \u201eWer ist unter euch, dem sein Sohn oder sein Ochse in den Brunnen f\u00e4llt und der ihn nicht alsbald herauszieht, auch am Sabbat?\u201c Hier stellt sich die Frage: Wozu soll dein pers\u00f6nlicher Freiraum genutzt werden? Vielleicht ist da jemand, der dich vermisst, w\u00e4hrend du es dir wohl sein l\u00e4sst in Wohlbefinden und Genuss, die du verdient zu haben meinst. Wer ist dabei, im Brunnen zu ertrinken, w\u00e4hrend du das Leben genie\u00dft? All das, was das Christentum zu sagen hat, an andere zu denken, ehe du an dich selber denkst, st\u00f6rt deinen feinen Sabbat. Wie kannst du auf dem Sofa liegen, wenn es an deiner T\u00fcr klopft?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0 Ihr k\u00f6nnt es vielleicht merken: Eben hier wird deine Sonntagsruhe gest\u00f6rt. Hier wird dein Genuss torpediert von zwei radikalen, bohrenden Fragen, die du schon in dieser Predigt geh\u00f6rt hast: Was soll ich mit meinem Leben? Was sagt Gott zu mir? Eben die Fragen, deren Antwort der Fromme Jude in der Synagoge suchte. F\u00fcr Jesus aber gibt es diese Antwort nicht in der religi\u00f6sen Kultsituation, weder im Tempel noch in der Synagoge oder der Kirche. Die Frage, was ich in meinem Leben soll, sie findet ihre wahre Antwort an einem einzigen Ort, n\u00e4mlich in der Begegnung mit meinem Mitmenschen. Das kann Ruhe und Zeit erfordern, vielleicht sogar Sonntagsruhe und innere Kl\u00e4rung, um einen Blick f\u00fcr deinen Mitmenschen zu bekommen, deine F\u00e4higkeit zur Vergebung und Liebe zu mobilisieren. Das kann einsame Spazierg\u00e4nge, Sommerferien und Erholung erfordern, um die Reste von Lebensklugheit am besten aufzubieten, die du erworben hast. Das Ziel aber, der Sinn von deinem Tun, das liegt im Alltag bei deinem N\u00e4chsten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0 Das tut es so sehr, dass Jesus sagen w\u00fcrde, dass Gottesdienst schlichtweg praktizierte Liebe <em>ist<\/em>. Ja, mit einer weiteren Pointe: Gottesdienst, der nur sich selbst will und nur mentale Sch\u00f6nheit schaffen will, wird sinnlos und disqualifiziert sich mit einem Knall. Dem Knall, mit dem Jesus die St\u00e4nde in Jerusalem umstie\u00df. \u201eMein Haus soll ein Bethaus hei\u00dfen, ihr aber macht eine R\u00e4uberh\u00f6hle daraus\u201c. Jesus ist unbequem, und damit steht er in der Bibel nicht allein da. Hinter ihm stehen eine Reihe von unbequemen und bissigen Propheten \u2013 wie z.B. Hosea, der um 700 vor Christus dasselbe Anliegen hatte.\u00a0 Zu dieser Zeit war Hochkonjunktur in Israel, \u00dcberschuss in allen Bilanzen \u2013 und der religi\u00f6se Kult bl\u00fchte auf Kosten der F\u00fcrsorge und N\u00e4chstenliebe. Hosea aber blieb bei seiner unbequemen Botschaft: Kult ohne Liebe z\u00e4hlt nicht. \u201eDarum schlug ich drein durch die Propheten und t\u00f6tete sie durch die Worte meines Mundes, dass mein Recht wie das Licht hervorkomme. Denn ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer\u201c (Hosea 6,5-69).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 Es ist wie ein Echo auf Religion als eine Frage innerer Ruhe, wenn Jesus sagt: \u201eDer Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen\u201c (Markus 2,27). Das bedeutet, dass sie Zeit, die f\u00fcr Erholung nutzen, nie ein Selbstzweck ist. Gottesdienste wie der, den wir gerade halten, verweisen nicht auf sich selbst, sondern auf den wahren Dienst Gottes, der ein Dienst f\u00fcr den N\u00e4chsten ist. Nicht hier drinnen, sondern drau\u00dfen. Es kann einen Gang zur Synagoge oder der Kirche erfordern, um das zu sehen, als die Lebensaufgabe da drau\u00dfen au\u00dferhalb der Kirche zu sehen. Darin liegt die Berechtigung der ganzen religi\u00f6sen Institution und die Begrenzung der ganzen religi\u00f6sen Institution. \u201eWas hei\u00dft lieben?\u201c fragt Martin Luther in seiner Predigt, die er 1525 \u00fcber diesen Text aus dem Lukasevangelium \u00fcber den Sabbat gehalten hat: \u201eWas hei\u00dft aber lieben? Es hei\u00dft nicht, mit Gedanken umgehen, sondern von Herzen dem N\u00e4chsten g\u00fcnstig sein, mit dem Wort tr\u00f6sten und strafen, wo es n\u00f6tig ist, und mit Rat und Tat behilflich sein, und also an Leib und Seele helfen \u2026 Solches, spricht der Herr, gebietet dir Gott eben auf den Sabbat; ja, dass wohl mehr ist, er hat den Sabbat darum eingesetzt, dass du es h\u00f6ren und lernen sollst, deinem N\u00e4chsten freundlich zu sein mit Worten, und die Hilfe mit der Tat, wo er es bedarf. \u2026 \u00a0Den &#8222;Sabbat heiligen&#8220; hei\u00dft Gottes Wort h\u00f6ren und Heilige Werke tun, den N\u00e4chsten lieben, und ihm tun, was er bedarf, Gehorsam sein, barmherzig sein, hilfreich, raten, tr\u00f6sten, Essen und Trinken geben \u2026 \u00a0Solches soll man am Sabbat tun, und hei\u00dft Gott recht dienen. Denn der anderen n\u00e4rrischen Gottesdienste bedarf er nicht &#8230; Deswegen soll bei uns Christen alle Tage Sabbat sein. Denn wir sollen alle Tage Gottes Wort h\u00f6ren und unser Leben danach ausrichten\u201c. Was ist also wahrer Gottesdienst? Nicht das, was hier in der Kirche geschieht, sondern das, was du in deinem Alltag tust. Es gibt nur einen Ort, wo du Gott dienen kannst, und das ist der Kontakt zu deinem N\u00e4chsten. Vielleicht erfordert das Ruhe, um den Funken zu diesem Kontakt zu finden \u2013 und nur dies ist es, was die Kirche und Gottesdienst dir vielleicht geben k\u00f6nnen: Dass wir anderen zu Nutzen und Freude hier in der Welt werden und damit Gott dienen. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Jan Sievert Asmussen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 3520 Farum<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Emal: jsas(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17. 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