{"id":18904,"date":"2023-10-04T15:03:08","date_gmt":"2023-10-04T13:03:08","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18904"},"modified":"2023-10-04T11:10:40","modified_gmt":"2023-10-04T09:10:40","slug":"exodus-201-17-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-201-17-3\/","title":{"rendered":"Exodus 20,1-17"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Gebote der Freiheit \u2013 die Aktualit\u00e4t des Dekalogs |\u00a0<\/strong>18. Sonntag nach Trinitatis | 08.10.23 |\u00a02. Mose 20,1-17 | Johannes L\u00e4hnemann |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">was bedeutet dieser uralte Text von vor mehr als 2.500 Jahren? Was bedeuten diese 10 Gebote? Manche unter uns werden sie im Konfirmandenunterricht gelernt haben, zusammen mit Martin Luthers Erkl\u00e4rungen. Was bedeuten diese Gebote f\u00fcr mich, f\u00fcr unsere Gemeinschaft, f\u00fcr unsere Gesellschaft?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich nenne sie Gebote der Freiheit, obwohl sie vordergr\u00fcndig viele Verbote enthalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gebote der Freiheit sind sie, weil sie von einer fundamentalen Befreiungserfahrung herkommen, davon, dass Gott sein Volk Israel aus der Knechtschaft, der Sklaverei in \u00c4gypten herausgef\u00fchrt hat.<a href=\"applewebdata:\/\/6BEA8B28-2C11-4985-83F6-47BF9DC65761#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Und sie wollen zur Freiheit hinf\u00fchren. Denn frei ist nur eine Gesellschaft, in der die Gebote gelten, vor allem die 2. H\u00e4lfte der Gebote \u2013 eine Gesellschaft, in der es Mitmenschlichkeit gibt, eine Gesellschaft, in der es Gerechtigkeit gibt, eine Gesellschaft, in der es Aufrichtigkeit und Barmherzigkeit gibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich m\u00f6chte den Geboten nachgehen und sie auf uns und unsere Zeit beziehen. Ich m\u00f6chte Sie dabei auf einen weiten Weg mitnehmen, auf dem Sie sich auch ganz pers\u00f6nlich angesprochen f\u00fchlen k\u00f6nnen.\u00a0 Ich m\u00f6chte Spuren folgen, die die Gebote nicht im Sinne von Drohungen wahrnehmen, sondern die ihren befreienden Sinn erkannt haben. Dazu hilft mir Jesu Auslegung der Gebote, dabei helfen mir Martin Luthers Erkl\u00e4rungen, dabei hilft mir aber auch ein moderner Text, und zwar die von Hans K\u00fcng angesto\u00dfene Erkl\u00e4rung f\u00fcr ein Weltethos, die im Dialog mit den verschiedenen Religionen entstanden ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zum <strong>ersten Gebot<\/strong>: \u201e2\u00a0Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus \u00c4gyptenland, aus der Knechtschaft, gef\u00fchrt habe. 3\u00a0Du sollst keine anderen G\u00f6tter haben neben mir. 4\u00a0Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: 5\u00a0Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!\u201c Dieses Gebot ist die Grundlage: Auf Gott, der in die Freiheit gef\u00fchrt hat, soll sich der Glaube und das Vertrauen richten. Der Glaube soll sich nicht an Bildern festmachen, an Vordergr\u00fcndigem, an Dingen, er soll nichts von Menschen Gemachtes verehren. Martin Luther hat das in seinem gro\u00dfen Katechismus verdeutlicht, wenn er dort sagt: \u201eWorauf du Dein Herz h\u00e4ngest und verl\u00e4ssest, das ist eigentlich dein Gott.\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/6BEA8B28-2C11-4985-83F6-47BF9DC65761#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Und er erl\u00e4utert das ganz konkret, wenn er schreibt: \u201eEs ist mancher, der meintet, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat; \u2026 Siehe, dieser hat auch einen Gott, der hei\u00dfet Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzet, welches auch der allergew\u00f6hnlichste Abgott auf Erden ist. \u2026Ebenso auch, wer darauf trauet und trotzet, dass er gro\u00dfe Gelehrsamkeit, Klugheit, Gewalt, Gunst, Verwandtschaft und Ehre hat, der hat auch einen Gott, aber nicht diesen rechten, einzigen Gott.\u201c Ich denke, es f\u00e4llt uns nicht schwer, die G\u00f6tzen zu finden, die heute angebetet werden, denen man Opfer bringt, die sich als Heilsbringer aufspielen, die sich als Stars \u00fcber alle anderen erheben. Davon will uns das erste Gebot frei machten. Martin Luther beschreibt das so: \u201eWas hei\u00dft, einen Gott haben, oder was ist Gott? Antwort: ein Gott hei\u00dfet das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen N\u00f6ten.\u201c Gott, den uns Jesus zeigt als den liebenden Vater, dem die Kleinen, die Armen und Bedr\u00e4ngten am Herzen liegen, der wie der Vater im Gleichnis den verlorenen Sohn aufnimmt und der in Jesus teilnimmt am menschlichen Leben, ja auch am menschlichen Leiden, der ist es, den wir lieben und ehren sollen. Martin Luther gebraucht daf\u00fcr ein besonders starkes Bild. Er sagt: \u201eGott\u00a0ist\u00a0ein\u00a0gl\u00fchender\u00a0Backofen\u00a0voller\u00a0Liebe, der da reicht von der Erde bis zum Himmel\u201c. So hat Martin Luther Gott beschrieben, vor ziemlich genau 500 Jahren, in seiner Predigt am 15. M\u00e4rz 1522.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dass Gottes Name nicht missbraucht werden soll \u2013 <strong>das 2.\u00a0 Gebot<\/strong> \u2013 geh\u00f6rt dazu. Gottes Namen missbraucht, wer ihn benutzt, um Hass und Aggression zu rechtfertigen, wie es in der Geschichte leider immer wieder geschehen ist. Besonders skrupellose Ideologen und Tyrannen haben Gottes Namen missbraucht und tun es immer noch. Unser Volk hat das in der Gewaltgeschichte des Nationalsozialismus erfahren m\u00fcssen. Islamistische Terroristen tun es, wenn sie mit dem Ruf \u201eAllahu akbar\u201c \u2013 \u201eGott ist gro\u00df\u201c ihre m\u00f6rderischen Taten begleiten. Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill in Moskau rechtfertigt den Angriffskrieg gegen die Ukraine ebenso im Namen Gottes. Aber was ist von den Halbg\u00f6ttern geblieben, die ihre Gr\u00e4ueltaten so religi\u00f6s gerechtfertigt haben \u2013 einem Franco, einem Mussolini, einem Hitler \u2013 au\u00dfer der bitteren Erinnerung, dass viel Blut an ihren H\u00e4nden klebte?!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kommen wir jetzt zum <strong>dritten Gebot<\/strong>, der Heiligung des Sabbattages. Sie wird in unserem Text besonders ausf\u00fchrlich begr\u00fcndet und vom Sch\u00f6pfungswerk Gotts abgeleitet. Bei ihm ruhte Gott am 7. Tag von allen seinen Werken. Dieses Gebot ist in der Geschichte der Religionen etwas ganz Besonderes. Es ist ein ma\u00dfgebliches Merkmal des Judentum geworden und hat eine tiefe Bedeutung. Die Ruhe am Sabbat gilt f\u00fcr Menschen in jedem Stand, gerade auch f\u00fcr die Knechte, die hart arbeiten mussten, ja auch f\u00fcr die Tiere. Im orthodoxen Judentum wird es bis heute mit vielen einzelnen Vorschriften ernst genommen. Sie k\u00f6nnen \u00e4u\u00dferlich gesehen gesetzlich und einengend erscheinen. So wird es im Judentum aber nicht verstanden, sondern das Sabbatgebot wird als hilfreiche Weisung gesehen. Sie durchbricht die \u00dcberlastung durch die Alltagspflichten und gibt dem Leben einen heilsamen Rhythmus. Heilsam soll die Ruhezeit sein, nicht ein fesselndes Gesetz. Das hat Jesus gezeigt, wenn er auch am Sabbat kranke Menschen heilt und das damit begr\u00fcndet, dass der Sabbat um des Menschen willen geschaffen ist und nicht der Mensch um des Sabbat willen. Ich denke aber, die Ruhezeit, die M\u00f6glichkeit der Besinnung, das Erleben der Gemeinschaft, das Absch\u00fctteln des Stress ist etwas, was wir, was unsere Gesellschaft gegenw\u00e4rtig ganz besonders braucht und was auch notwendig immer wieder gesetzlich gesch\u00fctzt werden muss. Die gottesdienstliche Besinnungsstunde am Sonntag \u2013 oder sei es auch das andachtsvolle Innehalten an einem anderen Zeitpunkt \u2013 ist f\u00fcr mich \u2013 und ich denke auch f\u00fcr Sie \u2013 ein wichtiges Element des Ruhig-Werdens, des geistlichen Nachdenkens, des Kraftsch\u00f6pfens f\u00fcr unser Leben, f\u00fcr unsere Aufgaben, f\u00fcr unsere Arbeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das <strong>vierte Gebot<\/strong> ist das Gebot, dem ein besonderes Versprechen, eine besondere Verhei\u00dfung beigegeben ist. \u201eDu sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.\u201c Martin Luther hat die Verhei\u00dfung im Kleinen Katechismus entgrenzt und sagt \u201eauf dass du lange lebest <em>auf Erden<\/em>.\u201c In Israel damals war damit vor allem gemeint, dass die Kinder es als Pflicht wahrnehmen sollten, die Eltern auch im Alter zu achten und zu ehren und f\u00fcr sie zu sorgen. Eine andere Absicherung gab es f\u00fcr alte Menschen nicht.\u00a0 Auf unsere Lebenszusammenh\u00e4nge bezogen aber bedeutet dieses Gebot, die Chancen der Familie als eine liebende und sich st\u00fctzende Gemeinschaft zu pflegen und zu st\u00fctzen. Das gilt nicht nur f\u00fcr die Kinder im Blick auf ihre Eltern, sondern auch umgekehrt f\u00fcr die Eltern im Blick auf die Kinder. In der Vielfalt, in der es heute Lebensgemeinschaften gibt, ist das eine besondere Herausforderung, menschlich und achtungsvoll miteinander umzugehen \u2013 auch da, wo es Spannungen und Streit gibt, wo Beziehungen nicht aufrecht erhalten werden k\u00f6nnen. Immer noch ist die Familie der tragende Grundbestand unserer Gesellschaft. Dass es langes, gutes Leben geben kann, h\u00e4ngt ganz wesentlich davon ab, dass wir uns in unseren Familien achten und einander beistehen, aber auch, dass wir unsere Familienkreise \u00f6ffnen, dass Alleinstehende nicht allein, dass Einsame nicht einsam bleiben m\u00fcssen, und besonders, dass Kinder helfende, st\u00fctzende Begleitpersonen haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nach dem 4. Gebot wird unser Gebotstext auf einmal ganz knapp und direkt: Vier Mal folgt \u201eDu sollst nicht \u2026\u201c:\u00a0\u201eDu sollst nicht t\u00f6ten.\u201c \u201eDu sollst nicht ehebrechen.\u201c \u201eDu sollst nicht stehlen.\u201c \u201eDu sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen N\u00e4chsten.\u201c Dahinter folgen noch das 9. und 10. Gebot, dass man das Gut des N\u00e4chsten nicht begehren soll. Das k\u00f6nnen wir mit dem Gebot \u201eDu sollst nicht stehlen\u201c zusammen sehen. Unerl\u00e4utert werden diese Gebote da hingestellt. Und doch steckt in ihnen der ganze Grundbestand f\u00fcr die Gestaltung eines heilvollen, guten Zusammenlebens in unseren pers\u00f6nlichen Beziehungen, aber auch in unserer Gesellschaft insgesamt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus hat sich immer wieder auf diese Gebote bezogen, und er hat die Gesinnung und das Verhalten angeprangert, das zum T\u00f6ten, zum Ehebrechen, zum Stehlen, zum falschen Zeugnis f\u00fchrt. In der Bergpredigt sagt er: \u201eIhr habt geh\u00f6rt, dass zu den Alten gesagt ist: <strong>Du sollst nicht t\u00f6ten<\/strong>; wer aber t\u00f6tet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder z\u00fcrnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz! der ist des Hohen Rats schuldig.\u201c Jesus wei\u00df, dass die b\u00f6sartige Einstellung, der Hass dem Anderen gegen\u00fcber die Wurzel daf\u00fcr ist, dass dem Anderen das Leben schwer gemacht wird, dass sie der Ansatz dazu ist, ihm den Lebensraum zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Martin Luther hat sich umgekehrt darum bem\u00fcht, dem Verbot ein positives Verhalten gegen\u00fcberzustellen. Im Kleinen Katechismus hei\u00dft es: \u201eDu sollst nicht t\u00f6ten. Was ist das? Wir sollen Gott f\u00fcrchten und lieben, dass wir unserem N\u00e4chsten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und f\u00f6rdern in allen N\u00f6ten.\u201c Dem N\u00e4chsten in seinem Leben helfen und ihn f\u00f6rdern in allen N\u00f6ten, das kann sich jeder von uns gesagt sein lassen. Das macht unser Leben und unser Zusammenleben hell und frei.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dar\u00fcber hinaus geht es aber auch um die gesellschaftliche Dimension des 5. Gebotes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und damit komme ich zu einem weiteren Text, zu einem Dokument, das die Gebote zu Geboten der Freiheit macht. Es ist die Erkl\u00e4rung zum Weltethos, die vor gut 30 Jahren von Professor Hans K\u00fcng angesto\u00dfen wurde und 1993 beim Parlament der Weltreligionen von mehr als 200 F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten der verschiedenen Religionen unterzeichnet wurde.<a href=\"applewebdata:\/\/6BEA8B28-2C11-4985-83F6-47BF9DC65761#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dahinter steht die Erkenntnis, dass den Krisen, die es gegenw\u00e4rtig weltweit gibt \u2013 der Krise durch Kriege und Konflikte, der Krise durch den Raubbau an unserem Planeten, der Krise durch Verletzung der Menschenrechte, der Krise durch menschenverachtende Ideologien und mit ihr verbunden die Manipulation von Nachrichten und Meinungen durch \u00dcberzeugungen und Grunds\u00e4tze begegnet werden muss, die weltweit Anerkennung finden k\u00f6nnen. Um solche Grunds\u00e4tze zu formulieren, hat Hans K\u00fcng Menschen aus ganz verschiedenen Religionen und weltanschaulichen \u00dcberzeugungen angesprochen und mit ihnen die Erkl\u00e4rung zum Weltethos formuliert. In ihr hei\u00dft es: \u201eWir, M\u00e4nner und Frauen aus verschiedenen Religionen und Regionen dieser Erde, wenden uns \u2026 an alle Menschen, religi\u00f6se und nichtreligi\u00f6se. Wir wollen unserer gemeinsamen \u00dcberzeugung Ausdruck verleihen:<\/p>\n<ul>\n<li>Wir alle haben eine Verantwortung f\u00fcr eine bessere Weltordnung.<\/li>\n<li>Unser Einsatz f\u00fcr die Menschenrechte, f\u00fcr Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Erde ist unbedingt geboten.<\/li>\n<li>Unsere sehr verschiedenen religi\u00f6sen und kulturellen Traditionen d\u00fcrfen uns nicht hindern, uns gemeinsam aktiv einzusetzen gegen alle Formen der Unmenschlichkeit und f\u00fcr mehr Menschlichkeit.\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nun kommen die Gebote, die es \u00e4hnlich auch im Buddhismus gibt, neu in den Blick. Aus ihnen werden vier unverr\u00fcckbare Weisungen gewonnen. Dazu werden die Gebote positiv formuliert und \u00fcber den pers\u00f6nlichen Bereich in den sozialen und gesellschaftlichen Bereich hinein ausgelegt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Gebot \u201eDu sollst nicht t\u00f6ten\u201c hei\u00dft dann positiv: \u201eHab Ehrfurcht vor dem Leben\u201c. Es soll eine <strong>Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor dem Leben<\/strong> begr\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dazu hei\u00dft es: \u201eDie menschliche Person ist unendlich kostbar und unbedingt zu sch\u00fctzen. Aber auch das Leben der Tiere und Pflanzen, die mit uns diesen Planeten bewohnen, verdient Schutz, Schonung und Pflege. Hemmungslose Ausbeutung der nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen, r\u00fccksichtlose Zerst\u00f6rung der Biosph\u00e4re, Militarisierung des Kosmos sind ein Frevel. \u2026 Wir alle sind in diesem Kosmos miteinander verflochten und voneinander abh\u00e4ngig. Jeder von uns h\u00e4ngt ab vom Wohl des Ganzen. \u2026Wahrhaft Mensch sein hei\u00dft im Geist unserer gro\u00dfen religi\u00f6sen und ethischen Traditionen, schonungsvoll und hilfsbereit zu sein, und zwar im privaten wie im \u00f6ffentlichen Leben.\u201c Die Weltethoserkl\u00e4rung richtet sich also an einen jeden, eine jede unter uns: Wo kann ich, wo k\u00f6nnen wir an der Bewahrung und F\u00f6rderung des Lebens um uns, bei unseren Mitmenschen und und im Blick auf unsere weltweite Verantwortung mitwirken?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Gebot \u201e<strong>Du sollst nicht stehlen<\/strong>\u201c lautet dann positiv: \u201eHandle gerecht und fair\u201c. Es soll eine <strong>Kultur der Solidarit\u00e4t und eine gerechte Wirtschaftsordnung<\/strong> entwickelt werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dazu hei\u00dft es: \u201e\u2026wenn sich die Lage der \u00e4rmsten Milliarde Menschen auf diesem Planeten, darunter besonders die der Frauen und Kinder, entscheidend ver\u00e4ndern soll, so m\u00fcssen die Strukturen der Weltwirtschaft gerechter gestaltet werden. Individuelle Wohlt\u00e4tigkeit und einzelne Hilfsprojekte, so unverzichtbar sie sind, reichen nicht aus. Es braucht die Partizipation aller Staaten und die Autorit\u00e4t internationaler Organisationen, um zu einem gerechten Ausgleich zu kommen. \u2026Wahrhaft menschlich sein hei\u00dft im Geist unserer gro\u00dfen religi\u00f6sen und ethischen Traditionen: \u2026Statt die wirtschaftliche und politische Macht in r\u00fccksichtslosem Kampf zur Herrschaft zu missbrauchen, ist sie zum Dienst an den Menschen zu gebrauchen. Wir m\u00fcssen einen Geist des Mitleids mit den Leidenden entwickeln und besondere Sorge tragen f\u00fcr die Armen, Behinderten, Alten, Fl\u00fcchtlinge, Einsamen. \u2026 Statt einer unstillbaren Gier nach Geld, Prestige und Konsum ist wieder neu der Sinn f\u00fcr Ma\u00df und Bescheidenheit zu finden. Denn der Mensch der Gier verliert seine \u201aSeele\u2018, seine Freiheit, seine Gelassenheit, seinen inneren Frieden und somit das, was ihn zum Menschen macht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Gebot \u201e<strong>Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen N\u00e4chsten<\/strong>\u201c, kurz gefasst \u201eDu sollst nicht l\u00fcgen\u201c bedeutet positiv: Rede und handle wahrhaftig! Es soll zu einer <strong>Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit<\/strong>f\u00fchren. Diese Kultur ist gegenw\u00e4rtig besonders bedroht dadurch, wie sich Hass und Beschimpfung in den sozialen Medien ausbreiten k\u00f6nnen und wie im \u00f6ffentlichen Leben mit einseitigen Parolen, mit fake news und schlichtweg L\u00fcgen Politik gemacht werden kann. Deshalb sollten, so hei\u00dft es in der Erkl\u00e4rung, \u201eschon junge Menschen in Familie und Schule lernen, Wahrhaftigkeit in Denken, Reden und Tun einzu\u00fcben. Jeder Mensch hat ein Recht auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Er hat das Recht auf die notwendige Information und Bildung, um die f\u00fcr sein Leben grundlegenden Entscheidungen treffen zu k\u00f6nnen. \u2026 Bei der heutigen t\u00e4glichen Flut von Informationen sind ethische Ma\u00dfst\u00e4be eine Hilfe, wenn Tatsachen verdreht, Interessen verschleiert, Tendenzen hofiert und Meinungen verabsolutiert werden.\u201c Wahrhaftigkeit gilt aber auch in unserem pers\u00f6nlichen Umgang miteinander. Martin Luther hat das in seiner Erl\u00e4uterung zum 8. Gebot auf den Punkt gebracht, indem er schreibt: \u201eWir sollen Gott f\u00fcrchten und lieben, dass wir unsern N\u00e4chsten nicht bel\u00fcgen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren.\u201c Gutes vom anderen reden, das ist das Gegenteil davon, andere schlecht zu machen, b\u00f6se Ger\u00fcchte zu verbreiten. Es bedeutet, das Positive bei unserem N\u00e4chsten zu erkennen, Wege zum Verstehen suchen, auch wenn das oft nicht leicht f\u00e4llt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gutes suchen, das hilfreiche Gespr\u00e4ch pflegen, in Achtung miteinander umgehen, das gilt auch f\u00fcr die Partnerschaft von Mann und Frau, auf die es beim <strong>6. Gebot<\/strong> ankommt: Du sollst nicht ehebrechen. In der Weltethoserkl\u00e4rung wird das ausgeweitet. In negativer Hinsicht wird gesagt: \u201eDu sollst nicht Unzucht treiben\u201c und das wird auch besonders auf ausbeuterischen Sex bezogen. Positiv steht dem die Aufforderung gegen\u00fcber: Achtet und liebet einander. Es soll eine <strong>Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau<\/strong> gepflegt werden. Das ist ein gro\u00dfes und hei\u00dfes Thema in unserer Zeit, in der die herk\u00f6mmlichen patriarchalischen Familienstrukturen nicht mehr gelten sollen und sich eine Vielfalt von Lebensmodellen entwickelt hat. Klar ist: Die Beziehung zwischen Mann und Frau soll nicht durch Bevormundung oder Ausbeutung bestimmt sein, sondern durch Liebe, Partnerschaftlichkeit und Verl\u00e4sslichkeit. Das ist auch Jesus wichtig, wenn er die damals leichte M\u00f6glichkeit der Ausstellung eines Scheidebriefes durch den Mann hinterfragt und wenn er darauf abhebt, das schon der begehrliche Blick auf die Frau eines Anderen der Keim dazu ist, in dessen Ehe einzubrechen. Partnerschaft von Mann und Frau bedeutet aber auch, an der Entwicklung von Gleichberechtigung und gleicher Achtung von M\u00e4nnern und Frauen konsequent zu arbeiten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gibt es so etwas wie eine <strong>Zusammenfassung der 10 Gebote<\/strong>? Da kann uns Jesus die Leitlinie geben, wenn er gefragt wird, welches das gr\u00f6\u00dfte Gebot ist, und darauf mit dem Doppelgebot der Liebe antwortet, der <strong>Liebe zu Gott und den N\u00e4chsten<\/strong> \u2013 eine Antwort, wie sie \u00e4hnlich auch von anderen Rabbinen gegeben worden ist. Im Jahr 2007 haben 138 f\u00fchrende muslimische Pers\u00f6nlichkeiten an die f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten des Christentums einen Brief gerichtet unter dem Motto: Lasst uns zusammenkommen zu einem gemeinsamen Wort.<a href=\"applewebdata:\/\/6BEA8B28-2C11-4985-83F6-47BF9DC65761#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Darin hei\u00dft es, dass Judentum, Christentum und Islam ein gro\u00dfes gemeinsames Erbe haben in dem Doppelgebot der Liebe zu Gott und dem N\u00e4chsten. Und als Jesus gefragt wird: Wer ist denn mein N\u00e4chster? antwortet er mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter, der dem unter die R\u00e4uber Gefallenen unter Zur\u00fcckstellung aller Gefahren f\u00fcr sich selbst hilft und ihm das Leben rettet. Das ist N\u00e4chstenliebe in einer Extremsituation, aber das Handeln eines empfindsamen und in sich freien Menschen, das uns allen ein Beispiel sein kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. em. Dr. Johannes L\u00e4hnemann, Goslar, <a href=\"mailto:johannes@laehnemann.de\">johannes@laehnemann.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes L\u00e4hnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligi\u00f6ser Dialog, Interreligi\u00f6ses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Mitglied am Runden Tisch der Religionen in Deutschland und Mitglied der internationalen Kommission <em>Interreligious Education <\/em>der internationalen Bewegung <em>Religions for Peace <\/em>(RfP).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel \u201eLernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosit\u00e4t.\u201c G\u00f6ttingen (Vandenhoeck &amp; Ruprecht) 2017.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Predigt wird in der romanischen Neuwerkkirche in Goslar gehalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liedempfehlungen: 452,1.2.5 (Er weckt mich alle Morgen), 295 (Wohl denen, die da wandeln),<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">613 (EG Niedersachsen: Liebe ist nicht nur ein Wort)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/6BEA8B28-2C11-4985-83F6-47BF9DC65761#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Siehe hierzu besonders F. Cr\u00fcsemann:\u00a0 Bewahrung der Freiheit. Das Thema des Dekalogs in sozialgeschichtlicher Perspektive. G\u00fctersloh 1993.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/6BEA8B28-2C11-4985-83F6-47BF9DC65761#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> M. Luther: Der Gro\u00dfe Katechismus. In: Martin Luther \u2013 der neue Glaube. 3. Aufl. G\u00f6ttingen 1961.= Luther Deutsch Bd. 3, S. 20f.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/6BEA8B28-2C11-4985-83F6-47BF9DC65761#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> H. K\u00fcng, K.-J. Kuschel (Hg.): Erkl\u00e4rung zum Weltethos. Die Deklaration des Parlamentes der Weltreligionen. M\u00fcnchen 1993.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/6BEA8B28-2C11-4985-83F6-47BF9DC65761#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> www.acommonword.com\/lib\/downloads\/gemeinsames_wort.pdf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebote der Freiheit \u2013 die Aktualit\u00e4t des Dekalogs |\u00a018. Sonntag nach Trinitatis | 08.10.23 |\u00a02. Mose 20,1-17 | Johannes L\u00e4hnemann | Liebe Gemeinde! was bedeutet dieser uralte Text von vor mehr als 2.500 Jahren? Was bedeuten diese 10 Gebote? Manche unter uns werden sie im Konfirmandenunterricht gelernt haben, zusammen mit Martin Luthers Erkl\u00e4rungen. Was bedeuten [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":18899,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,539,1,2,157,853,114,225,686,349,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-18904","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-exodus","category-18-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-at","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-johannes-laehnemann","category-kapitel-20-chapter-20-exodus","category-kasus","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18904","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18904"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18904\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18905,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18904\/revisions\/18905"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/18899"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18904"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18904"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18904"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=18904"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=18904"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=18904"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=18904"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}