{"id":18939,"date":"2023-10-14T18:39:17","date_gmt":"2023-10-14T16:39:17","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18939"},"modified":"2023-10-14T18:39:17","modified_gmt":"2023-10-14T16:39:17","slug":"jakobus-513-18","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jakobus-513-18\/","title":{"rendered":"Jakobus 5,13-18"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Heilend nahe sein \u2013 zur Alltagskunst g\u00f6ttlicher Aufmerksamkeit | 19. Sonntag nach Trinitatis | 15.10.23 | Jak 5,13-18 | Thomas Schlag |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>I. \u00abSeitdem ist nichts mehr so wie es vorher war\u00bb \u2013 Existenzielle Erfahrungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00abSeitdem ist nichts mehr so wie es vorher war\u00bb. Diesen Satz haben vermutlich wir alle schon gesagt, gedacht, geh\u00f6rt. Oft wird dadurch eine positive, ganz besondere biographische Erfahrung zum Ausdruck gebracht: Mit der Geburt des eigenen Kindes, dem erfolgreichen Studienabschluss, einer besonders sinngebenden Lebenserfahrung ist nichts mehr wie es vorher war. Mit einer solchen existenziellen Erfahrung ver\u00e4ndert sich manchmal alles geradezu um 180 Grad und hat Einfluss auf die ganze zuk\u00fcnftige Existenz. In begl\u00fcckender Weise setzt das Leben zum neuen H\u00f6henflug an.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es sind aber auch negative Lebenserfahrungen, die diesen Satz und Gedanken hervorrufen: Durch Krankheit, Verlust und Tod geht ein Riss durch das ganze bisherige Gef\u00fcge des Lebens. Dann ist wortw\u00f6rtlich von einem einschneidenden Ereignis die Rede. Etwas ist unwiederbringlich abgebrochen oder zu Ende. Kein H\u00f6henflug, sondern Tal der Tr\u00e4nen.\u00a0 Die eigene Existenz ist zutiefst ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch in diesen Tagen, in diesem Stunden werden solche einschneidenden und tr\u00e4nenreichen Erfahrungen wieder auf besonders dramatische Weise gemacht. In Israel und Pal\u00e4stina herrschen apokalyptische Zust\u00e4nde. Manche sprechen von einem neuen 11. September. Katastrophales Grauen wird angerichtet und die Folgen sind auf allen Seiten unabsehbar. Seitdem ist nichts mehr so wie es vorher war.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich verfolge entsetzt die Ereignisse und bin auch im Austausch mit Kollegen in Israel. Einer schreibt in einer Mail angesichts der gegenw\u00e4rtigen Ereignisse: \u00abAbgesehen von dem Schrecken f\u00fchlen wir uns alle im Stich gelassen &#8211; von unserer Regierung, von unseren \u00dcberzeugungen, in gewissem Sinne vom Schicksal\/Gott. Solidarit\u00e4t hilft wirklich &#8211; auf einer kollektiven Ebene, aber auch, und das ist noch wichtiger, auf einer pers\u00f6nlichen. \u2026 Ich hoffe, dass bald bessere Zeiten kommen werden, aber ich glaube leider auch, dass ihnen schlechte Zeiten vorausgehen werden. Die Hoffnung ist das Wesentliche.\u00bb<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und ein anderer teilt per Mail schlichtweg den Psalmvers: <em>\u00abDenn er birgt mich in seiner H\u00fctte am Tage des Unheils, er beschirmt mich im Schutz seines Zeltes, hebt mich empor auf einen Felsen.\u00bb<\/em> (Ps 27,5).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und ein dritter notiert am Ende seiner Mail: \u00abUm es noch pers\u00f6nlich zu schreiben: Meine beiden S\u00f6hne wurden zur Armee einberufen, um unser Land zu sch\u00fctzen. Wie praktisch alle jungen Menschen. \u2026 Eure Gedanken und Gebete sind in dieser Zeit sehr wichtig f\u00fcr uns.\u00bb<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man muss davon ausgehen, dass ganz gleichlautende Bitten und Hoffnungen auch von den betroffenen unschuldigen Menschen in die Welt hinausgesandt werden, die nun im Gazastreifen in Todesangst sind, sich auf der Flucht befinden und ebenfalls tiefes Leid erleben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>II. Die Weisheit des Jakobus<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">als ich vor einigen Wochen Titel und Thema dieses heutigen Gottesdienst an die Verantwortlichen der Grossm\u00fcnstergemeinde f\u00fcr die Ank\u00fcndigungen weitergab, schienen die Ereignisse im Nahen Osten noch weit weg zu sein. Das Thema \u00abHeilend nahe sein \u2013 zur Alltagskunst g\u00f6ttlicher Aufmerksamkeit\u00bb w\u00fcrde sich, so meine Annahme, verh\u00e4ltnism\u00e4ssig leicht entfalten lassen. Die weisheitlichen Worte des Jakobus w\u00fcrden sich sozusagen recht leicht in die gesicherten und friedlichen Verh\u00e4ltnisse des Z\u00fcrcher kirchlichen Gemeindelebens eintragen lassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und tats\u00e4chlich kommen diese Verse des Jakobusbriefes auf den ersten Blick undramatisch daher. Die Z\u00fcrcher Bibel gibt diesem Abschnitt unaufgeregt die \u00dcberschrift \u00abGrunds\u00e4tzliche Handlungsanweisungen\u00bb, in der das Folgende zu Lesen ist und zu Geh\u00f6r kommt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>13 Geht es jemandem unter euch schlecht, so bete er; hat jemand Grund zur Freude, so singe er Gott ein Loblied! <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>14 Ist jemand unter euch krank, so rufe er die \u00c4ltesten der Gemeinde zu sich. Die sollen ihn im Namen des Herrn mit \u00d6l salben und \u00fcber ihm beten.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>15 Und das Gebet des Glaubens wird den Ermatteten retten, und der Herr wird ihn aufrichten. Und wenn er S\u00fcnden begangen hat: Es wird ihm vergeben werden.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>16 Bekennt einander also die S\u00fcnden und betet f\u00fcreinander, damit ihr geheilt werdet!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Viel vermag die F\u00fcrbitte eines Gerechten, wenn sie inst\u00e4ndig vorgebracht wird. 17 Elija war ein Mensch mit gleichen Empfindungen wie wir; in seinem Gebet bat er, es m\u00f6ge nicht mehr regnen. Und es regnete nicht auf der Erde drei Jahre und sechs Monate lang.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>18 Und wiederum betete er, und der Himmel gab Regen, und die Erde liess ihre Frucht hervorspriessen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In exegetischen Kommentaren wird dieses 5. Kapitel des Jakobusbriefs \u2013 wiederum recht sachlich \u2013 \u00fcberschrieben mit Titeln wie \u00abAufruf zur Geduld\u00bb, \u00abGemeinde-Angelegenheiten\u00bb, \u00abReaktionen auf \u00c4rger, Krankheit und S\u00fcnde\u00bb<a href=\"applewebdata:\/\/F24FC31E-2788-4CBD-B118-018A2022A4F7#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> oder etwas akademisch-trocken \u00abVon der positiven Wirkkraft verbalen Tuns\u00bb.<a href=\"applewebdata:\/\/F24FC31E-2788-4CBD-B118-018A2022A4F7#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Tats\u00e4chlich ruft auch der weisheitliche Schreiber Jakobus die existentiellen Erfahrungen seiner Gemeindeglieder auf \u2013 Positives und Negatives: Freude, aber eben auch Krankheit, Ermattung, Erfahrungen der S\u00fcnde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber die Handlungsanweisungen an die Gemeinde sind \u2013 eben auf den ersten Blick \u2013 recht pragmatisch gefasst: Wer krank ist, f\u00fcr den soll gebetet werden, wer ermattet ist, soll das Gebet des Glaubens sprechen. Und die F\u00fcrbitte eines Gerechten vermag viel, wenn sie \u2013 so Jakobus \u2013 inst\u00e4ndig vorgebracht wird. Am alttestamentlichen Propheten Elia und dessen Gebet um Regen macht Jakobus anschaulich, wie sehr dann die ganze Erde wieder neu bl\u00fchen und aufseufzen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieser pragmatische Tonfall erinnert nur noch von Ferne an die dramatische Heilung des Gel\u00e4hmten durch Jesus, von der wir vorher in der Schriftlesung geh\u00f6rt haben (Mk 2, 12-12). Die heilsame N\u00e4he, die Jesus ausstrahlt, ist von ganz anderer leibhafter Gestalt und grundver\u00e4ndernder Natur als das, was Jakobus pragmatisch in Worte giesst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man k\u00f6nnte Jakobus\u2019 Verse so verstehen: Wenn f\u00fcr einen unter Euch einmal alles ganz anders und dramatisch wird, habt ihr gen\u00fcgend eigene Ressourcen und Gebete, um Euch um diesen einen bzw, diese eine zu k\u00fcmmern und so Heilung zu bef\u00f6rdern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf heute \u00fcbertragen k\u00f6nnte man folgern: Wenn jemand eine dramatische existenzielle Erfahrung von Krankheit, Sorge, Ermattung macht, sollen und k\u00f6nnen wir als Gemeinde darauf aufmerksam sein, beten und dem nahe sein, der unserer Unterst\u00fctzung bedarf. Und dieser Aufruf an uns als Gemeinde erscheint umso leichter dadurch umsetzbar. Denn wir haben ja l\u00e4ngst ein etabliertes kirchliches und auch staatliches Hilfswesen unterschiedlichster Dienste, Werke und Einrichtungen, die f\u00fcr die Bearbeitung der gr\u00f6ssten N\u00f6te institutionell zust\u00e4ndig sind und verl\u00e4sslich in Anspruch genommen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>III. Und nun? <\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie schrieb doch der eine Kollege aus Israel: \u00abAbgesehen von dem Schrecken f\u00fchlen wir uns alle im Stich gelassen \u2013 von unserer Regierung, von unseren \u00dcberzeugungen, in gewissem Sinne vom Schicksal\/Gott.\u00bb. Und der andere: \u00abEure Gedanken und Gebete sind in dieser Zeit sehr wichtig f\u00fcr uns.\u00bb<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie viele Gebete und Klagen, Hilfeschreie gehen in diesen Tagen gen Himmel \u2013 und bleiben offenkundig unerh\u00f6rt. Sind uns nicht die H\u00e4nde und Mund auf kolossal apokalyptische Weise gebunden? Ist jetzt nicht jedes Wort zu viel?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vorher haben wir gemeinsam die Psalmworte gebetet: \u00abDie Augen des HERRN sind bei den Gerechten und seine Ohren bei ihrem Schreien. \u2026 Schreien die Gerechten, h\u00f6rt es der HERR, und er befreit sie aus all ihrer Not\u00bb. (Psalm 34, 16.18) Ist das nicht alles Schall und Rauch und geht im Kriegsl\u00e4rm unter?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schon Jakobus h\u00e4tte es in all seiner Weisheit doch besser wissen m\u00fcssen: Wenn auf einmal nichts mehr so ist wie es vorher war, kommen die noch so gut gemeinten menschlichen Handlungsanweisungen an ihre Grenze. Im Angesicht der allgegenw\u00e4rtigen Raketen- und Panzerkraft erscheint es doch geradezu als zynisch, jetzt auf die \u00abpositive Wirkkraft verbalen Tuns\u00bb zu setzen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So als ob wir mit unserem Gebet wirklich und ernsthaft etwas ausrichten k\u00f6nnten. So als ob unsere Aufmerksamkeit auf den N\u00e4chsten nicht eigentlich viel zu weit weg ist von all dem, was Menschen in dieser Notsituation tats\u00e4chlich unbedingt ben\u00f6tigen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>IV. Zur\u00fcck zur Weisheit \u2026 und auf den blassblauen Punkt gebracht<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich habe zwischenzeitlich schon einige Male vom weisheitlichen Schreiber Jakobus gesprochen. Man hat dem Autor des Jakobusbriefes durch die Geschichte hindurch vorgeworfen, dass er das menschliche Handeln zu stark in das Zentrum r\u00fccken w\u00fcrde \u2013 und zu wenig vom Vertrauen auf Gott die Rede sei.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Tats\u00e4chlich war sich aber schon Jakobus der Grenzen der eigenen Handlungsf\u00e4higkeit mehr als bewusst. Durch seinen ganzen Brief hindurch finden wir immer wieder sehr deutliche Hinweise darauf, worauf es im Moment der existenziellen Krise wirklich ankommt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er weist die Richtung, indem er einige Zeilen vor diesem Kapitel dr\u00e4ngend und entlarvend fragt: <em>\u00abWoher kommen denn die heftigen Auseinandersetzungen unter euch, woher die Machtk\u00e4mpfe? Doch von den Begierden, die in euren Gliedern zum Krieg r\u00fcsten!\u00bb<\/em> (4,1) Und diesem Gehabe stellt er die folgende Einsicht gegen\u00fcber: <em>\u00abWas ist denn euer Leben? Ein Dampfw\u00f6lkchen, das f\u00fcr kurze Zeit sichtbar ist und gleich wieder vergeht. Sagt stattdessen: \u2018Wenn der Herr es will, werden wir am Leben bleiben und dies und jenes tun\u2019.\u00bb<\/em> (4,14b-15)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit anderen Worten: Notwendig ist es, im Tal der Tr\u00e4nen die eigene Perspektive umzukehren: Denn es geht gar nicht zu allererst um unsere Aufmerksamkeit. Sondern es geht darum, uns die Aufmerksamkeit Gottes vor Augen zu f\u00fchren: \u00ab<em>\u2018Wenn der Herr es will, werden wir am Leben bleiben und dies und jenes tun\u2019.\u00bb<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir ist in diesen Tagen ein Bild vor Augen gekommen, an das der Schriftsteller Ferdinand von Schirach k\u00fcrzlich in einem Podcast-Interview erinnert hat.<a href=\"applewebdata:\/\/F24FC31E-2788-4CBD-B118-018A2022A4F7#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Es ist die fotografische Aufnahme eines Bildes der Erde als \u00abpale blue dot\u00bb \u2013 als ein fast unendlich kleiner blassblauer Punkt im Universum.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Geschichte dieser Aufnahme hat die Neue Z\u00fcrcher Zeitung vor einigen Jahren nochmals aufgerollt: \u00abEs war der 14. Februar 1990. Die Voyager-1-Sonde der Nasa hatte ihr Ziel, das \u00e4ussere Sonnensystem zu erforschen, erreicht. Nun war sie auf dem Weg in den interstellaren Raum. Um Energie zu sparen, beschloss das Voyager-Team, die Kameras der Sonde abzustellen. Doch bevor das geschah, wurde die Sonde auf Anregung des amerikanischen Astronomen und Buchautors Carl Sagan um 180 Grad gedreht. Aus einer Entfernung von sechs Milliarden Kilometern warf sie einen letzten Blick zur\u00fcck und schoss 60 Bilder, die anschliessend zu einem Familienportr\u00e4t des Sonnensystems zusammengesetzt wurden. Mit M\u00fche und Not war auf diesem Portr\u00e4t auch die Erde zu erkennen, und zwar als blasser, blauer Punkt, der fast vom Sonnenlicht verschluckt wurde. Das Bild erlangte als \u2018Pale Blue Dot\u2019 Ber\u00fchmtheit.\u00bb<a href=\"applewebdata:\/\/F24FC31E-2788-4CBD-B118-018A2022A4F7#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der keineswegs fromme Schriftsteller Ferdinand von Schirach nimmt in diesem \u00fcberaus h\u00f6renswerten Podcast nun dieses Bild vom blassblauen Punkt zum Ausgangspunkt, um h\u00f6chst kritisch zu fragen: Was bilden wir Menschen uns eigentlich ein, diesen unendlich kleinen und doch so besonderen Raum durch permanente Selbstzerst\u00f6rungen so massiv zu gef\u00e4hrden und damit die eigene w\u00fcrdevolle Existenz so grundzerst\u00f6rerisch in Frage zu stellen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es geht also darum, die Perspektive umzudrehen, den Blick \u2013 so k\u00f6nnte man sagen \u2013 von sich selbst wegzuwenden und sich neu auszurichten auf das, worauf es wirklich ankommt. Es geht tats\u00e4chlich darum, sich die wahren Gr\u00f6ssenordnungsverh\u00e4ltnisse immer wieder vor Augen zu f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich tue dies \u00fcbrigens manchmal ganz alltagsbezogen schon bei kleineren nervigen Dingen: Wenn mir irgendeine negative Alltagserfahrung auf den Geist geht, setze ich mich am Computerbildschirm vor google maps, gebe meinen Standort ein, wechsle auf das Satellitenbild und zoome dann allm\u00e4hlich von der Wohnortadresse hin zu den Quartier-, Stadt-, Kantonal und Landesgrenzen bis hin zur gr\u00f6sstm\u00f6glichen Sicht des gesamten Erdballs. Tats\u00e4chlich relativieren sich dann nicht wenige vermeintlich riesenhafte Probleme im wahrsten Sinn des Wortes auf das realistische Minimum. Das empfehle ich zum gelegentlichen Stressabbau!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Um aber nun diesen Wechsel der Aufmerksamkeitsperspektive ganz ernst zu nehmen: Ich pl\u00e4diere daf\u00fcr, den Blick um 180 Grad den Blick dorthin zu wenden, woher uns Aufmerksamkeit zukommt. Diese Ver\u00e4nderung der eigenen Perspektive er\u00f6ffnet den Blick auf die wahren Aufmerksamkeitsverh\u00e4ltnisse. Es sind ja doch nicht in erster Linie wir selbst, die f\u00fcr heilsame N\u00e4he und Hilfe sorgen k\u00f6nnen. Heilsames Handeln und heilsame N\u00e4he ist eben nicht prim\u00e4r eine menschliche, sondern eine g\u00f6ttliche Alltagskunst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schon Jakobus hat den Blick seiner Gemeinde weg vom eigenen Fixpunkt auf sich selbst gerichtet: Gott selbst gibt und schenkt alles aufgrund seiner Aufmerksamkeit f\u00fcr uns. Eben: <em>\u00ab\u2018Wenn der Herr es will, werden wir am Leben bleiben und dies und jenes tun\u2019.\u00bb<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>V. Vom nahen und aufmerksamen Gott her<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Grundaufmerksamkeit Gottes zieht sich wie eine grosse Weisheit durch die biblische \u00dcberlieferung. Und, auch dies ist angesichts der aktuellen politischen Auseinandersetzungen zu sagen, sie zeigt sich biblisch schon in der Beschreibung des Gelobten Landes, wenn es heisst: <em>\u00abUnd das Land, in das ihr zieht, um es in Besitz zu nehmen, ist ein Land mit Bergen und T\u00e4lern, das vom Regen des Himmels mit Wasser getr\u00e4nkt wird, ein Land, auf das der Herr, dein Gott, best\u00e4ndig acht gibt, auf dem die Augen des Herrn, deines Gottes, ruhen, vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres.\u00bb<\/em> (5. Mos. 11-12).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man kann es sch\u00f6pfungstheologisch wenden und dann eben sagen: Seitdem Gott dem Menschen zur Seite steht, ist nichts mehr, wie es vorher war.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der \u00c4gyptologe Jan Assmann formuliert dazu anschaulich: \u00abDer biblische Monotheismus stellt die Aufmerksamkeit seines Gottes der Schlafm\u00fctzigkeit der heidnischen G\u00f6tter gegen\u00fcber, die andere Sorgen haben, als sich um die N\u00f6te der Menschen zu k\u00fcmmern. Der \u2018Hirte Israels\u2019 dagegen, wie es in Psalm 121 hei\u00dft, schl\u00e4ft nicht. Nein, der H\u00fcter Israels schl\u00e4ft und schlummert nicht.\u00bb<a href=\"applewebdata:\/\/F24FC31E-2788-4CBD-B118-018A2022A4F7#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr die politisch so brisante Frage des heutigen \u00abHeiligen Landes\u00bb ist die Pointe, dass Assmann diese Aufmerksamkeitsdimension auf die Gottesvorstellungen der altorientalischen Kulturen \u00fcberhaupt ausweitet und sozusagen globalisiert, wenn er sagt: \u00abDie Aufmerksamkeit Gottes ist eine welterschlie\u00dfende Idee. \u2026 die auf die Welt gerichtete Aufmerksamkeit [der G\u00f6tter] konstituiert die Form menschlichen In-der-Welt-Seins\u00bb.<a href=\"applewebdata:\/\/F24FC31E-2788-4CBD-B118-018A2022A4F7#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Der Blick Gottes konstituiert die Welt \u00fcberhaupt erst als bewohnbaren Raum.<a href=\"applewebdata:\/\/F24FC31E-2788-4CBD-B118-018A2022A4F7#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf dem blassen blauen Planeten Erde sind wir alle dazu aufgerufen, diese als bewohnbaren Raum zu gestalten. Denn Gottes Aufmerksamkeit richtet sich nicht auf das Gelobte Land als solches, sondern auf die Menschen, die auf und in ihm leben. Und hier ist keiner geringer, mehr oder weniger berechtigt als der andere, in diesem Land, auf dieser Erde als blassblauem Punkt zu leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ob unser Beten um Heilung der Verh\u00e4ltnisse aussichtsreich ist? Ob unsere Perspektive auf den aufmerksamen Gott den Menschen in Not und Elend helfen mag? Ob die Perspektive \u00abvom nahen und aufmerksamen Gott her\u00bb einen wesentlichen existenziellen Unterschied macht?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie schrieb doch der eine israelische Kollege so mutig wie inst\u00e4ndig: \u00abIch hoffe, dass bald bessere Zeiten kommen werden, aber ich glaube leider auch, dass ihnen schlechte Zeiten vorausgehen werden. Die Hoffnung ist das Wesentliche.\u00bb<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Prof. Dr. Thomas Schlag ist Professor f\u00fcr Praktische Theologie an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und Hauptherausgeber der G\u00f6ttinger Predigten im Internet (GPI). Diese Predigt wurde im Rahmen eines Gottesdienstes im Grossm\u00fcnster Z\u00fcrich zum 19. Sonntag nach Trinitatis am 15. Oktober 2023 gehalten.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/F24FC31E-2788-4CBD-B118-018A2022A4F7#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> R. M. Martin, James, Word Biblical Commentary, Waco, 1988.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/F24FC31E-2788-4CBD-B118-018A2022A4F7#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> H. Frankem\u00f6lle, Der Brief des Jakobus Kapitel 2-5, G\u00fctersloh 1994.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/F24FC31E-2788-4CBD-B118-018A2022A4F7#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ferdinand von Schirach, was ist ein gelungenes Leben? | Interviewpodcast &#8222;Alles gesagt?&#8220;, vom 4. August 2023 (https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ST-QfGYy_rI).<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/F24FC31E-2788-4CBD-B118-018A2022A4F7#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> https:\/\/www.nzz.ch\/wissenschaft\/pale-blue-dot-die-nasa-poliert-das-beruehmte-bild-der-erde-auf-ld.1540304<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/F24FC31E-2788-4CBD-B118-018A2022A4F7#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> J. Assmann, Die Aufmerksamkeit Gottes, in: A. u. J. Asmann (Hg.), Aufmerksamkeiten. M\u00fcnchen 2001, 78.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/F24FC31E-2788-4CBD-B118-018A2022A4F7#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> A.a.O., 89.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/F24FC31E-2788-4CBD-B118-018A2022A4F7#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. ebd.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heilend nahe sein \u2013 zur Alltagskunst g\u00f6ttlicher Aufmerksamkeit | 19. Sonntag nach Trinitatis | 15.10.23 | Jak 5,13-18 | Thomas Schlag | I. \u00abSeitdem ist nichts mehr so wie es vorher war\u00bb \u2013 Existenzielle Erfahrungen Liebe Gemeinde, \u00abSeitdem ist nichts mehr so wie es vorher war\u00bb. 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